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SPINNENNETZ DES KÖRPERS: Faszinierende Faszien


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 80/2018 vom 13.07.2018

Ihr Pferd hält sich imRücken fest oder lässt sich schlecht biegen? Sie können nicht gut aussitzen und fühlen sich steif? Dann sind vielleicht dieFaszien schuld daran.Verklebt das Bindegewebe , das alle Muskeln umgibt, hilft nur eine Faszientherapie. Was sie bewirken kann, wie Reiter Faszien bei sich und ihrem Pferd lösen können und welcheReitübungen helfen, erklären unsere Expertinnen Ulrike Haase und Stephanie Reineke


Artikelbild für den Artikel "SPINNENNETZ DES KÖRPERS: Faszinierende Faszien" aus der Ausgabe 80/2018 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 80/2018

Faszien, besser bekannt unter dem Begriffe Bindegewebe, haben Einfluss auf jede Bewegung des Körpers


Bis vor einigen Jahren konnte kaum jemand etwas mit dem Begriff Faszien ...

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... anfangen, heute ist er in aller Munde. Wie ein dreidimensionales Spinnennetz durchziehen Faszien den Organismus von Mensch und Pferd. „Sie bestehen aus Bindegewebszellen und Fasern, die sie netzartig untereinander bilden und damit eine Art Umhüllung für alle Strukturen im Körper bauen“, erklärt Human-Physiotherapeutin und Pferde-Osteopathin Ulrike Haase aus Mühlenbeck (Brandenburg). Sie stützen, polstern, verbinden, trennen und stabilisieren den Körper, ohne dabei starr zu sein – das macht sie so besonders.

Faszien haben viele Aufgaben

Im Inneren bestehen sie aus Kollagenund Elastanfasern und einer wässrigen Flüssigkeit (extrazelluläre Matrix). „Je nachdem, ob mehr Festigkeit (z. B. bei Sehnen) oder mehr Elastizität (z. B. Magenwand) benötigt wird, besitzen sie einen höheren Kollagen- oder einen höheren Elastan-Anteil“, ergänzt Stephanie Reineke, Pferde-Physiotherapeutin aus Warburg (Nordrhein-Westfalen). Die Matrix enthält Wasser, Abwehr-, Lymph- und Fettzellen, aber auch Blutgefäße und unzählige freie Nervenenden. Letztere nehmen u.a. Schmerzsignale wahr, registrieren die Lage und Position des Körpers und leiten diese Informationen an das Gehirn weiter, wodurch Faszien zu einem körpereigenen Kommunikationsorgan werden.

UNSERE EXPERTINNEN

ULRIKE HAASE
aus Mühlenbeck (Brandenburg) ist Human-Physiotherapeutin und hat 2003 ihre Ausbildung zur Pferde-Osteopathin (DIPO) absolviert. Ihre Leistungen umfassen u.a. Faszientherapie, Trainingsund Turnierbetreuung.
www.ulrikehaase.de

STEPHANIE REINEKE
ist zertifizierte Physiotherapeutin, Osteopathin und TCM-Akupunkteurin für Pferde und Hunde aus Warburg (Nordrhein-Westfalen). Sie bietet neben ihrer therapeutischen Arbeit Seminare und Vorträge z. B. zur Faszientherapie an.
www.pferdephysio-sr.de

10 TIPPS FÜR ELASTISCHE FASZIEN

Bindegewebe ist wie kalte Knete. Sie muss bewegt werden, damit sie ihre Funktion gut erfüllen kann. Da Faszien an jeder Bewegung im Körper direkt oder indirekt beteiligt sind, lassen sie sich gezielt trainieren. Folgende Übungen sind ideal:

1. Zu Trainingsbeginn ist eine lange Schrittphase mit freier Kopfhaltung, unter Zulassen der Nickbewegung und des Bauchpendels wichtig.

2. Achten Sie auf kurze Tempiunterschiede innerhalb einer Gangart und Beinahe Übergänge (z. B. nur fast in den Schritt oder Trab durchparieren).

3. Gestalten Sie Lektionen neu (z. B. Außenstellung auf dem Zirkel), nutzen Sie Seitengänge, freie Linien oder Fantasiefiguren im Viereck.

4. Wechseln Sie häufig die Halseinstellungen (z. B. von der Arbeits- zur Dehnungshaltung und wieder zurück).

5. Legen Sie Wert auf unterschiedliche Böden, reiten Sie öfter bergauf und bergab oder über einen Stangensalat.

6. Lassen Sie biegende und geraderichtende Lektionen ineinander übergehen und reiten Sie viele Handwechsel, um mehr Geschmeidigkeit zu erreichen.

7. Gymnastizieren Sie Ihr Pferd gleichmäßig auf beiden Händen und verhindern Sie ein einseitiges Training.

8. Versuchen Sie den Stress für Ihr Pferd so gering wie möglich zu halten und arbeiten Sie immer an der Losgelassenheit.

9. Bei der Bodenarbeit helfen korrekte Seitengänge, Dualaktivierung, Cavalettiarbeit und auch Zirkuslektionen, um Faszien geschmeidig zu halten.

10. Wenn ein Pferd möglichst artgerecht gehalten wird und viel freie Bewegung in Pferdegesellschaft hat, bleiben seine Faszien gesund und leistungsfähig.

Motorisch betrachtet, bilden sie mit der Muskulatur eine Funktionseinheit. „Weil Faszien die Muskulatur nicht nur umhüllen, sondern auch durchdringen, halten sie die Masse zusammen und leiten ihre Kräfte weiter. Faszien funktionieren darüber hinaus als Stoßdämpfer, weil sie Bewegungsenergie speichern und wieder freisetzen können, wie ein Gummiband“, erläutert die Expertin weiter. Sie spielen daher eine wichtige Rolle bei der Kraftübertragung durch die Muskeln.

Verschiedene Bindegewebstypen

Ihre Fähigkeit, Flüssigkeit zu speichern, ist wichtig für die Gleitfähigkeit, die eine Muskelbewegung überhaupt erst möglich macht. Die Kraftübertragung vom Muskel auf den Knochen bzw.die Gelenke gehört zur Aufgabe der Sehnen. Am Übergang von der Sehne zum Knochen sind muskelverlängernde Sehnenanteile angeknüpft, die wiederum mit den Muskelfaszien verbunden sind, sodass alles miteinander eine Muskel-Faszien-Kette bildet.

„Je nach Veranlagung sprechen wir von festen oder lockeren Bindegewebsstypen“, so Ulrike Haase. Die Redewendung „Man kann nicht aus seiner Haut“ gilt hier auch für den Vierbeiner. Bei einem eher lockeren Bindegewebe lässt sich die Stabilität durch Muskelkraft leicht erhöhen. Ist das Bindegewebe sehr fest, wird es schwieriger. „Zwar können solche Pferde energiesparend lange im mittleren Bereich arbeiten – wenn auch mit weniger Tempo und wenig Ausdruck –, aber sollen sie besonders ausdrucksstarke, große Bewegungen machen, arbeiten sie wie in einer zu engen Jacke“, so die Expertin.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Faszien beschädigt werden, z. B. durch ein einseitiges oder überforderndes Reittraining, eine erzwungene Körperhaltung, Schonhaltungen nach Verletzungen, einen allgemein sehr hohen Muskeltonus, eine Steigerung der psychischen Anspannung (Turnier) oder eine Erhöhung des Alltagsstresses. Auch zu wenig freie Bewegungsmöglichkeiten tun den Faszien nicht gut. Die Flüssigkeit in den Bindegewebszellen wird sauer und zähflüssig. Nährstoffe können nur noch langsam passieren. „Fehlen im Training dann noch die so wichtigen Pausen nach der Anspannung, hat der Organismus keine Möglichkeit, wieder Sauerstoff zu den Zellen zu bringen. Ein Teufelskreis beginnt“, warnt die Physiotherapeutin aus Mühlenbeck.

Bei Stress ist es ähnlich. Hier spannen sich jedoch die Bindegewebszellen der Faszien selbst an (eine relativ neue Erkenntnis aus der Faszienforschung). Damit nimmt die Durchlässigkeit weiter ab, Stoffwechselendprodukte können nicht abtransportiert werden und die Flüssigkeit, in der die Zellen schwimmen, wird ebenfalls zäh wie Honig. Da die Faszien auch die letzte Muskelzelle ummanteln, wirkt sich dieser Mechanismus im gesamten Pferdekörper aus. Was passiert? Das Fasziennetz verliert seine Elastizität und bildet Verdrehungen, Verformungen, Verrenkungen oder Verklebungen mit dem umliegenden Gewebe. Mit der Zeit kann diese stabilisierende Wirkung so groß werden, dass die Bewegungsfreiheit des Pferdes eingeschränkt ist. „Bei manchen Vierbeinern sind Faszienverklebungen sogar direkt auf der Haut erkennbar. Es kommt nicht selten zu einer Faltenbildung im Bereich der Sitzbeinmuskeln und des Gesäßmuskels“, weiß Stephanie Reineke.

Leidet Ihr Pferd unter verspannten Faszien? Dann helfen Sie ihm doch mit Ihren Händen


VERKLEBUNGEN MIT SANFTER MASSAGE LÖSEN

Um Faszien des Pferdes elastisch zu halten, können Reiter selbst Hand anlegen. Mit gezielten Massagegriffen verhelfen Sie Ihrem Vierbeiner zu mehr Entspannung

Lösen Sie Faszien mit einem Griff am Nackenband


Verschieben Sie die Haut in verschiedene Richtungen


FASZIENLIFT AM NACKENBAND

Greifen Sie mit abgespreizten Fingern in die Mähne dicht am Mähnenkamm und heben Sie diese sanft an, bis etwas Zug zu spüren ist. Diese Dehnung wird mindestens zehn Sekunden gehalten und danach die Spannung sanft gelöst. Der Griff ist gut wirksam bei Genick-, Anlehnungs-, Stellungs- und Biegungsproblemen und Nackenbandverklebungen. Da das Nackenband auch mit den Hirnhäuten in Verbindung steht, kann dieser Griff hilfreich bei Headshakern sein – so der Tipp von Stephanie Reineke.

DER „C7-GRIFF“

Greifen Sie im unteren Halsbereich vor dem Schulterblatt sanft mit einer oder beiden Händen eine Hautfalte. Hilfreich ist es, das Pferd mit dem Kopf in Richtung der zu behandelnden Seite zu stellen. Auch dieser Griff wird zehn Sekunden gehalten, bevor er sanft gelöst wird. Er heißt „C7“ da er in Höhe des siebten Halswirbels angewendet wird und ist hilfreich bei Blockaden der unteren Halswirbelsäule, mangelndem Raumgriff, wenn Pferde zum Einrollen neigen, und bei Problemen in Stellung und Biegung.

Greifen Sie sanft eine Hautfalte vor dem Schulterblatt


MYOFASZIALER RELEASE

Legen Sie Ihre Hand mit etwas Druck auf die zu behandelnde Stelle. Dann testen Sie die Verschieblichkeit der Haut in sechs Richtungen: kopfwärts, schweifwärts, rückenwärts, bauchwärts, in Rechts- und Linksrotation. Dabei merken Sie sich die Richtungen, in die die Verschieblichkeit besser gelingt und stapeln sich das Gewebe in diese freien Richtungen (zehn Sekunden halten). Danach nehmen Sie den Druck etwas weg (fünf bis zehn Sekunden halten), bevor Sie Ihre Hände vom Gewebe lösen.

Artgerechte Haltung mit viel freier Bewegung reduziert Verklebungen und Verformungen des Bindegewebes


FASZIENTRAINING FÜR REITER

Eine vermehrte Faszienspannung macht sich auch bei uns Menschen bemerkbar.

Wir fühlen uns steif und unelastisch oder leiden sogar unter Schmerzen.

Die Lösung? Bewegung, Dehnung und Mobilisation der Faszien

Franklinbälle lösen verspannte Faszien im Sattel


PHYSIO-ÜBUNG

Um die tiefe Rückenfaszie zu lösen, setzen Sie sich mit angewinkelten Beinen auf den Boden, lassen die Knie nach außen fallen und greifen mit jeder Hand den gleichseitigen Fuß. Nun lassen Sie sich langsam nach hinten rollen und versuchen Sie, mit leichtem Schwung wieder zurück in den Sitz zu kommen, ohne die Füße loszulassen. Das wiederholen Sie für zwei bis drei Minuten. Gelingt dies gut, rollen Sie seitlich ab und über die andere Seite zurück.

IGELBALL

Mit dem Igelball (ab ca. 1,50 Euro im Internet) kann man ideal Faszien lösen, z. B. die Fußfaszie, indem man den Igelball unter dem Mittelfuß hin- und herrollt, wobei nicht zu viel Eigengewicht auf ihn gebracht werden sollte. Da alle Faszien miteinander verbunden sind, werden auch weiter entfernt liegende Körperregionen erreicht.

FRANKLINBÄLLE

Die Produkte aus buntem Latex (ab ca. 14 Euro) werden – im Sattel sitzend – unter dem Gesäß, den Oberschenkeln oder den Armen positioniert und dienen einerseits der Selbstmassage, andererseits stimulieren sie Akupunktur- und Triggerpunkte und wirken so auf die Faszien ein. Aufgrund der verwobenen Struktur der Faszien gibt es eine große Fernwirkung(www.franklinmethode.ch, www.sportszeugs.de).

Die Rollen von Blackroll erhöhen die Elastizität


BLACKROLL

Die harte Rolle von Blackroll ermöglicht die Mobilisierung und Regeneration der Muskulatur und der Faszien. Mit geringem zeitlichen Aufwand kann die Elastizität und somit das Leistungsvermögen der Faszien erhöht werden. Dabei legt man sich z. B. mit den Unter- oder Oberschenkeln auf die Rolle und nutzt das Körpergewicht als Druckgewicht. Der Preis: ab 29,90 Euro(www.blackroll.com).

Verklebungen und ihre Folgen

Die Folgen sind vielfältig: u.a.allgemeine Rittigkeitsprobleme (Mangel an Losgelassenheit und Durchlässigkeit, wenig schwungvolle Bewegungen, Probleme in Stellung und Biegung, Schwierigkeiten in der Anlehnung, Taktfehler), Widersetzlichkeiten beim Putzen, Hufegeben und Satteln, Verspannungen, Steifheiten, undefinierbare Lahmheiten, Empfindlichkeiten oder Schmerzen im Rücken.„Schmerzen wiederum lösen Stress aus und machen es dem Tier unmöglich, den Kreislauf zu durchbrechen, da das Pferd als Fluchttier bei Stress noch mehr Spannung aufauen wird. Hält ein solcher Zustand lange an, erkranken häufig die Sollbruchstellen. Wie der Mensch zum Beispiel den Fersensporn entwickelt, bekommen Pferde Fesselträgerursprungsentzündungen, -überlastungen oder Probleme mit den Fesselringbändern. Der vermehrte Zug besteht im gesamten System“, erläutert Ulrike Haase.

Nicht selten kommt es zu Sehnenschäden, Rückenproblemen, Kissing Spines, Gleichbein erkrankungen, Nackenbandanrissen, Gallen, Hufrollenentzündungen, Kniegelenksverletzungen oder Spat, ergänzt die Expertin aus Warburg die Aufzählung.

Auch psychische Veränderungen sind möglich (u.a. Schreckhaftigkeit, Apathie oder Aggressivität). „Faszien ziehen sich bei Stress messbar zusammen und reagieren immer mit. Sie schaften somit eine Verbindung zwischen Körper und Seele. Daher ist es möglich, über die Faszienbehandlung psychischen Stress abzubauen“, so die therapeutin weiter.

WENN DAS BINDEGEWEBE ZUM PROBLEM WIRD

UNTRAINIERTE FASZIEN

„Bei geschädigten Faszien ist die Verschieblichkeit vermindert. Dies führt u.a.zu Koordinationsproblemen, steifer Bewegung, zurückgebildeter oder ungleich ausgebildeter Muskulatur. Wenn aufgrund der Faszienverklebung der Katapulteffekt nicht funktioniert, benötigt das Pferd mehr Muskelkraft und die elastische, lockere Bewegung geht verloren“, erklärt Stephanie Reineke.

Geschädigte Faszien verhindern eine elastische Bewegung des Pferdes


TRAINIERTE FASZIEN

„Gut funktionierende, gesunde Faszien ermöglichen hingegen eine gute Körperwahrnehmung, viel Kraft und Elastizität, gute Sprungkraft und Kondition sowie problemlose Muskelarbeit und Muskelaufbau“, so die Expertin. Sie bilden ein federndes System, das ein Maximum an Bewegungsmöglichkeiten bietet, aber nur gelingt, wenn Faszien gleichmäßig strukturiert, locker und trainiert sind.

Gesunde Faszien bieten hingegen ein Höchstmaß an Bewegungsmöglichkeiten


Doch es gibt Hoffnung. Denn Faszien können sich regenerieren, auch wenn die Neuorganisation bis zu einem Jahr dauern kann. „Bei der Regeneration kommt es darauf an, ob sich die Tiere von Verklebungen bzw. Verfizungen erholen müssen, was mit gezielter therapie sehr gut funktionieren kann, oder ob es große Verletzungen gab, die ein Narbengewebe verursacht haben“, sagt Ulrike Haase. Narben seien meist Störherde im Fasziensystem, weil die Elastizität des Narbengewebes geringer sei und damit ein Grundzug auf die betroffenen Faszien anhalte bzw.verschiedene Faszienschichten nicht mehr aneinander gleiten könnten. Damit könnten Narben selbst zum Auslöser neuer Probleme werden.

Das geringere Problem stellen Operationsnarben dar, weil die verschiedenen Schichten einzeln genäht werden und im günstigsten Fall nicht großflächig miteinander verkleben. Bei großen, stumpfen Weichteiltraumen, Tritten oder Stürzen hingegen liegen oftgroße Einblutungen vor. „Verkleben die Bluteiweiße zwischen den Schichten, macht uns das im Hinblick auf die Faszien größere Sorgen. Hier kann z. B. eine frühe Behandlung des Hämathoms mit Blutegeln große Dienste leisten, damit zu dem ohnehin zerstörten Gewebe nicht noch eine mehrschichtige Verklebung zurückbleibt“, rät sie. Dann sind erfahrene therapeuten gefragt. Sie sehen und fühlen Faszienverklebungen sofort, weil Auge und Hand gut darauf trainiert sind, Abweichungen vom Originalzustand zu erkennen.

„Man hat aus der Berufserfahrung heraus eine genaue Vorstellung davon, wie sich das Gewebe im Optimalfall anfühlen sollte, wie verschieblich es sein muss, und wird bei Abweichungen aufmerksam. Störungen werden aufgespürt, Gelenke im Seitenvergleich beurteilt, und es fühlt sich in der Tat oftso an, als sei dem Pferd ‚seine Jacke zu eng‘“, so die Physiotherapeutin. „Die Verschieblichkeit der Haut ist vermindert und es ist kein Abheben der Haut im Hals- und Schulterbereich möglich“, vervollständigt Stephanie Reineke.

Die Mobilisation bei der Faszientherapie besteht aus langsamen und ruhigen Techniken, denn Faszien reagieren nachhaltig, zum Positiven wie zum Negativen. Es werden gezielte Griffe angewendet, mit denen die oberflächlichen Faszien gelöst und gedreht werden, und Griffe zur passiven und aktiven Bewegung von Gliedmaßen und der Wirbelsäule. Hierbei fließen verschiedene Elemente z. B. der Osteopathie oder Cranio-Sakral-therapie mit ein. Es handelt sich also nie um eine reine Faszienbehandlung. Denn, wie bereits erwähnt, behandelt man mit dem Bindegewebe auch immer das gesamte System. So wird das Bewegungsausmaß der einzelnen Gelenke wieder auf sein Normalmaß gebracht.

Losgelassenheit ist Voraussetzung dafür, dass das Muskelspiel reibungslos abläuft


Wirksame Faszientherapie

Die Reaktionen der Pferde während der Behandlung sind sehr unterschiedlich. Nicht selten, so die Expertin weiter, würden die Vierbeiner bei Faszienverklebungen Berührungsemp findlichkeiten (extremes Hautzucken oder vermindertes bis gar kein Hautzucken), Schweifschlagen, Ohrenanlegen, Beißen oder Treten zeigen. „In der Untersuchung vorab ist meist noch alles fein. Dann spürt man den Widerstand im Gewebe, und wenn man weitergehen will, verhindern die Pferde das mit ihren Mitteln. Manche erstarren regelrecht zur Salzsäule oder sinnen auf Flucht. Bei anderen führt ihre Empörung zu Gegenmaßnahmen (s.o.). Diese Reaktionen muss man frühzeitig erkennen und dementsprechend handeln“, fügt Ulrike Haase hinzu.

War der therapeut erfolgreich und konnte er die Verklebungen lösen, zeigen die meisten Pferde dies deutlich an: Sie kauen, lecken, gähnen, atmen tief durch oder schütteln sich. Das Hautzucken lässt nach, die Verschieblichkeit der Haut ist verbessert, das Abheben der Hautfalte wieder möglich. Manche sehen sogar nach einer intensiven Behandlung anders aus: Sie drücken den Rücken weniger weg, wirken beruhigt und manchmal erschöpft.

Wie oftein Vierbeiner behandelt werden muss, hängt von der Ursache der Verklebungen und vom Typ Pferd ab. Ulrike Haase rät bei Sportpferden zu einem dreimonatigen Behandlungsrhythmus. Ansonsten muss je nach Einzelfall entschieden werden, vor allem wenn es um das Beheben erheblicher Bewegungseinschränkungen geht. „Im akuten Stadium lassen sich die Verklebungen in den Faszien durch die verschiedenen Faszientechniken sehr gut lösen“, meint Stephanie Reinecke. In vielen Fällen genügt ihr eine einzige Behandlung. Bei länger andauernder Faszienproblematik sind zwei bis sechs Behandlungen nötig, wobei der Abstand zwischen den Terminen stetig vergrößert wird. Außerdem bekommt der Pferdebesitzer von ihr Übungen an die Hand, mittels derer auch zwischen den Terminen die Behandlung fortgesetzt werden kann.

Wie Sie selbst dahingehend Hand anlegen können, erläutert die Expertin auf Seite 15. Als Hilfsmittel können Reitern dabei auch Faszienrollen oder Faszienräder dienen (siehe Kasten rechts). „Diese sollten aber immer nur mit wenig Druck und langsamen, großen Bewegungen angewendet werden, da die Faszien Kompression nicht mögen und Zeit brauchen, um sich neu zu sortieren und zu erholen. Wildes Hin- und Herrollen ist kontraproduktiv. Auch gut einsetzen lassen sich Igelbälle oder Magnetrollenstriegel. Die Faszien können zudem sehr gut beim täglichen Putzen gelöst werden“, so die Pferde-Physiotherapeutin.

Neurokinetic nach Michael Geitner

Unter dem Sattel oder bei der Bodenarbeit können Sie die Faszien des Vierbeiners ebenso trainieren (siehe Seite 14). Wichtig zu wissen: „Muskeln bauen sich auf und Faszien erholen sich in den Pausen (60–90 Sekunden) zwischen den Lektionen und in der Erholungsphase (48–72 Stunden auf Wiese oder Paddock) zwischen den Trainingseinheiten“, weiß die Expertin.

Trend unter den Michael-Geitner-Fans (bekannt geworden durch die Dualaktivierung mit den blau-gelben Gassen) ist seit Kurzem die Neurokinetic. Sie ist ein Mix aus der Behandlung des Pferdes mit dem Gerät Extrazell, als Grundlage für einen physiologisch gesunden Bewegungsablauf, und der Equikinetic als Bodenarbeitsprogramm. Extrazell arbeitet mit biomechanischen Schwingungen (Vibration) im Frequenzbereich von fünf bis maximal 30 Hertz und ahmt rhythmische Mikrobewegungen der Muskeln durch die externe Stimulation nach (www.extrazell.de, www.pferde-ausbildung.de). Auf ein ähnliches Prinzip setzt die Firma Overo mit ihrem NeuroStim (www.overo.de). Beide Produkte gehören jedoch in therapeutenhände.

Nicht zu vergessen: Auch Reiter können unter vermehrter Faszienspannung leiden. Fühlen Sie sich steif im Sattel, unelastisch, oder können Sie den Bewegungen des Pferdes im Aussitzen nur schlecht folgen? Ihnen fehlt irgendwie die Leichtigkeit in den Bewegungen? Sie haben Schulterverspannungen oder Rückenschmerzen? Dann sollten Sie hellhörig werden. Die Lösung: Bewegung und Dehnung und Massage. Hier helfen physiotherapeutische Übungen sowie Faszientrainer wie die Blackroll oder der Igelball (siehe Seite 16).

Zu empfehlen sind die Franklinbälle, die, während Sie im Sattel sitzen, unter dem Gesäß, den Oberschenkeln oder den Armen positioniert werden. Die Produkte aus buntem Latex sind hervorragend dazu geeignet, Reitern zu einer neuen Beweglichkeit zu verhelfen.

Korrekte Biegung gelingt nur dank elastischer Faszien


Zu guter Letzt sollten Sie den Einfluss der Ernährung auf den Zustand des Bindegewebes nicht unterschätzen. „Hier gilt neben dem Alkohol und dem Verzehr von Schweinefleisch vor allem dem Zucker die Aufmerksamkeit. Wer Probleme mit dem Bewegungsapparat hat, sollte den Test wagen und einmal vier Wochen seinen Zuckerkonsum drastisch zu reduzieren“, rät Ulrike Haase abschließend.

PRAKTISCHE HELFER MIT GROSSER WIRKUNG

STRIEGEL: Monotones, kreisförmiges Striegeln regt Rezeptoren an, die auf Druck reagieren und Reize an das Nervensystem zur Schmerzreduzierung weiterleiten. Danach kann mit einer weicheren Bürste in langsamen, langen Strichen in Fellrichtung gebürstet werden. Putzen Sie langsam, mit wenig Druck und verbleiben Sie mindestens zwei Sekunden an einer Stelle.

FASZIENROLLEN: Die Faszienrollen von RollArt bestehen aus Erlenholz und verfügen über eine glatte Oberfläche oder schmale Rillen. Es gibt sie in drei verschiedenen Größen (S, M, L). Die Rolle „M“ (139 Euro) ist der Alleskönner, da sie an vielen unterschiedlichen Körperregionen (z.B. Schulterblatt, Hüfthöcker) eingesetzt werden kann. Durch eine Massage wird verhärtetes Fasziengewebe wieder elastisch. Bestellbar aufwww.rollart.com

FASZIENRAD: Mit dem Faszienrad (35,90 Euro) der Franz Grünbeck Handels GmbH können Meridianleitbahnen, Faszien, Unterhautbindegewebe und oberflächliche Muskelstrukturen gestärkt werden. Schmerzbehaftete Strukturen sollen damit schmerzfrei werden. Auf der physischen Ebene wirkt das Rad harmonisierend. Eine Anleitung durch geschultes Personal ist ratsam. Zusätzlich gibt es einen praktischen Leitfaden (19,90 Euro) plus Video auf der Homepagewww.horse-bodyforming.com

Das Faszienrad wirkt schmerzlindernd


Fotos: slawik.com (7), pa/ Frank May (1), Stephanie Reineke (4), Privat (2), Thomas Stephan (1), Franz Gruenbeck (1)