Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 8 Min.

SPRECHEN MIT DEMENZKRANKEN: Eintritt in eine fremde Realität


Ratgeber Frau und Familie Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 29.11.2019

Die Zahl demenzkranker Menschen, die von Angehörigen zu Hause gepflegt werden, nimmt deutlich zu. Ein großes Problem ist dabei die Verständigung, da die Gespräche auf verschiedenen Ebenen stattfinden


Demenzerkrankungen haben mittlerweile den Krebsleiden den Rang abgelaufen. Für viele Tumorerkrankungen gibt es inzwischen gute Therapiemöglichkeiten. Bei Demenz hat die Forschung im Hinblick auf effektive Behandlungen noch einen langen Weg vor sich. Mediziner kennen heute verschiedene Demenzformen (allen voran die Alzheimer-Krankheit) und versuchen, den Verlauf medikamentös zu verlangsamen und Symptome ...

Artikelbild für den Artikel "SPRECHEN MIT DEMENZKRANKEN: Eintritt in eine fremde Realität" aus der Ausgabe 12/2019 von Ratgeber Frau und Familie Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ratgeber Frau und Familie Magazin, Ausgabe 12/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Ratgeber Frau und Familie Magazin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Liebling im Dezember. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebling im Dezember
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von LIEBLINGE DER REDACTION: Plätzchen-Zauber im Advent. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LIEBLINGE DER REDACTION: Plätzchen-Zauber im Advent
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Marktbummel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Marktbummel
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von Knusper, knusper knäuschen …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Knusper, knusper knäuschen …
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von IN TRAUTER HARMONIE: So wird’s ein Fest!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IN TRAUTER HARMONIE: So wird’s ein Fest!
Titelbild der Ausgabe 12/2019 von EIN KULINARISCHER RÜCKBLICK: Damals & Heute. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EIN KULINARISCHER RÜCKBLICK: Damals & Heute
Vorheriger Artikel
PFLEGESYSTEM: Was bringen die neuen Pflegegrade?
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel UNSERE KOLUMNISTIN MACHT SICH GEDANKEN ÜBER … Wunschl…
aus dieser Ausgabe

... abzumildern. Eine Heilung oder effektive Vorbeugung ist jedoch nicht möglich.

Herr M. pflegt seine demenzkranke Ehefrau zu Hause. Er schildert:„Zu Beginn klebte ich zu Hause Zettel zur Orientierung an viele Gegenstände oder Türen. Wir konnten uns auch noch etwas verständigen. Doch das ging verloren. Sie wiederholte wie ein Band dieselben Fragen, wollte die schon längst erwachsenen Kinder zur Schule bringen, die Nachbarin nachts besuchen, morgens zur Arbeit fahren – ich gehe dann jetzt mal. Ich hielt sie natürlich davon ab. Sie wurde aggressiv: Du sperrst mich ein! Ja, das musste ich doch. Sie konnte alleine nicht mehr weggehen. Letztendlich erkannte sie mich nicht mehr. Hinzu kamen viele körperliche Probleme. Ich wurde immer hilfloser, ungeduldiger und auch laut. In diesen Situationen verstummte sie, weinte oder schrie. Ich schaffte das nicht mehr und dachte an eine Heimeinweisung.“

Wege zur Verständigung

Der verzweifelte Ehemann versuchte mit seiner Frau zu diskutieren, manchmal ein lauteres „Nein“ anzubringen – vergebens. Heute weiß er, dass seine kranke Frau in solchen Situationen auch aus Angst vor ihm und der ihr fremden Situation aggressiv wurde, weinte und auch manchmal abwehrend um sich schlug. Missverständnisse lassen sich bei Gesunden mit Worten aus der Welt schaffen. Diese Fähigkeit ist bei Demenzkranken eingeschränkt und versiegt schließlich komplett. Diskussionen, Bitten? Sinnlos. Die Gesprächsebenen liegen dann weit auseinander. Und da hilft nur: den Alltag der Demenz anpassen, sich selbst anpassen und sich in die Demenzwelt eindenken – der Kranke kann sich den Gesunden nicht mehr angleichen.

Sie benötigen in der häuslichen Betreuung, aber auch beim Besuch in einem Pflegeheim vor allem viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Um eine Eskalation zu vermeiden, sollten Sie geduldig auf ständige Wiederholungen oder unverständliche Äußerungen reagieren. Auch wenn es schwerfällt: Antworten Sie lieber öfter oder lenken Sie mit einem neuen Gesprächsthema ab. Erinnern Sie mit Fotos oder altbekannten Liedern an Hobbys oder positive Erlebnisse aus der Vergangenheit, denn das Langzeitgedächtnis funktioniert bei Demenzkranken länger als das Kurzzeitgedächtnis.

Verständnisvolles, ruhiges miteinander Reden, hilft Demenzkranken sehr


Demenzkranke bringen Vergangenheit und Gegenwart durcheinander. Sie entwickeln ihre eigene Realität von dem was im Langzeitgedächtnis noch verankert ist. Gutes Zureden und Argumente holen sie nicht mehr aus ihrer Welt zurück. Lassen Sie sich darauf ein zum Beispiel mit: „Warte doch noch zehn Minuten. Es ist noch zu früh, um arbeiten zu gehen.“ Oder: „Die Nachbarin ist noch nicht zu Hause.“ Danach beginnen Sie sofort ein neues ablenkendes Thema. Vermeiden Sie auf jeden Fall Zurechtweisungen wie „Du arbeitest doch schon längst nicht mehr“, „Ich habe Dir das schon zwei Mal gesagt“. Zurechtweisungen wirken auf Demenz - betroffene verletzend und einschüchternd. Das Ergebnis sind meist Angst-, Wut- oder Schamgefühle. Vor allem: Sprechen Sie in klaren, kurzen Sätzen, halten Sie Blickkontakt und lassen Sie Demenzkranken viel Zeit für eine Reaktion.

Körpersprache und Musik

Mit unserem Körper können wir uns non - verbal ausdrücken, das heißt ohne Worte. Denken Sie an eine Begegnung mit fremden Menschen: Sprechen Fremde Sie an mit freundlicher Mimik, einem Lächeln und entspannter Körperhaltung vermuten Sie nichts Böses. Ist die Mimik dagegen verbissen, der Augenausdruck wütend oder feindlich und die Körperhaltung angespannt, abwehrend oder wie in Angriffsstellung ist Vorsicht angebracht. Demenzkranke haben meist noch sehr lange ein Gespür für die Deutung von mimischen Signalen, auch wenn die Sprechmöglichkeiten und das Sprachverständnis kaum noch oder nicht mehr vorhanden sind.

Für sie ist ein Lächeln ein Anzeichen für Freude, Freundlichkeit und Verständnis. Ein Stirnrunzeln oder ärgerlich zusammengepresste Lippen bedeutet für sie Ärger und Unmut.

Nicht nur an unserer Körperhaltung und Mimik, sondern auch an unserer Stimme spüren sie, ob ein Mitmensch verärgert und übel gelaunt oder entspannt und heiter ist. Eine laute, schrille Stimme macht Demenzbetroffene nervös und ängstlich. Zu laute schrille Töne und Lärm überfordern sie meist. Was viele Demenzbetroffene sehr glücklich macht und auch eine Form der Kontaktaufnahme ermöglicht, ist Musik aus ihrer Jugendzeit. Mit alten Schlagern und Volksliedern fällt meist die Traurigkeit, Teilnahmslosigkeit oder Unruhe ab. Es ist erstaunlich wie positiv sich diese Musik auswirkt. Das Musikgedächtnis ist noch lange intakt und Sie bekommen von den Kranken die Aufmerksamkeit, die Worte oft nicht hervorrufen können.


Es ist erstaunlich wie positiv sich Musik auswirkt


Demenzkranke ahmen auch das Verhalten anderer nach, schreit oder ruft jemand, lassen sie sich davon genauso anstecken wie vom freundlichen Lächeln oder Lachen. Positiv reagieren sie auf eine ruhige, tiefe, gelassen und freundlich klingende Stimme. Demenzkranke mögen einen freundlichen Blickkontakt. Bedrohlich empfinden sie jedoch, wenn sie zu intensiv und zu lange angesehen werden. Das können sie missverstehen.

Einfühlung und Geduld

Das Wichtigste im Umgang mit demenzkranken Menschen ist, das eigene Verhalten ihnen gegenüber mit Worten und Gesten in einem ruhigen und freundlichen Fahrwasser zu halten. Schalten Sie immer einen Gang von Ihrer normalen Geschwindigkeit zurück, strahlen Sie Interesse und Zuneigung aus und kontrollieren Sie immer ihren Tonfall. Aber genauso bedeutend ist das aufmerksame Zuhören und der Versuch, aus wirren Worten oder oft auch nur aus Lauten ein Bedürfnis oder einen Wunsch herauszufiltern. Weitere Hinweise geben ihr Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung. Mit fortschreitender Krankheit werden Körpersignale des Demenzkranken immer spärlicher und sind viel schwerer zu deuten. Die Augen blicken oft leerer, die Stimme wird monotoner und Gesten immer unverständlicher. Was oft lange erhalten bleibt, sind die Hinweise über die Körperhaltung. Sie können daran erkennen, ob der Demenzkranke aufnahmebereit für eine Kontaktaufnahme, ärgerlich oder ängstlich ist. Wirken sie erschöpft und ruhebedürftig, benötigt der Körper die Auszeit zur Erholung. Für demenzkranke Menschen ist jede Aktivität eine enorme Anstrengung. Achten Sie also auf entsprechende Ruhe- und Erholungsphasen. Wenn Sie sich einem Demenzkranken nähern oder ihn berühren wollen, nähern Sie sich ihm immer von vorne, suchen Sie vor einer Berührung zuerst den Blickkontakt. Auf sanfte Berührungen, auf die Demenzkranke auf diese Weise vorbereitet werden, reagieren sie meist positiv, denn sie brauchen – wie viele Menschen – auch Nähe und Zuneigung. Vermitteln Sie Geborgenheit, Liebe, Trost und Verständnis. Finden Sie bei bereits vorhandener Sprach - losigkeit die Vorlieben des Kranken heraus: Auf was reagiert er besonders positiv? Viele Demenzbetroffene lachen auch gerne. Versuchen Sie, Ihre Worte mit lustigen, pantomimischen Gesten zu untermalen.


Vermitteln Sie Liebe Geborgenheit, Trost und Verständnis


Denken Sie auch an sich

Die wichtigsten psychischen Bedürfnisse eines Demenzkranken sind Liebe, Bindung, Nähe und Trost, was Sie auch ohne Worte durch Ihre Körpersprache und Musik vermitteln können. Diese Menschen brauchen auch Beschäftigung – und wenn sie Ihnen noch so banal vorkommt: Langeweile und alleine sitzen macht einsam. Einen demenzkranken Menschen zu pflegen und in der richtigen Weise mit ihm zu kommunizieren – ob mit Worten, Gesten oder Musik – erfordert viel Geduld und Kraft und man kann viele Fehler dabei machen, die das Zusammenleben erheblich erschweren. Pflegeprofis kennen heute Kommunikationstechniken, um eine vertrauensvolle und gute Beziehung zu ihren Schutzbefohlenen aufzubauen. Es ist sinnvoll, sich von Pflegeprofis oder in speziellen Pflegekursen anleiten zu lassen, auch in Techniken der Körperpflege, die Demenzkranke manchmal nicht mehr gut tolerieren, weil sie die Handlung nicht mehr verstehen. In die Demenzwelt eintauchen kann man auf verschiedenen Wegen und jeder Zugang bedeutet auch Kommunikation. Wie sagen auch viele gesunde Menschen: „Wir verstehen uns ohne Worte“, wenn sie eine innige Beziehung ausdrücken möchten.

Auszeit für Pflegende

Denken Sie darüber nach, sich als pflegender Angehöriger auch eine Auszeit zu gönnen. Sie können das bei den Pflegekassen beantragen und den kranken Menschen für eine Kurzzeitpflege anmelden. Total ausgepowert und erschöpft durch viele Jahre Pflege sind Sie Ihrem Angehörigen keine gute Hilfe mehr. Er würde Ihre Nervosität und schlechte Stimmung spüren – und leider auch entsprechend reagieren. Holen Sie sich Rat und Hilfe bei den Profis und gönnen Sie sich selbst zwischendurch eine Pause.

Verhaltenstipps von Pflegeprofis

Mit Demenzbetroffenen sprechen
• Bei jeder Ansprache zuerst den Blickkontakt suchen und immer von vorne ansprechen.
• Immer mit dem Namen ansprechen.
• Klare und kurze Sätze formulieren (Schachtelsätze vermeiden!).
• Erinnerungsgegenstände als Gesprächsthema und ihnen bekannte Musik (alte Schlager, Volkslieder) zur Ablenkung und Aufheiterung nutzen.
• Sätze durch Gesten und freundliche Mimik verständlich untermalen.
• Einfache mit Ja oder Nein zu beantwortende Fragen stellen (Wieso-, Weshalb- und Warum- Fragen vermeiden).
• Auf den eigenen ruhigen Kommunikationsstil/ Stimme achten.
• Diskussionen und Zurechtweisungen vermeiden.
• Ablenkungsstrategien nutzen.
• Dem Kranken viel Zeit für eine Antwort geben.
• Das eigene Verhalten einen Geschwindigkeitsgang zurückschrauben.

Die Körpersprache
• Beobachten Sie die Körpersprache: Ist sie abwehrend, ängstlich, aggressiv oder entspannt?
• Die eigene Körpersprache: wohlwollende, freundliche und lächelnde Mimik; Ruhe ausstrahlende Körperhaltung, hektische Bewegungen vermeiden.
• Augenkontakt und bewusstes Zuwenden, Begegnung auf Augenhöhe (evtl. in die Knie gehen).
• Körperliche Nähe und sanfte Berührung solange und so nah wie der Demenzkranke es akzeptiert.
• Auf begleitende Lautäußerungen achten und Geduld aufbringen.

Zu vermeidendes Fehlverhalten
• Babysprache und schrille Stimme
• Negativformulierungen
• Belehren, diskutieren und schimpfen
• Ironische Aussagen und herablassende Mimik
• Stressoren ausschalten (z. B. Hektik, Lärm)