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SPORT: Ein bisschen verrückt: MITTEL


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.01.2019

Laufen tief unter der Erde: In Merkers in Thüringen, wo die Nazis früher Gold und Kunst lagerten, findet jedes Jahr im Februar ein Marathon statt – in 500 Metern Tiefe. Von Jochen Temsch


Artikelbild für den Artikel "SPORT: Ein bisschen verrückt: MITTEL" aus der Ausgabe 2/2019 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 2/2019

550 Meter unter der Erde sind die Läufer unterwegs.


Es gibt Veranstaltungen, bei denen fragt man sich schon: Muss man ein bisschen verrückt sein, um daran teilzunehmen? Marathonlaufen im Salzbergwerk in Thüringen zum Beispiel. Ein Tun absolut ohne Aussicht, dazu noch besonders anstrengend.

In 500 Metern Tiefe ist es 21 Grad Celsius warm. Aus Sicherheitsgründen trägt man einen Fahrradhelm mit Lampe, vor deren Licht die ...

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... Salzkristalle schweben. Die Luft ist extrem trocken. Gelaufen werden 13 Runden über je 3,25 Kilometer, jede davon hat 55 Höhenmeter Steigungen. Schwarz und glatt ist der Boden wie ein Gehweg mit viel Eis. Noch Fragen?

Ja. Warum nur findet es keiner der anderen 749 Teilnehmer seltsam, beim Kristall-Marathon im Erlebnisbergwerk Merkers in Thüringen zu starten? Gert Hellmann zuckt mit den Achseln. „Für mich ist das nichts Besonderes“, sagt der 70-Jährige, der die Durchsagen am Start und Ziel macht. Dass er seine Emotionen herunterspielt, wird schnell klar: Er erzählt von der Gänsehaut, die er jedes Mal bekommt, wenn die Hymne der Bergmänner vor dem Start zu hören ist. Als Bergbauingenieur hat er 20 Jahre unter Tage verbracht.

Als Chef des Triathlonvereins Barchfeld der thüringischen Kleinstadt Bad Salzungen veranstaltet er den Kristall-Marathon 2019 schon zum 13. Mal. Hellmann hatte ein aktives Leben, das sieht man. Er ist dünn und wirkt mindestens zehn Jahre jünger. Er organisierte schon 1986, als es die Deutsche Demokratische Republik (DDR) noch gab, den ältesten Triathlon Thüringens. Damals musste man dazu noch „A3K“ (Ausdauerdreikampf ) sagen, anders als der Klassenfeind.

Übrig geblieben ist aus dieser Zeit der Geist des Zusammenhaltens und Improvisierens. Er hilft auch bei dem Kristall-Marathon. Die 36 Mitglieder des Vereins finanzieren und organisieren den Marathon selbst. Werbung machen sie keine. Vier Wochen nach Anmeldestart gibt es keine freien Plätze mehr. Neben der Marathondistanz über 42,195 Kilometer sind auch Halbmarathon und zehn Kilometer im Angebot. 750 Teilnehmer aus 13 Nationen, zum Beispiel Dänen, Schweizer, Tschechen und Mazedonier. Auch aus den USA ist einer nach Thüringen gereist.

Mit dabei ist ein Paar aus Hamburg, das schon zum zweiten Mal in der Altersklasse 65 bis 69 Jahre läuft. Gudrun Bartels und Jürgen Raabe laufen gerne an der frischen Luft, zum Beispiel auf Sylt oder Helgoland. Beim Bergwerk waren sie erst einmal skeptisch. „Mein Vater musste nach dem Krieg in Bochum arbeiten – schrecklich“, sagt Gudrun Bartels. Aber dann fanden sie den Lauf so toll, dass sie wiedergekommen sind.

Zum wiederholten Mal dabei ist auch der 14-jährige Kevin Kranixfeld, dessen Vater den Marathon schon gewonnen hat. „Gut zu laufen, gute Verpflegung“, das ist seine einfache Bilanz des Rennens. Und noch einer startet wieder: Paul Müller aus Berlin, der 2017 schon nahe am Ziel war und trotzdem so weit weg, wie ein Marathonläufer nur sein kann. Nach 41 Kilometern und 400 Metern bekam er einen Muskelkrampf – 800 Meter vor dem Ende. Und dann ging nichts mehr? „Na ja, ich schleppte mich rein und wurde 72. von 100“, sagt der 65-Jährige. Und ergänzt: „Ich habe hier noch eine Rechnung offen.


750 Teilnehmer aus 13 Nationen sind zum Kristall-Marathon nach Thüringen gereist.


So ist das nur auf dem Foto zu sehen: Die Lichter der Läufer als lange Linien.


Ulf Schmidt ist dafür verantwortlich, dass alle unter Tage kommen. Als der anfahrende Förderkorb leicht durchsackt, macht der Bergmann einen Spaß: „Kennt ihr unsere Schutzpatronin? Die heilige Barbara. Die Elektriker haben eine eigene – Heidi Kabel.“ Heidi Kabel – wie die Schauspielerin und wie das Elektrokabel. Lachen hilft gegen den Stress auf der Seilfahrt: 70 Passagiere, eng zusammen im Förderkorb.

Auch Schmidt hat mehr als 20 Jahre unter Tage in der Kaligrube im Werratal verbracht. Nach dem Ende der DDR verloren Tausende Kumpel ihren Job. Kali, aus dem vor allem Düngemittel hergestellt werden, wurde an anderen Orten günstiger abgebaut. Wie so viele andere hatte auch Schmidt ein paar Jahre lang Probleme. Die Grube Merkers wurde geschlossen, darin finden nur noch Arbeiten zur Absicherung statt, Besichtigungstouren, Konzerte, Firmenevents, Sportveranstaltungen.

Thüringen ging es immer besser, an der Grenze zu Hessen vor allem. Dort liegt die Arbeitslosenquote nur wenig über fünf Prozent – extrem niedrig für Ostdeutschland. Schmidt ging ins Revier zurück, als Leiter des Erlebnisbergwerks. Für den 59-Jährigen ein Glück. „Wer einmal Bergmann war und in dieser anderen Welt gelebt hat, der kommt nie mehr richtig davon weg“, sagt er. Auch die Marathonläufer kann er verstehen und das, was sie motiviert: „Das Faszinierende, dort unten unterwegs zu sein.“

Der Aufzug bremst vorsichtig. Es geht durch einen Raum, und dann sind die Besucher in der Grube – überrascht, wie viel Platz dort ist. Grauschwarze Gänge, knapp drei Meter hoch und so breit, dass dort ein Lkw einen anderen überholen kann. Ein bisschen riecht es nach Diesel. An der Firste, wie die Bergleute die Decke nennen, brennen Leuchtröhren. Es ist ein bisschen wie in einer Tiefgarage. Den ganzen Rest kann sich der Läufer nur schlecht vorstellen: Wie tief das hier ist, welche Gesteinsmassen über einem liegen, das gigantische Volumen dieses Labyrinths.


Die Gänge in der Tiefe sind grauschwarz – und insgesamt 4600 Kilometer lang.


Eine Kristallgrotte wie in einem Fantasy-Film: Auch das gibt es in der Tiefe.


Das Werra-Kalirevier ist mehr als 1000 Quadratkilometer groß. Es liegt unter Teilen von Hessen und Thüringen. Seit 100 Jahren sind Bergleute in der Region aktiv. Gänge von insgesamt 4600 Kilometern Länge haben sie gesprengt, auf einem Areal so groß wie München mit seiner Peripherie. Und das gleich zweimal, auf zwei Ebenen.

Das Kalirevier war der größte Devisenbringer der DDR, das größte Kalibergwerk der Welt – oder, wie der Bergmann sagt: „Wenn sich jemand von der Gruppe entfernen will, kann er das ruhig tun. Wir finden euch garantiert wieder, irgendwann im August.“

Dies ist eine einfachere Version eines Texts aus derSüddeutschen Zeitung.


In 800 Metern Tiefe gibt es eine Kristallgrotte wie im Fantasy-Film. An den ausgeleuchteten Wänden sind fantastische Steinsalzquader in Mannshöhe zu sehen. Und es gibt einen Raum, der einer Höhle ähnlich ist.

In diesem Raum lagerten die Nazis gegen Ende des Kriegs Gold, Bargeld und Kunst, die heute circa 2,5 Milliarden Euro wert wären. Die US-Army nahm das alles mit, kurz bevor die Rote Armee das Bergwerk erreichte. Der KinofilmMonuments Men von und mit George Clooney erzählt diese Geschichte. Die Teilnehmer der Rundtour stehen fachsimpelnd vor Gold-Attrappen und Schwarz-Weiß-Fotos, die GIs mit Bildern von Dürer in den schmutzigen Händen zeigen.

Start und Ziel des Marathons ist der Großbunker, eine Halle in dem Gestein, so hoch wie ein Haus. Dort lagerte früher Steinsalz. Noch kurz das Steigerlied: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt.“ Dann geht es los.

Aus dem Licht des Bunkers geht es ins ziemlich dunkle Tunnelsystem. Gleich die erste Steigung bremst die Läufer aus und zieht das Feld weit auseinander. Es geht um Kurven, hinauf und hinunter. Nur die Gummisohlen sind zu hören.

Der schwarze Untergrund, der so rutschig aussieht, ist überhaupt nicht so rutschig. Nur die Einsamkeit des Läufers ist im schlechten Licht noch größer als im Freien. Der Dialog, den jeder Marathonläufer drei bis fünf Stunden lang mit sich selbst führt, ist hier unten noch konzentrierter. Keine Aussicht, keine Ablenkung – und dann noch ein verrückter Gedanke: Eigentlich ist das hier total schön.


Fotos: Getty Images/Thomas Lohnes, ddp images

Fotos: imago/VIADATA; ddp images