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SPRACHE: DER REDE WERT


Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 25.10.2019

Warum kann der Mensch sprechen? Ein einzigartiges, alles erklärendes »Sprachgen« scheint es nicht zu geben. Des Rätsels Lösung liegt wohl vielmehr in der ständigen Wiederholung über Generationen hinweg.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung, Ausgabe 4/2019

NICOLE CLEARY

Christine Kenneally ist Linguistin und lebt in New York. Als preisgekrönte Wissenschaftsautorin hat die gebürtige Australierin unter anderem in »The New Yorker«, »The New York Times«, »New Scientist« und »Scientific American« publiziert.

►► spektrum.de/artikel/1621154

Delfine kommunizieren über Pfeif- und Klicklaute. Damit sprechen sie Artgenossen persönlich an, warnen vor Gefahren etwa durch ...

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... Haie oder bringen ihrem Nachwuchs bei, wie man Fische fängt. Besäßen sie eine Sprache wie wir, dann könnten sie nicht nur Informationsbruchstücke übermitteln, sondern diese sammeln und zu einem Wissensschatz über die Welt vereinen. Im Lauf der Generationen könnten daraus komplexe Fertigkeiten und Technologien entstehen. Delfine hätten eine Geschichte – und mit ihr würden sie Erfahrungen und Ideen anderer Delfingruppen austauschen. Jedes einzelne Tier könnte von einem anderen, das vielleicht vor Jahrhunderten gelebt hat, einen Gedanken, eine Erzählung oder auch ein Gedicht weitergeben. Über die Sprache profitierte ein solcher Delfin von der Weisheit eines anderen, obwohl dieser längst der Vergangenheit angehört.

Zu einer solchen hypothetischen Zeitreise ist aber nur der Mensch in der Lage, genau wie auch nur Menschen in die Stratosphäre vordringen oder Erdbeerkuchen backen können. Weil wir sprechen, verfügen wir über Technik, Kultur, Kunst und Wissenschaft. Wir sind in der Lage, Fragen zu stellen wie: Warum gibt es Sprache nur beim Menschen? Eine gute Antwort darauf steht noch aus. Linguisten, Genetiker, Hirn- und Verhaltensforscher nähern sich jedoch immer mehr einem echten Verständnis des Phänomens Sprache.

Sprache gilt schon lange als typisch menschlich. Aber herauszufinden, wie und warum das so ist, blieb seltsamerweise lange ein Tabu. In den 1860er Jahren untersagte die Société de Linguistique de Paris jegliche Diskussion über die Evolution der Sprache; ein Jahrzehnt später zog die Philological Society in London nach. Man wollte wohl unwissenschaftlichen Spekulationen Einhalt gebieten, und so wurde das Thema über ein Jahrhundert lang peinlich gemieden. Der einflussreiche Linguist Noam Chomsky vom Massachusetts Institute of Technology rühmte sich jahrzehntelang für sein Desinteresse an der Evolution der Sprache, und diese Einstellung wirkte sich abschreckend auf das ganze Fachgebiet aus. Als ich bei einem linguistischen Anfängerseminar im australischen Melbourne Anfang der 1990er Jahre den Dozenten fragte, wie Sprache entstanden sei, wurde ich zurechtgewiesen: Linguisten stellten diese Frage nicht, weil es unmöglich sei, sie zu beantworten.

Zum Glück änderte sich diese Haltung, und mehrere Wissenschaftler aus verschiedenen Fachgebieten begannen, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Bald trat ein verblüffender Widerspruch zu Tage. Sprache ist offensichtlich eine ausschließlich menschliche Fähigkeit. Sie besteht aus hochkomplexen, miteinander verknüpften Regelsystemen, nach denen Laute, Wörter und Sätze verknüpft werden und so eine Bedeutung schaffen. Besäßen andere Tiere ein ähnliches System, dann würden wir es entdecken. Aber obwohl mit zahlreichen methodischen Ansätzen danach gesucht wurde, lässt sich bei uns Menschen – weder im Genom noch im Gehirn – nichts Einzigartiges aufspüren, was Sprache erklären könnte.

Es gibt natürlich biologische Merkmale, die sowohl ausschließlich beim Menschen vorkommen als auch fürs Sprechen wichtig sind. So können wir als einzige Primatenart unseren Kehlkopf willentlich kontrollieren. Deshalb verschlucken wir uns gelegentlich, das erlaubt uns aber erst zu artikulieren. Doch diese scheinbar für Sprache gestalteten Körpermerkmale können deren Ursprung und Komplexität niemals vollständig erfassen.

Mehr und mehr kristallisiert sich heraus, dass der Widerspruch nicht in der Sprache an sich liegt, sondern in der Betrachtungsweise. Lange glaubten Forscher an eine plötzliche Veränderung, durch die sich Affen in Menschen verwandelten. Parallel dazu seien eine ganze Reihe dramatischer Umwälzungen aufgetreten. Demnach wäre Sprache ein eigenständiges Merkmal, isoliert von anderen geistigen Gaben; eine evolutionäre Anpassung, die alles veränderte und die in der DNA des Menschen fest verankert wäre. Daher suchten wir nach einem entscheidenden biologischen Ereignis, das vor rund 50000 Jahren die Sprache entstehen ließ.

Befunde aus Genetik, Kognitionswissenschaft und Hirnforschung deuten aber in eine andere Richtung: Sprache ist keine brillante Anpassung; sie ist weder in unserem Genom codiert noch das unvermeidliche Produkt unseres überlegenen Geistes. Vielmehr sprießt sie aus einem Nährboden verschiedener Fähigkeiten, von denen manche sehr alt sind, so dass wir sie mit anderen Tieren teilen, während es sich bei anderen um neue Errungenschaften handelt.

Verhaltensforscher bezweifelten als Erste, dass Sprache charakteristisch für den Menschen sei. Wie die Psychologin Heidi Lyn von der University of South Alabama betont, können wir das typisch Menschliche an der Sprache nur dann ausmachen, wenn wir Vergleiche mit anderen Tieren anstellen. Dabei hatten Wissenschaftler immer wieder behauptet, bestimmte Fähigkeiten seien dem Menschen vorbehalten – bis Studien das Gegenteil belegten.

Ein Fingerzeig als evolutionärer Schritt?

Nehmen wir als Beispiel Gebärden. Manche sind individuell, viele jedoch teilen wir mit unserer Sprachgemeinschaft oder sogar mit allen Menschen. Sprache hat sich in der Evolution als Teil eines Kommunikationssystems etabliert, in dem auch Gebärden eine wesentliche Rolle spielen. Wie bahnbrechende Studien allerdings offenbarten, vollführen Schimpansen ebenfalls sinnvolle Gebärden. So beobachtete Michael Tomasello, heute emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, zusammen mit seinen Kollegen, dass bei allen Menschenaffenarten ein Individuum wartet, bis ihm ein Artgenosse seine Aufmerksamkeit schenkt, bevor es Signale übermittelt. Außerdem wiederholt es Gebärden, wenn die gewünschte Antwort ausbleibt. Schimpansen schlagen auf den Boden oder klatschen in die Hände, um auf sich aufmerksam zu machen; und wie ein streitsüchtiger Mensch, der seine Faust hebt, drehen sie die Arme über dem Kopf – normalerweise der Auftakt zum Angriff –, um Rivalen zu warnen.

Der 2007 gestorbene Graupapagei Alex konnte rund 100 Gegenstände samt Farbe und Form benennen. Er sprach auch einfache Sätze wie »will Walnuss«. Von der Komplexität einer menschlichen Sprache waren seine Fähigkeiten jedoch noch weit entfernt.


Wie sich aber in Tomasellos Labor herausstellte, verstehen Menschenaffen nur sehr schlecht eine Geste, mit der ein Mensch etwa auf einen versteckten Gegenstand hinweisen will. Stellt das Zeigen – beziehungsweise die Fähigkeit, es zu verstehen – einen entscheidenden Schritt der Sprachevolution dar? Diese Annahme schien Heidi Lyn, die mit Bonobos forscht, absurd. »Meine Affen haben immer verstanden, wenn ich auf Dinge gezeigt habe«, erzählt sie. Als sie aber am Yerkes National Primate Research Center mit Schimpansen experimentierte, stellte sie überrascht fest, dass die dortigen Affen ihre Zeigegesten überhaupt nicht begriffen.

Lyns Schlussfolgerung: Ob Affen mit Zeigegesten etwas anfangen können, hat nichts mit Biologie zu tun. Ihren Bonobos hatte man beigebracht, mittels einfacher visueller Symbole mit Menschen zu kommunizieren; die Schimpansen dagegen hatten es nicht gelernt. »Weil die Affen nicht auf die gleiche Weise mit Menschen zusammen waren, konnten sie dem Zeigen nicht folgen«, erklärt sie.

Da die Bonobos von Menschen unterrichtet worden waren, galt ihr Können als nicht der Rede wert, meint Lyn bedauernd. Aus dem gleichen Grund wurde Sprachforschung an Papageien, Delfinen und anderen Tieren ignoriert. Doch nach Lyns Ansicht liefern von Menschen trainierte Tiere wichtige Erkenntnisse. Wenn Lebewesen mit einem anderen Gehirn und Körperbau menschenähnliche Kommunikationsfähigkeiten erwerben können, heißt das, dass sich Sprache nicht als etwas ausschließlich Menschliches, als eine von der übrigen Tierwelt abgekoppelte Eigenschaft definieren lässt. Mehr noch: Sprache wird zwar durch biologische Faktoren beeinflusst, nicht aber zwangsläufig von ihnen bestimmt. Bei den Bonobos war nicht die Biologie, sondern die Kultur entscheidend.

Die Liste tierischer Fertigkeiten, die früher als exklusiver Bestandteil der menschlichen Sprache galten, wird inzwischen immer länger. Zum Beispiel Wörter: Kleinaffen wie Meerkatzen warnen ihre Artgenossen vor Gefahren mit wortähnlichen Alarmrufen. Oder betrachten wir den Satzbau, der es ermöglicht, eine unendliche Zahl sinnvoller Sätze zu bilden, die wir verstehen, auch wenn wir sie nie zuvor gehört haben. Der Gesang von Zebrafinken weist ebenfalls eine komplexe Struktur auf, Delfine verstehen unterschiedliche Wortreihenfolgen, und manche Affen in freier Wildbahn können mit einem bestimmten Ruf die Bedeutung eines anderen abwandeln.

In der Liste finden sich zudem kognitive Fähigkeiten wie die »Theory of Mind«, also das Vermögen, sich in andere gedanklich hineinzuversetzen. Delfine und Schimpansen erweisen sich als wahre Meister im Erraten, was das Gegenüber will. Selbst das angeblich einzigartige Zahlenverständnis bleibt auf der Strecke: Bienen begreifen das Konzept der Null und können wie Rhesusaffen bis vier zählen; Kormorane, die man in China zum Fischen einsetzte, zählten angeblich sogar bis sieben.

Auf der Liste stehen auch Gene. Das berühmte »Sprachgen «FOXP2 beeinflusst tatsächlich die Sprache – eine Mutation beeinträchtigt die Artikulation –, besitzt aber darüber hinaus noch weitere Funktionen. Die verschiedenen Effekte lassen sich kaum auseinanderhalten. Nach Ansicht des Genetikers Simon Fisher vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nimwegen spielen Gene für die Evolution der Sprache zwar eine entscheidende Rolle, aber »wir müssen uns auch klarmachen, wie Gene funktionieren«. Vereinfacht gesagt codieren Gene für Proteine, die auf Zellen einwirken; bei diesen Zellen kann es sich um Neurone handeln, die untereinander Schaltkreise bilden; und solche Schaltkreise bestimmen wiederum das Verhalten. »Es gibt vielleicht ein Netzwerk von Genen, die für die syntaktische Verarbeitung oder für das ordnungsgemäße Sprechen wichtig sind«, erklärt Fisher, »aber ein einzelnes Gen, das auf magische Weise eine ganze Reihe von Fähigkeiten codiert, existiert sicher nicht.«

Bei Hirnmechanismen hat sich die Sichtweise ebenfalls geändert. Wir wissen inzwischen, dass neuronale Schaltkreise mehreren Zwecken dienen können. So entdeckten Forscher, dass bestimmte Hirnschaltkreise, die für den Spracherwerb nötig sind, nicht nur beim Lernen von Wortlisten, sondern auch bei komplizierten Aufgaben wie Autofahren helfen. Sicherlich sind entsprechende Schaltkreise auch für Tiere bei ähnlichen Problemen nützlich, etwa wenn Ratten durch ein Labyrinth navigieren.

Wie der Kognitionsforscher Michael Arbib von der University of Southern California betont, schuf der Mensch »eine materielle und mentale Welt von immer größerer Komplexität«. Egal ob ein Kind in einer Welt mit Dampflokomotiven oder mit iPhones aufwächst, kann es lernen, damit umzugehen ohne jegliche biologische Anpassung. »Soweit wir wissen«, sagt Arbib, »gibt es auf der Erde nur ein Gehirn, das das schafft: das menschliche.« Er betont aber, dass unser Denkorgan Teil eines komplexen Systems ist, zu dem ebenfalls der restliche Körper gehört: »Hätten Delfine Hände, dann hätten sie vielleicht auch so eine Welt entwickelt.«

Tatsächlich brauchen wir, um uns in unserer Umgebung zurechtzufinden, nicht nur ein Gehirn, sondern eine Gruppe von Gehirnen, die im menschlichen sozialen Umfeld interagieren. In Anlehnung an die evolutionäre Entwicklungsbiologie (kurz Evo-Devo, von englisch: evolutionary developmental biology) spricht Arbib vom Evo-Devo-Socio-Ansatz: Die biologische Evolution wirkt sich auf die individuelle Entwicklung und das Lernen aus, was wiederum die Evolution der Kultur prägt; umgekehrt wird das Lernen aber auch von der Kultur beeinflusst. Um Sprache zu verstehen, muss das menschliche Gehirn als Teil solcher Systeme betrachtet werden. Sprache entstand aus vielen Wurzeln, so Arbib. Es gab nicht den einen Schalter, der umgelegt wurde, sondern zahlreiche. Und das geschah nicht gleichzeitig, sondern im Lauf langer Zeiträume.

Ständiges Wiederholen schafft Strukturen, wo zuvor keine waren

Für den Kognitionsforscher Simon Kirby, der an der University of Edinburgh das Centre for Language Evolution leitet, spielt Kultur ebenfalls eine entscheidende Rolle. Er findet den Gedanken faszinierend, dass Sprache nicht nur unmittelbar von anderen erlernt, sondern über Generationen weitergegeben wird. Wie wirkt sich dieser ständig wiederholte Akt des Lernens auf die Sprache selbst aus?

Um dieser Frage nachzugehen, ersann Kirby eine neue Methode zur Erforschung der Sprachevolution. Statt Tiere oder Menschen zu beobachten, schuf er digitale Modelle, die er mit chaotischen, zufälligen Sprachfolgen fütterte. Solche so genannten Agenten erlernten Sprache von anderen und brachten sie wiederum neuen Agenten bei. Kirby beobachtete über viele Generationen von Schülern und Lehrern, wie sich die Sprache dabei veränderte. Das Szenario ähnelt einer »stillen Post«, bei der eine Nachricht von einer Person zur nächsten weitergegeben wird und am Ende häufig ganz anders klingt als am Anfang.

Wie Kirby feststellte, neigten seine künstlichen Agenten dazu, mehr Strukturen zu erzeugen, als sie ursprünglich aufgenommen hatten. Obwohl die vorgegebenen Sprachfolgen anfangs zufällig erzeugt waren, schienen sie schließlich mehr oder weniger strukturiert. »Wenn man so will, haben sich die Schüler die Eingabestrukturen eingebildet«, erklärt Kirby. Sobald die Agenten eine scheinbare Struktur aufspürten, wo eigentlich keine war, reproduzierten sie diese bei der Weitergabe, so dass sich immer mehr Strukturen herausbildeten.

Die einzelnen Veränderungen mögen nur winzig gewesen sein, sie summierten sich aber im Lauf der Generationen zu »einer Lawine«, bemerkt Kirby. Interessanterweise schien die Sprache der Computermodelle nach vielen Durchgängen nicht nur immer stärker strukturiert, sondern die sich herauskristallisierenden Strukturen glichen auch denen einer einfachen Version einer natürlichen menschlichen Sprache. Kirby experimentierte daraufhin mit verschiedenen Modellen, die er mit unterschiedlichen Daten fütterte – Ergebnis: »Die kumulative Anhäufung linguistischer Struktur schien immer stattzufinden, ganz gleich, wie wir die Modelle bauten.« Das ständig wiederholte Lernen erwies sich als Schmelztiegel, in dem Sprache entstand.

Inzwischen überprüft Kirby seine Computermodelle an der Realität: Wenn Menschen oder auch Tiere Lernstoff ständig wiederholen, bildet sich tatsächlich eine Struktur heraus. Die Beobachtung verdeutlicht, warum wir nie ein einzelnes Gen, eine Mutation oder einen Hirnschaltkreis dingfest machen können, um Sprache zu erklären. So etwas gibt es einfach nicht. Sprache erwächst offensichtlich aus einer Kombination von biologischen Faktoren, individuellem Lernen und der Informationsweitergabe von einem Individuum zum anderen. Die drei Systeme arbeiten in unterschiedlichen Zeitmaßstäben, aber wenn sie ineinandergreifen, schaffen sie etwas Außergewöhnliches: Sprache.

In der kurzen Zeit, seit der die Sprachevolutionsforschung existiert, haben die Wissenschaftler nicht den heiligen Gral gefunden, also das eindeutige Ereignis, aus dem Sprache hervorging. Aber ihre Befunde deuten an, als ginge eine solche Suche ohnehin an der Sache vorbei. Natürlich ist Sprache ein einzigartiges biologisches Merkmal. Sie offenbart sich jedoch als viel fragiler, unvorhersehbarer und stärker vom Zufall bestimmt als bislang vermutet.

QUELLEN

Kenneally, C.: The first word. The search for the origins of language. Penguin Random House, 2008

Kirby, S.: Culture and biology in the origins of linguistic structure. Psychonomic Bulletin & Review 24, 2017

Lyn, H.: The question of capacity: Why enculturated and trained animals have much to tell us about the evolution of language. Psychonomic Bulletin & Review 24, 2017

AUF EINEN BLICK: DER URSPRUNG DER SPRACHE

1 Die menschliche Kommunikation ist weitaus strukturierter und komplexer als sämtliche Gebärden und Lautäußerungen von Tieren.

2 Charakteristische physiologische, neurologische oder genetische Merkmale, mit denen sich die Einzigartigkeit der menschlichen Sprache erklären ließe, scheint es jedoch nicht zu geben.

3 Sprache basiert auf einer Vielzahl an Fähigkeiten, von denen wir manche mit Tieren teilen. Ihre Vielschichtigkeit erwächst aus der Kultur: der wiederholten Weitergabe von Äußerungen über viele Generationen hinweg.

Die Evolution der Sprache – ein Modell

Sprachen besitzen komplexe Strukturen. Deshalb verstehen wir zum Beispiel, was mit »eine blaue Giraffe« gemeint sein könnte, auch wenn wir diese Wortfolge noch nie zuvor gehört haben. Laut Simon Kirby von der University of Edinburgh und anderen Linguisten erwächst eine Sprachstruktur aus einem wiederholten Wortgebrauch, der Gedanken über viele Generationen hinweg weitergibt. In einem unzählige Male ablaufenden Kreislauf vermittelt ein Sprecher ein Konzept über eine zuvor erlernte Wortfolge an andere1 . Die Fähigkeit, einen Gedanken zusammenhängend mitzuteilen, beruht auf kognitiven Eigenschaften, die wiederum genetisch vererbt werden. Die Empfänger der Äußerung versuchen, sie so gut wie möglich zu verstehen, und reichen sie – gepaart mit eigenen Abwandlungen – an andere in der Gemeinschaft weiter2 . Im Lauf der Generationen häufen sich dadurch kulturelle Veränderungen an. Wer dem so entstehenden Gedankenaustausch besser folgen kann, gibt die eigenen Gene mit größerer Wahrscheinlichkeit weiter. Deshalb können die angesammelten kulturellen Verfeinerungen im Lauf der Zeit biologische Eigenschaften beeinflussen3 .

Erstaunlicherweise entsteht aus der babylonischen Verwirrung nach und nach Ordnung: Alle Sprecher bemühen sich, die Sprache so gut wie möglich zu lernen, und erzielen dabei eine einzige, strukturierte Sprechweise, die sowohl lernbar als auch für die Informationsübermittlung nützlich ist. Insgesamt erwächst dadurch die Sprache samt ihrer Komplexität aus der Kultur.


IMAMEMBER / GETTY IMAGES / ISTOCK; BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

GETTY IMAGES / BOSTON GLOBE / MARK WILSON

FEDERICA FRAGAPANE / SCIENTIFIC AMERICAN SEPTEMBER 2018; BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT