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SPECIAL: ME(N)TAL HEALTH: SCHLAGLICHT AUF DIE DUNKELHEIT


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 11.12.2019

An einen großen runden Tisch für ein offenes Gespräch haben wir DAVID DRAIMAN (DISTURBED), WINSTON MCCALL (PARKWAY DRIVE), JESSE LEACH (KILLSWITCH ENGAGE), AðALBJÖRN TRYGGVASON (SÓLSTAFIR), JOHAN HEGG (AMON AMARTH) und DEVIN TOWNSEND zwar nicht bekommen, aber dennoch haben die Musiker Zeit gefunden, mit uns einzeln über ein sehr wichtiges Thema zu sprechen, das alle etwas angeht.


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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 1/2020

Ein Saal voller Menschen. Mit tosendem Applaus wird der Band auf der Bühne Anerkennung entgegengebracht. In einem kurzen Moment der musikalischen Ruhe umkrallt die Frontfigur ihr Mikrofon etwas enger und nimmt sich die Zeit, ein ...

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... paar Worte an die Menge zu richten. Sie redet über Depressionen, das Gefühl der Einsamkeit und macht darauf aufmerksam, dass man mit solchen Gefühlen nicht alleine und es dringend nötig ist, sich Hilfe zu suchen, wenn man an ernsthaften psychischen Problemen leidet. So oder ähnlich konnte man es in den letzten Wochen, Monaten und Jahren vorzugsweise bei Hard- und Metalcore-Konzerten des Öfteren mitbekommen.

Stimmen erheben sich

Immer mehr Musiker nutzen ihre Stimme und Reichweite, um über psychische Gesundheit zu reden. Es lässt sich nahezu eine Art Bewegung erkennen. Sehr präsent diesbezüglich zeigt sich beispielsweise Killswitch Engage-Sänger Jesse Leach, der nicht nur auf der Bühne, sondern auch und vor allem über seine Social Media-Kanäle seine eigenen Erfahrungen teilt und Menschen mit ähnlichen Problemen Mut macht, sich Hilfe zu suchen „Ich habe schon immer mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen“, äußert Jesse sehr offen am Telefon. „Ich hatte jedoch nie wirklich eine Sprache, um mich richtig darüber ausdrücken zu können, weswegen ich auch lange Zeit nicht mit anderen darüber gesprochen habe.“ Das änderte sich vor fünf oder sechs Jahren, und der Sänger beschloss, nicht nur seine strahlend-glückselige Seite nach außen zu kehren. „An einem bestimmten Punkt entschied ich mich dafür, meine dunkle Seite ein wenig mehr zum Vorschein kommen zu lassen – sowohl in Texten als auch den Sozialen Netzwerken. Ich schrieb ehrlicher und mehr über mich selbst. Und nachdem diese Konversation gestartet war, fühlte ich mich weniger allein.“

Auch Disturbed nehmen sich regelmäßig auf der Bühne die Zeit, ein paar Worte zu dem Themenkomplex zu sagen, und mit Liedern wie ‘A Reason To Fight’ Hoffnung in die Köpfe betroffener Hörer zu pflanzen. „Ich bin wirklich froh, dass sich so viele Musikerkollegen dafür einsetzen, ein Bewusstsein für die Erkrankung an Depressionen und Sucht zu schaffen und eine Art kollektive Bewegung daraus zu machen – sowohl im Genre als auch darüber hinaus“, sagt Disturbed-Frontmann David Draiman nachdrücklich. „Das ist wichtig, um die Probleme zu erkennen und damit umzugehen. Wir haben ‘A Reason To Fight’ geschrieben, weil jeder von uns in der Band bereits mit den Dämonen der Depression und Sucht zu kämpfen hatte – egal, ob am eigenen Leib oder durch uns nahestehende und geliebte Personen. Wir fühlten uns daher geradezu verpflichtet, etwas über dieses Thema zu schreibe.“. Vor einigen Jahren hatten die meisten Leute den Vorhang zu ihrem seelischen Wohlbefinden noch gänzlich fest zugezogen und am besten noch festgetackert, so dass nur vereinzelte Stimmen nach außen drangen.

Devin Townsend, bei dem in den Neunziger Jahren zunächst eine Bipolare Störung diagnostiziert wurde, ging damit jedoch auch schon damals sehr offen um. „Ich habe wenig Probleme damit, die Wahrheit über mich zu erzählen. Selbst wenn sich diese mit der Zeit verändert.“ So war es auch mit seiner Diagnose, die Townsend später auf seine frühere Experimentierfreude mit bewusstseinsverändernden Drogen zurückführte, weswegen die medizinische Klassifi- zierung in seinem Fall dann wieder ad acta gelegt wurde. „Meine Lage ist jetzt sehr anders als zu jener Zeit. Aber mein Begehren, darüber zu reden, hat sich nicht geändert. Meine Hoffnung ist, dass das, was ich tue, anderen Menschen hilft. Es soll ihnen zeigen, was ich durchgemacht und daraus gelernt habe. Es hilft ihnen vielleicht, wenn sie sehen, dass man damit absolut kein Problem haben muss.“

Auch für Sólstafir-Sänger Aðalbjörn „Addi“ Tryggvason sind psychische Probleme keineswegs ein Tabuthema: „Für mich ist es sehr natürlich, über Depressionen zu reden – etwa Leute zu fragen, ob ihr neues Antidepressivum wirkt – oder über Alkoholkonsum, Drogen und auch Genesung. Es ist ein Thema wie das Wetter. Wieso sollte man auch nicht darüber reden? Wie kann es sein, dass Menschen mehr Zeit damit verbringen, sich über Fußball zu unterhalten, als darüber, dass sie sich selbst umbringen möchten?“ Auf der Bühne spricht Addi vor dem Song ‘Fjara’ immer wieder über einen Freund, der sich das Leben genommen hat. Johan Hegg (Amon Amarth) erinnert sich im Gespräch daran, einen dieser Konzertmomente im Publikum miterlebt zu haben. Daraufhin erörterte er das Thema mit seiner Gemahlin, was schließlich zu einem eigenen Song (‘Into The Dark’) führte, der das Thema Depressionen aufgreift. „Es ist wichtig, dass solche Dinge besprochen werden, denn auch wenn man selbst nicht betroffen ist, sind die Chancen doch sehr hoch, dass man jemanden kennt, der das ist. Wir sollten dazu in der Lage sein, darüber zu reden, um uns gegenseitig zu helfen. Das Problem ist verbreiteter, als man vielleicht denkt.“

Devin Townsend


Sólstafir: Aðalbjörn „Addi“ Tryggvason (l.)


Disturbed: David Draiman (2.v.l.)


Aber wieso fällt es Menschen überhaupt so schwer, über psychische Probleme und Erkrankungen zu sprechen? „Menschen wollen nicht über die Wahrheit reden. Sie beschäftigen sich lieber mit oberflächlichem Müll und lenken sich ab“, erklärt Jesse. „Das ist die Art von Gesellschaft, in der wir leben. Wenn man über psychische Erkrankungen, düstere Gedanken und die Möglichkeit, sich selbst das Leben zu nehmen, spricht, sind das heftige Themen, und viele Leute wollen damit einfach nicht genervt werden.“ Einen weiteren Grund sieht David in der Furcht. „Menschen wollen in einem gewissen Maß glauben, dass ihnen das nicht passieren kann. Das ist ähnlich wie bei Krebs. Der kriegt jeden. In der Minute, in der das einem klar wird, kann man es sich nicht mehr ausreden und es jagt einem Angst ein. Sobald sich Menschen eingestehen, dass Depressionen und Suchterkrankungen eben wirklich Krankheiten sind, entgleitet ihnen die Kontrolle. Es könnte auch sie betreffen. Deswegen ist es leichter, die Schuld auf das Individuum zu schieben und zu erklären, der Mensch sei nicht stark genug. Diese Krankheiten bekommen aber auch den Stärksten, sie diskriminieren nicht.“ Diese Einsicht fehlt oft noch: Psychische Erkrankungen sind eben Krankheiten. Bei einer Grippe melden sich die meisten Leute ganz ohne Probleme mit Angabe des Grunds krank. Wer schon einmal aufgrund einer schweren depressiven Phase abwesend war und das offen kundtat, der hat vielleicht noch ein paar skeptische Blicke abbekommen, die ähnlich auf den Betroffenen wirken wie ein übergroßer Stempel, der einem das Wort „Simulant“ auf die Stirn drückt. So langsam fällt das Stigma jedoch durch die Kommunikation. Dabei ist eine Weiterführung des Dialogs dringend nötig, wie Jesse erzählt: „Es ist großartig, dass immer mehr kommuniziert und normalisiert wird. Ich liebe das. In der extremen Szene kann man potenziell Leben retten. Es gibt aber auch immer noch genügend Leute, die mit diesem Stigma im Kopf umherlaufen. Veränderung ist eine sehr schwierige Sache. Je mehr wir darüber reden, desto normaler und leichter wird es für Menschen, die sich bisher noch nicht trauen, darüber zu reden. Psychische Erkrankungen sollten gehandhabt werden wie ein gebrochener Fußknöchel: Sie brauchen Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Therapie.“

Metal und psychische Probleme

„Ein Grund, wieso der Dialog über psychische Erkrankungen und Metal beziehungsweise extreme Genres zusammengehören, ist, dass die Außenseiter der Gesellschaft darüber sprechen. Der Großteil der Menschen tut das nicht.“ Jesse selbst sympathisierte aufgrund seiner Probleme und seines früheren Außenseiterdaseins mit, und fand dann seinen Platz in der Hardcore- und Punk-Szene, weswegen psychische Angelegenheiten für ihn auch in gewisser Weise Teil der Kultur sind. Kritiker des Metal sahen vor allem in den Achtziger- und Neunziger Jahren eine Verbindung von psychischer Erkrankung und dem Hören von Metal. Diese Auffassungen gibt es heutzutage aber nur noch in Form von Klischees, oder? „Ich denke, diese Ansicht kommt mit vielen Dingen daher, die mit Metal und seinem Image in der größeren Öffentlichkeit zu tun haben. Das ist im Grunde ein zum Teil beabsichtigtes Missverständnis dessen, was Metal ist, worum es geht und was er für die Menschen bedeutet. Darin ist alles konfrontierend, und wenn Menschen mit etwas konfrontiert werden, verbinden sie es mit etwas Negativem“, meint Parkway Drive-Sänger Winston McCall dazu. Für den Fronter hat Metal nur sehr Positives bewirkt: „Metal war für mich immer etwas, das mir einen Platz und eine Identität in der Welt gibt.“ Über angeblich mögliche negative Wirkungen kann David ebenfalls nur den Kopf schütteln: „Psychische Gesundheit geht jeden etwas an und hat auch Auswirkungen auf jeden. Menschen denken vielleicht, dass Metalheads leichter depressiv werden oder geistige Erkrankungen ausbilden als andere Leute, was absolut nicht stimmt. Ich meine, es ist eher das genaue Gegenteil. Die Musik und Kultur sind sehr therapeutisch. Es gibt keine Gemeinschaft, die offener, toleranter und gewillter ist, zuzuhören.“ Die Offenheit der Szene sieht auch Johan Hegg als sehr positives Umfeld: „Ich glaube, die Metal-Szene allgemein ist eher psychisch gesund, weil Menschen eine Art und Weise haben, ihren Gefühlen durch die Musik Luft zu machen. Das ist das Schöne eines Subgenres: Es entwickelt sich eine Gemeinschaft, und wenn man dieser nicht angehört, hat man nicht dieses gleiche Gefühl von Zusammengehörigkeit. Es ist mehr eine Sache der Minderheit.“ Schaut man sich in der wissen schaftlichen Welt ein wenig nach möglichen Verbindungen zwischen psychischen Erkrankungen und Metal um, stößt man auf einige Aufsätze. Darunter vor allem Studien, denen mal leichter, mal schwerer zu glauben ist. An einer Universität in Brisbane wurde 2015 eine Studie mit (lediglich) 39 Probanden durchgeführt, die herausstellte, dass Extreme Metal keine Wut verursacht und Fans vielmehr diese Musik hören, um ihren Gefühlen wie Ärger oder Trauer gerecht zu werden, diese zu regulieren und positive Emotionen zu verstärken. In Bezug auf Wut bestätigte dies auch eine Studie der American Psychological Association, eines großen nordamerikanischen Fachverbandes für Psychologie, in der 551 Studenten untersucht wurden. Hier kam jedoch auch heraus, dass Metal-Hörer eher zu innerer Unruhe und ein wenig mehr zu Depressionen neigen als Hörer anderer Genres. Eine weitere Untersuchung in Frankreich hat mit 333 Probanden jedoch genau das Gegenteil herausgefunden und sieht einen positiven Nutzen durch offene Thematisierung von Tod und Selbstzerstörung, da sie das Interesse an Aufklärung schafft.

Amon Amarth: Johan Hegg (M.)


Das Bild des starken Mannes

Vielleicht wird speziell im Metal ein bisschen mehr Bewusstsein für psychische Erkrankungen benötigt, weil sich im klassischen Heavy Metal ein sehr stereotypisches Männerbild ausgeprägt hat. Kerle hart wie Stahl, die nicht von Gefühlen, sondern brutaler Zerstörung oder fiktiven Geschichten singen, die eher auf bereits bestehenden Textwerken oder Geschehnissen beruhen, man denke nur an bekannte Lieder von Slayer oder Metallica. Verwandelt man sich mit aufmerksamkeitaufzeigender Sesselpose mal eben zum Hobby-Psychotherapeuten, könnte man darin durchaus einen Grund für negative Gefühle finden. Aus der Soziologie stammt der Begriff der toxischen Männlichkeit, der auch in der Psychologie Verwendung findet und mit dem derzeit auch fleißig in Diskussionen zu Geschlechtergerechtigkeit umhergeworfen wird. Er beinhaltet im Grunde, dass der Versuch, Verhaltensweisen zur Demonstration von Männlichkeit zu folgen, schädlich sein kann. Demnach zeigt man(n) keine Gefühle außer Wut, teilt keine Ängste und sucht sich keine Hilfe. Mögliche Folge der Unterdrückung sind schlimme Depressionen, gewalttätiges Verhalten und Suizide. Für Jesse war dieses stereotypische Bild von Männlichkeit schon immer lachhaft: „Ich wurde nie in die Idee hineingeboren, dass ein Mann au„auf eine bestimmte Art und Weise zu sein hat. Man sollte immer sein, wer man ist. Es ist witzig, dass im Metal immer noch einige die Haltung haben, es müsse stets heftig und böse zugehen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die meisten Musiker in Metal-Bands wirklich sehr sensible Menschen sind. Ich zeige sehr gerne meine sensible Seite – einfach, um anderen ans Bein zu pissen. Wenn man ehrlich ist mit seinen Gefühlen und damit, wie es einem geht, dann ist das wirklich mutig und gehört zelebriert. Wir leben schon in einer furchtbar künstlichen Welt.“ Addi ist ebenfalls dieser Meinung: „Toxische Männlichkeit gibt es noch immer viel im Metal. Ich kenne viele Typen, die sich zwar dazu bekennen, dass sie Depressionen haben, aber sie trinken viel Alkohol und sehen nicht, dass ihre Suizidgedanken etwas damit zu tun haben. Es ist nicht cool genug, seine Probleme zu äußern, deswegen trinkt man lieber mehr Wodka und fühlt sich gut. Wir wurden so erzogen, dass Starksein bedeutet, nicht zu jammern. Es bedeutet, wütend zu sein, keine traurigen Gefühle zu haben, viel Mist zu saufen. Das ist, was ein Mann ist. Aber im Grunde tötet es eben diese. Junge Männer haben die höchste Suizidrate auf der Welt.“

„In früheren Generationen wurde einem beigebracht, dass man, wenn man Schwäche zeigt, sich anderen unterordnet“, berichtet auch Winston. „Die Art und Weise, wie Stärke defifififiniert ist, hat sich jedoch geändert. In der Gesellschaft setzt es sich immer mehr durch, dass man stark sein kann, auch wenn man Schwäche zeigt. Und fähig zu sein, seine Schwächen einzugestehen und nach Hilfe zu fragen, lässt einen nur noch stärker werden, anstatt dass man verleugnet, dass Schwäche existiert.“ Zunächst ließen vor allem viele Musiker des New Metal, Metal- und Hardcore Emotionen mit der Musik heraus. Man erinnere sich an die Emocore-Szene der frühen Zweitausender, deren Präfifix die Emotionen schon im Namen trug und die von vielen Seiten jede Menge Hass aufgrund ihrer gefühlsoffenen, sensiblen Art abbekam. „Die Art, sich auszudrücken, hat sich geändert“, meint Winston. „Ich denke, Metal hat sich dahingehend entwickelt, die Gesellschaft zu reflflektieren. Heutzutage ist das Bewusstsein der Menschen sehr viel erweiterter, und man weiß: Jede Person ist anders. Die Art und Weise, wie wir fühlen, hat Konsequenzen. Und diese haben einen größeren Einflfluss auf unser Leben als frühere – sagen wir mal: eher fifiktionale – Themen des klassischen Heavy Metal. Es gibt so vielen Menschen einen Platz, sich einzugestehen, dass es okay ist, nicht zu verstehen, wer man selbst ist, sich verloren zu fühlen und düstere Gefühle zu haben. Und das macht jeder durch. Das war auch früher so, es wurde nur nicht darüber geredet. Es gibt eine viel breitere Palette von Emotionen, die mittlerweile künstlerisch verarbeitet wird.“

Killswitch Engage: Jesse Leach (M.)


Sind Musiker anfälliger für psychische Erkrankungen?

Als Musiker hat man die Möglichkeit, seine Kunst zu nutzen, um negativen Gedanken und Gefühlen Luft zu machen. Für Parkway Drive-Stimme Winston ist das auch von unschätzbarem Wert: „Musik ist die beste Möglichkeit, meine Emotionen zu kanalisieren. Sie eröffnet meiner Seele die Möglichkeit, in einer Weise zu sprechen, in der Sprache es nicht kann. Schlussendlich spreche ich – noch immer – nur eine Sprache, und deren Wörter sind limitiert. Aber Emotionen gehen so viel tiefer als Sprache. In den Zeiten, als ich deprimiert, ängstlich oder frustriert war, konnte ich nicht wirklich verstehen und auf den Punkt bringen, wie ich mich innerlich fühle. Musik gibt mir die Möglichkeit, das zu tun. Und es in etwas zu packen, das größer ist als ein Satz, ist eine enorme Chance, denn damit lässt man Dinge heraus. Deswegen glaube ich, dass Musik eine großartige Form der Kommunikation ist und sie Menschen zusammenbringt.“ Jedoch ist man nicht nur die ganze Zeit im Studio am Musizieren oder schreibt Songs, sondern hat auch jede Menge Tourneen zu spielen. Das kann gewisse Probleme begünstigen. Chris Cornell, Chester Bennington oder Kurt Cobain – einige legendäre Rock- und Metal-Künstler begingen Suizid. „Ich denke, Musiker sind anfälliger für psychische Probleme wie Depressionen oder Suchterkrankungen. Eben wegen dem, was sie tun“, holt der Disturbed-Sänger aus. „Man ist unter einem Mikroskop, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das ist nicht immer leicht. Manchmal ist es ein einsames und hartes Leben. Man ist für lange Zeit von seiner Familie und geliebten Menschen entfernt, lebt aus dem Koffer und muss hohen Druck aushalten. Für Leute, die ohnehin schon Probleme haben, kommt das alles noch erschwerend hinzu. Sich selbst gefühllos zu machen oder in chemischen Substanzen zu verlieren, um nicht zu vergessen, wie isoliert man ist, ist leider ein Teil davon, was wir sind.“

Devin sieht die Musikindustrie als harten, frustrierenden Brocken und mögliche Ursache, wieso viele Musiker an Depressionen leiden: „Menschen, die in einem künstlerischen Feld tätig sind, sind häufifig sehr sensibel. Und die Musikindustrie ist zudem ein Biest. Sie lässt einem sehr viel Aufmerksamkeit zukommen, die man ohne die Musik nicht hätte. Selbst wenn man eigentlich komplett psychologisch gesund ist, kann das ein wahres Feuer legen. Ich kenne viele Leute, die in harte Drogen oder Alkoholismus geflüchtet sind.“ Es ist absolut kein Geheimnis, dass viele Musiker der Rock- und Metal-Welt einen starken Hang zu Drogen und vor allem Alkohol aufweisen. „Ich bin noch immer nicht schuldfrei, was die Betäubung durch Alkohol angeht“, gesteht Jesse ein. „Ich habe Angstzustände. Vor allem, bevor ich zu Bett gehe. Ich brauche meinen Schlaf, also nehme ich eine Tablette und trinke eine Flasche Wein. Das ist sicher nicht das Gesündeste, aber man muss in erster Linie sein Limit kennen. Ich versuche es auch häufig mit Meditation. Alkohol ist leider eine sehr gute Möglichkeit, Angstzustände zu bekämpfen. Speziell als Musiker, wenn man unterwegs ist – Alkohol ist einfach immer da und greifbar. Er gehört irgendwie dazu.“ – „Ich bin selbst Alkoholiker, und alle Alkoholiker haben mit Depressionen zu kämpfen“, sagt Addi gänzlich unverblümt. „Das geht Hand in Hand. Viele psychische Störungen gehen miteinander einher. Einige sind verwandt. Depressionen helfen einem auch definitiv nicht dabei, Musik zu schreiben. Ich will absolut nicht komponieren, wenn ich Depressionen habe; ich will dann nicht einmal aus dem Bett steigen, nicht essen, nicht duschen, also habe ich auch keine Lust, meine Gitarre zu nehmen und kreativ zu sein. Ich muss in einer guten Verfassung sein, um Musik zu schreiben.“ Sehr schlechte Tage hat der Musiker aber mittlerweile zum Glück nur noch selten, erzählt er. „Es ist normal, einen schlechten Tag zu haben, nicht aber einen Monat. Wenn das so ist, muss man in seinem Leben dringend etwas ändern.“

Parkway Drive: Winston McCall


INFOS

Bipolare Störung

Eine Bipolare Störung bezeichnet eine schwereEine schwere, chronisch verlaufende psychische Erkrankung. Diese zeichnet sich durch manische und depressive Stimmungsschwankungen aus – durch sehr extreme Hochs und Tiefs. In Hochphasen ist der Betroffene äußerte euphorisch, sich selbst überschätzend, überaktiv und damit auch sehr reizbar. In Tiefphasen hingegen kommt es zu starken Depressionen sowie Suizidgedanken, Antriebslosigkeit und Schlafstörungen.

Depression
Eine Depression ist auch aus medizinischer und therapeutischer Sicht eine ernst zu nehmende Erkrankung. Zwar wird sie oft als Begriff gebraucht, um alltägliche Schwankungen des Befifindens zu beschreiben, jedoch handelt es sich dabei keineswegs um eine vorübergehende Phase der Niedergeschlagenheit und Unlust oder ein Stimmungstief. Sie tritt bei fast jedem Menschen im Lauf des Lebens ein- oder mehrmals auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schreibt hierzu: „Depression kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person, zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben, beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen. Milde Formen können ohne Medikamente behandelt werden, mittlere bis schwere Fälle müssen jedoch medikamentös beziehungsweise durch professionelle Gesprächstherapie behandelt werden.“

Psychische Gesundheit
Die WHO defififiniert psychische Gesundheit als einen Zustand des Wohlbefifindens, in dem das Individuum seine Fähigkeiten und Potenziale nutzen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und sinnstiftend arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen.

Keine Angst vor professioneller Hilfe
So sehr Musik dabei helfen kann, eigene Emotionen zu verarbeiten und zu kanalisieren, ist es wichtig zu erkennen, wann einem die Dinge über den Kopf hinauswachsen. Laut der Suizidzahlen von 2017 nimmt sich alle 57 Minuten ein Mensch das Leben. In den letzten zehn Jahren gab es in Deutschland weit über eine Million Suizidversuche. Viele Menschen suchen sich erst Hilfe, wenn ihre Symptome schon ein starkes Ausmaß angenommen haben. Ähnlich wie ein grippaler Infekt können sich auch psychische Erkrankungen, die nicht behandelt werden, verschlechtern und einen chronischen Verlauf nehmen. Wenn du selbst unter psychischen Problemen leidest: Die Telefonseelsorgestellen sind jederzeit unter 0800- 1110111 oder 0800-1110222 kostenlos erreichbar. Um eine stetige Besserung zu erzielen, empfifiehlt es sich, eine Therapie in Anspruch zu nehmen. In Deutschland lassen sich über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Therapeuten mit freien Plätzen fifinden. Erstsitzungen, sogenannte probatorische Sitzungen, sind in der Regel problemlos zu vereinbaren und gehören noch nicht zur eigentlichen Therapie.


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