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SPECIAL: Die 50 größten Serien-Stars


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 21.11.2019

Mit Text en von Max Gösche, Jan Jekal, Sassan Niasseri, Gunther Reihardt, Marc Vetter, Arne Will and er und Jürgen Ziemer


„Liebt, als gäbe es kein Morgen. Wählt, als gäbe es eins“, schrieb Chuck Lorre im vergangenen Jahr in seine Produktionsnotizen, die am Ende jeder Folge von „The Big Bang Theory“ kurz aufflimmerten. Das Motto ist auch für Seriengucker nicht verkehrt: Man muss sich heutzutage schon genau überlegen, womit man seine Zeit verbringt. Die Zahl großartiger Serien ist exorbitant angestiegen, die mittelmäßiger noch mehr. Lorres eigene fallen fast alle in den ersten Bereich, er ist der ...

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 12/2019

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... mächtigste Sitcom-Erfinder aller Zeiten. „Roseanne“, „Dharma & Greg“, „Two And A Half Men“ und natürlich „The Big Bang Theory“: Damit hat sich der Amerikaner unsterblich gemacht – und jüngst mit „The Kominsky Method“ noch ein erstaunliches Kapitel hinzugefügt, eine so lustige wie tiefsinnige Serie um zwei alte Männer. Einen davon mimt Michael Douglas, der in der folgenden Liste der 50 größten Serien-Stars fehlt. Vielleicht weil er doch eher als Filmschauspieler gesehen wird. Außerdem geht es in diesem Special ausschließlich um jene, die aktuell im Seriengeschäft aktiv sind. Nie gab es dort mehr Möglichkeiten, sowohl für Newcomer als auch für Hollywoodveteranen, die etwas Neues ausprobieren möchten.

Es braucht schon einen ganz besonderen Schauspieler, damit die Zuschauer mit einem Terroristen mitfühlen und bereit sind, ihm fast alles zu verzeihen. Damian Lewis ist das gelungen: Er spielte in „Homeland“ Nicholas Brody, einen aus jahrelanger Al-Qaida-Gefangenschaft heimgekehrten Soldaten. Früh ahnt man, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Auch die CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) ahnt es, und doch verliebt sie sich in ihn – und sogar das kann man verstehen. Sie will ihm glauben, vor allem aber spürt sie seinen Schmerz, seine Zweifel und seine Verzweiflung. Damian Lewis neigt nicht zu Overacting – im Gegenteil, er muss gar nicht viel tun, damit seine Figur einen in den Bann zieht. Das ist wohl die viel zitierte Präsenz, dank der es dann egal ist, wenn einer rote Haare hat und auch sonst nicht gerade den gängigen Hollywood-Standards entspricht. Damian Lewis musste ein Star werden, das war unvermeidlich. Sobald er eine Szene betritt, ist er so was von da, dass alle anderen sich mächtig anstrengen müssen. (Eine Gabe, die er mit seinem Landsmann Hugh „House“ Laurie gemein hat – dem anderen Briten, der in Los Angeles ein zweites Zuhause fand.)

Lewis’ Talent zeigte sich früh. 1971 in London geboren, beschloss er schon als Teenager, Schauspieler zu werden, studierte in Eton und heuerte bei der Royal Shakespeare Company an. Er spielte in diversen Filmen, der ITV-Serie „Die Forsyte Saga“ und verschiedensten TV-Formaten, bevor er 2001 als Major in der Miniserie „Band Of Brothers“ erstmals weltweit auffiel und sofort einen Emmy gewann. 2008 dann die erste eindeutige Hauptrolle in einer Serie: In „Life“ spielte Lewis 32 Folgen lang den Polizisten Charlie Crews, der zwölf Jahre unschuldig im Gefängnis saß und sich nun mühsam ins Leben zurückkämpft. Eine hohe Entschädigung erlaubt ihm ein luxuriöses Leben, doch Crews wird von schlimmen Erinnerungen und Rachegelüsten geplagt. Da helfen auch sein Zen-Buddhismus und das fast pathologische Faible für frisches Obst wenig – er findet keine Ruhe. Lewis spielt den zynischen Crews ohne Pathos, er heischt nie Sympathie.

Von da an lief es rund. 2015 gab er Heinrich VIII. in der Hilary-Mantel-Verfilmung „Wolf Hall“, aber natürlich überschattete „Homeland“ alles. Von 2011 bis 2013 war er Brody, sein Ende gehört zu den herzzerreißendsten Momenten der Seriengeschichte. „Homeland“ war danach weiterhin spannend, aber es fehlte das blutende Herz (und Rupert Friend bewies als Ersatz-Gegenpol für Carrie, dass man ohne die erwähnte Präsenz halt tatsächlich auf Dramatisierung und Übertreibung ausweichen muss).

Im Jahr 2016 wechselte Lewis noch einmal radikal die Rolle: Jetzt trat er in der HBO-Serie „Billions“ als Hedgefonds-Manager Bobby Axelrod auf. Die fünfte Staff el ist schon bestellt, der Erfolg kein Wunder, denn wer einmal eingetaucht ist in diesen Moloch aus Geldgier und Machthunger, Manipulation und Intrigen, der kann nicht mehr mit dem Gucken aufh ören – und damit, Axelrod zu verachten und gleichzeitig zu bewundern und zu bemitleiden. Axe ist skrupellos, aber auf so eine unverschämt direkte Art, dass es fast charmant wirkt. Er hat den perfekten Gegenspieler zunächst im Staatsanwalt Chuck Rhoades (Paul Giamatti), dann in seiner ehemaligen Angestellten Taylor Mason (Asia Kate Dillon). Die Showdowns im Finale jeder Staff el sind sensationell, auch eine Begegnung mit einem russischen Oligarchen (John Malkovich) wird zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Nachdem er sich zuletzt selbst aus dem Rennen um den nächsten James Bond nahm („Bis der gedreht wird, bin ich zu alt und schwach“), hatte Damian Lewis nun noch Zeit für eine Herzensangelegenheit – die allerdings auch mit Geheimdiensten zu tun hat: In der achtteiligen Dokumentation „Spy Wars“ erzählt er von den wichtigsten Agenten der vergangenen 40 Jahre. Seit er das CIA-Hauptquartier in Langley besuchen durfte, war sein Interesse geweckt – nur seine Bescheidenheit stand ihm zunächst im Weg: „Ich sehe mich nicht als Präsentator, aber es ist eine gute Gelegenheit, diese populären Geschichten genauer anzusehen. Es geht da ja auch um die Konsequenzen, die ganz persönliche Entscheidungen Einzelner für die Weltpolitik haben.“ Die Serie läuft seit Oktober im britischen History-Channel, wurde aber schon in viele weitere Länder verkauft und kommt mit Glück demnächst auch hier an.

BIRGIT FUSS

2 RICKY GERVAIS:(The Office ,Extras, After Life)

Man möchte sich permanent die Hand vor die Augen halten, aber dann bliebe verborgen, wie Ricky Gervais aus dem Gefühl der Fremdscham ein Fest der Schadenfreude macht. Was hier passiert, ist viel zu lustig, um Mitleid zu haben. Mit dem Büroleiter David Brent („The Office“) und dem Kleindarsteller Andy Millman („Extras“) erschuf Gervais zwei Figuren, die, je nach Sichtweise, großes Pech oder großes Glück haben: weil sie ihren Status überschätzen, von ihren Mitmenschen verlacht werden – aber ihre Erbärmlichkeit nicht erahnen. Und doch haben beide ein großes Herz. Gervais, ehemals Radiomoderator und Manager der Britpop-Band Suede, ist nach der Jahrtausendwende dank dieser Rollen zu einem der mutigsten Fernsehkomiker und Stand-up-Comedians geworden. Legendär sind seine Golden-Globe-Moderationen, in denen er unter anderem Transsexuelle (Caitlyn Jenner), Alkoholiker (Mel Gibson) und Scientologen (Tom Cruise) obszön angreift. Auch deshalb bezeichnet der 58-Jährige seine aktuelle Serie „After Life“ als wichtigstes Werk: Darin wird Beleidigen zum Überlebensprinzip. Er spielt Tony, einen verwitweten Redakteur, der sich längst das Leben genommen hätte, müsste er sich nicht noch um den Hund kümmern. Tony beschließt, für den Rest seines Daseins den Leuten mit gnadenloser Ehrlichkeit zu begegnen – er ist also Gervais’ Alter Ego.SN

3 ELISABETH MOSS(Mad Men, The Handmaid’s Tale)

Vor gut 20 Jahren wurde die Fernsehserie plötzlich zu einer respektablen Kunstform, und Elisabeth Moss begleitete und bewirkte die Aufwertung von Anfang an. Als Teenager spielte sie die Präsidententochter in Aaron Sorkins „The West Wing“, läutete damit quasi die Ära des offiziell „guten Fernsehens“ ein. Später spielte sie in „Mad Men“ die Werbetexterin Peg�y Olson, die sich von der sexistischen Arbeitskultur nicht einschüchtern lässt. Ihren ersten Golden Globe bekam Moss 2014 für ihre Rolle in Jane Campions Mystery-Serie „Top Of The Lake“, den zweiten gab es vier Jahre später für „The Handmaid’s Tale“, die Serien-Adaption des dystopischfeministischen Romans von Margaret Atwood. Das US-Magazin „Vulture“ hat Moss als „Queen des Qualitätsfernsehens“ bezeichnet. Dieser Titel ist dann aber doch irreführend, weil ihre Arbeit für das Kino ja auch ganz fantastisch und nicht weniger vielseitig ist. Sie dreht zum Beispiel regelmäßig mit dem Autorenfilmer-Querkopf Alex Ross Perry und gab dieses Jahr im Horrorfilm „Us“ grandios überzeichnet die grelle Bonzin. Erstaunlicherweise – bedenkt man, wie sehr sie off enkundig Stoff e interessieren, die widerständige Frauen in unterdrückerischen Strukturen zeigen – ist Moss seit Kindheit Scientologin. Ob ihre Darbietungen persönlichen Gefühlen entstammen, ist natürlich Spekulation. Überwältigend sind sie in jedem Fall.JJ

4 KYLE MACLACHLAN(Twin Peaks, Desperate Housewives, Portlandia)

Kyle MacLachlan mit Special Agent Dale Cooper zu verwechseln ist leicht. Wie der FBI-Agent aus „Twin Peaks“ trinkt er seinen Kaff ee am liebsten schwarz wie die Nacht, wie er bevorzugt Mac-Lachlan schwarze Anzüge, und wie er begegnet er jedem Fremden mit unfassbarer Off enheit. Doch tatsächlich ist Kyle MacLachlan viele. Wenn er in New York unterwegs ist, erkennen ihn Touristen in Manhattan als den Typen aus „Sex And The City“ und die Hipster in Williamsburg als den Bürgermeister aus „Portlandia“, für die einen ist er Brees Ehemann aus „Despe rate Housewives“ oder der Admiral aus „How I Met Your Mother“, für die anderen Calvin Zabo aus „Marvel’s Agents Of S.H.I.E.L.D.“ oder eben der Star aus David Lynchs Serienmeisterwerk „Twin Peaks“, in dessen verspäteter dritter Staff el er 2017 abwechselnd den vom Kauz zum Monster mutierten Dale Cooper und den hilflos durch die Welt irrenden Versicherungsagenten Dougie Jones spielte. „Für wen mich die Leute halten, hängt letztlich immer davon ab, welche Serie gerade im Fernsehen ausgestrahlt oder wiederholt wird“, sagt der Mann, der 1959 in Yakima/Washington geboren wurde und eigentlich alles außer normal kann. Immer wieder spielt er sich als kurioser Exzentriker charmant in den Vordergrund – auch dann, wenn er eigentlich nur eine Nebenrolle hat.GR

5 JIM PARSONS(The Big Bang Theory, Young Sheldon)

Es liegt nicht an Jim Parsons allein, dass sein Sheldon Cooper zur größten Sitcom-Figur seit Charlie Sheens Charlie Harper („Two And A Half Men“) wurde: Beide Serien stammen von Chuck Lorre, dessen Dialogrhythmus und Pointen-Präzision einmalig ist. Als Parsons 2007 für „The Big Bang Theory“ vorsprach, war er sofort begeistert: Er sah die Rolle als „Chance, durch die Wortwechsel zu tanzen“. Über zwölf Staff eln wurde er nicht nur zum bestbezahlten TV-Darsteller (geschätztes Jahresgehalt 2018: 26,5 Millionen Dollar), er schien auch immer mehr mit Sheldon zu verschmelzen. Jedenfalls war es lustig zu sehen, dass bei der großen „Big Bang“-Abschiedsfeier alle weinten – nur Parsons und Amy-Farrah-Fowler-Darstellerin Mayim Bialik nicht. Als hätten sie ihre leicht autistischen Rollen verinnerlicht. Wie Sheldon stammt Parsons aus Texas, sein Handwerk studierte er an der Universität von San Diego, aber seine Kunst ist eigentlich nicht erlernbar: Parsons liefert seine Zeilen auf den Punkt, und nicht nur seine Mimik passt perfekt, sein ganzer Körper drückt Sheldons Verdruckstheit bei gleichzeitiger Selbstüberschätzung und Soziophobie aus. Vorher hatte Parsons schon diverse erfolglose Serien-Castings hinter sich, momentan ist Parsons schon diverse erfolglose Serien-Castings hinter sich, mGomraemn Ptaanrs iostn esr: nur im Offff zu hören: als Sprecher beim Spin-offff „Young Sheldon“. AAubreart i2s0c2h0e wird er im Netflflix-Film „The Boys In The Band“ neue Saiten au Cfzoiwehbeony.CF

6 BRYAN CRANSTON(Breaking Bad)

Bryan Cranston hätte sich schon fast einen Preis als talentiertester Schauspieler verdient, der ausschließlich in Nebenrollen zu sehen war. Doch „Breaking Bad“ sollte diesen zweifelhaften Ruhm verhindern. Eindringlich verkörpert Cranston die diabolische Entwicklung des an Krebs erkrankten Chemielehrers Walter White zum genial-grimmigen Drogenbaron. Das machte ihn doch noch zu einem der bekanntesten Schauspieler seiner Generation. Freilich winkten danach wieder „nur“ markante Nebenrollen, so etwa als Ex-Cop in „Sneaky Pete“. Der Schlüssel seiner Darstellungskunst ist dennoch der Hang zu grotesker Komik, zu bestaunen in der Sitcom „Malcolm mittendrin“, in der er den rührendsten minderbemittelten Vater gab, der sich denken lässt.MV

7 LENA DUNHAM(Girls, Camping)

Mit 24 Jahren schrieb Lena Dunham das Drehbuch für „Tiny Furniture“, einen Film, der für 25.000 Dollar gedreht wurde, Judd Apatow auf sie aufmerksam machte und ihr 2012 die Serie „Girls“ für HBO einbrachte. Dunham schrieb „Girls“ als Gegenentwurf zu „Sex And The City“: vier neurotische junge Frauen – und viele mindestens so neurotische junge Männer und Erwachsene. Die kurzen Episoden sind das Gescheiteste, Unverschämteste und Lustigste, was das Fernsehen der letzten Jahre hervorbrachte, und Dunham wurde so populär, dass sie 2014 das Buch „Not That Kind Of Girl“ schrieb und auf Lesereise ging. Ihre Serie „Camping“ ist im Vergleich mit „Girls“ beinahe eine kontemplative Arbeit: das retardierende Moment nach dem Furioso.AW

8 GILLIAN ANDERSON(AkteX, TheFall)

Der Fluch, zeitlebens auf eine TV-Rolle reduziert zu werden, traf Gillian Anderson wie nur wenige. Neun Jahre lang spielte sie mit David Duchovny in „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“, jener besten Mystery-Serie, die so viele schlechte Nachahmer fand. In den 90er-Jahren war Anderson alias Agent Dana Scully aus keinem Wohnzimmer wegzudenken. Die Nullerjahre überwinterte sie in Nebenrollen. Erst mit „The Fall – Tod in Belfast“ wurde ihr wieder eine bedeutende Rolle zuteil. „The Fall“ ist eine Serien killer-Serie, die an Ekelhaftigkeit kaum zu überbieten ist. Wie schon in „Akte X“ haucht Anderson durch ihre resolutkühle Aura noch dem unwahrscheinlichsten Szenario einen Rest Anmut ein. Dahinter vibriert stets die Angst vor dem größeren Grauen.MG

9 JON HAMM(Mad Men, Good Omens)

Viele Jahre spielte er winzige Rollen in Fernsehserien, im Kino hatte er seine erste Nebenrolle in Clint Eastwoods „Space Cowboys“ (2000). Jon Hamm war aus St. Louis nach Hollywood gekommen – und er sah nicht nur ein bisschen zu gut aus, sondern wie ein Schauspieler einer anderen Zeit, wie ein Matinee-Idol. Und deshalb bekam er 2007 die Rolle des Don Draper in „Mad Men“: ein charmanter, verkniffener Profider Verstellung. Draper verbirgt Getriebenheit und Angst hinter Stoizismus, Eloquenz und manierierten Gesten. Man sieht Hamms Gesichtszügen die Anspannung an, die ihn seine Beherrschung kostet. Draper verfolgt ihn natürlich, aber Hamm ist auch in Ben Afflecks Film „The Town“ sehr gut und in „Good Omens“ und „Unbreakable Kimmy Schmidt“.AW

10 PETER DINKLAGE(Game Of Thrones)

Peter Dinklage stammt nicht aus den Sieben Königslanden, sondern aus New Jersey, und er studierte in London. Zwar spielte er schon 1995 in „Living In Oblivion“, aber es folgten nur eine Rolle in „Nip/Tuck“ (2006) und in „Die Chroniken von Narnia“ (2008). Mit der Rolle des kleinwüchsigen Philosophen, Strategen, Trunkenbolds und Hurenbocks Tyrion in „Game Of Thrones“ (2011) gewann Dinklage seine Anwartschaft auf Unsterblichkeit: Tyrion ist das geheime Zentrum der Serie, eine Shakespearesche Falstaff - Gestalt, opportunistisch und schurkisch, intelligent und sentimental. Daneben trat Dink lage in einer angemessen grotesken Nebenrolle in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017) auf – eine Fingerübung bloß für den Riesen des Charakterspiels.AW

11 NATASHA LYONNE (Orange Is The New Black)

Als Nicky Nichols verarbeitet sie die Knast-Katastrophen in „Orange Is The New Black“ mit einer eigenwilligen Mischung aus Schlagfertigkeit und Heroin. Auch im Alltag der 40-jährigen New Yorkerin spielten Drogen zeitweise eine große Rolle. Nach ersten Erfolgen in Woody Allens „Everybody Says I Love You“ und „American Pie“ kippte, spritzte und schnüff elte Natasha Ly onne so ziemlich alles. Rufus Wainwright schrieb damals für sie den mitfühlenden Song „Natasha“. Seit „OITNB“ ist sie nicht nur wieder voll da – sie toppt den Erfolg sogar mit der von ihr kreierten und für 13 Emmys nominierten Netflix-Serie „Matrjoschka“: Die wilde Computerspiel-Entwicklerin Nadia erlebt die Nacht ihres 36. Geburtstags immer und immer wieder. Eine hinreißend transzendente Läuterung. JZ

12 BOB ODENKIRK (Better Call Saul)

James McGill nennt sich Saul Goodman, weil der Name so vertrauensbildend klingt wie ein tröstendes „It’s all good, man“. Nicht ganz unwichtig, wenn man als Anwalt auch mal die eigenen Klienten über den Tisch zieht. Elf Jahre lang spielt Bob Odenkirk diesen liebenswerten Schurken: zuerst in „Breaking Bad“ und seit dem Ende der Serie im Spin-off „Better Call Saul“. Die Karriere des 57-Jährigen begann in den späten Achtzigern als Autor für „Saturday Night Live“. Später entwickelte Odenkirk mit David Cross die Comedy-Serie „Mr. Show“, in der er auch selbst mitspielte. Nach unzähligen Nebenrollen und Gastauftritten – von „Wayne’s World“ über „Seinfeld“ bis „Fargo“ – fand er 2009 seine wahre Bestimmung im Team von „Breaking Bad“-Showrunner Vince Gilligan. JZ

13 PHOEBE WALLER-BRIDGE (Fleabag)

Sie stammt aus dem Londoner Stadtteil Ealing, der den britischen Komödien der 50er–Jahre den Namen gab. Mit 27 gründete Phoebe Waller- Bridge eine Theatergruppe, spielte 2011 in „Die Eiserne Lady“ und 2015 in „Broadchurch“, bevor sie „Crashing“ schrieb, sechs Episoden von drastischer und grotesker Situationskomik. Ihre Dialoge sind sogar für englische Verhältnisse schnell, schmutzig und schwer begreiflich. In „Fleabag“ hat sie ihren subversiven Witz noch weiter getrieben: Fleabag macht alles, was man gemeinhin nicht tut, und redet darüber – und dann verdreht sie die Augen und schneidet ein Gesicht. Jetzt überarbeitet Phoebe Waller-Bridge das Drehbuch des nächsten James-Bond- Films – man kann sich also auf bizarre Sprengkraft gefasst machen. AW

14 BILLY PORTER(American Horror Story, Pose)

Der Zeremonienmeister trägt den sprechenden Namen Pray Tell. Er kündigt die auftretenden Kostümierten bei jenen Bällen an, die von Trans- und Homosexuellen als sehr ernsthafte Konkurrenzen in Stil und Mode in alten Fabrikhallen veranstaltet werden – jeweils mit einem Motto des Abends, „Militär“ etwa oder „Geschäftsmann“. Pray Tell ruft von seiner Kanzel: „Die Kategorie lautet …“ Verschiedene „Häuser“, Adelsgeschlechtern nachempfunden, treten gegeneinander an. Und dann heißt es: „Pose! Pose! Pose!“ Es gibt eine Jury, aber Pray Tells Revolverschnauze nimmt die Wertungen meistens vorweg. Der Zeremonienmeister ist auch der scharfzüngige Richter über die Schönen und Verkleideten der Nacht, ein Diktator des Geschmacks, der nur nach seinen eigenen Regeln urteilt. Wobei seine Kleidung mindestens so extravagant, flamboyant und glamourös ist wie die der Wettbewerber.

Murphys Serie „Pose“ handelt von der Subkultur im New York der späteren 80er-Jahre, geprägt von Reaganomics und Donald Trump, bedroht von Aids, Armut und Ausgrenzung: Hier träumen alle, die aus der Provinz, aus restriktiven und verständnislosen Familien und oft aus ihrem Körper ausgebrochen sind, von einem anderen Leben in der Devianz. Es geht um Identität, Behauptung, Gruppenzugehörigkeit und die Frage, wie man die Haare so hinbekommt wie Madonna in „Susan, verzweifelt gesucht“. Billy Porter als Pray Tell ist ein schwuler Mann, der in den Ballrooms und Diskotheken alles gesehen hat, dem seine Bühnenpersona zur zweiten (aber nicht einzigen) Identität geworden ist und der in der Gemeinde als Autorität gesucht wird. Sein Rat entgegen allen Anfeindungen ist stets derselbe: „Lebe!“ Pray Tell, HIV-infiziert, folgt dieser Maxime. Aber als er sich noch einmal verliebt, ist der Zampano der Schau ein schüchterner, vorsichtiger, verhemmter Zweifler.

Für seine Darstellung wurde Billy Porter im vergangenen Jahr mit einem Emmy ausgezeichnet. Schon einige Auszeichnungen hatte der Schauspieler und Sänger – 1969 in Pittsburgh geboren – für seine Rollen in Broadway-Musicals bekommen. Porter trat 1991 in „Miss Saigon“ auf, er spielte jeweils einige Jahre in erfolgreichen Inszenierungen von „Grease“ (1994) und „Smokey Joe’s Cafe“ (1995), und seit 2013 gehört er zum Ensemble des Musicals „ Kinky Boots“ von Cyndi Lauper und Harvey Fierstein. Abseits des Broadways trat er in „Der Kaufmann von Venedig“ ebenso auf wie in „Hair“ – eine Spanne, die ungefähr die Möglichkeiten von Billy Porters Talent andeutet. Er nahm auch einige Alben mit Musical-Songs auf, darunter die des erstaunlichen „The Soul Of Richard Rodgers“ (2017), und einige eigene Lieder. In Filmen und Serien war er selten zu sehen, etwa in wenigen Episoden von „Law & Order“ – erst 2018 machte er doppelt Furore: einerseits eben in der neuen Serie „Pose“, andererseits in „American Horror Story“, ebenfalls erdacht und inszeniert von Ryan Murphy und Brad Falchuk und schon seit sieben Jahren im Programm.

In der Figur des Pray Tell vereint Porter die Ambivalenz von Anschein und Wesen, von Selbstvertrauen und Selbstzweifeln; er predigt den unsicheren Jüngeren, die um ihre Identität ringen, was er schmerzvoll gelernt hat: dass es eine Ausbildung braucht – und dass der Rückblick nichts nützt. Jeder Tag, sagt Pray Tell, ist zu leben. In einem durchaus herrschaftlichen Loft empfängt der Regent der Feste, der sich auch auf das Schneiderhandwerk versteht und selbst nähen kann, was er bei den Ballroom-Shows präsentiert und bewertet. Er ist Psychologe und Kummerkastenonkel, Ermutiger und Überlebender in einer prekären Welt, Diskriminierung und Enttäuschung ebenso gewohnt wie Neid, Zickerei und Krankheit. Noch im Krankenhaus inszeniert er eine Gesangssause, die Glamour und Rührung an den unwahrscheinlichsten Ort bringt.

Auf der Kanzel des Ballsaals ist Billy Porter ganz in seinem Element: Conférencier und Klatschmaul, Kritiker und Feierbiest, Moderator und Zuchtmeister. Wenn bei einer Show die Polizisten anrücken, weil die vorgeführten historischen Kostüme gerade aus einem Museum gestohlen wurden, so wird auch die Razzia ein Teil des Schauspiels: Sie tragen ja überzeugende Uniformen, Mützen und echte Handschellen. Billy Porter kommentiert begeistert weiter. Entzückend.

ARNE WILLANDER

16 DANIELLE BROOKS(OrangeIs The New Black)

Jenji Kohan, die Erfinderin von „Orange Is The New Black“, hat die weiße, schlanke Hauptfigur Piper als das „trojanische Pferd“ ihrer Serie bezeichnet. Um eine Serie, die in einem Frauengefängnis spielt, überhaupt finanziert zu bekommen und um die Geschichten der mehrheitlich nichtweißen Insassinnen erzählen zu können, musste Kohan, sagte sie mal, eine weiße Identifikationsfigur in den Mittelpunkt des Geschehens stellen. Hartnäckig halte sich unter Entscheidungsträgern in Produktionsfirmen nämlich das Ressentiment, Geschichten mit Menschen dunkler Hautfarbe würden vom weißen Massenpublikum nicht angenommen. Kohan pitchte ihr Projekt also als eine Art kuriosen Gefängnis-Erlebnisbericht einer wohlsituierten New Yorkerin. Diese privilegierte Piper, gespielt von Taylor Schilling, wurde jedoch nach der ersten Staff el von der klaren Protagonistin zum einfachen Ensemblemitglied. An Erfolg büßte die Serie natürlich nicht ein – im Gegenteil. Und richtig aufdrehen und brillieren konnten dann Charakterdarstellerinnen wie Danielle Brooks.

Eigentlich nur für zwei Folgen eingeplant, wurde die von Brooks fulminant verkörperte Tasha „Taystee“ Jeff erson zum Herzen der gesamten Serie. Taystee taucht gleich zu Beginn des Pilotfilms auf. Piper, das trojanische Pferd, duscht zum ersten Mal im Gefängnis, in der karg gekachelten, kaum Warmwasser spendenden Gefängnisdusche, und Taystee wartet ungeduldig hinter der als Trennwand dienenden Plastikplane darauf, dass sie endlich fertig wird. Schließlich tritt Piper hervor und hält sich ein Handtuch vor die Brust, das Taystee ihr sogleich wegreißt. „Damn, you got some nice titties!“, ruft sie aus. „You got them TV titties.“ (Ein kaum versteckter Verweis Kohans auf die Konventionen von Frauenkörpern in Fernsehproduktionen und darauf, wie diese nun von Schauspielerinnen wie Brooks unterlaufen werden.) Taystee amüsiert sich über die neue Insassin und deren selbst gebastelte Badelatschen. Zwar macht sie keine Anstalten, Piper irgendwie zu helfen, aber immerhin ist sie auch keine Bedrohung, und das ist im Gefängnis viel wert. „Now get the fuck out of the way!“, sagt Taystee, die endlich duschen will, und Brooks zieht die Augenbrauen hoch, macht die runden Augen ganz groß, zu einem maximal vorwurfsvollen, nahezu kindlichen Blick, in dem schon Taystees Essenz liegt: der Überschwang, die Selbstbehauptung, auch die Wärme. Später in der Serie wird Taystee zu einem Symbol für das aktivistische Amerika, für die Kämpfe der Black-Lives-Matter-Bewegung, auch für deren Verzweiflung und Resignation. Dass diese Bedeutungsschwere glaubhaft mit Taystees warmer Lässigkeit zusammengeht, zeugt von Brooks’ Talent und Charisma.

Sie war 23, als die erste „Orange“-Staff el 2013 bei Netflix erschien. Taystee war ihre erste richtige Rolle. Brooks war aus dem amerikanischen Süden, aus South Carolina, nach New York City gezogen, um dort an der renommierten Juilliard School Schauspiel und Gesang zu studieren. Sie hatte eine sehr christliche kleine Gemeinde und ein sehr christliches Elternhaus verlassen, um in der Metropole ihr Glück zu versuchen. Unmittelbar nach dem Studien abschluss sprach sie für die Rolle der Taystee vor. Göttliche Fügung, so glaubt die noch immer gläubige Brooks. Auf Instagram, wo sie, wie viele ihrer „Orange“-Kolleginnen, äußerst aktiv ist, dankt sie dem „Herrn“ für dessen „blessings“. Ihre erste Filmrolle im „Angry Bird Movie“ zählt sie heute wohl eher nicht mehr dazu, sicher aber ihre Rolle als resolute Sofia in der Broadway-Au� ührung von „Die Farbe Lila“, für die sie 2016 mit einer Tony-Nominierung bedacht wurde, oder ihre Hauptrolle in der diesjährigen, viel beachteten, von einem rein afroamerikanischen Ensemble gespielten „Viel Lärm um nichts“-Au� ührung im Central Park. Um die Hauptfigur Beatrice zu spielen, sagte sie sogar Filmangebote ab: „Ich wollte zeigen, dass nicht nur Emma-Thompson-mäßige Mädchen diese Rolle spielen können, sondern eben auch Danielle-Brooks-mäßige.“

Brooks lebt in Brooklyn, dreht vor allem in New York, hatte in den letzten Jahren Gastauftritte in New-York-Serien wie „Girls“ und „Master Of None“. Ihr nächstes Projekt, wieder eine Netflix-Produktion, dreht sich um eine andere Art „blessing“: „A Little Bit Pregnant“, eine vierteilige Reality-Serie, wird von ihrer kürzlich bekannt gewordenen Schwangerschaft handeln. Off ensichtlich weiß man bei Netflix, was man an Brooks hat.

JAN JEKAL

15 SANDRA OH(Killing Eve)

Die Mischung aus fassungslosem Staunen und erwartungsvoller Erregung in Sandra Ohs Gesicht kann niemand vergessen, der eine Folge von „Killing Eve“ gesehen hat. In dieser britischen, von Phoebe Waller-Bridge („Fleabag“) geschriebenen Thriller-Groteske kommt Oh als MI5-Agentin immer einen Schritt zu spät, um eine verführerische Auftragsmörderin (Jodie Comer) zu verhaften. „Killing Eve“ ist herrlicher Quatsch, so hanebüchen wie mitreißend. Und es ist ein später schauspielerischer Triumph für Sandra Oh, die sich oft mit Nebenrollen begnügen musste. Ex-Ehemann Alexander Payne besetzte sie für seine Beziehungsposse „Sideways“ (2004). Danach operierte sie sich als Cristina Yang in der Krankenhausserie „Grey’s Anatomy“ zum Erfolg.MG

17 HUGH LAURIE(Dr. House, Chance)

Wenn es unter Seriendarstellern einen Renaissancemenschen gibt, dann ist es der Brite Hugh Laurie: In Oxford war er Ruderer und Theaterschauspieler, bildete dann mit Stephen Fry ein göttliches Komiker-Duo, er spielt Piano und singt, schreibt Romane – und er war von 2004 bis 2012 Dr. Gregory House, seine Lebensrolle. In 177 Folgen litt er als genialischer Diagnostiker an sich selbst noch mehr als an seinen Patienten, er trug seine Narben mit Würde und vergrub seine Verzweiflung unter Sarkasmus. Kein TV-Arzt war je so kaputt – und so menschlich. In „Veep“, „Night Manager“ und „ Chance“ zeigte Laurie, dass er noch viele andere Seiten hat, und demnächst gibt er in der Scifi-Comedy „Avenue 5“ einen Captain. Aber unser Herz wird immer House gehören.BF

18 ANNA PAQUIN(True Blood, The Affair)

Vermutlich bleibt Anna Paquin ein Leben lang in Erinnerung als feinfühligeigensinniges Mädchen in Jane Campions Filmwunder „Das Piano“ – dafür erhielt sie mit gerade einmal elf Jahren einen Oscar. Folglich spielte Paquin danach gegen die großen Erwartungen an. Die Befreiung kam mit Alan Balls vertrackter Vampir-Serie „True Blood“ und ihrer Rolle als übersinnlich begabte Serviererin Sookie Stackhouse. Mit cartoonesker Unschuld und zugleich latenter erotischer Energie spielt die in Kanada geborene Neuseeländerin geschickt mit den (durchaus auch schmutzigen) Erwartungen der Zuschauer. In der letzten Staff el von „The Aff air“ schlüpft Paquin erneut in die Rolle einer Tochter. Diese forscht hier dem gewaltsamen Tod ihrer Mutter hinterher.MV

19 BENEDICT CUMBERBATCH(Sherlock, Patrick Melrose)

Es soll Menschen geben, die Benedict Cumberbatch schon beim Lachen erwischt haben. Richtig lachend. Herzhaft, laut. Es soll ein Lachen sein, das nichts gemein hat mit diesem hämischbösen Grinsen, hochmütigen Lächeln, spöttischen Schmunzeln oder lauthalshöhnischen Verlachen seines Gegenübers, das der Brite immer wieder in „Sherlock“, aber auch in „Patrick Melrose“ so meisterhaft in Szene setzt. Fast immer muss dieser grandiose Schauspieler Kontrollfreaks, Psychopathen oder Schlau berger spielen, dabei wäre Cumberbatch bestimmt auch als Frauenheld in einem Actionkracher, als romantischer Narr in einer Herzschmerz-Schmonzette oder als Witzbold in einer Slapstick-Komödie unwiderstehlich.GR

20 BRIT MARLING(The OA)

Die 37-Jährige verantwortet einige der visionärsten Fantasy-Konzepte für Kino („Another Earth“) und Fernsehen. Die zweite Staff el von „The OA“ enthielt derart viele Meta ebenen über Leben in verschiedenen Dimensionen, dass selbst Netflix, bekannt dafür, viel Geld für mutige Konzepte auszugeben, den Stecker zog und die Serie absetzte. Ein Jammer! Marling alias OA alias „The Original Angel“ postulierte, dass Glaube tatsächlich Berge versetzen kann: Tote zum Leben zu erwecken sei allein durch körperliche und mentale Übungen möglich, genau wie Zeitreisen. Eine erfrischende Idee von Science-Fiction, die mehr mit Ausdruckstanz als mit Laser pistolen zu tun hatte, mehr mit der genialen Surrealität von David Lynch als mit der Weltraumoper eines George Lucas.

21 CHRISTINA HENDRICKS(Mad Men, Good Girls)

In den Neunzigern arbeitete Hendricks, von Vivienne Westwood „die Verkörperung der Schönheit“ genannt, als Model. Die Rolle der Joan Holloway in „Mad Men“ bedeutete 2007 ihren Durchbruch als Schauspielerin. „Ich habe mir bei dieser Serie den Hintern abgearbeitet“, sagte sie später, „und alle haben nur über meinen Körper gesprochen.“ Hendricks verlieh der Figur der Femme fatale Komplexität und Verletzlichkeit und wurde, wie ihre Rolle Joan, sträflich unterschätzt. Showrunner Matthew Weiner besetzte sie später in seinem Folgeprojekt „The Romanoff s“ als Schauspielerin, mit der übel umgesprungen wird. Gerade ist Hendricks in der Comedy-Serie „Good Girls“ als unverhoff t in die Kriminalität rutschende Vorstadtmutter zu sehen.JJ

22 CHRISTINE BARANSKI(The Good Fight)

Christine Baranski ist die lebende Bestätigung, dass es doch ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Jahrelang wurde die New Yorkerin weitgehend übersehen, obwohl sie schon in den 80er-Jahren am Theater, in Film und Fernsehen ackerte. Erst Chuck Lorre erkannte ihr enormes Talent und besetzte sie 1995 in seiner Serie „Cybil“ goldrichtig als scharfzüngige Zynikerin mit Alkoholproblem und diversen anderen Macken. Zwischentöne wurden Baranskis Spezialität. Auch als (manchmal dann doch nicht so) knallharte Anwältin in „The Good Wife“ war Baranski eine Wucht, das brachte ihr das Spin-off „The Good Fight“ ein. Die beste Rolle hatte sie allerdings in „The Big Bang Theory“: Als Leonards wenig empathische Mutter psychologisierte sie alle in Grund und Boden.BF

23 DAVID DUCHOVNY(AkteX, Aquarius)

Kann man sich einen gelan�weilteren Menschen vorstellen als David Duchovny in den letzten Staff eln von „Californication“? Eigentlich hat er das alles so satt: den Sex, die Partys, den Hollywood-Jetset, die Drogen. Ennui macht sich breit in dieser zwischen Soft Porn und Gesellschaftssatire taumelnden One-Man-Show. Duchovny entledigte sich des Images des Alien jagenden Nerds aus „Akte X“ – um ab 2016 doch wieder in seine berühmteste Rolle zu schlüpfen. Keine gute Idee: Das Comeback wirkte über weite Strecken, als hätten sich Mulder und Scully in einen Themenpark für ausrangierte Scifi- Helden verirrt. Doch Duchovnys milder Stoizismus trägt diesen Nachklapp ebenso wie den müden Ermittler, der ebenso wie den müden EGrmraimttl ePra,r dseorn isn: „Aquarius“ die Kommune uAmu rCahtiascrlhees Manson ausspioniert. Cowboy MusM icG

24 CLAIRE DANES(Homeland)

Nach dem Erfolg mit der Coming-of-Age-Serie „Willkommen im Leben“ (1994/95) und Baz Luhrmanns Leinwand-Adaption von Shakespeares „Romeo und Julia“ (1996) schien Claire Danes’ Karriere in den Nullerjahren zu stagnieren. Erst als CIA-Agentin Carrie Mathison, die in „Homeland“ um jeden Preis ein zweites 9/11 verhindern will und dem Ursprung des islamistischen Terrors in die entlegensten Regionen der Welt folgt, trieb sie ihre Schauspielkunst in neue Höhen. Wie sie da am Rande des Nervenzusammenbruchs hyperventiliert, sich in einen von Al-Qaida gebrochenen Soldaten (Damian Lewis) verliebt und ihre Prinzipien immer mehr ins Wanken geraten – das ist bei aller ideologischen Tendenz dieses hochspannenden Polit-Thrillers großartig.MG

25 DOMINIC WEST(The Wire, The Affair)

Nach den „Sopranos“ war es vor allem David Simons Krimidrama und Baltimore-Porträt „The Wire“, das die goldene Ära des Serienfernsehens einläutete. In einer hochkomplex erzählten Handlung mit unübersichtlich vielen Figuren wurde Dominic West mit seinem britisch-kantigen Gesicht und den fröhlichen Locken als Polizist James „Jimmy“ McNulty, der nicht nur Verbrechern, sondern auch der Damenwelt hinterherschnüff elt, zum prägnanten Gesicht der Serie. Auch in „The Aff air“ gab er den potenten Verführer. Allerdings erlaubte es ihm das Serienkonzept mit einer Story, die aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird, zugleich auch, das krasse Gegenteil darzustellen: einen frustrierten Autor, der fast unschuldig in den Sog einer A� äre gerät.MV

27 JULIA LOUIS-DREYFUS(Seinfeld, Veep)

„Seinfeld“ war der gehemmte Stadtneurotiker, und Elaine, gespielt von Julia Louis-Dreyfus, war die, die ihn schubste, die ihn ärgerte, die ihm seine Blasiertheit nicht durchgehen ließ. Louis-Dreyfus, übrigens entfernt verwandt mit dem Dreyfus der Dreyfus-A� äre, lernte ihr Handwerk bei der Impro theater-Talentschmiede The Second City in Chicago. Anfang der Achtziger wurde sie mit 21 Jahren das bis dato jüngste Mitglied des „Saturday Night Live“-Ensembles. Ihr exzellentes Timing demonstrierte sie später bei „Curb Your Enthusiasm“ und in der Politik-Satire „Veep“, wo sie die Vizepräsidentin gab und deren letzte Staff el dieses Jahr lief. Die Brustkrebserkrankung der beliebten Schauspielerin sorgte vor zwei Jahren für Bestürzung; mittlerweile ist sie krebsfrei.JJ

28 TONY SHALHOUB(Monk, Mrs. Maisel)

Das erste Mal fiel uns Tony Shalhoub als dieser schmierig-glitschige Alien in „Men In Black“ auf, dem nach einer fiesen Aktion von Tommy Lee Jones der Kopf nachwächst. Das war fünf Jahre bevor er die Rolle des neurotischen Ermittlers in der Serie „Monk“ übernahm, die ihm vier Emmys einbrachte. Seine Figuren stattet Shalhoub gern mit einer wunderbaren Kauzigkeit aus, er zeichnet sie schrullig, ohne sie zu verhöhnen. Das gilt auch für Midge Maisels Vater Abe Weissman, der er jetzt ist. In „The Marvelous Mrs. Maisel“ gehe es auch gar nicht darum, möglichst viele Lacher zu landen, hat er uns in einem Interview gesagt. „Wir spielen keine Witzfiguren, sondern wahrhaftige Charaktere. Wir müssen uns das Komische in der Serie immer wieder hart erarbeiten.“GR

29 JULIANNA MARGULIES(ER, The Good Wife)

Die Karriere von Julianna Margulies wirkt wie ein Musterbeispiel für Emanzipation: Zuerst aufgefallen ist sie als Krankenschwester in „Emergency Room“, wo ihr George Clooney den letzten Nerv raubte. Für die sensi ble Darstellung gewann sie einen Emmy, aber so richtig zur Geltung kam ihr Talent erst später. In „The Good Wife“ bekam sie endlich die Hauptrolle und machte als Alicia Florrick eine erstaunliche Wandlung durch von der braven Ehefrau zur fast skrupellosen Anwältin, auch in eigener Sache. Davor tauchte Margulies auch bei den „Sopranos“ auf, danach in „Dietland“, doch Alicia ist ihr Meisterstück – und sie weiß inzwischen, was sie wert ist: Einen Gastauftritt im Spin-off „The Good Fight“ lehnte sie ab, weil ihr die Gage zu niedrig war.BF

30 PAUL GIAMATTI(Billions)

Giamatti war lange Zeit der Mann für die unvergesslichen Nebenrollen, ob in „Der Soldat James Ryan“ oder „Planet der Aff en“, „The Ides Of March“ oder im Brian-Wilson-Biopic „Love & Mercy“. In „Sideways“ brillierte er als sarkastischer Wein-Connaisseur. Seit 2016 teilt er sich die Hauptrolle von „Billions“ mit Damian Lewis. Das Duell dieser beiden Schauspiel giganten versöhnt mit einigen Klischees aus dem Reich der Mächtigen. Lewis glänzt in der Serie als skrupelloser Hedgefonds-Manager. In dem Staatsanwalt Chuck Rhoades findet er einen ebenbürtigen Widersacher. Und es ist die helle Freude, Giamatti dabei zuzusehen, wie er sich diese rechtschaff ene Figur einverleibt und sie in einen von Geltungsbedürfnis zerfressen Ehrgeizling verwandelt.MG

31 KIEFER SUTHERLAND(24, Designated Survivor)

Er ist der Sohn eines der virtuosesten Kinoschauspieler – ein wenig von der unheimlichen Ambivalenz seines Vaters liegt auch in den Rollen von Kiefer Sutherland. Seine Figuren sind wilde Männer, die um Kontrolle ringen und denen doch alles entgleitet – in „24“ wurde er zum Schmerzensmann, der er auch im wirklichen Leben eine Weile war, nachdem er in „The Lost Boys“, „The Young Guns“ und „Flatliners“ junge Grenz- und Draufgänger gespielt hatte. Im Kino weniger eingesetzt, kehrte Sutherland 2001 in „24“ zurück, einer Serie, deren Rasanz und Brutalität die Fernseherzählung des neuen Jahrzehnts definierte. In „Designated Survivor“ variiert er die Rolle des Außenseiters, der immer mitten in den haarsträubendsten Schlamassel gerät.AW

32 LINDA CARDELLINI(ER, Dead To Me)

Zu den Ungerechtigkeiten der TV-Welt zählt, dass eine so witzig-schlaue Serie wie Judd Apatows „Freaks And Geeks“, die es nur auf 18 Episoden gebracht hat, immer wieder übersehen wurde – genauso wie Linda Cardellini, die sich als 16-jährige Lindsay in „Freaks And Geeks“ zwischen Mathematik-Wettbewerben und den Grate ful Dead entscheiden musste. Cardellini war später zwar auch als zupackende Krankenschwester in „Emergency Room“ oder als Don Drapers Geliebte in „Mad Men“ toll, doch erst seit sie im Familiendrama „Bloodline“ als fürsorgliche Anwältin beeindruckte und sich nun in der schwarzen Komödie „Dead To Me“ in eine Trauer-Selbsthilfegruppe einschleicht, ist die Zeit endlich vorbei, in der man sie ungestraft übersehen kann.GR

26 IDRIS ELBA(The Wire, Luther)

In einer Szene von „Luther“ spielt Idris Elba seine ganze Physis aus und zerlegt in einem grandiosen Wutanfall ein Büro. Ein Schrank unter Schränken. Ein Schrank, der auch Emotionen zeigt und gut sitzende Anzüge trägt. „Luther“ ist eine von etlichen ultrabrutalen BBC-Produktionen, eine beschleunigte Version von Nordic-noir-Thrillern, in der häufig mehrere Handlungsstränge miteinander kollidieren, weil die Regisseure und Drehbuchautoren keiner stringenten Erzählung vertrauen, sondern auf totale Überwältigung setzen. John Luther (Elba) führt durch dieses Gruselkabinett mit der Autorität eines modernen Gladiators. Seine Arena sind die schlecht beleuchteten Seitenstraßen und zwielichtigen Verschläge, die heruntergekommenen Vorstadtviertel und verfallenen Fabrikhallen Londons. Und während er atemlos versucht, das perfide Treiben eines Psychopathen zu stoppen, ploppt immer auch irgendein ungelöstes Rätsel aus der Vergangenheit auf. Luther trägt die Last eines kranken Systems auf seinen Schultern, eines Systems, zu dem er selbst gehört. Unter größten Anstrengungen beherrscht er seine Verzweiflung. Seine Fälle erfordern drastischere Mittel, als sie das Gesetz erlaubt. So ermittelt er an der Grenze zur Selbstjustiz.

Die Konturen einer aus den Fugen geratenen Welt wieder zu ordnen, dieses Bestreben zieht sich wie ein roter Faden durch Idris Elbas Rollen. 1972 in London geboren, als Sohn einer ghanaischen Mutter und eines Vaters aus Sierra Leone, beginnt er seine Karriere als Schauspieler im Kriminal-Segment. Einen ersten kleinen Auftritt hat er 1994 in „Crimewatch“ dem britischen „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Über zahlreiche kleinere Serien-Engagements („Bramwell“, „Absolutely Fabulous“, „Dangerfield“, „Law & Order“) landet er schließlich 2002 im Cast von „The Wire“. In der von dem früheren Journalisten David Simon geschriebenen Serie wird die Tragödie der USGesell schaft zwischen Drogenhandel und Rassismus, Machtmissbrauch und Medienwahnwitz ausgebreitet. „The Wire“ ist ein Sittengemälde von schockierender Authentizität: Eine Spezialeinheit der Polizei von Baltimore will das organisierte Verbrechen, das die Sozialsiedlungen durchzieht wie ein Krebsgeschwür, durch gezielte Abhöraktionen eindämmen. Stringer Bell (Elba) agiert als rechte Hand von Avon Barksdale (Wood Harris), der zu einem der einflussreichsten Drogendealer der Stadt aufsteigt und seinen territorialen Herrschaftsanspruch mit Gewalt erzwingt. Bell sind die alten Abschreckungsmethoden und Gang-Rivalitäten jedoch bald zu stumpf. Er denkt weiter. Um die Geschäfte künftig in die Legalität zu überführen, besucht er Wirtschaftskurse und kleidet sich im Stil eines Politikers. Natürlich enden seine Pläne in einem Fiasko und die Geschichte nimmt ihren unheilvollen Lauf. Doch Elba verleiht dieser Metamorphose vom Kleinkriminellen zum einflussreichen Kartell-Manager eine Tiefe und Glaubwürdigkeit, die auch etwas Beunruhigendes über das Establishment unserer Tage erzählt.

Inzwischen gehört Elba zu den wenigen schwarzen Weltstars. Er kann viel und macht alles, vom „Alien“-Franchise „Prometheus“ (2012) bis zum Kriegsdrama „Beasts Of No Nation“ (2015), von überlebensgroßen Biopics wie „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ (2013) bis zu Action-Schund wie „Bastille Day“ (2016), von Superhelden-Blockbustern à la „Avengers: Age Of Ultron“ (2015) bis zum Katastrophenabenteuer „Zwischen zwei Leben“ (2017). Sein Regie-Debüt, „Yardie“ (2018), siedelte er wiederum im Drogenmilieu an, das Drama verläpperte ihm jedoch in stylishem Look und Zitaten-Overkill. Und wenn er gerade mal nichts mit Film und Fernsehen zu tun hat, ist Elba auch als Rapper und DJ unterwegs. Ob NBA-Party, Madonna-Vorprogramm oder in Form von Samples wie im Taylor-Swift-Song „London Boy“ – er scheint immer und überall zu sein. Elba gründete sein eigenes Label, 7Wallace Music, stellte bei BBC Radio 2 afrikanische Musik vor und ließ sich für den Discovery Channel beim Kickboxen und Autofahren filmen. Er wurde von der Queen zum Ritter geschlagen und setzt sich für die Entwicklungshilfe auf der Insel Sherbro ein. All das sorgt in Zeiten einer sich selbst überholenden Öff entlichkeits-Ökonomie für die nötige Aufmerksamkeit. Nur eines bleibt Elba nach wie vor schuldig: Charakterrollen, die nicht auf den Aff ekt zielen. Seine Leistung in „The Wire“ und in einigen Episoden von „Luther“ sind das Versprechen, das Elba noch nicht eingelöst hat.

MAX GÖSCHE

33 MILLIE BOBBY BROWN(Stranger Things)

Kinder als Helden einer Serie für Erwachsene sind selten eine gute Idee – immer klebt etwas zu viel Marmelade in den Mundwinkeln, sorgt ein Übermaß an Sentiment und Niedlichkeit für wohlbehütete Langeweile. „Stranger Things“ hat gezeigt, dass es auch anders geht, ohne dabei komplett auf die Schlüsselreize minderjähriger Zahnspangen-Träger zu verzichten. Neben der bis ins kleinste Detail stimmigen 80er-Jahre-Ausstattung und der an Altmeistern wie Carpenter, Cameron und Spielberg geschulten Regie der Duff er Brothers ist es vor allem die Figur der Eleven, die für helle Begeisterung sorgt.

Als Millie Bobby Brown in der Rolle eines kindlichen Kaspar Hauser zum ersten Mal auftaucht, steht sie barfüßig und mit starrem Blick am Rande eines Waldes, aus dem sie off ensichtlich gerade geflüchtet ist. Den kleinen Schädel kahl rasiert, am Leib ein verdrecktes und zerrissenes Nachthemd. Schwer zu sagen, ob Junge oder Mädchen, ähnelt dieses verängstigte Wesen einem in die Enge getriebenen Tier oder einem KZ-Häftling. Die auf den Unterarm tätowierte Zahl 011 wird ihr zum Namen: Eleven.

Als 2016 die erste Staff el von „Stranger Things“ auf Netflix anlief, war schnell klar, dass der Star der Serie nicht, wie im Vorfeld von vielen Medien behauptet, Winona Ryder heißt, sondern Millie Bobby Brown. Die in Spanien geborene und in Dorset aufgewachsene Tochter eines britischen Immobilienmaklers war damals allerdings gerade erst zwölf Jahre alt. Ihre Schauspiel-Erfahrung bestand überwiegend aus Werbeclips, in denen sie Cupcakes vor die Kamera hielt und fragte: „Mom, can I have these?“ Später kamen Nebenrollen in Serien wie „Grey’s Anatomy“ und „Intruders“ hinzu. Also das volle Frühstart-in-die-Karriere-Programm, wenn Eltern der ganzen Welt zeigen möchten, wie niedlich, besonders und hochbegabt ihr Kind ist.

Doch Millie Bobby Brown ist wirklich besonders. Als wäre sie eine Netflix-Version von Billie Eilish, geht vor allem zu Beginn von ihr eine gehörige Portion Dunkelheit und Geheimnis aus. Sie passt einfach nicht in die mit „ Dungeons & Dragons“-Abenden, Bonanzarädern und lustigen Trucker-Käppis vollgestopfte Welt der vier anderen jugendlichen Figuren. Dass Eleven obendrein auch noch Telekinese beherrscht und mit diesen übernatürlichen Kräften selbst Monstern Paroli bietet, unterstreicht ihr Anderssein aufs Schönste. Staunend begreift sie – von Folge zu Folge besser – die banalen Gegenstände und Rituale eines amerikanischen Lebens in den grellbunten Achtzigern.

Doch was für den Erfolg der jungen Schauspielerin noch wesentlicher ist: Mit ihrem ungläubig fragenden Blick sieht Millie Bobby Brown so außerordentlich hübsch aus, dass sich die Fashion-Branche sofort begeistert auf das neue Gesicht stürzt. Skrupel wegen des jugendlichen Alters des Mädchens? Fehlanzeige. Doch das siebenminütige Video zu „ I Dare You“ von The xx, in dem Millie prominent mitwirkt, übt tatsächlich einen ganz besonderen Zauber aus. Der Stardesigner Raf Simons hat Musiker und Schauspieler komplett in von ihm entworfene Calvin-Klein-Outfits gepackt – ein perfekt gelungenes Wechselspiel zwischen Pop, Mode und Werbung. Ein melancholischer Rausch aus Farben, Licht und schönen jungen Menschen, mit einer Millie Bobby Brown, die wirkt wie ein Update des ewigen It-Girls Chloë Sevigny.

Inzwischen ist die Schauspielerin bei IMG Models unter Vertrag – so wie Kate Moss, Gigi Hadid oder Heidi Klum. Man hat sie bereits zweimal für einen Emmy nominiert, und Talkshows gehören nun ebenso zur Routine wie ein sehr souveräner, von den Roots begleiteter Live-Rap in Jimmy Fallons „Tonight“-Show. Auch in Hollywood hat Millie 2019 Spuren hinterlassen, auch wenn „Godzilla: King Of The Monsters“ wenig mehr ist als eine gewaltige Materialschlacht mit reichlich dünner Handlung. Doch Hochglanz-Modestrecken, Hollywood-Blockbuster und die etwas arg an klassisches Teenager-Entertainment angelehnte dritte Staff el von „Stranger Things“ nagen an dem, was ursprünglich den Reiz von Eleven/Millie ausgemacht hat – das Geheimnisvolle ihrer Figur verblasst. Doch die Duff er-Brüder haben bekanntlich immer noch ein Ass im Ärmel: In der letzten Folge büßt Eleven ihre übersinnlichen Kräfte ein und ihr Ziehvater, Sheriff Hopper, segnet das Zeitliche. Ein Schock – aber auch ein fantastischer Cliffh anger.

JÜRGEN ZIEMER

34 JAMES SPADER(The Blacklist)

James Spader kann eigentlich alles. Nicht nur mimt er in „The Blacklist“ mit unwiderstehlicher Lust an der Ambivalenz zwischen Gut und Böse ein kriminelles Genie. Er beherrscht auch das volle Charme-Programm, weswegen seine Redekunst als berüchtigter Anwalt in David E. Kelleys wunderbarer Kanzleiserie „Boston Legal“ vor allem das andere Geschlecht überzeugte. Das Geheimrezept von Spaders Spiel mag auch sein, dass er auf Knopfdruck den Softie geben kann – um nur eine Szene später zum virilen Arschloch zu mutieren. Sein Hauptfach ist aber die Komödie, was der einstige Eisenbahnwagen-Belader und Yoga-Lehrer vor allem im Kino, aber eben auch als geheimnisvoller Chef-Sprücheklopfer in der US-Version von „The Office“ unter Beweis stellte.MV

35 OLIVIA COLMAN(Broadchurch, Fleabag)

Keine andere Schauspielerin dürfte zurzeit die Schlagseiten britischer Identität so treff sicher auf die Filmund vor allem die Fernsehbühne holen wie Olivia Colman. Das richtige Timing für Sprachwitz und manchmal deviante Körperregungen übte sie in gleich mehreren Sitcoms („Peep Show“, „Green Wing“). In der hierzulande unterschätzten Krimiserie „Broadchurch“ zeigte sich Colman zum ersten Mal von ihrer verletzlichen und dunklen Seite. Die Vergleiche mit Judi Dench und Helen Mirren sind gerechtfertigt. Fluch und Segen: Gleich in mehreren Versionen spielte Colman die Queen, in der dritten Staffel von „The Crown“ gar Elizabeth II. All dies wird aber noch gekrönt von ihrem Auftritt als neurotisch-garstige Stiefmutter in „Fleabag“.MV

36 KIT HARINGTON(Game Of Thrones)

„Du weißt nichts, Jon Schnee“ wurde zum Running Gag in „Game Of Thrones“ – dabei ist er der Weise. Der von Zweifeln zerfressene, uneheliche Königssohn und Anführer der Strafkompanie „Nachtwache“ hat eine Sonderstellung im Intrigenspiel um die Herrschaft über die Sieben Königreiche. Er will nicht um die Krone kämpfen, muss aber, kehrt dafür sogar aus dem Jenseits zurück. Der Theater schauspieler Kit Harington hat damit einen Antihelden geschaffen, den es im Fantasy-Genre selten gab: In dieser Welt voller Drachen und Zombies ist er als Untoter selbst zu einem Fantasiegeschöpf geworden. Im Kino geht’s für den Briten königlich weiter: Im Marvel-Film „The Eternals“ verkörpert Harington einen „Schwarzen Ritter“.SN

37 LARRY DAVID(Curb Your Enthusiasm)

Als Miterfinder, -produzent und -autor von „Seinfeld“ hat es Larry David zu Ruhm und Reichtum gebracht. Das ist nicht bloß eine Tatsache, sondern die geniale Grundidee hinter „Curb Your Enthusiasm“. „Der TV-Larry ist nur einen halben Zentimeter entfernt vom echten Larry“, erklärte David letztes Jahr anlässlich der neunten Staff el: ein jüdischer TV-Produzent, den es aus New York ins oberflächliche Los Angeles verschlagen hat. Ein herrlicher Bilderbuch-Schlemihl, einer, der an Gender-Diversity ebenso scheitert wie an den alltäglichen Konflikten einer multikulturellen Gesellschaft. Der Humor ist dabei so atemberaubend krass wie die Idee, einen Holocaust-Survivor und einen Teilnehmer der TV-Show „Survivor“ über die Frage streiten zu lassen, wer Schlimmeres erlebt hat.JZ

38 PETER KRAUSE(Six Feet Under, 9-1-1)

Aktuell ist er in der Notruf-Serie „9-1-1“ zu sehen, das Tor zur Unsterblichkeit jedoch hat sich für ihn in den Jahren 2001 bis 2005 geöff net. In „Six Feet Under“, einem Pionier-Format der goldenen TV-Ära, verkörperte Peter Krause den ältesten Sohn einer Bestatterfamilie, die naturgemäß täglich mit dem Sterben zu tun hat. Dass der unscheinbare Hüne in der Rolle des Nate Fisher als einziges neurosenfreies Ensemblemitglied auftrat, hatte einen Grund: Nach einer Nahtod-Erfahrung wurde Nate klar, wie wichtig es ist, sich von Menschen, die einen krank machen, fernzuhalten. Es gibt viele TV-Figuren, die in den Abgrund blicken und ins Leben zurückkehren. Peter Krause gelang das als Nate ohne Pathos – er sortierte sich akribisch neu, in der Zeit, die ihm noch blieb.SN

39 JENNIFER ANISTON(Friends, Morning Show)

Zugegeben, Jennifer Aniston hatte man gar nicht mehr auf dem Serien-Radar. Sie war zwar zehn Jahren lang in „Friends“, der besten Sitcom aller Zeiten, Rachel Green, verwandelte sich in den 236 Episoden vom verwöhnten blonden Dummchen zum Herz dieser Ensemblekomödie und wurde dafür mit Emmys und Golden Globes ausgezeichnet. Doch das ist lange her. Aniston ließ sich seither zu ein paar Gastauftritten in „30 Rock“ oder „Cougar Town“, nicht aber zu einer „Friends“-Reunion überreden und bevorzugte es, im Kino angehimmelt zu werden. Jetzt haben die Serienfans sie wieder. In „The Morning Show“, der ersten Premiumserie von Apple-TV+, spielt sie an der Seite von Reese Witherspoon eine Fernsehmoderatorin. Willkommen zurück!GR

40 EMILIA CLARKE(Game Of Thrones)

Ausgerechnet die größte, massentauglichste Serie unserer Zeit hat ihre Hauptfigur einer der riskantesten Wandlungen der Fernsehgeschichte unterzogen: Aus der völkervereinenden Revolutionärin Daenerys Targaryen wurde schleichend, innerhalb von acht TV-Jahren, eine Faschistin, die Nationen unterjocht, unschuldige Frauen und Kinder tötet. Zuschauer, die ihre Tochter nach der vermeintlichen Heldin benannt hatten, liefen Sturm. Emilia Clarke verkörperte die „Mutter der Drachen“ in „Game Of Thrones“ – und die Britin, die im Kino noch auf den Durchbruch wartet, stellte in ihrer Darstellung die hohe Kunst unter Beweis, bei jeder Grausamkeit tiefe Unsicherheit mit sich herumzuschleppen. Ihr Ende hat Daenerys verdient. Unser Mitleid aber auch.SN

41 RACHEL BROSNAHAN(The Marvelous Mrs. Maisel)

Sie hatte in Kurzfilmen und kleinste Rollen in „Grey’s Anatomy“, „The Good Wife“ und „Orange Is The New Black“ gespielt, bevor sie 2013 eine kleine große Rolle bekam: In „House Of Cards“ ist Rachel Brosnahan ein Callgirl, das sich immerzu verstecken muss. In „Manhattan“ (2014), einer Serie über das amerikanische Atombombenprojekt in der Wüste von New Mexico, spielt sie eine der Ehefrauen der von der Außenwelt abgeschotteten Physiker, die sich in ihren Bungalows lan�weilen. Und in „The Marvelous Mrs. Maisel“ zieht Rachel Brosnahan seit 2017 alle Register: als wohlerzogene, adrette jüdische Tochter, die nachts in den Kabarettklubs deftige Zoten und Sottisen aus dem LebeZoten und Sottisen auGs rdaemm P aLresobnesn: einer Hausfrau erzählt. Sie Asturraahtilst cvhoer Übermut und SubversiAW .

42 RON PERLMAN(Hand Of God, StartUp)

Er ist der Mann hinter den Masken: Ron Perlman war der bucklige Salvatore in „Der Name der Rose“, später auch Hellboy, vor allem aber war er Ende der 80er-Jahre Vincent in „Die Schöne und das Biest“: ein Löwenmensch zum Verlieben. Er spielte die Kreatur anmutig, fast poetisch – es war vielleicht eine kitschige Serie, und heute käme so ein halb tierischer Beschützer wohl nicht mehr durch den Sexismus-Filter, aber damals war es verdammt schwer, sich der Romantik zu entziehen – allein wegen Perlmans starker Präsenz (und der großartigen Stimme). Egal was ihm in den Weg kommt, er holt immer alles raus aus seinen Rollen: als brutaler Motorradgang-Kopf in „Sons Of Anarchy“, als wirrer Richter in „Hand Of God“, zuletzt als cooler Multimillionär in „StartUp“.BF

43 CHRISTOPH MARIA HERBST(Merzgegen Merz)

Nur zwei Deutsche kamen unter die Top 50, das Seriengeschäft scheint also trotz der vielen deutschen Produktionen der letzten Zeit (und der Briten und Skandinavier) immer noch vor allem in US-Hand zu sein. Ein sehr deutscher Mann hat es allerdings geschaff t, gleich mehrfach zu beweisen, dass subversiver Humor hierzulande möglich ist und es auch mal ohne Action geht: Acht Jahre lang war Christoph Maria Herbst der Katastrophen-Chef „Stromberg“, hin und wieder besuchte er den ebenso amüsanten „Pastewka“, in „Deutsch-Les-Landes“ jonglierte er mit Nationalitäts-Klischees, und zurzeit lotet er in „Merz gegen Merz“ Familien probleme aus. Meist leidet man nicht mit seinen Figuren, man leidet an ihnen – mit Vergnügen.BF

44 ALEXANDER SKARSGÅRD(Big Little Lies)

Berühmt wurde der Schwede durch die Vampir-Serie „True Blood“, in der er den diabolischen Schwerenöter Eric Northman verkörperte. Die Rolle seines Lebens fand Alexander Skarsgård in der des hochgradig verunsicherten Ehemanns. Der 43-Jährige spielt Menschen, die trotz umwerfenden Aussehens zu kurz kommen (wie im Kinofilm „Melancholia“) oder die an den Ansprüchen an sich selbst scheitern und deshalb ihre Frauen missbrauchen (wie in der HBO-Serie „Big Little Lies“). Für die Rolle des Perry erhielt er sowohl einen Emmy als auch einen Golden Globe. Der schweigsame, maskenhafte Schönling, erfolgreich im Job, aber innerlich ein bedauernswertes Geschöpf: Skarsgård macht den Karrieremann als Versager im Fernsehen populär.SN

46 MICHAEL C. HALL(Dexter, Safe)

Die Abgründe hinter der makellosen Fassade sind der Stoff, aus dem Michael C. Hall die Inspiration für seine Figuren zieht. In „Six Feet Under“ spielt er den Sohn eines Bestatters, der mit dem Vermächtnis seines verstorbenen Vaters hadert, die Familie mehr schlecht als recht zusammenhält und hoff t, dass seine Homosexualität nicht publik wird. Nach dieser überragenden Darstellung stürzte sich Hall gleich in sein nächstes TV-Projekt. In „Dexter“ passiert etwas Merkwürdiges: Man sympathisiert mit einem Experten für Blutspritzer, der bei der Polizei von Miami arbeitet, aber nebenberuflich Serienkiller ist. Die Faszination von Halls Rollen wurzelt in der Scheinheiligkeit einer Welt, die die Wahrheit für einen sauberen Alltag geopfert hat.MG

47 SAM WATERSTON(Grace & Frankie)

Wann immer TV-Produktionen auf der Suche nach einem sympathischen älteren Herrn sind, klingelt bei Sam Waterstons Agenten das Telefon. Ohne Waterston, der 1993 für seine Rolle im Seriendrama „I’ll Fly Away“ einen Golden Globe gewann, wäre „Law & Order“ wahrscheinlich eine ziemlich unerträgliche Justizdrama-Serie gewesen. Als Senderchef Charlie Skinner hauchte er Aaron Sorkins Besserwisser-Medien-Politikdrama „The Newsroom“ Leben ein. Und „Grace & Frankie“ wäre zwar dank Jane Fonda, Lily Tomlin und Martin Sheen auch ohne Waterston ganz gut. Doch als Sol Bergstein, der sich, auch nachdem er seinen besten Freund geheiratet hat, fürsorglich um seine Ex-Frau kümmert, verleiht Waterston der Netflix-Serie diesen wohligwarmen Grundton.GR

48 TOM WLASCHIHA(Das Boot)

Als dieser Mann aus dem sächsischen Dohna zum Vorsprechen für „Game Of Thrones“ erschien, war er kein bisschen aufgeregt. Schließlich war die erste Staff el da noch nicht ausgestrahlt worden. „Ich wusste überhaupt nicht, was das ist, und dachte, das wäre nur irgendeine US-Fantasyserie mit Drachen und so“, verriet er uns einmal im Interview. „Das war mein Glück. Hätte ich gewusst, was das für Ausmaße annimmt, hätte ich das Vorsprechen bestimmt versaut.“ Doch so verwandelte sich Wlaschiha in der zweiten, fünften und sechsten Staff el in Jaqen H’ghar, den Mann ohne Gesicht – und kann sich seither die Rollen aussuchen. Er spielt in „Das Boot“ den Gestapo-Chef von La Rochelle und schlüpft in der zweiten Staff el von „Jack Ryan“ in die Rolle eines Auftragskillers.GR

49 LAUREN GRAHAM(Parenthood)

Manchmal verwechseln nicht nur Zuschauer die Schauspieler, die lange in einer bestimmten Serie mitgespielt haben, mit deren Serienrolle, sondern auch die Schauspieler selbst. Eine, bei der das zutreff en könnte, ist Lauren Graham, die es mit dem Buch „Talking As Fast As I Can: From Gilmore Girls To Gilmore Girls (And Everything In Between)“ auf die Bestsellerliste der „New York Times“ geschaff t hat. Tatsächlich spielte Lauren Graham als die schlagfertige, chaotische, in Popkultur vernarrte alleinerziehende Mutter Lorelai Gilmore in „Gilmore Girls“ so herrlich überdreht und sprach so schnell, dass man sich nie sicher war, wo Lorelai aufh ört und Lauren anfängt. Dass sie auch im Familiendrama „Parenthood“ so eine Quasselstrippe spielte, erhärtet den Verdacht.GR

50 SARAH JESSICA PARKER(Sex And The City, Divorce)

Sie gehört zu der Sorte Serienschauspielerinnen, denen man fast keine andere Rolle mehr zugetraut hätte: Sarah Jessica Parker war von 1998 bis 2003 so dermaßen Carrie Bradshaw, die verpeilte, hochhackige Schuhe tragende, liebesbedürftige Kolumnistin in „Sex And The City“, dass sie noch in zwei Kinofilmen Carrie spielen musste. Seit 2016 ist sie nun in „Divorce“ zu sehen, der ziemlich bitteren Bilanz einer gescheiterten Ehe. Anfangs flackert kurz noch mal Lebensfreude auf, aber statt Glamour gibt es hier Alltagstrott, statt Geplänkel um Mode und Männer zähe Diskussionen um Anwälte und Sorgerecht. Eine Komödie wird nicht wirklich daraus. Die dritte Staff el soll nun die letzte sein, danach gewinnt Parker ihr strahlendes Lachen hoff entlich wieder zurück.BF

45 KRISTEN BELL(Veronica Mars, House Of Lies, The Good Place)

Wer Kristen Bell sagt, muss auch „Game Of Thrones“ sagen. Sie hat da zwar nie mitgespielt, doch die 39-Jährige ist ein Superfan von Daenerys, Jon, Arya und Co. Was immer auch in den letzten Jahren in Westeros passiert ist, Kristen Bell war ganz nah dran. Nach der schockierenden „Red Wedding“-Episode zum Beispiel lag sie schluchzend auf dem Sofa und wurde dabei von ihrem Ehemann, Dax Shepard (Crosby aus „Parenthood“), gefilmt. Nach der „The Mountain And The Viper“-Episode twitterte sie: „Das menschliche Auge blinzelt 17.000-mal pro Tag. Außer am Sonntag, als ich ,Game Of Thrones‘ geschaut und kein einziges Mal geblinzelt habe.“ Und zum Auftakt der achten Staff el veranstalteten die beiden eine Kostümparty: Kristen Bell verkleidete sich als Drache Drogon.

Es hat also doch etwas Gutes, dass „Game Of Thrones“ inzwischen zu Ende gegangen ist. Denn Kristen Bell hängt jetzt nicht mehr die ganze Zeit mit ihrem Mann vor der Glotze herum, sondern hat Zeit für andere Dinge. Zum Beispiel dafür, sich um ihre beiden Töchter zu kümmern. Um das Unternehmen Hello Bello zu gründen, das eine rein pflanzliche Baby-Produktpalette im Angebot hat. Oder um endlich wieder die Rolle zu spielen, die sie berühmt gemacht hat: die der Privatdetektivin Veronica Mars.

Zwischen 2004 und 2007 spielte sie die schnippisch-sarkastische Nancy-Drew-Verwandte das erste Mal. Mit einer unkaputtbaren Lakonie durfte sie Sätze sagen wie „It’s all fun and games till one of you gets my foot up your ass“ oder „I hope we’re still friends after I taser you“ und schlüpfte in die Rolle eines Mädchens, das auf der Highschool des fiktiven Städtchens Neptune in Südkalifornien im Auftrag ihrer Mitschüler mal größere, mal kleinere Ermittlungsjobs übernimmt und nebenher den Mord an ihrer besten Freundin aufk lärt. Nach der dritten Staff el – Veronica Mars studierte inzwischen am Hearst College in Neptune – wurde Rob Thomas’ wunderbare Neo-Noir-Krimi-Serie zwar abgesetzt, doch Bell war so vernarrt in diese Rolle, dass sie zusammen mit Thomas eine Kickstarter-Kampagne initiierte, bei der genug Geld zusammenkam, um einen „Veronica Mars“-Film zu finanzieren, der 2014 in die Kinos kam. Und im September 2018 schlug endlich der US-Streamingdienst Hulu zu und produzierte eine achtteilige vierte „Veronica Mars“-Staff el, in der Veronica und ihr Vater beauftragt werden herauszufinden, wer für einen Spring-Break-Bombenanschlag verantwortlich ist.

Kristen Bell, die ihr Kinodebüt 2001 in einer Nebenrolle in der zu Recht vergessenen Louis-C.-K.-Komödie „Pootie Tang“ gab, ist eine, der man glaubt, dass es ihr inzwischen peinlich ist, dass sie 1998 an ihrer Highschool in Royal Oak/Michigan zum schönsten Mädchen des Abschlussjahrgangs und acht Jahre später von der Tierschutzorganisation Peta zum „World’s Sexiest Vegetarian“ gewählt wurde. „Ich werde schließlich nicht wegen meines umwerfenden Aussehens, sondern wegen meines Charmes bezahlt“, würde Veronica Mars wahrscheinlich sagen. Denn Kristen Bell war außerdem 120 Episoden lang die altkluge Off -Erzählerin in der Teenie-Serie „Gossip Girl“, die smarte Unternehmensberaterin Jeannie Van Der Hooven im Seriendrama „House Of Lies“ – und sie spielte die Elektroschocker-Soziopathin Elle Bishop in der Science-Fiction-Serie „Heroes“. Näher dran an „Game Of Thrones“ war sie vielleicht nur noch in dem Disney-Trickfilm „Die Eiskönigin“, in dem sie Prinzessin Anna von Arendelle ihre Stimme lieh und endlich mal wieder ihr Gesangstalent zeigen durfte. Und dann ist da natürlich noch die Serie „The Good Place“, die gerade in die vierte Staff el gegangen ist und in der sie höchstvergnügt das egoistische, verlogene, unfreundliche Miststück Eleanor Shellstrop spielt, eine Verkäuferin aus Arizona, die sich nach ihrem Unfalltod im Himmel wähnt, in Wirklichkeit aber in der Hölle gelandet ist – und dort allen Widrigkeiten zum Trotz ein besserer Mensch zu werden scheint.

Um es kurz zu machen: Liebe Leute bei HBO, die Ihr Euch gerade diverse „Game Of Thrones“-Spin-off s ausdenkt, schreibt bitte eine Rolle für Kristen Bell in eines der Drehbücher! Sie wird daraus bestimmt etwas ganz Großes machen, egal ob Ihr sie eine toughe Kriegerin, eine verträumte Prinzessin oder einen Drachen spielen lasst.

GUNTHER REINHARDT


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