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SPECIAL MUSIK: Motivierter reiten mit Musik


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 20.01.2020

Sie berührt uns tief im Innersten, kann uns nach einem stressigen Arbeitstag abschalten lassen oder beim Sport zu Höchstleistung antreiben – Musik hat eine ungeheure Macht auf uns. Und das können wir auch beim Reiten nutzen, wie eine Studie zeigt


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Eine Studie zeigt: Mit Musik reiten wir weniger verbissen und haben das Gefühl, dass alles besser gelingt.


Foto: www.slawik.com

Alle wippen mit dem Oberkörper im Takt der Musik, singen mit „Wo‘s is denn Hulapalu, wo‘s ghert denn da dazu, macht ma beim Hulapalu vielleicht die Augen zu…“ Wenn Ingrid Klimke und Franzikus durch ihre Kür tanzen, klatscht das Publikum ...

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... nicht nur lautstark im Takt mit, die Menge vibriert förmlich – sogar mancher Schlagermuffel lässt sich da mitreißen. Und wie sieht es bei Ihnen aus? Bei welchen Liedern summen Sie automatisch mit und beginnen mit den Füßen zu wippen? Weil es auf Ihrer Jogging-Playlist steht oder Sie bei genau diesem Song auf der letzten Party besonders viel Spaß hatten?

BAHN FREI FÜR GLÜCKSHORMONE

Unsere Erinnerungen bestimmen, welche Gefühle wir mit einem Lied in Verbindung bringen. Denn beim Musikhören werden nicht nur die Bereiche unseres Gehirns aktiv, die wir zum Hören benötigen, sondern unter anderem auch unser Emotionszentrum. Musik, die wir mögen, stimuliert unser Belohnungszentrum. Unser Körper wird überflutet von Hormonen: Körpereigene Glückshormone, die Endorphine, werden ausgeschüttet, so dass das Stresshormon Cortisol reduziert wird. Das Bindungshormon Oxytocin, das Vertrauen und Sympathie fördert, wird vermehrt gebildet. Positive Emotionen rücken in den Vordergrund, Schmerzen und Stress verblassen.

UNSERE EXPERTIN

PROF. DR. KATHRIN SCHÜTZ

Die Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Düsseldorf reitet selbst und weiß, wie gut Pferde bei Musik mitmachen. Aus diesem Grund wollte sie wissen, welchen Einfluss Musik auf die Reiter hat und hat dies in einer Studie untersucht.

Foto: privat

Beim Musikhören werden Glücksund Bindungshormone freigesetzt, so dass wir mehr Vertrauen haben und mehr Sympathie empfinden.


Foto: www.slawik.com


„Der positive Einfluss von Musik kann im Reitsport vielfältig genutzt werden“ Prof. Kathrin Schütz nach einer Studie mit Reitern, die mit und ohne Musik trainierten


Manche Menschen können sich mithilfe von Musik besser konzentrieren und fokussieren. Andere nutzen bestimmte Songs, um sich beim Joggen noch mehr zu motivieren und anzutreiben. Mit Musik können Sportler 15 Prozent mehr Leistung bringen, das haben Sportwissenschaftler der Brunel University London herausgefunden.

DER MOZART-EFFEKT

Manche Forscher glauben, dass es gar nicht so sehr auf die Art der Musik ankäme, sondern darauf, ob wir das Lied mögen und ob der Rhythmus der Musik zur Sportart passt. Viele Jogger werden das bestätigen – und auch Reiter würden dem wohl zustimmen, wenn sie einmal darauf achten würden. Prof. Kathrin Schütz von der Hochschule Fresenius in Düsseldorf fand nämlich heraus, dass Reiter motivierter im Sattel sind, wenn beim Reiten Musik läuft, die ihnen gefällt und die zum Takt des Pferdes passt. Die Wirtschaftspsychologin und aktive Reiterin weiß, wie Musik uns Menschen beeinflussen kann. „Es ist schon seit langem bekannt, dass sich Mozart positiv auf Menschen auswirkt: Das passive Hören von zehn Minuten Mozart-Musik hat einen kurzzeitig fördernden Einfluss auf verschiedene intellektuelle Leistungen und wirkt sich außerdem leistungssteigernd auf verschiedene räumliche Aufgaben aus“, erklärt die Psycho login. „In diversen Sportarten und beim Lernen konnte bereits der effektive Einsatz von Musik nachgewiesen werden. Da die Wirkung von Musik im Reitsport bisher noch nicht untersucht wurde, stellte sich in meiner Studie die Frage, ob Musik auch im Reitsport zur Steigerung der Motivation genutzt werden kann.“ Für ihre Studie hat die Psychologin eine moderne Mozartversion gewählt. „Wir haben Mozart-Re:Loaded von Stefan Obermaier abgespielt, zum einen wegen des Mozart-Effekts, zum anderen hat diese Musik einen Beat, der zum Takt der meisten Pferde in den Gangarten Schritt, Trab und Galopp passt und von vielen Personen als angenehm, ‚ganz cool‘ und passend wahrgenommen wurde.“ Auch für die Pferde dürfte diese Musik ganz angenehm gewesen sein, denn in bereits vorausgegangenen Studien hatte man herausgefunden, dass Pferde unter anderem klassische Musik gegenüber Jazz- oder Rockmusik bevorzugen (s. a. Seite 70).

Christopher Mösbauer hat an zwei Musik-Studien teilgenommen und war super motiviert.


Foto: Privat

Bei Teilnehmerin Kim Mysliwczyk passten sich Reiterin und Pferd dem Takt der Musik an.


Foto: Privat

MEHR SPASS, WENIGER DRUCK

Insgesamt 69 Reiter verschiedener Reitställehatten an der Studie teilgenommen und mussten mindestens fünfmal die Woche reiten. Die Hälfte der Reiter ritt mit Musik, die über Lautsprecher in der Reithalle abgespielt wurde, die andere ohne. Mithilfe eines Fragebogens wurde zu Beginn und Ende einer Woche ermittelt, wie motiviert die Reiter beim Training waren. Besonderes Augenmerk legten die Psychologen dabei auf die „intrinsische Motivation“ und das „Flow-Erleben“. „Die intrinsische Motivation ist die Motivation von innen, die man hat, weil einem etwas Spaß macht. Im Gegensatz dazu steht die extrinsische Motivation, die ich habe, weil ich eine Belohnung für etwas bekomme, wie etwa Geld. Der Flow beschreibt, wie sehr ich in einer Aufgabe aufgehe, so dass ich Zeit und Raum vergesse“, erklärt Prof. Schütz. Ein weiterer positiver Aspekt des Flow-Erlebens: Man hat das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben und fühlt sich weder unter- noch überfordert. Entsprechend wurde das Flow-Erleben im Fragebogen ermittelt mit „Ich habe das Reiten sehr genossen“, „Ich hatte den Eindruck, dass ich alles unter Kontrolle hatte“ oder „Ich hatte den Eindruck, dass die Zeit schnell verging“.

Mit Musik waren die Reiter motivierter und hatten ein deutlich höheres Flow-Erleben als ohne Musik – das zeigte die Studie. Die Reiter hatten mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten und mehr Spaß am Reiten. Außerdem empfanden sie weniger Druck und hatten das Gefühl, dass das Training weniger anstrengend war. „Die Reiter haben uns nach einer Woche mit Musik gesagt, dass sie mehr zum Reiten gekommen seien und weniger verkopft zur nächsten Pirouette oder zum fliegenden Wechsel geritten seien. Auch die Übergänge seien leichter gewesen. Wenn man in Gedanken bei der Musik ist, können andere Dinge leichter von der Hand gehen.“ Auch die Pferde zeigten sich in der Studie nach Aussagen der Reiter wacher und motivierter.

Christopher Mösbauer ist einer der Teilnehmer der Musik-Studie. Der Buchhalter und Finanzberater reitet seit 30 Jahren und hat zur Zeit zwei Pferde unter dem Sattel: eine 21-jährige Stute, die früher M-Dressuren gegangen ist, und eine dreijährige Nachwuchsstute. Fünfmal in der Woche sattelte er seinen Oldie und trainierte zu Mozart-Re:Loaded dressurmäßig: vor allem Übergänge, fliegende Wechsel, Mitteltrab und Mittelgalopp. „Die Musik fand ich persönlich gut, auch wenn sie an manchen Stellen zu Elektro-lastig war. Stellenweise war der Takt zu schnell für meine Stute. Teilweise hat es aber auch perfekt gepasst und ich hatte das Gefühl, dass das Reiten bzw. die Taktaufnahme durch mich als Reiter leichter war“, erinnert sich der 36-Jährige. Auch Kim Mysliwczyk, die ebenfalls an der Studie teilgenommen hatte, zieht das Fazit, dass sie und ihr Pferd motivierter und konzentrierter waren. „Es lief uns so von der Hand. Ich empfand das Training auch als effektiver. Die Musik hat sehr gut zu dem Takt meines Pferdes gepasst bzw. ich hatte das Gefühl, dass wir uns irgendwie an den Takt der Musik angepasst haben.“ Ihr Gefühl täuscht sie nicht. Wir und auch die Pferde passen sich dem Takt an und sogar unser Herzschlag passt sich ein Stück weit dem Takt der Musik an (siehe Interview rechts).

SCHLAGER PUNKTET

Christopher Mösbauer hat noch an einer weiteren Studie von Prof. Kathrin Schütz teilgenommen, die bisher noch nicht veröffentlicht wurde. „In einem zweiten Umlauf haben wir noch Schlager mit dazu genommen, weil er in Küren auf Turnieren beim Publikum sehr gut ankommt, wie etwa bei Ingrid Klimke zu Hulapalu, und weil die Reiter der Prüfungen meist viel Spaß beim Reiten haben“, erklärt die Psychologin. Eine Gruppe trainierte also zu Schlager, eine zu Mozart-Re:Loaded und eine ohne Musik. Die Reiter, die zu Schlager ritten, waren tatsächlich noch motivierter und mehr im Flow-Erleben als bei der Mozart-Version – obwohl sie vorher nicht unbedingt Schlagerfans waren. „Viele finden Schlager uncool, aber der Beat passt gut zum Takt des Pferdes und motiviert“, glaubt Prof. Kathrin Schütz und Christopher Mösbauer unterschreibt diese Theorie. „In der Schlagerstudie hat der Takt so gut wie immer perfekt zu meiner Stute gepasst. Ich hatte deutlich mehr Spaß und die Zeit ist subjektiv empfunden schneller vorbei gegangen. Es war bei manchen Liedern wie Disko mit Pferd. Seitdem höre ich regelmäßig Musik beim Training, aktuell vor allem Schlager.“ Wer es selbst einmal ausprobieren möchte, im Kasten links sind die Titel der zweiten Studie gelistet.

SPOTIFY PLAYLIST – ZU DIESEN MUSIKTITELN REITEN ST.GEORG-LESER

Ein Lied ist der absolute Spitzenreiter und läuft bei vielen St.GEORG-Lesern beim Reiten: Dance Monkey von Tones and I. Ansonsten zeigt sich: Je nach Geschmack schalten St.GEORG-Leser ganz unterschiedliche Genres und Musiktitel ein. Ob ganz modern (Dynoro & Gigi D’Agostino: „In my Mind“, Avicii: „Wake Me Up“, David Garrett: „Viva La Vida“, Alice Merton: „No Roots“), aus den 80ern (Fury In The Slaughterhouse: „Every Generation Got Its Own Disease“, Phil Collins: „In The Air Tonight“, Frankie Goes To Hollywood: „The Power Of Love“, Kygo, Whitney Houston: „Higher Love“), klasssich (Tschaikowsky: „Tanz der Zuckerfee“ oder „Schwanensee“) und sogar HeavyMetal und Hard Rock werden zum Reiten genutzt (AC/DC: „Highway to Hell“, Rammstein: „Zeig Dich“). Auf Spotify sind die Lieblings-Reitlieder der St.GEORGLeser zu finden (Spotify App nötig), einfach den linken QR-Code scannen.
Es gibt aber auch Reiter, die empfinden Musik beim Reiten als störend: „Ich kann mich mit Musik nicht konzentrieren, weil ich sonst immer mitsingen muss“, schreibt uns ein Leser, oder „Wenn ich reite, brauche ich gar keine Musik. Ich liebe es, die Geräusche zu hören, die mein Pferd macht, besonders das zufriedene Schnauben.“

Damit Musik uns motiviert, sollte sie uns zum einen gefallen …


Foto: Adobe

… und beim Reiten noch viel wichtiger: Sie sollte gut zum Takt des Pferdes passen.


Foto: www.slawik.com

WARUM MOTIVIERT UNS MUSIK?

Prof. Dr. Thomas Schäfer ist Professor für Quantitative Forschungsmethoden an der MSB Medical School Berlin. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt auf der Musikpsychologie (Funktionen, Emotionen, Präferenzen).

St.GEORG: Warum treibt uns Musik beim Sport an?
Prof. Thomas Schäfer: Musik ist schlicht ein physikalischer, akustischer Stimulus und kann daher aktivierend wirken. Das heißt, z. B. laute, schnelle oder komplexe Musik aktiviert uns physiologisch und mobilisiert damit unsere körperliche Energie. Das spüren wir als Antrieb oder Motivation. Auf der psychologischen Ebene kann Musik aber auch positive Erinnerungen oder Assoziationen wachrufen und uns damit in eine gute Stimmung versetzen. Das funktioniert in der Regel mit unserer Lieblingsmusik sehr gut. Und bei guter Stimmung geht alles leichter, wir fühlen uns aktivierter und zuversichtlicher.

Welche Eigenschaften muss Musik erfüllen, damit sie uns motiviert?
Wie schon angedeutet muss die Musik in diesem Fall über dem „normalen“ Aktivierungsniveau liegen. Was normal ist, hängt von der jeweiligen Person ab. Wenn sie also für eine Person „relativ“ laut, schnell oder komplex ist, dann kann sie aktivieren und motivieren. Außerdem muss sie gefallen. Energetische Heavy Metal Musik wird bei manchen Personen eher das Gegenteil von Motivation erzeugen, während sie für andere das Aktivierungsmittel schlechthin ist. Das alles sind Erfahrungen.

Welche Rolle spielt dabei der Takt der Musik?
Der ist für das „Relative“ ganz entscheidend. Nehmen wir ganz banal den eigenen Herzschlag. Liegt unser Ruhepuls bei 60, dann würden wir eine Musik mit 60 oder 120 bpm (beats per minute, s. S. 67) als recht neutral oder angenehm empfinden. Liegt das Tempo merklich darüber, würden wir der Musik einen aktivierenden Charakter zuschreiben. Zudem kommt es dann zu einem Effekt, den die Psychologen Entrainment nennen: Die Herzrate passt sich dem äußeren Takt durch die Musik ein Stück weit an – das Herz schlägt schneller, wir sind aktivierter. Denken wir auch ans Joggen mit Musik. Hier ist es praktisch unmöglich, nicht im Takt der Musik zu laufen (es sei denn, der Takt ist deutlich anders als der Takt unserer Bewegungen). Beim Reiten kommt noch hinzu, dass die Bewegungen des Tieres mit den eigenen Bewegungen und mit der Musik verschmelzen können und dies dazu über die Zeit recht monoton oder repetitiv sein kann. Das sind die optimalen Bedingungen, um in einen Trance-Zustand zu geraten, der sich harmonisch, stimmig und befreiend anfühlen kann. Wenn dann auch die eigenen Fähigkeiten (die ich beim Reiten korrekt einsetzen muss) optimal passen oder fließen, dann kommt es zu einem Flow-Erleben. Tempo und Takt der Musik können das optimale Agieren erleichtern und damit den perfekten „Fluss“ meiner Handlungen.

Wenn bei Ingrid Klimkes Kür das Lied „Hulapalu“ aus den Lautsprechern dröhnt, geht das Publikum begeistert mit – ein Grund, warum in einer zweiten Studie untersucht wurde, wie motiviert Reiter bei Schlagermusik trainieren.


Foto: www.sportfotos-lafrentz.de


„Es war bei manchen Liedern wie Disko mit Pferd“. Christopher Mösbauer, der an einer Studie teilgenommen hat, bei der zum Reiten Schlagermusik gespielt wurde


SCHON MAL SCHLAGER PROBIERT?

Schlager motiviert beim Reiten noch mehr als Klassik. Das hat Psychologin Prof. Kathrin Schütz in einer noch nicht veröffentlichten Studie herausgefunden. Diese Lieder wurden gespielt:
● A Mann für Amore – DJ Ötzi
● Ein Stern – DJ Ötzi
● Fehlerfrei – Helene Fischer
● Himmelblaue Augen – Anna-Maria Zimmermann
● I sing a Liad für di – Andreas Gabalier
● Wir 2 immer 1 – Vanessa Mai
● Hallihallo – Andreas Gabalier
● Zuckerpuppen – Andreas Gabalier
● Verdammt ich lieb dich – M. Reim
● Marathon – Helene Fischer
● Herzbeben – Helene Fischer
● Ich will immer wieder dieses Fieber spür’n – Helene Fischer
● Hulapalu – Andreas Gabalier
● Achterbahn – Helene Fischer
● Was für eine geile Zeit – Ben Zucker

MUSIK UND SPORT

Jessica von Bredow-Werndl ist eine der sportlich aktivsten Reiterinnen, auch jenseits des Sattels. Nicht erst seit die Geschwister Werndl mit ihrem Ausgleichsprogramm „DressurFit“ Reiterinnen und Reitern zusätzliche sportliche Impulse vermitteln, ist Sport und Musik ein fester Bestandteil ihres Alltags. Dabei unterscheidet die Mannschafts-Welt- und Europameisterin zwei unterschiedliche Funktionen, die Musik beim Sport einnimmt: Animierend und anfeuernde Beats, um den Kreislauf in Schwung zu bringen, und Musik, die zum Meditieren passt. „Für die schnelleren Stücke ist unser Fitnesscoach Marcel Andrä zuständig. Der hat viel im Programm, Charts, Klassiker, auf jeden Fall alles mit viel Rhythmus, was den Puls anregt“, sagt Jessica. Bei der Meditation hingegen setzt sie auf ruhige, langsame instrumentale Stücke. Sie erleichtern das innere Loslassen. Einen Tipp für Menschen, die ein bisschen herunterkommen wollen mit Musik und Meditation hat sie auch parat: „Nora Jones geht immer!“

PROBLEME LEICHTER LÖSEN

Psychologin Kathrin Schütz kann sich vorstellen, dass sich Probleme bei Dressur-Lektionen oder Rhythmusstörungen im Parcours mit passendem Musiktakt besser lösen lassen – auch wenn einige Reiter dies schon anwenden, müsste es wissenschaftlich noch erforscht werden. Aber eines kann die Psychologin jetzt schon sagen: „Der positive Einfluss von Musik kann im Reitsport vielfältig genutzt werden. Musik kann während des Trainings eingesetzt werden, um Reiter mit Motivationsproblemen zu helfen, motivierter und folglich konzentrierter und leistungsstärker zu reiten.“


„Nora Jones geht zum Entspannen immer“ Jessica von Bredow-Werndl


Dressurreiterin Jessica von Bredow-Werndl treibt auch außerhalb des Sattels viel Sport. Sie setzt bewusst beruhigende Musik zum Meditieren ein …


Foto: www.toffi-images.de

… und aktivierende Musik mit viel Rhythmus, die den Puls anregt, für verschiedene Fitnessübungen.


F oto: DressurFit

TIPPS: DER RHYTHMUS, BEI DEM MAN MIT MUSS

Nicht nur für zweibeinige Sportler ist entscheidend, in welchem Rhythmus die Musik spielt. Um herauszufinden, „wie schnell“ ein Song ist, gibt es die Maßeinheit „Beats per minute“ (bpm), also (Takt-)Schläge pro Minute. Generell kann man sagen, dass ein Pferd im Schritt zwischen 70 und 100 Huftritte in der Minute macht. Für den Zweitakt im Trab gilt als Faustregel um die 130 Tritte und für den Galopp ca. 90 bis knapp 100 Galoppsprünge innerhalb von 60 Sekunden. Die meisten „flotteren“ Musikstücke, die man aus den Charts kennt, haben 100 bpm oder mehr. Auf der Website songbpm.com kann man Songtitel eingeben und erfährt, mit wie vielen Beats per Minute sie aufgenommen wurden. Für alle, die Musik in ihr tägliches Reiten integrieren wollen, hier ein paar Tipps – weniger zur Verwendung in Küren als vielmehr für die Motivation des Reiters.

TRAB

„I’m coming out“ von Diana Ross! Herrliches Intro. Damit die Mittellinie herunter, bei X Halten und los geht’s! (120 bpm) Man muss nicht Passage reiten können, aber wer sein Pferd eher zu schnell reitet, sollte es mal mit dem Queen-Klassiker „Another one bites the dust“ versuchen. Wer da nicht im Takt treibt, ist taub! (110 bpm)
„Mandala“ von Sally Oldfield – Achtung! Nur hören, wenn niemand anders reitet, oder jemand, der in den 1980er-Jahren musikalisch sozialisiert worden ist! Sonst wird man vermutlich für einen verrückten Esoteriker gehalten! Ideal, wenn man in Seitengängen den Schwung verliert und das Vorwärts vergisst, weil man zu sehr seitwärts denkt. (125 bpm). Nicht nur Queen hat vieles, was Motivation schafft, auch die Queen of Pop ist dabei. „Hung up“ von Madonna (125 bpm) verwendet als musikalisches Hauptmotiv übrigens ein Stück aus ABBAs „Gimme, Gimme! (A man after midnight)“ (120 bpm). Und ABBA ist wie Omas Apfelkuchen – immer wieder gut! Wer gerne galoppiert: „Thank you for the music“ (103 bpm). Für alle, die es gerne funky mögen: „Last Night a DJ saved my life!“ von Indeep (119 bpm) und „Gimme the funk“ von den Charades (115 bpm). Aber nur für Pferde, die von Haus aus eher zu eilig sind. Die eher bequemen Kandidaten bekommt man so nicht in Schwung.
Schnell noch ein paar Trabhits: „Moviestar“ von Harpo (120 bpm) und „I am what I am“ von Gloria Gaynor (120 bpm) aus den 1970ern, „Sing hallelujah“ von Dr Alban (125 bpm) aus den 1980ern. „Don’t go“ von Yazoo (127 bpm) – den Elektropop-Klassiker bitte lieber per Kopfhörer hören, die schrillen Synthesizer- Klänge von damals sind nicht für jedes Pferdeohr bestimmt. Und, ja, sie darf wohl nicht fehlen, Helene Fischer aus dem Hier und Jetzt: „Herzbeben“, „Atemlos“ (beide 128 bpm)

GALOPP

Das Pferd neigt zu hektischen, kurzen Galoppsprüngen? „Feel“ von Robbie Williams bringt das in Ordnung (98 bpm). Selbst wenn man zu „Orinoco Flow“ von Enya (115 bpm) auch traben kann, webt es doch auch einen Klangteppich, auf dem man im Galopp herrlich zulegen und das Tempo wieder zurücknehmen kann, immer im Flow, im Orinoco Flow halt. Energie in den Galopp bringt man mit den Ärzten: „Westerland“ (94 bpm). Und wer es bombastisch mag, kann es mal mit Klassik versuchen: Händels „Messias“ – da erklingt es feierlich Hallelujah (106 bpm), vielleicht nicht unbedingt etwas für den Hochsommer.

SCHRITT

Da geht alles, was entspannt. Sind die Pferde eher „latschig“, sollte man auf animierenden Rhythmus auch fürs eigene Treiben achten. Wie wär’s mit Oper? Zum Beispiel „Che gelida manina“ aus Puccinis „La Bohème“ (78 bis 86 bpm) – Schritt zum Loslassen, ohne dabei ein Schluffi zu werden. Auch gut für Schrittpirouetten!

Tipps von Jan Tönjes – vor seiner redaktionellen Tätigkeit beim St.GEORG hat er beim RBB als Radiojournalist gearbeitet. Seit knapp 30 Jahren moderiert er auf Pferdeveranstaltungen und hat dort immer wieder mit dem Thema „Musik und Pferde“ zu tun.

F oto: Schreiner