Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 14 Min.

Spender des Lebenselixiers


Sonah - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 10.06.2020

Was hinter (und unter) unseren Brunnen steckt


Brunnen sind nicht nur Brunnen: Ein jeder hat seine eigene Wasserqualität, hatte einst auch seinen eigenen Namen sowie Geschichten, die mit ihm verbunden waren. Über Tausende von Jahren waren die Brunnen lebenswichtig für die Menschen, vor einigen Jahrzehnten dann mussten viele weichen. Doch so manches alte Exemplar hat überdauert, in den Ortschaften oder auch – in ganz besonderen Fällen – in ein bis zwei Kilometern Entfernung. Wie sah einst das Leben an und mit den Brunnen aus?

Vermutlich kennt jeder die Erzählung, die wie folgt beginnt: „Eine Witwe hatte ...

Artikelbild für den Artikel "Spender des Lebenselixiers" aus der Ausgabe 3/2020 von Sonah. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sonah, Ausgabe 3/2020

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Sonah. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Liebe Leserinnen und Leser. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Morgendämmerung der Neuzeit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Morgendämmerung der Neuzeit
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von So nah: Rund um Saarbrücken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
So nah: Rund um Saarbrücken
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von „Staatsfeind Nummer eins“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Staatsfeind Nummer eins“
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von So nah: Entdecken und Erleben – Urlaub ganz nah: Gesponsert. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
So nah: Entdecken und Erleben – Urlaub ganz nah: Gesponsert
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von „Nur gemeinsam kann man etwas erreichen“ Der letzte Bergmannsführer Hans Berger. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Nur gemeinsam kann man etwas erreichen“ Der letzte Bergmannsführer Hans Berger
Vorheriger Artikel
Peter unterwegs Journalist und Wanderfreund Peter Gaschott erkund…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Kreatives aus dem Sommergarten: Geschenke und Mitbringsel selbstg…
aus dieser Ausgabe

... zwei Töchter, davon war die eine fleißig, die andere faul. Sie hatte aber die Faule, weil sie ihre rechte Tochter war, lieber, und die andere musste die Dienstmagd im Hause sein. Täglich musste sie auf der Straße bei einem Brunnen sitzen und so lange spinnen, bis ihr das Blut aus den Fingern sprang. Als die Spule einmal ganz blutig war, bückte sie sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihr aber aus der Hand und fiel hinab. Das Mädchen weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Diese war aber so unbarmherzig, dass sie schalt: ‚Hast du die Spule herunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf!‘ Da sprang das Mädchen in seiner Herzensangst in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Als es erwachte und wieder zu sich kam, war es auf einer Wiese.“ Es handelt sich, klar, um das Märchen „Frau Holle“, das man sich so oder so ähnlich im Volk erzählte und das die Gebrüder Grimm im frühen 19. Jahrhundert auch niederschrieben. Dieses Märchen hat einen kleinen Rest einer einstigen Brunnenkultur in unsere heutige Zeit herübergerettet. Doch warum gelangt das Mädchen durch den Brunnen auf eine Wiese? Wir verstehen die Bilder nicht mehr in vollem Umfang, weil wir die Bedeutung der Brunnen nicht mehr kennen. Größtenteils in den 1930er Jahren wurden die Haushalte unserer Region an das Wasserleitungssystem angeschlossen, nach den 1950er Jahren wurden viele Brunnen abgerissen und zugeschüttet – bisweilen wurden später zu dekorativen Zwecken neue erbaut. Vielleicht kennt der ein oder andere noch in oder nahe bei seinem Wohnort einen alten Brunnen? Mit dem Abreißen der Brunnen begrub man in einer Zeit neuer Errungenschaften die Zeugnisse eines früheren, beschwerlicheren Lebensstils, doch damit auch eine Jahrtausende alte Brunnenkultur des täglichen Erlebens und Erzählens.

Zunächst einmal war der Brunnen eine praktische Versorgungseinrichtung und zwar die wohl wichtigste überhaupt. Schon in der frühesten Menschheitsgeschichte gruben die Jäger und Sammler Löcher in die Erde, um Trinkwasser zu gewinnen. In der Steinzeit dann fanden sich schon in den frühesten bäuerlichen Siedlungen Brunnen. Der tiefste bekannte Steinzeitbrunnen ganz Europas – 7100 Jahre alt und 15 Meter tief – wurde nicht sehr weit von uns, in Düren, zwischen Köln und Aachen, entdeckt. Der einfachste Brunnentyp ist dabei der Ziehoder Schöpfbrunnen, bei dem das Wasser mit Hilfe eines Gefäßes entnommen wird. Schon in der Antike gab es aber auch Laufbrunnen, die stetig plätschernd frisches Wasser lieferten.

An den Typen hat sich bis in die späte Zeit der Brunnen wenig geändert. Der einfache Ziehbrunnen war bei uns und in ganz Mitteleuropa weitverbreitet und die Lösung, wenn die Wasserader eher schwach war. Dazu grub sich der Brunnenbauer wendeltreppenartig in den Boden hinein. Eine Kunst war es, die Schachtwände immer wieder gerade abzustechen – mit nicht viel mehr „Messtechnik“ als dem eigenen Augenmaß. Bei einem schiefen Brunnenschacht konnte sich der Erbauer des Spottes seiner Zeitgenossen gewiss sein. Irgendwann stieß er auf ein Rinnsal, das den Schachtboden unter Wasser setzte. Er grub nun so tief weiter, dass sich die Brunnenstube (der Wasserbassin) über Nacht mit so viel Wasser füllen würde, wie tagsüber benötigt wurde. Dabei gab es einen Überlauf, denn würde sich mehr Wasser ansammeln als benötigt, würde es „faulen“. Der Brunnenschacht wurde während des Grabens mit Holz gesichert und später mit einer Mauer ausgekleidet.

Mit Salat, Gemüse und Neuigkeiten

Der Ziehbrunnen fand sich bei uns vor allem als privater Brunnen – im Keller oder auf dem Grundstück von größeren Bauernhäusern. Ende des 19. Jahrhunderts wurden viele der in den Häusern befindlichen Ziehbrunnen mit einem Pumpsystem mit Bleileitungen ausgestattet, sodass man das Wasser nun bequem pumpen konnte. An starken Wasseradern, die sich durch ein kurzes Rohrsystem fassen ließen, konnte man einen Laufbrunnen bauen. Solche starken Wasseradern nutzte man gerne für die Allgemeinheit, so waren die meisten der größeren Dorfbrunnen oder Stadtbrunnen unserer Region Laufbrunnen. Auch sie hatten unterirdisch eine Brunnenstube, damit sich Schwebteilchen absetzen und schwankende Schüttleistungen der Wasserader reguliert werden konnten. An der Oberfläche sprudelte das Wasser an einem Brunnenstock aus Brunnenmäulern und lief in ein bis drei Wassertröge. Es durchspülte die Tröge und floss dann in einen Ablauf, der meist in einen Bach mündete. Oft gab es selbst in den kleineren Dörfern außer ein bis zwei Haupt-Dorfbrunnen noch weitere, kleinere Dorfbrunnen, um den entfernter Wohnenden allzu lange Wege zu ersparen. Doch der Gang zum Brunnen wurde nicht unbedingt als Last empfunden und galt auch nicht allein dem Wasserholen. Der Brunnen war auch ein Treffpunkt, wo man Nachrichten weitertrug, Neuigkeiten austauschte und plauderte. Da sich um die Wasserversorgung des Haushalts die Frauen kümmerten, waren vor allem sie hier anzutreffen.

Alter Brunnen Gersweiler © Landesarchiv Saarland


Quack-Brunnen Ottweiler © Landesarchiv Saarland


Brunnen am Saarbrücker Rathaus © Landesarchiv Saarland


Herkulesbrunnen Blieskastel © Landesarchiv Saarland


Wendelinusbrunnen St. Wendel © Landesarchiv Saarland


Ein Dorfbrunnen in Uchtelfangen © Chronikteam Uchtelfangen


Pütz

In der Mundart unserer Region heißt der Brunnen der Pütz, Pitz oder ähnlich. Dieser Begriff ist entlehnt vom französischen Wort „puits“ für Brunnen.

Vor einigen Jahrzehnten konnten sich noch viele ältere Menschen daran erinnern, wie die Brunnen selbstverständlicher Teil des Alltags waren. Unser Volkskundler Gunter Altenkirch hat ihre Erzählungen aufgezeichnet. In den Zeitzeugenprotokollen berichtet etwa ein Mann aus Blieskastel-Wecklingen: „… da haben sich manchmal Frauen angesprochen und haben gesagt ‚Gesche medd Wasser holle?‘ und dann sind die zu zweit weg und wenn die wiederkamen, waren sie oft zu dritt oder zu viert, weil sie am Brunnen noch gemait haben und andere sind da dazukomm. Das Maien am Brunnen war den Frauen früher was ganz wichtiges“. Sie trugen das Wasser mit Hilfe eines Schulterjochs, an dem man zwei Eimer einhängen konnte, nach Hause. Dort angekommen, schütteten sie es in Vorratskrüge im „Wasserschaff“, meist neben dem Küchenspülstein. Doch auch, wenn diese gut gefüllt waren, musste man dann und wann zum Brunnen: „… manchmal sind in früheren Zeiten Frauen an einen nahen Dorfbrunnen gegangen, um da Salat oder Gemüse oder so was auszuwaschen. (…) Ich kann nur von meiner Oma sagen, die hat immer gesagt, dass das Wasser sauberer war, als das Wasser, was daheim schon ein paar Stunden oder Tage im Eimer oder im Schaff gestanden hat. Das war der eine Grund, der zweite war ein ganz normaler, der uns manche Weiberarbeit erklärt: Man hatte eine Neuigkeit erfahren oder es ist einer was eingefallen und am Brunnen konnte man immer jemanden treffen, mit dem man darüber ein Schwätzchen halten konnte.“ Mindestens einer der Dorfbrunnen wurde auch als Waschbrunnen genutzt, wobei man das Waschen der Wäsche damals nicht als „waschen“, sondern als „bouchen“ bezeichnete – bezugnehmend auf die Buchenholzasche, aus der man eine Waschlauge herstellte.

Der Pütz – das lauernde, wilde Tier

Ein Grund für die Männer, den Brunnen zu besuchen, war vor allem das Tränken des Viehs. Dabei kam es nicht selten zu Unstimmigkeiten zwischen den Frauen und einem Mann, der die Waschzeiten missachtete: „Da holte er sich hin und wieder Flüche ein, wenn die Frauen am Waschen waren und der mit seinen Geißen zum Saufen gekommen war. (…) die Geißen stiegen mit den Füßen auf den Brunnenrand und das war ja das, was die Frauen so in Rage gebracht hat, weil der Brunnenrand dreckig wurde. Das war beim Wäschewaschen das Problem.“ Man versuchte, dem mit Waschordnungen entgegenzuwirken, was selten half. Eine Lösung konnte ein weiterer Wasserlauf am Brunnen sein oder, nur in wenigen Gemeinden umgesetzt, ein Waschhaus. Im Sommer fuhren die Bauern außerdem mit ihren Wagen an die Brunnen, um die Räder zur Pflege des Holzes zu wässern.
Von wo eine Familie ihr Wasser holte, daran konnte man sogar ihren Sozialstatus ablesen: Die wenigsten im Dorf, nur ein paar reiche Großbauern, hatten einen Brunnen direkt im Haus. Er lag normalerweise im Keller, unter der Küche, sodass man etwa beim Kochen bequem Wasser schöpfen konnte: Über einen Schacht wurde ein Eimer von der Küche aus hinabgelassen und wieder hochgezogen. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Blei-Wasserleitung mit Pumpe aufkam, wurde das Wasserholen nochmal bequemer. Ein solcher Brunnen im Haus war zudem auch der sicherste: Er konnte nicht vergiftet werden. So manches Kind konnte sich für das tiefe, dunkle Loch im Keller trotzdem nicht begeistern. Eine alte Frau aus Mettlach berichtete 1970 von ihren Kindheitserinnerungen: „Das war schrecklich, vor allem, wenn ich am Abend noch in den Keller geschickt worden bin, da war nämlich der Pütz und hat gelauert wie ein wildes Tier, so Angst habe ich gehabt“. Entsprechend graute ihr, wenn ein in ihrem Umfeld verbreitetes Liedchen angestimmt wurde:

„Edd Bäbbchin isch in de Pütz gefall. Eich hannedd geheerd plumpse. Unn hätt eich edd nedd am Kragen gehall, währed uss ertrungke.“

Nicht ganz so bequem, aber immer noch ein seltener Luxus im Dorf war der eigene Brunnen hinter dem Haus. War der Besitzer ein umgänglicher Mensch, dann ließ er auch die Nachbarn dort schöpfen. Solche private Brunnen im Freien, aber auch viele öffentliche, wurden von einem gemauerten Gehäuse geschützt.

Die allermeisten Dorfbewohner hatten keinen Zugang zu einem privaten Brunnen und gingen zu den öffentlichen. Stets kannte man die Brunnen im eigenen Umfeld ganz genau. Und jeder hatte seine eigene Wasserqualität: „Die Leute in jedem Dorf hier im Gau haben immer wieder erzählt, welcher Brunnen der sauberste war, mit dem besten Trinkwasser. Und es gab Brunnen, die sollte man nach langem Regen nicht fürs Kochen holen. Und es gibt in jedem Dorf Brunnen, von denen sagen die Leute, dass das Wasser am besten schmecken würde“, so der Zeitzeuge aus Wecklingen. Neben diesen Dorfbrunnen gab es auch Feldbrunnen. Von ihnen konnte man während der Feldarbeit trinken, zudem hatten manche ein Wasserreservoir oder Bewässerungsfunktion. Seit dem 19. Jahrhundert deckte man zudem den gestiegenen Wasserbedarf der Dörfer, indem man Holzrohre an Brunnen in der Feldflur anschloss und das Wasser in einen Brunnen im Dorf leitete. Gar keinen Zugang zu all den Brunnen der Dorfgemeinschaften hatten Menschen, die außerhalb dieser standen. Doch sie wussten sich zu helfen – so entstanden die „Häärebrinncha“ (Heidenbrünnchen) der Fahrenden. Ein Mann aus Wiebelskirchen erklärt: „Zu den Zigeunern noch was (…): Die übernachteten in kleinen Gruppen mit Frauen und Kindern immer vor den Dörfern. Dazu haben sie was zu essen und Wasser gebraucht. (…) Und das Wasser, das haben sie sich gegraben. Es hieß, dass die genau gewusst haben, wie man das findet und wie man das macht. Im Dorf hat man dazu Heidenborn gesagt. Ich weiß von hier nicht mehr, wo das genau war, weiß nur von den Alten her, dass es so war.“

Hölle oder magische Unterwelt?

Der Brunnen war also überlebenswichtig als Lieferant von sauberem Trinkwasser und hatte darüber hinaus weitere wichtige Funktionen. Wer ein ganzes Dorf auf das Schlimmste schädigen wollte, der vergiftete den Brunnen. Im 30-jährigen Krieg kam es des Öfteren vor. Da die Brunnen von solcher Wichtigkeit waren, erfuhren sie eine große Verehrung, wobei bestimmte als besonders heilig galten. Sie waren Göttern oder mythologischen Wesen, später auch dem christlichen Gott oder bestimmten Heiligen geweiht, nach denen sie auch benannt wurden. So konnten die Brunnen beispielsweise Herren- oder Hollerbrunnen heißen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert waren auch wichtige Bräuche mit ihnen verbunden, vor allem das jährliche Reinigen in den Tagen vor Pfingsten. Dieses übernahmen die jungen, unverheirateten Frauen im Dorf. Anschließend schmückten sie den Brunnen mit einer Girlande aus ausgeblasenen Hühnereiern und Buchsbaumzweigen, in protestantischen Dörfern auch Fliederblüten. Die Eiergirlande war dabei ein Symbol des Lebens, ganz so wie der Brunnen selbst. Am Pfingsttag dann gingen die jungen Frauen durch das Dorf und heischten (erbaten) als Lohn für das Reinigen Eier und Münzen.

Die tief in die Erde hinabreichende Öffnung eines Brunnens, so weit und dunkel, dass man ihren Grund nicht sehen konnte, hatte auch stets eine geheimnisvolle Aura. Nach dem alten, vorchristlichen Glauben der Gallo-Germanen drang der Brunnen vor bis in ein mystisches Reich der Unterwelt. Durch diese quasi undichte Stelle in der Unterwelt quoll das Lebenselixier Wasser. Dieses unterirdische Reich war dabei sehr positiv besetzt – es war ein Reich der Ruhe und gleichzeitig des geheimnisvollen Schaffens. Zwerge, Wichtel, Schmiede und vielerlei Erdgeister lebten dort.

Obwohl die Götter eigentlich über der Erde, in der Atmosphäre angesiedelt waren, hatte die oberste Göttin Holda Zugang zur Unterwelt und besaß hier einen großen Bereich, den Fensalir. Dorthin gelangte sie durch einen Brunnen. In dem Märchen von „Frau Holle“ ist es dieser Fensalir, in den das Mädchen durch den Brunnen gelangt. Er wird als schöner und friedlicher Ort geschildert, in dem magische Dinge geschehen: „Auf dieser Wiese ging es (das Mädchen) fort und kam zu einem Backofen; der war voller Brot, das Brot aber rief: ‚Ach, zieh mich ‘raus, sonst verbrenn‘ ich; ich bin schon längst ausgebacken!‘ Da trat es hinzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach kam es zu einem Baum, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: ‚Ach, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!‘ Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie. Und als es alle zu einem Haufen zusammengelegt hatte, ging es weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau. Weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die Frau aber rief: ‚Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehen. Du musst nur richtig achtgeben, dass du mein Bett fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin Frau Holle.‘“ Die alte Frau Holle ist natürlich niemand geringeres als die Göttin Holda selbst. Sie belohnt das fleißige Mädchen mit Gold und straft später dessen faule Stiefschwester mit einem Regen von Pech.

Geraubte Braut und Kindersegen

Die Kirche sah in der Verehrung der Brunnen und eines Reiches darunter zu überwindende Elemente des Heidentums. Verstärkt ab dem 16. Jahrhundert verbreitete sie die Auffassung, unter der Erde wohne das Böse. Durch tiefe Erdöffnungen könnten Teufel in die Hölle oder hinaus fahren, in Brunnen lauerten also übelste Gefahren. Viele Brunnen erhielten nun auch die Bezeichnung „Teufelsbrunnen“. Vom Volk wurden die Warnungen angenommen und bisweilen entstanden Erzählungen, was an diesem oder jenem Brunnen Unheilvolles geschehen sei. Von einem Brunnen zwischen Reimsbach und Hüttersdorf beispielsweise ging die Sage, ein böser Brunnengeist habe ihn vergiftet. Eine Gruppe von Männern soll den Geist beim Hochheben der Abdeckung mit eigenen Augen gesehen haben. Aus einem Brunnen bei Einöd soll der Teufel höchstpersönlich gestiegen sein und bei einer Hochzeitsfeier die Braut entführt haben. Schuld war ein eifersüchtiger Jüngling, der sie verflucht hatte. Ein Mann aus Homburg erzählte die Sage so: „Die Musik spielte bereits, da brach plötzlich ein schwarz gekleideter Mann durch das Fenster, sprang vor die Braut, griff sie und forderte die Geiger auf, das Tanzlied fröhlich weiterzuspielen. Die rappelten sich zusammen und begannen den Tanz zu spielen. Der junge Mann tanzte mit ihr ganz wild und auf einmal sprang er mit der Braut zum Fenster hinaus. Alles war still von dem großen Schreck. Niemand wagte es, dem Fremden und der Braut zu folgen. Der Bräutigam saß starr vor Schreck auf dem Boden. Da gingen die anderen zu ihm, rüttelten ihn, dass er wieder aufstand. Und leise sagte er nur: ‚Dat war de Deiwel selwert‘. Entsetzt sprangen die anderen zurück und verließen das Wirtshaus. Am anderen Tag entdeckten einige Leute aus dem Dorf auf dem Einöder Brunnen den Brautkranz. Er schwamm ganz still oben auf dem stillen Wasser, als wäre nichts Besonderes passiert. Aber die Leute wussten nun, dass es wirklich der Deiwel war, der die Braut entführt hatte und mit ihr in den Brunnen gesprungen ist, um in seine Höllenwelt zu kommen.“

Trotz allem gingen die alten Vorstellungen nicht verloren: Weiterhin betrachtete man die Brunnen grundsätzlich als etwas Gutes und verknüpfte sie bis ins frühe 20. Jahrhundert mit Aspekten der gallo-germanischen Mythologie. So gab es auch besondere Regeln, wie man sich am Brunnen zu verhalten hatte: „… uns Kindern wurde früher gesagt, dass man am Brunnen nie eine Lügengeschichte erzählen darf, also nie eine falsche Ausrede, wenn man gefragt wurde. Das war bei den Frauen auch so“, erklärt ein Zeitzeuge. Doch sachliche Warnungen, an offenen Brunnen vorsichtig zu sein, vermischt mit der einen oder anderen unheimlichen Erzählung ließ die Kinder bisweilen zurückschrecken: „… so gibt es viele Brunnen mit einer Sage und da sind die Kinder auch an manche Brunnen gerne oder nicht gerne gegangen und die Kinder, also die älteren Buben, die mussten ja auch schon Wasser für die Küche holen.“ Mit seinem eigenen Namen, seiner eigenen Wasserqualität und eigenen Sagen oder Erzählungen, hatte jeder Brunnen gewissermaßen seinen eigenen Charakter.

Der „Linneborre“ in Uchtelfangen © Chronikteam Uchtelfangen


Zwei alte und außergewöhnliche, erhaltene Brunnen

Bei dem Dreitrog-Brunnen an der Stephanuskirche von Blieskastel-Böckweiler handelt es sich um 68-einen alten Dorfbrunnen. Die Größe mit den drei Trögen ist eine Besonderheit.

Der Kirkeler Frauenbrunnen, ein Kindchesbrunnen unter einem Felsvorsprung, wurde wohl schon zu Zeiten der Kelten genutzt. Zu finden ist er direkt am Rundwanderweg „Felsenpfad“. (Startpunkt: Parkplatz Kohlroterweg; Länge: 9 km)

© Gemeinde Kirkel

Ganz besondere Verehrung erfuhren bestimmte Brunnen, die nicht im Dorf, sondern ein bis zwei Kilometer außerhalb lagen. Sie plätscherten stets ungefasst zwischen Buschwerk und Bäumen und wurden Kindches-, Fräsem-, Wäsch-, Back- oder Frauenbrunnen genannt. Sie waren ein Ort weiblichen Brauchtums, wovon schon die Bezeichnungen zeugen. Wichtig waren sie vor allem in Fragen rund um das Kinderkriegen. Eine Frau besuchte diesen Brunnen etwa, zusammen mit der Hebamme oder der „Brauchersch“ (s. Sonah Nr. 3/2018), wenn sie den empfängnisverhütenden Siebenbaum-Tee (s. Sonah Nr. 1/2020) absetzte, um schwanger zu werden. Denn aus diesem Brunnen, so die Vorstellung, kamen die Kinder oder der Storch holte sie dort heraus (daher „Kindchesbrunne“). Wenn es mit der Schwangerschaft jedoch nicht klappte, war dies für die Frau eine große Belastung: Sie musste für Nachkommen sorgen, um die Zukunft der Sippe zu sichern. Sie vertraute sich dann einer Brauchersch an, die mit ihr eine mehrwöchige Behandlung mit Wallfahrten zum Kindchesbrunnen begann. Symbolisches Reinigen („Wäsche“, daher „Wäschbrunne“) von Unterarmen, Gesicht und Augen sowie das Trinken des heiligen Wassers sollten ihr die notwendige Kraft und Gesundheit zur Empfängnis geben. Vielfach soll die Behandlung gewirkt haben. Ein Grund könnte sein, dass ein entspannendes Gefühl von Zuversicht durch die Hilfe der Brauchersch und die Rituale sowie die Ruhe abseits des Dorfes sich positiv auswirkten. Auch gegen Milchschorf („Fräsem“, daher „Fräsembrunne“) sollten Rituale mit dem Brunnenwasser helfen.

Gutes Brot von heiligem Wasser

Große Bedeutung hatte dieser heiligste Brunnen für eine Frau auch, wenn sie die Position des weiblichen Familienvorstandes übernahm. Sie war als solche auch Ernährerin der Familie, wofür symbolisch das Brotbacken stand. Eine Frau aus Neunkirchen erklärt: „Eine junge Frau, die grad geheiratet hat, hat noch nicht gleich in der nächsten Woche ihre ersten Brote gebacken. Sicherlich hat sie mitgeholfen, damit sie es später auch kann, wenn sie eine Familie ernähren sollte. Aber in dem Haushalt, wo sie gewohnt hat, war meistens noch die alte Madame da und die wollte auch das Brot noch weiter backen. Wer das Brot gemacht hat, der hat die Familie ernährt. Das gab eine Frau nicht so leicht und gerne her, das war nun mal so.“ Wenn es jedoch so weit war, ging es zu dem heiligen Brunnen: „… wenn die Frau den ersten Sauerteig angemacht hat, dann hat sie am Kinderbrünnchen ihr erstes Teigwasser geholt (Anmerkung: daher Backbrunnen). Das war in ihrem Leben was ganz wichtiges.“ Ein Stück des Teiges wurde immer für den Sauerteig zurückbehalten, doch trocknete der einmal aus, musste man eine Nachbarin um Hilfe bitten. „Ja, man hat ein Stück gekriegt aber man hat dafür nicht zahlen dürfen oder so, weil die Nachbarsch auch mal in dieselbe Lage kommen konnte und dann hat die bei der dann wieder Teig gelehnt. Das war eine Ehrensache unter den Frauen.“ Oder man musste selbst neuen Teig anrühren, dann wieder mit Wasser vom Backbrunnen. „Wenn sie (eine Frau) keine Freundinnen gehabt hat und sie war auch noch schusselig, dann musste sie oft im Leben an den Brunnen gehen…“

Diesen heiligsten Brunnen umgab stets ein gewisses Geheimnis und man sprach nicht immer offen über ihn. Eine Frau aus Merchweiler erinnert sich: „Bei uns in den Dörfern haben so Brunnen alle einen eigenen Namen gehabt. Und wenn man nicht gewollt hat, dass ein Fremder den Namen hören sollte… Hätt´ ja einer sein können, der den vergiften wollte oder sonst was… Da hat man den ‚guten Brunnen‘ nur so genannt gehabt.“ Die Verehrungswürdigkeit dieses Brunnens übertrugen die Frauen auch in die christliche Religion. Meist waren es Frauen, die im Auftrag des Pfarrers das Wasser für die Taufe besorgten und für sie war es naheliegend, es aus dem Kindchesbrunnen zu holen: „Manchmal der Küster, aber meistens haben das die Hebammen besorgt gehabt. Haben die auch so gewollt. Der Paschdor hat früher nicht gewusst, von woher dass das war. Ich glaube, dass die Paschdore das heute aus dem Wasserhahn holen. (…) Es gab früher ja kein Leitungswasser und ein Brunnen im Dorf, das war nicht sauber genug und der Brunnen, wo die Kinder rausgekommen sein sollten, das war das beste Wasser, hat man auch trinken können und ist auch für Tee geholt worden. Das hat der Paschdor nur noch segnen müssen.

Während der Dorfbrunnen immerhin als dekoratives Gestaltungselement überlebt hat, sind die Kindchesbrunnen fast völlig vergessen. Wer sich auf Spurensuche begeben will, der kann von alten Menschen womöglich noch Name und ungefährer Ort eines solchen Brunnens erfahren.