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SPEZIAL: Antike Todeszonen


Militär & Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 02.09.2019

Die Römer konnten auf eine große Bandbreite von Belagerungstechniken zurückgreifen, die sie von älteren Hochkulturen des Mittelmeerraums übernommen hatten. Neu war allerdings der Einsatz von Zigtausenden Legionären, die gewaltige Umfassungswerke in kürzester Zeit errichteten


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Bildquelle: Militär & Geschichte, Ausgabe 6/2019

Der Arverner-Fürst Vercingetorix musste sich 52 v. Chr. den Römern unterwerfen, nachdem sie die Stadt Alesia ausgehungert hatten


lesia in Gallien, 52 v. Chr.: Die in der Stadt belagerten Gallier haben eine schwache Stelle in Cäsars Umfassungswall entdeckt und konzentrieren ihre Kräfte auf diesen einen Punkt. Wenn ein Ausfall gelingen ...

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... kann, dann dort! Für ihren Gegenangriff bereiten sie Sturmbahnen aus Weidengeflecht, Leitern und eiserne Haken vor. Damit wollen sie ein Bauwerk überwinden, das als Meisterwerk römischer Kriegstechnik gilt: eine tief gestaffelte Festungsanlage, die sich rund um belagerte Städte zieht und die Bewohner im Inneren zum Aufgeben zwingen soll.


Mit dem Mut der Verzweiflung stürmten die Gallier das Bollwerk – und scheiterten.


Aber das ist für die Gallier keine Option, sie wollen das Bollwerk mit letzter Kraft zu Fall bringen. Als sie jetzt dagegen vorrücken, werden sie von einem Hagel aus Pfeilen und Katapultbolzen unter Feuer genommen. Die ersten Krieger stürzen über eiserne Fußangeln oder in Gruben mit angespitzten Pfählen. Sind diese Hindernisse überwunden, wartet ein Graben mit Faschinen, also aufgerichteten Rutenbündeln, dahinter zwei jeweils über vier Meter breite Gräben, von denen einer mit Wasser gefüllt ist. Und daran schließt sich noch der über drei Meter hohe, von Palisaden und Holztürmen gekrönte Erdwall an.

Mit dem Mut der Verzweiflung gelingt es den Galliern unter schweren Verlusten, diese „Todeszone“ zu überwinden; sie füllen die Gräben auf, mit den eisernen Enterhaken reißen sie die Palisade ein und beginnen über den Erdwall zu strömen. Doch die disziplinierten Römer halten stand, und schließlich bricht der Angriff zusammen. Am nächsten Tag ergibt sich der gallische Anführer Vercingetorix seinem Widersacher Julius Cäsar. Wieder einmal sind Feinde des Imperiums an der ausgeklügelten Belagerungstechnik der Römer gescheitert.

Römische Umwallungsstrategie

Seit dem 3. Jh. v. Chr. dehnte sich das Römische Reich über den Mittelmeerraum aus, und im Zuge dieser Entwicklung wurde es immer wichtiger, Städte erfolgreich angreifen und be lagern zu können. Entsprechende Strategien und Techniken hatten schon die Assyrer, Perser, Karthager und Griechen entwickelt; von Letzteren übernahmen die Römer nun hauptsächlich ihre Belagerungstaktik und das nötige Gerät.

Erdlöcher und Gräben,Wälle und Türme: Die aufwendigen Belagerungsbauten rund um Alesia machten einen Ausbruch unmöglich


Nachgebaut: Am historischen Ort der Schlacht um Alesia wurde ein 100 Meter langes Teilstück des Belagerungsringes rekonstruiert


Ein ganzes Arsenal an Belagerungsgeräten konnten die Römer auffahren, so auch 70 n. Chr. vor Jerusalem: Das Bild zeigt Türme, Rammböcke und Katapulte


Obwohl die Römer auch zahlreiche blutige Sturmangriffe gegen feind liche Befestigungen durchführten und diese so eroberten, verlegten sie sich in der Regel darauf, diese durch einen undurchdringlichen Belagerungsring einzuschließen. Auch diese Taktik war nicht vollkommen neu; 415 v. Chr. hatten sie die Athener bereits gegen Syrakus zum Einsatz gebracht.

Neu war nun allerdings der enorme Aufwand, den die Römer bei solchen Gelegenheiten betrieben. Zunächst legten sie an strategisch bedeutenden Stellen befestigte Truppenlager an und verbanden diese durch ein System aus Feldbefestigungen. Damit waren die Belagerten in der Regel von jedwedem Nachschub abgeschnitten und die Zeit arbeitete für die Belagerer. Die Geschwindigkeit, mit der die Legionäre diese oftmals gewaltigen Anlagen errichteten, lässt noch heute staunen. So brauchten sie gerade mal 20 Tage, um Karthago im Jahr 149 v. Chr. durch eine Art Doppelwall von 4,5 Kilometer Länge abzuriegeln.

Die Feldbefestigungen bestanden meist aus einem Erdwall mit vorgelagertem Graben, wobei man den Wall mit zusätzlichen Holzpalisaden bewehrte und in bestimmten Abständen Wachtürme errichtete. Gelegentlich wurden die Wälle auch aus Stein gebaut. Für all diese Arbeiten nutzten die Legionäre allein ihre Körperkraft sowie einfache Werkzeuge wie Hacken, schaufelartige Schanzwerkzeugen und Rasenstecher. Das galt auch für die Männer, die Erdstollen unter feindliche Stadtbefestigungen treiben mussten – eine weitere Belagerungstechnik, die die Römer beherrschten. Anschließend wurde die Mine mit brennbarem Material gefüllt und angezündet, sodass die Mauer darüber bald einstürzte.

Modell eines Rammbocks: Eine mit Tierhäuten bedeckte fahrbare Hütte schützte die Bedienungsmannschaft vor Brandgeschossen


Belagerungstürme erreichten eine Höhe von über 30 Metern und ließen sich an gegnerische Stadtmauern heranfahren


Riesige Belagerungsrampen

Für den Sturm auf eine Festung bauten die Römer aus Holz und Erde gewaltige Rampen, auf denen sie Rammböcke und Belagerungstürme an die feindlichen Wälle bringen konnten. Vor Avaricum hatte beispielsweise die Rampe eine Höhe von 25 Metern, 100 Meter Breite und 75 Meter Länge. Dabei nutzte man geschickt die natürlichen Gegebenheiten. Die zur Belagerung der Festung Masada (in Israel) 74 n. Chr. hinaufführende Rampe erhob sich auf einem erst kürzlich nachgewiesenen natürlichen Felssporn, sodass man weit weniger Material verbauen musste, als lange Zeit vermutet wurde.

Eine mächtige Rampe führt noch heute zur Festung Masada hinauf. Die Römer hatten sie vor 2.000 Jahren über einem Bergsporn aufgeschüttet


Abb.: Interfoto/Friedrich, Interfoto/Mary Evans (2), p-a/akg-images (2), Interfoto/Photoasia/Beba

Filmreif:Die US-FernsehserieMasadavon 1981 zeigt den Sturm römischer Truppen auf die gleichnamige jüdische Bergfestung. Der fahrbare Rammbock spielte dabei eine zentrale Rolle


Feuer frei: Anhand von Nachbauten lässt sich die Funktionsweise antiker Geschütze nachvollziehen. Hier zeigen Darsteller der britischen „Ermine Street Guard“ ihr Können


Die hölzernen Maschinen und Rampen waren aber auch der beständigen Gefahr ausgesetzt, von den Feinden in Brand gesteckt zu werden. So gruben die Verteidiger der gallischen Stadt Avaricum 52 v. Chr. einen Tunnel unter die römische Belagerungsrampe und setzten diese von unten her in Flammen. Die Römer bemerkten aber die Gefahr und konnten die Brände rechtzeitig löschen.

Türme und Rammböcke

Zum Bau derartiger Rampen sowie der zugehörigen Maschinen holzte man ganze Wälder ab. Dies war im waldreichen Gallien kein Problem, doch im trockenen Palästina fand sich im Umkreis belagerter Städte mehrere Tagesreisen weit bald kein einziger Baum mehr.

TECHNIK: Römisches Katapult

1 Bolzen

2 Sehne

3 Gedrehte Sehnen

4 Spannbuchse

5 Gleiter

6 Rahmen

7 Drehgelenk

8 Wurfarm

9 Abzug

10 Spannwinde

Mit Muskelkraft mussten die Wurfarme einer Balliste gespannt werden. Die effektive Schussweite solch „leichter“ Geräte lag bei 150 Metern


Wie zu allen Zeiten unterschieden auch die Römer zwischen Geräten, die dem Schutz der Legionäre beim Arbeiten an den Rampen und Wällen dienten, und solchen Maschinen, die sie zum eigentlichen Angriff benötigten. Zur Deckung vor feindlichen Geschossen dienten schiffsbugartige, vorne eisengepanzerte Schutzschirme aus Holz. Eine andere Art von Schutzdach bildeten dievineae , fahrbare längliche Hütten, die sich zu beliebig langen Gängen zusammenfügen ließen und so ein weitgehend ungestörtes Arbeiten nahe am Feind ermöglichten. Alle römischen Belagerungsgeräte waren – soweit möglich – mit unbearbeiteten Tierhäuten, grünen Weidenruten und einer Füllung aus frischem Seegras bedeckt, um die Brandgefahr zu minimieren.

Ummantelte Ungetüme

Den „Gipfel“ der römischen Kriegstechnik bildeten bis zu über 30 Meter hohe fahrbare Türme, mit denen die Angreifer auf gegnerische Mauern gelangen konnten. Auch diese hölzernen, in einzelne Etagen aufgeteilten Ungetüme waren mit Eisenplatten oder Tierhäuten ummantelt, an denen feindliche Feuerpfeile abprallen sollten. Oben befand sich eine Zugbrücke, über welche die Legionäre die letzten Meter bis zur Mauerkrone überwinden konnten.

Auf den unteren Stockwerken standen schwere Ballisten bereit, weiter oben leichtere Katapulte, und diese nahmen die Wälle und ihre Verteidiger unter Beschuss. Selbst die schwersten Ballisten konnten Mauern jedoch nur in Ausnahmefällen zum Einsturz bringen. Ihre Aufgabe bestand vielmehr darin, den oberen Mauerkranz so zu beschädigen, dass dieser den Verteidigern keinerlei Deckung mehr bieten konnte.

Welch verheerende Wirkung die Katapulte entfalten konnten, hat etwa der jüdische Historiker Flavius Josephus überliefert. Er berichtet, dass beim Kampf um Jerusalem 70 n. Chr. die Verteidiger die sich gegen den Himmel abzeichnenden Wurfgeschosse der Römer sehen konnten und diesen auswichen. Daraufhin bemalten die Legionäre die Steine schwarz. Ein Stein riss dann einem Mann glatt den Kopf ab und „nahm ihn drei Achtelmeilen“ weit mit.


Mit ihrer „Artillerie“ konnten die Römer jeden Gegner aus der Distanz bekämpfen.


Nicht minder gefährlich waren die mächtigen Rammböcke, die oft von Hunderten Männern bedient wurden. Bei diesen handelte es sich um eine Art fahrbare Hütte, die besonders robust aus Holzbalken gezimmert und in der oben beschriebenen Weise bedeckt war. Innen hing an Seilen ein massiver, mit Seilen und Häuten umhüllter Holzbalken, der an seinem vorderen Ende mit Eisen beschlagen war. Die Spitze wurde oft als eiserner Widderkopf gestaltet. Gegen die in Gallien übliche Bauweise der Stadtmauern, die aus einem mit Steinen verkleideten Kern aus Holz und Erde bestanden, blieb der Rammbock allerdings ohne „durchschlagende“ Wirkung.

Die römische Belagerungskunst ging auch in den Wirren der Spätantike und der Zeit der Völkerwanderung nicht ganz verloren und erlebte in Europa in der Zeit um 900/1000 n. Chr. eine „Renaissance“. Wie in so vielen Bereichen hatten die Römer in der Kriegstechnik Maßstäbe gesetzt, die jahrhundertelang gültig blieben.

Auch im Mittelalter hielt man an der antiken Belagerungstechnik fest. Erst die aufkommenden Kanonen machten das Erbe der Römer überflüssig

TECHNIK Das Torsionsgeschütz – Tod aus der Ferne

Das Torsionsgeschütz wurde vermutlich um 400 v. Chr. im griechisch beherrschten Sizilien erfunden. Im Gegensatz zu den bis dahin üblichen Pfeilwerfern, die auf der Kraft eines starken Bogens beruhten, verwendete das Torsionsgeschütz zwei vonein ander unabhängige Holzarme, an denen gegeneinander verdrehte Seile, Tiersehnen oder auch Frauenhaar für die nötige Spannkraft sorgten.
Diese Geschütze konnten sowohl Steine als auch spezielle schwere Bolzen zielgenau verschießen und wurden daher je nach Verwendungszweck in Ballisten und Katapulte unterschieden. Die schweren Ballisten konnten einen Stein von 25 Kilogramm angeblich bis zu 400 Metern schleudern, die Reichweite der leichteren Kata pulte lag bei etwa 300 Metern, wobei die effektive Schussweite etwa 150 Meter betrug. Jede Legion verfügte in der Kaiserzeit über 60 Katapulte und Ballisten unterschiedlichsten Kalibers, die sozusagen als Feldartillerie dienten. Die Römer montierten außerdem leichte Katapulte auf von Pferden gezogene Wagen (lat.carroballista ), um deren Feuerkraft an bestimmten Brennpunkten einer Schlacht schnell konzentrieren zu können.

Otto Schertler , Jg. 1962, studierte Archäologie, Vor- und Frühgeschichte und schreibt hauptsächlich über archäologische sowie militärgeschichtliche Themen.


Abb.: p-a/akg-images (2), p-a/Herve Champollion/akg-images

Abb.: Ermine Street Guard (2), p-a/akg-images, p-a/die KLEINERT.de/Rudolf Schupple