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„Spieler sind in einem Trancezustand: der Zone”


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 14.08.2019

Natasha Dow Schüll erforscht seit vielen Jahren, wie Geldspielautomaten unser Verhalten steuern. Hier verrät sie, mit welchen Tricks uns das Design der Maschinen süchtig macht – und warum psychologische Studien oft zu kurz greifen


Artikelbild für den Artikel "„Spieler sind in einem Trancezustand: der Zone”" aus der Ausgabe 9/2019 von Psychologie Heute. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 9/2019

„Ich hatte keine Ahnung, was die Maschine für mich tun kann!” Mann in einer Spielhalle in Hamburg


Spielhallen sind ein seltsames Phänomen. Viele haben derlei Etablissements noch nie betreten. Dennoch liegt der Jahresumsatz mit Geldspielautomaten in Deutschland bei sieben Milliarden Euro – und damit siebenmal höher als der Umsatz, den etwa Kinobetreiber mit dem Verkauf von ...

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... Eintrittskarten erzielen. Für nicht wenige Spieler werden die Automaten gefährlich. Sie machen süchtig. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung urteilt: Die Maschinen sind „risikoreich für das Auftreten von Problemspielverhalten”. Niemand hat die merkwürdige Psychologie hinter den Automaten so gründlich untersucht wie die amerikanische Anthropologin Natasha Dow Schüll.

Professor Schüll, warum haben Sie ausgerechnet Spielautomaten erforscht?

In den 1990er Jahren – ich war noch Studentin – bin ich einmal von New York nach Kalifornien geflogen. Dabei hatte ich eine Zwischenlandung in Las Vegas. Man stieg aus dem Flieger und hörte sofort diese merkwürdigen Geräusche: Überall saßen Menschen vor einarmigen Banditen. Niemand unterhielt sich. Ich hatte so etwas noch nie gesehen – und wusste sofort: Das möchte ich mir näher ansehen.

Korrekt, dass Sie bereits Ihre Bachelorarbeit über Las Vegas geschrieben haben?

Das stimmt. Es war während der Ära der „Disneyfizierung”. Davor saßen in Las Vegas Männer in dunklen Anzügen um Poker- oder Blackjacktische. Alles war umweht von dieser Aura des Halbseidenen, Halbkriminellen. Aber auf einmal hat sich die Stadt den ganz normalen Leuten aus der Mittelschicht geöffnet. Damit schlug auch die Stunde der einarmigen Banditen. Die hatten vorher nur 40 Prozent des Umsatzes gemacht. Innerhalb weniger Jahre wurden daraus 80 Prozent.

Natasha Dow Schüll forscht und lehrt an derNew York University . Ihr BuchAddiction by Design über die Spielautomaten von Las Vegas gehört heute an vielen Universitäten zur Standardlektüre (eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor)


Mit Spielautomaten wird unfassbar viel Geld verdient, auch in Deutschland.

Darf ich Sie etwas fragen? Wie wird diese Art des Glücksspiels in Deutschland eigentlich besteuert?

Die Betreiber der Spielhallen zahlen eine Vergnügungssteuer. Pro Jahr kommen da etwa eine Milliarde Euro zusammen.

Dasselbe Muster findet man überall. Glücksspiel ist ein einfacher Weg, die öffentlichen Kassen zu füllen, ohne die Steuern zu erhöhen. Der Staat verdient immer mit. Das sollte man nie vergessen.

Kann Glücksspiel süchtig machen?

Natürlich. Auch wenn sich die offizielle psychiatrische Definition in den großen Diagnostikhandbüchern DSM und ICD über die Jahre immer wieder geändert hat. Früher sah man exzessives Glücksspiel als ein Problem der Impulskontrolle – in der Nachbarschaft von Phänomenen wie Pyromanie oder von Leuten, die sich die Haare ausreißen. Erst in den neuesten Fassungen wird es explizit als Sucht aufgeführt. Sucht ist etwas ausgesprochen Menschliches. Sie funktioniert immer über dieselben Schaltkreise im Gehirn, über Mechanismen, die eigentlich gut für uns sind und die unser Überleben sichern. Die zum Beispiel dafür sorgen, dass Essen, Trinken und Sex sich gut anfühlen.

Stimmt es, dass man immun gegen Spielsucht sein kann?

Es gibt ganz sicher unterschiedliche Grade von Anfälligkeit. Aber wirklich immun ist niemand. In manchen Köpfen existiert ja diese Vorstellung, dass die Menschheit aus zwei Gruppen bestehe: aus den Anfälligen und denjenigen, denen nichts passieren kann. Aber das stimmt nicht. Alles, was wir haben, sind graduelle Unterschiede. Mir ist an dieser Stelle aber noch etwas anderes wichtig.

Nämlich?

Dass wir uns in dieser Debatte nicht ausschließlich auf den Menschen konzentrieren. Gut: Einige Leute sind gefährdeter als andere. Aber mit demselben Recht könnte man sagen: Einige Tätigkeiten, einige Spiele – oder einige Automaten – haben ein besonders hohes Potenzial dafür, dass Leute daran hängenbleiben. Das Suchtpotenzial unterscheidet sich enorm. Man muss sich deshalb immer beide Seiten ansehen. Es handelt sich um eine Art von Beziehung. Um sie zu heilen, braucht man keine Einzelbehandlung, sondern eine Art Paartherapie.

Und das geschieht zu wenig?

Ich finde schon. In den USA konzentriert sich die Forschung fast nur auf die Person des Süchtigen – und viel zu wenig auf die Automaten. Das hat seine Gründe. Viele Studien werden in Amerika vomNational Center for Responsible Gambling gesponsert. Das Geld dafür stammt ausgerechnet von der Glücksspielindustrie. Finanziert werden deshalb vor- nehmlich Studien über die menschliche Seite der Sucht. Es funktioniert wie bei der Alkoholindustrie. Die wirbt mit dem Slogan: „Die Sucht wohnt nicht in der Flasche. Sie wohnt im Menschen.”

Die Studien sind gefälscht?

Nein, nein, im Gegenteil. Die meisten Studien sind exzellente Arbeiten. Ich sehe aber, dass manche Fragen gar nicht erst gestellt werden. Man sagt: Die Sucht steckt in den Menschen. Und schon kümmert man sich ausschließlich um die Gene oder die schlimme Kindheit der Spielsüchtigen. Die andere Seite der Geschichte bleibt im Dunkeln.

Früher funktionierten die Automaten so: Drei oder vier Walzen drehen sich. Für einen Gewinn müssen alle Walzen dasselbe Symbol zeigen. Ist das noch immer so?

Im Prinzip schon. Aber die Betreiber haben aufgerüstet. Inzwischen gibt es Automaten, die 25 solcher Reihen gleichzeitig anzeigen. Oder sogar 50.

Mit welchem Effekt?

Wenn man früher verloren hat, blieb die Maschine stumm. Wenn man gewonnen hat, gab der Automat ein Siegesgeräusch von sich: „Ding, ding, ding!” Wenn man heute 50 Reihen gleichzeitig spielt, geschieht Folgendes: Einige Reihen gewinnen immer. Man hat fünf Dollar investiert und drei Dollar zurückgewonnen. Die Maschine macht: „Ding, ding, ding!” Man hat unterm Strich zwar zwei Dollar verloren, dennoch gibt einem der Automat das Signal einer audiovisuellen Verstärkung.

Clever!

Mein kanadischer Kollege Kevin Harrigan hat in seinen Studien gezeigt, dass unser Gehirn diese Signale ganz genauso verarbeitet, als hätten wir tatsächlich gewonnen. Man fühlt sich, als würde alles super laufen – während man in Wahrheit permanent verliert. Und all das läuft so schnell ab, dass man die Mathematik dieser Pseudogewinne kaum bewusst mitbekommt.

Wie beginnt eine Spielsucht?

Bei den meisten durch Zufall. Freunde kommen zu Besuch, und aus irgendeinem Grund landet man in der Spielhalle. Fast alle meine Interviewpartner sagen: „Ich hatte keine Ahnung, was die Maschine für mich tun kann!” Sie fühlen sich super beim Spielen – und dann kommen sie wieder, weil sie das Gefühl noch einmal erleben wollen. Der Automat ist ein Weg, die eigenen Affekte zu kontrollieren. Und jetzt mal ehrlich: Seit alle ein Smartphone in der Tasche haben, ist so etwas jedem schon einmal passiert, wenn auch in einer schwächeren Form. Man verliert sich darin, Textbotschaften zu versenden, auf Facebook zu surfen oder Candy Crush zu spielen. All das sind letztlich nur Affektmodulatoren, also Wege, um sich in eine bessere Stimmung zu bringen.


Manche Menschen sind gefährdeter. Vor allem aber hängt das Suchtpotenzial von den Automaten ab


Ich denke beim Thema Spielsucht immer an den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der in der Spielbank von Baden-Baden Haus und Hof verzockt hat. Angeblich landete sogar sein Ehering beim Pfandleiher. Er konnte einfach nicht aufhören.

Diese Form des Glücksspiels gibt es. Man kann in kurzer Zeit sehr viel Geld gewinnen oder verlieren. Da geht es um Risiko und Nervenkitzel. Die meisten meiner Interviewpartner haben aber eine völlig andere Geschichte erzählt. Sie spielten nicht in den Hochglanzcasinos, sondern an scheinbar harmlosen Geldspielautomaten ums Eck. Noch etwas anderes hat mich überrascht: Den allermeisten ging es gar nicht ums Gewinnen. Sondern um ein bestimmtes Gefühl, das sich beim Spielen einstellt. Sie geraten vor den Automaten in eine Art Trancezustand, den ich „die Zone” nenne.

Was genau meinen Sie damit?

Man sitzt in diesen speziellen superbequemen Sesseln, die inzwischen zur Grundausstattung gehören. Und dann läuft ein Spiel nach dem anderen. Man gewinnt oder verliert ein paar Cent. So geht das immer weiter über viele Stunden. Die Menschen vergessen dabei alles andere; der Sinn für Raum und Zeit geht verloren. Die Probleme des Alltags verschwinden. Manche vergessen sogar, dass sie Schmerzen haben oder zur Toilette müssen. Sie haben Krämpfe, ohne etwas davon mitzubekommen, so sehr haben sie sich in diesen Zustand hineingespielt.

„Die Zone” – muss man sich das wie eine Art Hypnose vorstellen?

Die Spieler beschreiben es tatsächlich als eine Art Hypnose, wie einen Tunnelblick, in dem alles andere ausgeblendet wird. Deshalb hassen es viele Spieler, einen Jackpot zu gewinnen. Auf einmal spielt der Automat diese extralaute Siegesmusik, alles fängt an zu blinken, das Spiel hört auf, die Leute in der Spielhalle drehen sich nach einem um – all das holt den Spieler zurück in die Wirklichkeit. Diese Geschichte habe ich in meinen Interviews wieder und wieder gehört.


Wenn Sie schon spielen, dann nur mit Freunden: damit Sie nicht völlig in die Zone abgleiten


Stimmt es, dass die Maschinen inzwischen erkennen können, dass ein Spieler die Lust verliert? Dass sie darauf reagieren, um einen bei der Stange zu halten?

Technisch kann man das schon lange. In den 1980er und frühen 1990er Jahren hat man in Las Vegas angefangen, den Spielern einen „Glücksbotschafter” vorbeizuschicken. Das war ein Mitarbeiter, der zu den Spielern gegangen ist, um ihnen einen kleinen Bonus anzubieten. Man hat gehofft, sie dadurch zum Weitermachen zu überreden.

Wie gut hat das funktioniert?

Die Sache ging ziemlich nach hinten los. Aus einem einfachen Grund: Die Leute hatten keine Lust, von irgendwem in ihrem Spiel unterbrochen zu werden. Der Glücksbotschafter hat sie aus ihrer Trance geholt und damit alles kaputtgemacht. Trotzdem ist der Gedanke dahinter natürlich interessant. Heute könnte man diesen Glücksbotschafter einfach in die Maschine einbauen. Das wirkt dann als zusätzliche Verstärkung – ohne dass ein Mensch den Spieler aus seiner Zone holt.

Wie wird aus der Trance eine Sucht?

Ich habe mit vielen Automatendesignern gesprochen. Diese Leute wissen sehr genau, was sie tun. Sie haben eine neue Währung entdeckt, die man im Englischen alstime on device bezeichnet – man will, dass der einzelne Spieler möglichst lange am Automaten bleibt. Davor waren die einarmigen Banditen darauf ausgelegt, den Leuten in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Kleingeld aus der Tasche zu ziehen, damit sie endlich weiter nach hinten in die Casinos gehen. Zum Roulette oder zum Blackjack. Die Automaten waren sozusagen nur die Vorspeise. Heute aber sind die Spielautomaten das Hauptgeschäft. Und man hat eben herausgefunden: Je länger die Leute vor den Automaten sitzen, desto mehr Geld werden sie dort verspielen. Und vor allem: Sie werden am nächsten Tag wiederkommen. Tatsächlich sind Automaten die mächtigste und psychologisch einflussreichste Form des Glücksspiels überhaupt. Eine Studie aus Kanada zeigt, dass eine Sucht sich an den Automaten dreibis viermal schneller einstellt als etwa beim Wetten auf der Pferderennbahn.

Woran liegt das?

An einem Faktor, den man in der Psychologie als „Ereignishäufigkeit” bezeichnet. Beim Heroin ist das „Ereignis” der Moment, in dem man sich den Schuss setzt. Auf der Trabrennbahn ist es das einzelne Rennen, auf das man gewettet hat. Das passiert vielleicht zwei- oder dreimal pro Stunde. Aber am Automaten, etwa beim Videopoker, kann man bis zu 1200 Hände pro Stunde spielen. Jedes einzelne Spiel ist eine Chance für eine psychologische Verstärkung. Das Tempo des Spiels ist wahnsinnig wichtig. Einsamkeit ist auch ein Faktor, also die Tatsache, dass keine anderen Spieler da sind, dass einen keiner unterbricht und dadurch aus seiner Trance reißt. Und im Gegensatz zum Pferderennen gibt es bei den Automaten auch kein definitives Ende. Das Gerät spielt immer weiter. Zusammenfassend gibt es also drei hauptsächliche Suchtfaktoren: Kontinuität, Einsamkeit und Tempo.

Was empfehlen Sie, um nicht von Spielautomaten süchtig zu werden?

Ich bin keine Therapeutin. Ich kann Ihnen also nur das raten, was der gesunde Menschenverstand empfiehlt: Lassen Sie die Finger von solchen Geräten! Und wenn Sie spielen, dann nur gemeinsam mit Freunden, damit es ein soziales Erlebnis bleibt und Sie nicht völlig in die Zone abgleiten.

Sollte man solche Automaten verbieten?

Das würde mir zu weit gehen. Aber man könnte die Industrie per Gesetz zwingen, an den Automaten ein paar Dinge zu verändern. Mein Kollege Robert Williams hat dazu eine Liste erarbeitet mit allen Maßnahmen, die sich in wissenschaftlichen Tests bewährt haben. Man könnte die Spiele etwa langsamer machen. Oder die Anzahl der Symbolreihen reduzieren, das Bezahlen per Kreditkarte oder per Banknote verbieten oder die Sitze vor den Automaten ein bisschen unbequemer gestalten. All das sind Kleinigkeiten – die aber einen enormen Effekt haben können.
PH