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Spaziergang zum GLÜCK


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 17.08.2022
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Bildquelle: Madame, Ausgabe 9/2022

DER MOMENT IST – JETZT!

Das Glück kann in der Vorfreude des „Unterwegs-seins“, in Gemeinschaft und Kontemplation liegen – aber vor allem in der Dankbarkeit, dass es im Leben doch immer wieder etwas gibt, was gut und schön ist. Oder so lecker wie Œuf Cocotte!

Es ist Mittwoch gegen zwölf Uhr, ich sitze im Intercity von Hamburg nach Berlin und bin wild entschlossen, diesen ganz gewöhnlichen Wochentag zu einem Highlight zu machen. Dabei soll mir die Philosophin Ariadne von Schirach helfen, die sich in ihren Büchern und Vorträgen mit unserem Menschsein auseinandersetzt, an Universitäten auch chinesisches Denken lehrt und ein Buch über „Glücksversuche“ verfasst hat. Das „Versuche“ darin finde ich schön: kein Ratgeber, sondern persönliche, philosophiegestützte Orientierungen; keine oberflächlichen Versprechen, sondern ein Kompass, mit dem man unserem normalen Alltag etwas Besonderes abgewinnen kann. Das ...

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... will ich ausprobieren: Die Philosophin und ich, wir wollen heute das Glück suchen.

Gerade versucht der Schaffner, die Fahrgäste über das ausgefallene WLAN hinwegzutrösten, indem er auf „die wunderschöne brandenburgische Landschaft“ hinweist, man möge doch aus dem Fenster sehen. Okay, dann stimme ich mich schon einmal auf meine Glückssuche ein und versenke mich in weite grüne Wiesen. Hm, so richtig glücksfündig werde ich noch nicht – ein smaragdgrünes Meer, in dem sich die Sommersonne spiegelt, wäre mir lieber. Aber halt, während ich hinausstarre, nehme ich plötzlich wahr, dass unter mir der Zug rollt: Ich bin in Bewegung. Irgendwie hat das etwas Befreiendes, Vorfreude macht sich breit. „Wenn du dich bewegst, bewegt sich etwas in dir“, wird Ariadne von Schirach später sagen. „Du bist anders, wenn du dich bewegst, deine Perspektive verändert sich. Darin liegt eine tiefe Magie.“ Nur wer schreite, verlasse seinen Standpunkt. Ich notiere:

Zu reisen ist eine mentale Lockerungsübung. Doch zurück zum Glück. Gibt es darüber überhaupt etwas Neues zu erfahren? Heutzutage hat doch jeder gleich mehrere Bücher zum Thema im Regal. Sie handeln von der Erlangung eines Zustands, der letztlich der Motor all unseres Tuns ist. Er kommt als Leichtigkeit daher, als tiefe Konzentration im „Flow“ und letztlich als Erleuchtung, er kann durch Achtsamkeit und Meditation erreicht werden, aber nicht durch Reichtum (obwohl der es leichter macht, Unglück zu überwinden). Was ja ein Grundparadox unserer Gesellschaft ist, die auf Profitmaximierung angelegt ist. Wahres Glück dagegen scheint von innen zu kommen und eher flüchtig zu sein. Können wir dennoch lernen, glücklicher zu werden?

Schirach sagt Ja. Die 43-jährige Philosophin hat den Senefelder Platz als Treffpunkt vorgeschlagen, eine wild befahrene Kreuzung in Prenzlauer Berg. Als etwas zugeknöpfte und ruheverwöhnte Hamburgerin macht mich das Chaos nervös, ich hätte etwas anderes als Meeting Point gewählt, aber heute geht es ja auch darum, sich einfach mal auf etwas einzulassen und nicht gleich zu bewerten. Schirach lebt seit über 20 Jahren in Berlin, seit drei Jahren im „Kiez“ um die Schönhauser Allee herum. Wir laufen ein paar Meter zur angesagten Food-Markthalle Pfefferberg, darin steuert Schirach den buntbemaltesten Imbiss an, aber auch den lautesten, nicht gerade der beste Ort für ein Gespräch. Alle paar Minuten signalisieren Buzzer, dass die Tacos fertig sind, von der Decke hängen Fähnchen. Mir wird bewusst, wie wichtig es ist, seine Gewohnheiten auch mal zu ❯

hinterfragen: Dit is Berlin. Oder Mexiko-Stadt. Hier gibt es wirklich die leckersten, frischesten Tacos, die ich je gegessen habe, die Garnitur aus saftig-grünen Limonenvierteln und rosa Zwiebeln scheint auf die türkis-pink-gelbe Wandfarbe abgestimmt. Noch zwei Colas dazu, wir schwelgen in unserer „Guilty Pleasure“ aus Fleisch, Fett, Schärfe, Koffein und Zucker. Notiz: Neues nicht gleich abwehren, weil es unkomfortabel erscheint. „Mit jeder Überraschung, die wir uns selbst bereiten, verbinden wir uns mit dem Leben und schenken uns zugleich ein Stück Jugend und Leichtigkeit“, sagt Schirach.

Weiter geht’s: die Schönhauser Allee hoch, Richtung Alter Berliner Garnisonfriedhof. Moment mal, Friedhof? Ein glücklicher Tag hat offenbar viele Gesichter. Dass wir während des Gehens denken und uns austauschen ist so alt wie die Philosophie selbst, schon Aristoteles hat seine Schüler beim Auf- und Abgehen unterrichtet. „Müssen wir denn immer glücklich sein?“, frage ich. Wir reden über den Selbstoptimierungstrend, der suggeriert, dass unser Leben besser wird, je gesünder wir leben, je schöner wir aussehen und je erfolgreicher wir sind. Doch dieses glatte Ich in einem heilen Leben ist eine (Glücks-)Illusion. Wir brauchen negative Emotionen sogar, um etwas verändern zu wollen. In ihrem Buch behauptet Schirach, Neid sei ein guter „Navigator“. Echt? „Oft weiß man ja gar nicht genau, was man eigentlich will, aber worauf man neidisch ist, das weiß man sofort. Es lohnt sich, zu hinterfragen, warum.“ Alles glänzt wieder einmal auf Social Media? Alle Dinge haben ihren Preis, darüber hat schon Epiktet in seinem „Handbüchlein der Moral“ geschrieben. Besser, sich auf die echten Menschen zu konzentrieren. R. ist beruflich erfolgreich und hat zwei tolle Kinder, aber für meinen Geschmack zu ehrgeizig? Vielleicht gelingt es mir, mein Gefühl in Respekt zu verwandeln. Und zugleich etwas über die Dinge zu lernen, die ich selbst gern hätte.

GLÜCKSORTE

FOOD-MARKTHALLE PFEFFERBERG

Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin, darin das mexikanische Restaurant

TAQUERIA EL OSO

Alter Berliner Garnisonfriedhof Kleine Rosenthaler Str. 3–7, 10119 Berlin

LA KÄSERIE

Schönhauser Allee 147, 10435 Berlin

FRIEDHOFSPARK PAPPELALLEE

Pappelallee 16, 10437 Berlin

MAUERPARK

Gleimstraße 55, 10437 Berlin

SCHÖNHAUSER ALLEE ARCADEN

Schönhauser Allee 80, 10439 Berlin

DR MAURY WINE BAR

Schönhauser Allee 62, 10437 Berlin

Schirach erzählt: Heute Morgen, als sie ihre fünfjährige Tochter in die Kita brachte, habe die sie gefragt, warum sie sich wegen mancher Dinge schlecht fühle (Corona-Erfahrung, bossige Freundin, komisch geträumt), obwohl es ihr doch an sich gut gehe. Tolle Frage. Schirach antwortete ihrem Kind, dass es den meisten Menschen so gehe, ihr selbst auch. „Die große Social-Media-Lüge ist ja, dass alle hier ein supertolles Leben zu haben scheinen. Dabei steht jeder täglich vor der Herausforderung, mit sich selbst klarzukommen.“ Jeder ist ein Individuum mit Ängsten, Zweifeln und Blessuren. Unsere Befindlichkeiten wichtig zu nehmen, bedeutet nicht zu jammern, sondern die eigene Lebendigkeit anzuerkennen. „Wie sollen wir sonst die Lebendigkeit anderer wichtig nehmen?“ Glück beginnt damit, sich selbst ein Freund zu sein. Und dann anderen Menschen, die alle ihre eigenen Schwierigkeiten haben, auf Augenhöhe zu begegnen. Übrigens: Nur so entstehen echte Beziehungen.

An blöden Tagen kann ein „kotzgrünes“ Sofa ein Lichtblick sein, Schirach wird es mir später zeigen: Es gehört zu einem Bäcker und steht im Untergeschoss der unspektakulären Schönhauser Allee Arcaden. Dort gibt es sehr gute Mettbrötchen, wie sie erzählt, und starken Kaffee, mit dem sie sich bei der Überarbeitung ihres Buches „Der Tanz um die Lust“ wach gehalten habe. Was wieder einmal sehr viel mehr Arbeit war als gedacht. Dieses hässliche Sofa war ihre Kreativ-Insel, ihr Anker – denn manchmal kann man sich am besten im Auge des Sturms fokussieren. Ein anderer „Lichtblick-Platz“ ist der Himmel über Berlin. Aber dazu gleich.

Zwischenstopp im wohl kleinsten Käseladen Berlins, La Käserie, wo es den leckersten Rohmilchkäse gibt (wenn Glück so riecht, ist es eine sehr individuelle Angelegenheit). Mit Käse in der Tasche und Baguette unterm Arm landen wir dann vor dem Tor des Garnisonfriedhofs. Leider zu. Warum? Steht nirgendwo. Also zum Friedhofspark Pappelallee, auch wenn das bedeutet, wieder umzukehren, 30 Minuten Fußmarsch. Notiz: Glück macht Umwege. Der Friedhofspark sieht lauschig aus, mit vielen Bänken zum Verweilen. Aber die erkennen wir nur durch die Gitterstäbe des verschlossenen Tores. Hier also auch Tag der geschlossenen Tür? Nur Gott weiß, warum. Glück bedeutet auch, sich nicht entmutigen zu lassen: Fake it, until you make it. Beide Mundwinkel hochziehen, trotz müder Füße noch den Kilometer zum Mauerpark laufen. Hier, am ehemaligen Mauerstreifen, sonnen sich heute Leute auf den Wiesen, hören laut Musik, üben Skateboard. Überrascht registriere ich, dass hier der Himmel ganz weit wird, obwohl wir mitten in der Stadt sind. Blau ist er inzwischen, mit hingetupften Wolken und einem Kondensstreifen. Hier ist Schirach oft: Dies sei der Ort, an dem ihr in der Enge des Alltags das Atmen wieder leichtfalle. Und hier wollen wir über den Tod sprechen? „Freund Hein“, wie man den Tod auch nennt, und Glück sind eng miteinander verbunden. Wir setzen uns auf sandige Stufen, strecken die Beine von uns. „Das eigene Leben von seinem Ende aus zu denken, ist ein philosophischer Trick“, erzählt Schirach. „Er hilft uns zu verstehen, dass unsere Zeit kostbar ist.“ An welchen Menschen sollen sich meine Freunde, meine Familie erinnern, wenn ich nicht mehr bin? Und an welches Leben will ich mich erinnern? Hm. Ich sage, dass das hoffentlich nicht bedeutet, eine sogenannte Bucket-List zu erstellen wie im Film „Das Beste kommt zum Schluss“, das fand ich nämlich schon immer sinnlos. Glücksgefühle sind eben nicht berechenbar. Als ich das erste Mal vor dem architektonisch großartigen Tadsch Mahal in Indien stand, vor dem andere in Tränen ausbrechen, fühlte ich: gar nichts. Schirach lacht.

Nein, es geht nicht um Sehenswürdigkeiten. „Ich glaube, dass das Glück darin besteht, sich dem Menschen zu nähern, als der man gemeint ist. An unserem Ende steht die Frage: Bin ich mir selbst gerecht geworden? “ Und wie bekommt man das heraus? „Im Chaos der Tage gibt es Momente, in denen wir spüren, dass wir das, was wir gerade machen, für uns selbst tun.“ Sich öfter mal fragen, was macht mir echt Freude? Was genau tut mir gut? Bedeutungsvolle und kostbare Momente suchen und sie in der inneren Schatztruhe verwahren. Ich notiere: Gar nicht so leicht herauszufinden, wer man ist, wenn um einen herum alles so laut ist.

Unsere innere Stimme meldet sich (vielleicht), wenn man es mit sich selbst aushält. Klingt merkwürdig? Ist auch nicht einfach: nur Ich sein, vollkommen absichtslos und ohne Ablenkung herumsitzen, ohne sich oder seine Umgebung zu bewerten. Wir suchen uns dort, wo ein paar Bäume stehen und Schatten spenden, eine Bank. Ich stelle den Timer meines Handys auf zehn Minuten, und wir „nixen“, wie Schirach es nennt (sie kann das an guten Tagen stundenlang, erzählt sie, auch gern im Bett, ohne einzuschlafen). Übrigens selbst für Meditationserprobte wie mich eine echte Herausforderung hier unter Menschen: Als mir die Minuten doch etwas lang vorkommen, schiele ich auf mein Handy – habe ich vielleicht vergessen, den Timer zu stellen? Natürlich nicht. Notiz: Üben, üben, üben – man wird ja auch nicht von einem Tag auf den anderen Nichtraucher oder Spitzensportler.

13 000 Schritte haben wir zurückgelegt. Mittlerweile ist es 18 Uhr, der Kellner des kleinen Bistros „Dr Maury“ wischt gerade die Tische draußen, rückt die Stühle zurecht. Wir sind die ersten Gäste und ordern das weltbeste „Œuf Cocotte“, ein in einem kleinen Schälchen mit etwas Käse gebackenes Ei. Da das Brot bei „Dr Maury“ noch im Ofen ist, bricht Schirach ein großes Stück von ihrem Baguette ab … wie das schmeckt! Dazu ein Glas kalten französischen Rosé. Diesen Tag haben wir als Einladung genommen, unsere Lebenszeit bewusst zu verbringen, „Carpe diem“, hat der römische Dichter Horaz dazu gesagt, „pflücke den Tag“. Auch wenn es ein paar Hindernisse gab – wir haben ihn ausgekostet (und auch ein bisschen verschwendet). Glücklich heben wir unser Gläser: „Auf das süße Leben!“

Ariadne von Schirach, geboren 1978 in München, lehrt Philosophie und chinesisches Denken an der Universität der Künste Berlin. Die freie Journalistin ist häufiger Gast in Talkshows, etwa bei „Das!“ im NDR. 2021 erschien ihr Essay-Band „Glücksversuche. Von der Kunst, mit seiner Seele zu sprechen“ und jüngst die überarbeitete Version ihres Bestsellers „Der Tanz um die Lust“ (Tropen).