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Spezial Plattenspieler: Auferstehung einer Legende


Stereoplay - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 07.05.2020

Fast glaubt man, noch den frischen Lack zu riechen. Die Finger streichen zart über die klobigen, unzerstörbar wirkenden schwarzen Schalter. Vor uns steht, unglaublich, aber wahr, ein fabrikneuer Garrard 301. Und die Analog-Legende klingt so gut wie eh und je!


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Bildquelle: Stereoplay, Ausgabe 6/2020

SUPER TEST

Als die ersten Gerüchte über eine Neuproduktion einer beschränkten Stückzahl dieses legendären Plattenspielers aufkamen, war die Skepsis groß. Zu oft schon hatten sich forsche Ankündigungen, diese oder jene Audio-Legende wiederauferstehen zu lassen, in heiße Luft aufgelöst. Finanzierungsprobleme, technische Probleme oder letztlich doch ...

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... ungesicherte Nachfrage sind die häufigsten Gründe, warum die meisten gut gemeinten Projekte zur „Wiedererweckung“ einer berühmten Audio-Komponente letztlich doch scheiterten.

Kandidaten für ein so ambitioniertes Unternehmen gibt es nämlich gar nicht so wenige, vergegenwärtigt man sich nur einmal jene zwei, drei Handvoll historischer HiFi-Gerätschaften, die aktuell für astronomische Gebrauchtpreise nicht nur angeboten, sondern auch tatsächlich verkauft werden. Der Garrard 301 steht auf dieser exklusiven Liste sehr, sehr weit oben, zusammen mit anderen Klassikern wie etwa dem Micro Seiki RX-1500, dem Transrotor J.A Mitchell, Marantz’ Tangentialplattenspieler SLT 12, natürlich auch der EMT 930 oder der Technics SP 10, um nur einige jener Analog-Laufwerke zu nennen, die zu Legenden wurden. Dass man bei Garrard analoge Technikgeschichte am laufenden Band schrieb, bewies übrigens auch eine heutzutage angesichts der Ikone 301 gerne übersehene Spezialität, nämlich der Garrard Zero 100 mit seinem tangential nachstellenden Drehtonarm. Aber das ist wieder eine andere Story.

Was den „neuen“ Garrard 301 so unglaublich reizvoll werden lässt, ist die Art und Weise, wie er entsteht. Handelt es sich doch nicht um einen reinen Neubau, sondern um einen zum großen Teil aus Altbauteilen und Altlaufwerken auf den Neuzustand hin aufwendigst restaurierten, „echten“ Oldie – und damit um eine wahre Antiquität, die auch Anerkennung im Auge des Sammlers findet. Ein Exemplar des 301 pro Monat wird derzeit gebaut, in eine neue Zarge geschraubt und mit dem Zwölfzöller SME M2-12R ergänzt, dessen Machart an die „Ur“-Bestückungen, etwa mit den SME-Tonarmen 3009 und 3012R, erinnert. Es wäre übrigens nett gewesen, wenn SME zu dieser Gelegenheit den 3012 aus dem Ruhestand geholt hätte. Aber, zugegeben, der M2-12R stellt die bessere, weil klanglich überlegene Wahl dar.

Der SME M2-12R trägt auch schwere Abtaster wie etwa die hier historisch passenden „Tondosen“ von Ortofon und EMT.


Eine abgestufte Welle bewerkstelligt die Drehzahl-Umschaltung rein mechanisch, das Reibrad überträgt kraftschlüssig auf den Teller-Innenrand.


Nur die vier glänzenden Schrauben, mit denen das Gusschassis auf der Zarge befestigt ist, sind neu. Der Retro-Charme des komplett neu aufgebauten Laufwerks ist kaum in Worte zu fassen, dazu kommt der Eindruck unverbrüchlicher Solidität und Langlebigkeit.


Reibrad?

Was den Garrard im Kern ausmacht, ist sein Reibrad-Antrieb. Sie haben richtig gelesen: Reibrad. Dieses alte und bewährte Antriebsprinzip von Plattenspielern wurde jahrzehntelang links liegen gelassen und als völlig überholt abgetan. Zu Unrecht: Der Hype um den 301 entstand nämlich weder wegen dessen schönem Aluminium-Gusschassis noch wegen seiner wunderbaren dicken Knebelschalter, sondern wegen seiner klanglichen Fähigkeiten. Genau die führten dazu, dass ein großer Teil der etwa 65.000 produzierten Exemplare den Weg nicht nur zu den Profi-Usern – etwa bei der BBC – fand, sondern auch weltweit in die Wohnzimmer sehr vieler HiFi-Fans, die den 301 als unverwüstliches Werkzeug schätzen lernten und über das asthmatisch langsame Hochlaufen neuzeitlicher Riementriebler nur erstaunt den Kopf schüttelten.


„An iconic, elegant turntable delivering audio perfection with modern handcrafted excellence“


Ebenso schnell, wie er auf Solldrehzahl ist, bremst der 301 auch wieder ab: Eine mechanische Bremse legt sich dann an den inneren Tellerrand. Alles mithilfe ausgeklügelter Mechanik, wohlgemerkt, denn Ende der 50er-Jahre blieb dem De signer Edmund W. Mortimer keine andere Wahl. Er zeichnete einen kräftigen, sehr großen, in einem Federsystem aufgehängten und magnetisch geschirmten Motor, dessen abgestufte Welle ein großes Gummirad antreibt. Dessen genauer Rundschliff ist der nächste Garant für ruhigen Lauf, denn besagtes Gummirad treibt einen für damalige Verhältnisse sehr schweren, hoch präzise gefertigten Gussteller an dessen innerem Rand an. Und mithilfe des dicken, runden schwarzen Drehknopfs vorne auf dem Chassis stellt man die gewählte Drehzahl präzise ein – der 301 bietet natürlich auch 78 Umdrehungen, kontrollierbar durch die Stroboskop-Teilung des Tellerrands. Das Tellerlager mit seinem aus der Werkzeugmaschinen-Technik entlehnten, konischen Sitz für den Plattenteller ist schließlich ein weiterer wichtiger Faktor für guten Rundlauf, weswegen der erfahrene Konstrukteur ein „tiefes“ Lager, also einen langen Achszapfen vorsah.

Reibrad? Reibrad!

Wer nun misstrauisch ist, dem beweist unsere Messtechnik das Gegenteil: Der neue 301 läuft absolut sauber, exemplarisch ruhig, sanft, präzise und artefaktfrei, so, dass sich die „moderne“ Konkurrenz davon eine dicke Scheibe abschneiden darf. Ganz nebenbei beweist der Klassiker damit, dass das Reibrad als Plattenspielerantrieb Berechtigung hat, von den klanglichen Auswirkungen dieses drehmomentstarken, aber aufwendigen Systems ganz zu schweigen. Zu erwähnen ist allerdings auch, dass andere, weniger gut gelungene Reibrad-Konstruktionen nicht gerade zum guten Ruf des Prinzips beitrugen. Übrigens: Der Garrard wurde früher entweder als reines Laufwerksmodul zum Einbau in Tische oder aber mit Zarge verkauft. Die massive Walnussbasis unseres Testexemplars besitzt ein recht hart eingehängtes Subchassis und vier Federfüße, deren Einstellung genauso viel Zeit wie Nerven benötigt, bis die immerhin 64 Zentimeter breite Schönheit endlich „im Wasser“ steht.

Traumhaft gute Übersprechdämpfung: EMT-Topmodell JSW Platinum


Vom Vertrieb mit dem EMTTopmodell JSW Platinum bestückt, begeisterte uns der Garrard 301 ab der ersten Hörsekunde: Enormer Antritt, fesselnde Dynamik, pechschwarzer Hintergrund und bunt schillernder Klangfarbenreichtum. Von dem höchst beeindruckenden EMT-Abtaster, der hier seinen Teil beiträgt, einmal ganz abgesehen, vermittelt die Analog-Legende ein Maß an Autorität, Fülle und konzentriertem Druck, das wir bis dato so noch nicht gehört haben.

Reibrad? Reibrad! Reibrad!

Hinzu kommt eine superbreite Klangbühne, die mit feinsten Rauminformationen förmlich aufgeladen ist und sich weit nach außen über die Lautsprecherebene hinaus erstreckt. Auch die Tiefton-Defintion des 301 sollte man gehört haben, um zu ahnen, in welcher Höhe hier die Messlatte hängt: knurrig, brutal schnell, spielerischfedernd. Faszinierend!

Der imposante, nach wie vor referenzverdächtige Klang von Drehmoment und höchster Laufruhe in Kombination mit SME-Tonarm und EMT-Abtaster beweist, dass diesem Plattenspieler-Monument völlig zu Recht gehuldigt wird. Und der wiedergeborene Garrard 301 garantiert erneut ein halbes Jahrhundert Hörvergnügen!

Sorgfalt im Detail

Der Lieferumfang und die Dokumentation des „neuen“ 301 sind preisadäquat. Werkzeug und Transportsicherungen für das Subchassis sind ebenso in dem gewaltig großen Karton enthalten wie das penibel reproduzierte Begleitbuch mit seinen beeindruckenden technischen Zeichnungen. Das Netzteil der Klangikone befindet sich übrigens innerhalb der Zarge. Keinen Änderungsbedarf sehen wir bei dem enthaltenen SME-Tonarmkabel sowie bei der „alten“ SME-Headshell, die sich hier ganz gewiss nicht als Klangverhinderer herausstellte und gut zum Stil dieses Gesamtkunstwerkes passt.