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SPIEGLEIN, SPIEGLEIN


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 29.09.2022

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 10/2022

Bill Callahan

YTI A

DRAG CITY

★★★★★

And we’re coming out of dreams/ As we’re coming back to dreams“, singt Bill Callahan im ersten Lied seines neuen Albums. Das Geträumte ist schon lange ein zentrales Motiv im Werk des amerikanischen Songwriters. Ja, er verwendet in Interviews, Albumtiteln und Liedern das Wort „dream“ oft synonym für „song“. Sein Meisterwerk „Shepherd In A Sheepskin Vest“ (2019) schien allerdings wie ein Erwachen. Er erzählte in jenen einer Schreibkrise abgerungenen Liedern keine lakonisch-surrealen Storys/ Träume, sondern aus dem (eigenen) Leben – sang von Geburt, von Liebe und von Tod. Auf dem Nachfolger, „Gold Record“ (2020), nahm er sich wieder zurück, doch auch diese Songs hatten stellenweise eine neue, dem Leben abgerungene Tiefe. Der Titel des neuen Albums ist eine Spiegelung des Wortes „reality“. Die zwölf Songs seien, so Callahan, ein Versuch, sich nach Jahren im ...

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... (pandemiebedingten) Ausnahmezustand wieder mit den grundlegenden Dingen des Lebens vertraut zu machen.

Das Album beschreibt eines langen Tages Reise in die Nacht, beginnt in der Morgendämmerung, mit den Kindern, die aus dem Schatten des Flurs treten, und endet mit dem Einbruch der Dunkelheit, den singenden Planeten am Himmel und dem letzten Gast einer Party – „we thought he’d never leave“. Callahan singt von Inspiration („I feel something coming on – a disease or a song“) und Träumen, die einen über den Schlaf hinaus verfolgen, von der Vertreibung aus dem Paradies, von der Mutter, die aus dem Leben scheidet und im Bardo verharrt, um sicherzugehen, dass es dem Enkel gut geht, von Vaterfreuden und Gott, Weltflucht und religiösem Fanatismus, Kojoten, Käfern, Schweinen und Pferden. Die Kargheit der letzten Alben bricht er dabei stellenweise auf. Apokalyptische Trompeten, verzerrte Gitarren, Drones und irrlichternde Orgel haben ebenso Platz wie weiblicher Harmoniegesang, filigranes akustisches Picking und wie Morgentau tröpfelndes Klavier.

Wie verstreute Scherben eines Spiegels zeigen diese Lieder zahlreiche Reflexionen der Wirklichkeit – wir sehen das Gelebte, das Gedachte und das Geträumte, die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. „They say never wake a dreamer“, singt Callahan. „Maybe that’s how we die/ I realize now that dreams are real.“

Pete Astor

Time On Earth

★★★★☆

Feiner Pullunder-Pop für Melancholiker

Auch Pete Astor, „being in my fifties“, hat in den vergangenen zwei Jahren gemerkt, dass das Land der Vergangenheit nun größer ist als das Land der Zukunft. Man merkt das vielleicht noch nicht mit 49. Und die großen britischen Songschreiber des Pullunder-Pop merken es mit stärkerer Wucht als andere: Roddy Frame, Edwyn Collins, Lloyd Cole, Nick Heyward, Bill Pritchard. Pete Astor gehörte mit The Loft und den Weather Prophets zu den besten Songschreibern seiner Generation, und er hat wirklich keinen Deut nachgelassen. Es sind die Zeiten, die dürftiger geworden sind.

Und natürlich hat Astor für „Time On Earth“ lauter Musiker versammelt, die bei Edwyn Collins, Paul Weller, Everything But The Girl und unvergessenen, wenn auch erfolglosen Bands wie Spearmint, Death In Vegas und Denim gespielt haben. Er hat Songs über Verlust, Einsamkeit und Reue geschrieben, über das Ende von Lebensphasen, über den Glauben, die Abenteuer des Herzens und erfüllte Liebe. Er selbst schreibt ironisch, dass diese Platte – seine elfte seit 1987 – natürlich seine beste sei. Das stimmt vielleicht sogar. Die kregle Orgel erinnert an die Attractions, die Trompete an Dexys, und „Miracle On The High Street“ und „Sixth Form Rock Boys“ lassen an die La’s denken, ja sogar an Paul Simon.

Wenn ihn also ein kundiger Musikjournalist als Songschreiber imaginiert, der in den Siebzigern mit der Wrecking Crew in den Capitol-Studios in Los Angeles aufgenommen hätte, und zugleich als charmanten Folkie, der in den Sechzigern in England in den Clubs aufgetreten wäre, so ist beides wahr. Aber Pete Astor ist doch ein Kind der frühen 80er-Jahre, als Popmusik in England noch einmal als das definierende ästhetische Merkmal gedacht wurde: als Literatur, als Lebensstil, als Stil.

„Time On Earth“ ist ein Album, das man ganz und gar, von Anfang bis Ende hören muss. Bis zu „Grey Garden“, „Undertaker“ und „Fine And Dandy“. Es ist dafür gemacht. Früher, ja, früher eine Selbstverständlichkeit! (Tapete)

ARNE WILLANDER

Jesca Hoop

Order Of Romance

★★★★☆

Wunderbar verschnörkelte Kunstpop-Kostbarkeiten

Zu einer stoischen Gitarre und zuckenden Blechbläsern wagt sich Jesca Hoop dorthin, wo es wehtut: „I lost my mother, when I lost my virginity“, singt sie in „I Was Just 14“. So originell Hörgewohnheiten herausfordernden, exzentrischen und doch wunderschönen Pop wie in diesem Song, aber auch in Stücken wie „Sudden Light“ oder „Like I Am Time“ bekommt man heutzutage nur selten zu hören – vor allem seit Joanna Newsom seit einigen Jahren Besseres zu tun hat, als Lieder aufzunehmen. „Order Of Romance“, das sechste Album der Singer-Songwriterin aus Kalifornien, ist eine mit emotionaler Intelligenz aufgeladene Kostbarkeit voller großartig inszenierter verschnörkelt-vielstimmiger Loop-Songs und verworrener Poesie. (Memphis Industries)

GUNTHER REINHARDT

Bruno Bavota & Chantal Acda

A Closer Distance

★★★☆☆

Stille Resilienz in kargen Stimmungsskizzen

Der Lockdown war in Italien härter und länger. Reichlich Zeit für den Piano-Expressionisten Bruno Bavota, nicht nur „For Apartments: Songs & Loops“, sein Album von 2021, zu sammeln, sondern auch ein paar Tastentracks nach Holland zu schicken, wo Chantal Acda darauf wartete, sie auch mal mit Akustikgitarre, meist aber nur mit ihrer Stimme zu verarbeiten. Acda, solo ausschweifender unterwegs, konzentriert sich hier auf das Wesentliche der Vorlagen, die eher Melodic Loops sind als wirklich Stücke. Stimmungsskizzen wie „Sirens“ oder „Slowmotion“ verströmen die Kraft und Anmut stiller Resilienz, doch spiegelt etwa „Closeness“ auch die unfreiwillig klaustrophische Erfahrung einer besonderen Zeit wider. (Temporary Residence/Cargo)

JÖRG FEYER

Jens Friebe

Wir sind schön

★★★★☆

Synästhetische Cocktailrezepte

„Alle, die das hören, sind frei“ – da hat Jens Friebe nicht unrecht. Der Berliner surft auf seinem neunten Album über philosophisch-popkulturelle Monsterwellen: „Frei ist nur, wer nichts zu verlieren hat/ Hab ich im Ohr/ Ich hatte die Platte/ Aber ich hab sie verloren.“ Das Wurlitzer wabert auf „Was haben wir getan“ im Sechsvierteltakt durch den Raum, bis zu einem entfernten Saxofon, dazu deklamiert Friebe enigmatisch: „Was haben wir getan?/ Und hast du das Blut wegbekommen?/ Was haben wir getan?/ Besser, du rufst erst mal nicht mehr hier an.“ Hoffentlich nichts Schlimmes! Aber keine Sorge, das Album wirkt „sane“.

Friebes schöne, kalte, elektronisch knarzende Version von Leonard Cohens „First We Take Manhattan“ ehrt die Kraft des Originals und winkt zart mit dem Zaunpfahl, weil auch Cohen als Dichter und Songwriter brillierte. Synästhetiker:innen goutieren den Mix aus Sprachbildern und cleveren Sounds und Melodien garantiert, Fun- Boy-Three-Fans sowieso: In dem Song „Das Nichtmehrkönnen“ spielen Friebe und Tausendsassa Chris Imler mit Percussion, der Titel ist natürlich Untertreibung. Das alles ist überaus gekonnt. (Staatsakt)

JENNI ZYLKA

Kraftklub

Kargo

★★★☆☆

Knuffiger, um sich selbst kreisender Indie-Rock

Felix Brummer zieht Bilanz. Er freut sich über den Erfolg von Kraftklub und darüber, dass er einen Job ohne Selbsthass und Magengeschwür machen darf: „Auch wenn alles verschwindet – ich war Teil dieser Band.“ Der Song dazu heißt denn auch „Teil dieser Band“ und bemüht sich wie alle Nummern auf „Kargo“ darum, den Fans genau das zu bieten, was ihnen Kraftklub seit ihrem Debüt, „Mit K“, vor zehn Jahren am liebsten vorsetzen: knackige Indie-Rock-Gitarren, knuffige Beats und Refrains, die man mitgrölen kann.

Brummer erzählt von Liedern, die Erinnerungen an vergangene Romanzen triggern („Ein Song reicht“), von der Erfahrung bei der Wir-sind-mehr- Bewegung („Vierter September“), von gesellschaftlicher Paranoia („Angst“) und davon, dass politische Parolen bequem sein können („Wittenberg ist nicht Paris“). Und manchmal geht es auf „Kargo“ auch nur darum, das Zehn-Jahre-Kraftklub-Jubiläum zusammen mit Gästen wie Mia Morgan („Kein Gott, kein Staat, nur du“), den Brummer-Schwestern von Blond („So schön“) oder auch Tokio Hotel („Fahr mit mir [4x4]“) zu feiern. (Eklat)

GUNTHER REINHARDT

Lambchop

The Bible

★★★★☆

Kurt Wagner weiter auf dem guten Mittelweg

So bewunderungswert die Radikalität war, mit der Kurt Wagner sich seit „Flotus“ (2016) die Welt von Loops und Auto-Tuning erschloss, so schade war es doch, dass diese so unspektakulär große nicht mehr als nur eine weitere Stimme im großen Elektronik-Mix sein sollte. Zuletzt, auf „Showtune“, ruderte Wagner ein wenig zurück, und auch „The Bible“ sucht weiter ohne Not den guten Mittelweg. Dabei kehrt der kleine, weiße Bruder von Curtis Mayfield zurück, mit „Little Black Boxes“, „Whatever, Mortal“ und, wuchtiger noch, im „Police Dog Blues“, angelehnt an einen alten Blind-Blake-Song. Dieser extrovertierte Gestus kontrastiert mit einem Track wie „Daisy“, in dem sich Wagner ganz an seinen Pianisten Andrew Broder und ein gehauchtes Arrangement lehnt. Und siehe da, die zarte Verfremdung seiner Stimme wirkt hier fast zwangsläufig.

Was den gewichtigen, nach Konzept riechenden Titel angeht, so fällt „The Bible“ in dieselbe Kategorie wie einst „Thriller“ oder „Nixon“: Einfach nicht so wichtig nehmen. Aber das Sentiment von „Every Child Begins The World Again“ ist ja schon Gebet genug. (City Slang)

JÖRG FEYER

Brian Eno

Foreverandevernomore

★★★☆☆

Ein Zen-Garten gegen die Klima-Apokalypse

Das Wichtigste zuerst: Brian Eno singt auf fast allen Stücken des Albums – was der Ambient-Meister seit Jahrzehnten nur noch sehr selten tut. Es ist nicht mehr der trötende, etwas schiefe Gesang der frühen Soloalben. Eher denkt man an beseelte Wale oder an Mönche aus dem Himalaya, die zu atmen verstehen, mit großer Ruhe und hohem Bewusstsein. Das Thema von „Foreverandevernomore“ ist die Klimakatastrophe: „Das sind keine Propagandasongs, die einem sagen, was man glauben und wie man sich verhalten soll“, schreibt der Künstler über sein jüngstes Werk. „Stattdessen sind es Erkundungen meiner eigenen Gefühle. Die Hoffnung ist, dass sie dich, den Hörer, einladen, diese Erfahrungen und Erkundungen zu teilen.“

Und so ätherisch entrückt klingen die zehn Tracks auch. Wie ein Schweben über dem Abgrund, das sich – wie immer bei Eno – sehr, sehr angenehm anhört. Mit dabei sind Peter Chilvers, Jon Hopkins, Clodagh Simonds sowie Bruder Roger und weitere Mitglieder der Familie Eno. Die Warnung vor dem Weltuntergang gerät so zu einem zarten Windspiel. (Deutsche Grammophon/Universal)

JÜRGEN ZIEMER

Dillon

6abotage

★★★★☆

Neue Wege mit HipHop-Produzent Alexis Troy

Auf „Kind“ (2017) sinnierte Dominique Dillon de Byington darüber, wie man wächst und wird und sich entwickelt. Wegen der spärlichen Kulissen und unwirtlichen Bläser meint man im Rückblick, dass das Album die Isolation der Pandemie vorwegnahm. Nun präsentiert die in Berlin lebende Brasilianerin ein konkreteres, Groove-basiertes Album. „6abotage“ entstand mit Produzent Alexis Troy, der Dillons intuitive Gesangslinien mit aufgebrochenen HipHop- Beats konturiert. Ein großer Teil des Repertoires steht auf lyrisch-sanften Beats, etwa „Soften The Blow“. Die Verbindung aus Dillons ungewöhnlicher künstlerischer Perspektive und Troys HipHop-Haltung ist reizvoll. Sie holt die Sängerin und Pianistin aus der Abstraktion und öffnet neue Wege. (BPitch Control)

JÖRN SCHLÜTER

Dagobert

Bonn Park

★★★☆☆

Der Dandyschlager-Meister geht in die Vollen

Die mal opulente, mal spröde Ode an die Frau ist seit Jahren die Spezialität des Berliner Exilschweizers. Seit ersten Auftritten als aus der Zeit gefallener Metropolendandy hat der 40-Jährige diverse Metamorphosen durchlaufen, mal mehr Disco/Electro, mal Edelschlager. Sein fünftes Album, „Bonn Park“, benannt nach einem Theaterkumpel, verbindet diese Fäden. „Meine verheiratete Frau“ ist ein Depeche-Mode-artiger Schleicher mit Fremdgeh-Text und Schubidu-Chören, der Titelsong ein hymnisches Teil mit großem Soundbesteck. Für den Udo Jürgens von heute ist Dagobert zu schrägo und retro. Im schönen Video zu „Ich will ne Frau, die mich will“ gibt es Berliner Szeneprominenz im druffen Salonparty-Modus zu sehen. Gewohnt eigen. (Dagobert/Edel)

RALF NIEMCZYK

Mark Owen

Land Of Dreams

★★★★☆

Der Take-That-Mann greift noch mal nach den Sternen

Der inzwischen 50-jährige Mark Owen wird oft unterschätzt, kann aber auf die interessanteste Solokarriere aller Take-That-Mitglieder verweisen, inklusive einem respektablen Britpop-Ausflug. Auf seinem fünften Werk, mit einem neuen Look (Schnäuzer, lange Haare), hebt er noch einmal Richtung Himmel ab und nimmt uns mit einer – im positiven Sinne – überbordenden Discopop-Produktion gefangen. Alles ist hier eine Nummer größer – größer noch als Take That. „You Only Want Me“ und „Boy“ definieren Überpop, „Starwoman“ und „Magic“ feiern die Wiedergeburt der Bee Gees, und mit „Being Human“ zeigt Owen, dass nicht bloß Gary Barlow Pianoballaden kann. Eine Platte wie ein Candyshop – nur für Erwachsene. (BMG)

FRANK LÄHNEMANN

Terry Lee Hale

The Gristle & Bone Affair

★★★★☆

Der alte Westen, jetzt zu Hause im alten Europa

Wie schön, wie erstaunlich, dass sie immer noch zueinanderfinden, Produzent Chris Eckman und Terry Lee Hale, einst der einzige Singer-Songwriter aus Grunge City Seattle, nun schon lange in Marseille daheim. Ein kleines Kunststück, wie er sich auf seinem 14. Album mit unvermutet sanfter Stimme ganz in den Dienst dieser nur sieben pointierten Songs (plus ein Pausen-Instrumental) stellt, selbst wenn er mal das F‐Wort in den Mund nehmen muss („Curve Away“). „Oh Life“ klingt mit der Geige von Catherine Graindorge (Pop, Cave) und Hales Sehnsuchtsfalsett, als wäre der alte Westen schon immer im alten Europa zu Hause (oder umgekehrt). Und das Fass Alzheimer ist akustisch noch nie so beklemmend aufgemacht worden wie hier mit „Alive Inside“. (Glitterhouse)

JÖRG FEYER

L.A. Salami

Ottoline

★★★★☆

Hybrides Werk über die Hybris unserer Zeit

Das Gefühl, das Lookman Adekunle Salami in seiner Kindheit bei Pflegeeltern geprägt hat – das Außenseiterdasein, die Heimatlosigkeit, die Suche nach der Kultur seiner nigerianischen Mutter –, dieses Gefühl spiegelt sich auch in der Musik des britischen Songschreibers wider. Es ist aufregend, ihm dabei zuzuhören, wie er sich auf „Ottoline“ nicht entscheiden kann, ob er Bob Dylan oder Kanye West, Damon Albarn oder Michael Kiwanuka sein möchte. Und selten hat ein Hybrid aus HipHop, Folk, Soul, Funk, Pop und Kritik an den herrschenden Verhältnissen so packend geklungen wie in „Desperate Times, Mediocre Measures“, „The Full Form“ oder „Systemic Pandemic“. Dieses Album überfordert und macht dabei auch noch glücklich. (Sunday Best/Membran)

MAX GÖSCHE

Bonny Light Horseman

Rolling Golden Holy

★★★★☆

Anaïs Mitchells Trio schreibt jetzt eigene Folk-Songs

Man war von dem Debüt von BLH freudig überrascht, einfach weil man sich nicht hätte ausdenken können, dass Anaïs Mitchell, Eric D. Johnson (Fruit Bats) und Edel-Sideman Josh Kaufman (The National, Josh Ritter) eine Band gründen würden. Deutete das Trio darauf noch alte bis uralte Folk-Songs zu US-Indie-Folk um, schrieb es nun für dieses zweite Album eigene Lieder. Wieder geht es um die Frage, wie man das macht: ein altes Gefühl in ein neues ummünzen. BLH finden Melodien mit Patina und singen von ewigen Gefühlen, die nicht von moderner Selbstbespiegelung aufgeweicht sind. Es ist wundervoll beseelter und jetzt etwas griffigerer Songwriter-Folk mit einem sonnig-sanften Gefühl, das an Bon Iver, Fleet Foxes etc. erinnert. Es ist eine goldene Schallplatte. (37d03d/Cargo)

JÖRN SCHLÜTER

Alex G

God Save The Animals

★★★★☆

Der Bandcamp-Star aus Philadelphia, jetzt in Hi-Fi

Zum ersten Mal verlässt Bandcamp- Superstar Alex G seine Wohnung, um Musik aufzunehmen. In Profi-Tonstudios klingt seine Stimme klar wie nie, auch Klavier, Schlagzeug, E‐Gitarre glänzen in Hi‐Fi. Seine unheimliche Aura behält er trotzdem, er nimmt den sauberen Sound als Ausgangspunkt für experimentelle Exkursionen. Weit von Songstrukturen entfernt bleibt Alex G auf einem Riff oder einer Klavierfigur, singt keine Refrains, sondern Mantras, pitcht seine Stimme in schlumpfige Höhen oder Horror-Tiefen, hämmert dissonante Akkorde hinzu und garniert diese düsteren Stimmungsstücke mit digitalem Rauschen. Diese Mischung geht nicht immer ganz auf, einige Tracks klingen nach ersten Entwürfen, aber wenn sie gelingt, wie in „Blessing“, ist sie fantastisch. (Domino)

JAN JEKAL

Vieux Farka Touré & Khruangbin

Ali

★★★★☆

Gitarrist und Supertrio: Fata Morgana in Rock

Sie nannten ihn den John Lee Hooker Afrikas, und auch nach seinem Tod 2006 ist der Gitarrist Ali Farka Touré nicht nur in seiner Heimat Mali eine Legende. Sein Sohn Vieux, auch er ein begnadeter Gitarrist, hat sich nun mit dem Trio Khruangbin zusammengetan, um einige Songs seines Vaters neu zu interpretieren. Es ist verblüffend, wie selbstverständlich der Tamasheq-Blues mit dem psychedelischen, sich in Dub aalenden Sound der Perückenträger aus Texas harmoniert. Wüstenmusik, flirrende Hitze zum Hören. „Alakarra“ ist leiser hypnotischer Funk, Vieuxs Gesang klingt wie eine ferne Erinnerung an fast vergessenes Glück. „Ali“ ist möglicherweise das beste Album, das Khruangbin bisher aufgenommen haben. (Dead Oceans/Cargo)

JÜRGEN ZIEMER