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»Spring raus! Spring raus, Ines!«


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022

PORTRÄT

Artikelbild für den Artikel "»Spring raus! Spring raus, Ines!«" aus der Ausgabe 11/2022 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 11/2022

Im Fluchtwagen richtet Dieter Degowski seine Waffe auf Silke Bischoff; hinten sitzt Ines Voitle, heute Falk.

Manchmalhat sie noch Angst, dass er eines Tages wiederkommt. Dass er vor ihrer Tür steht. Dieter Degowski.

In ihrem Leben danach träumt Ines schwer. Und hört ihre Freundin Silke Bischoff bis heute schreien.

Der Tag, der ihr Leben veränderte, war der 18. August 1988, der letzte des berüchtigten Geiseldramas von Gladbeck. Millionen Zuschauer erlebten diesen Tag live vor den Fernsehern. Vielleicht fühlt Ines sich deswegen bis heute alleingelassen. Denn von allen, die Zeuge waren, was mit ihr geschah, fragte sie später keiner, wie sie klarkommt mit ihrem Leben danach.

Der ICE bringt mich zu Ines von München nach Bremen.

Ines ist eine Überlebende. Sie saß damals neben ihrem Peiniger Degowski und neben ihrer besten Freundin Silke Bischoff auf den Rücksitzen des Flucht-BMW. Vorher auch in dem Linienbus, den die Gangster gekapert hatten, insgesamt ganze 19 Stunden lang. Bis es zu Ende ging.

Im Sommer ...

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... 1988 sah ein ganzes Land zu, wie zwei Gangster zwei Menschen töteten und wie sie die Polizei und die Nation am Fernseher zum Narren hielten.

Das Gesicht des Mannes, der Ines als Geisel nahm, kennt fast jeder in Deutschland. Es ist das Gesicht des damals 32-jährigen Dieter Degowski. Fast genauso viele Jahre sollte dieser Mann für seine Taten büßen. Drei Jahrzehnte lang saß er ein. Heute lebt er unter einem anderen Namen irgendwo in Deutschland. Sein Komplize und Anführer Hans-Jürgen Rösner ist bis heute in Haft.

Ich wohnte selbst ein paar Jahre lang in Gladbeck, diesem eigentlich ganz gemütlichen Städtchen im Ruhrgebiet. Das aber mit einem Fluch lebt bis heute. Deswegen, auch deswegen, ging mir das Geiseldrama von Gladbeck persön- « lich ziemlich nahe. Ines lebt seit diesen Tagen ein einziges Leben danach. Nichts in ihrem Dasein blieb seitdem, wie es früher einmal war. Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski tragen dafür die Schuld.

Bis heute hört sie die Schreie ihrer besten Freundin

Als ich Ines besuche, sitzt sie auf der Ledercouch ihrer kleinen Bremer Wohnung. Sie ringt mit ihren Händen und Worten. Schweigt lange und schaut wieder und wieder aus dem Fenster. Dann sagt sie plötzlich:

»Manchmal höre ich Silke heute noch schreien: ›Spring raus! Spring raus, Ines!‹« Diese Worte rief Silke ihrer besten Freundin zu.

Als Silke schrie, hatten die SEK-Leute den Fluchtwagen auf der A 3 im Siebengebirge schon gerammt. Kugeln peitschten, Rauch von Nebelkerzen verdunkelte die Luft. Hans-Jürgen Rösner feuerte zurück, wie auch Dieter Degowski. Der versuchte gleichzeitig, Silke Bischoff auf der Rückbank festzuhalten.

»Ich wäre nie rausgesprungen, wenn Silke nicht geschrien hätte«, sagt Ines heute. »Ich werde dieses Schreien nie vergessen. Ich verdanke Silke mein Leben. Sie hat mich gerettet.« Denn in ihrem Schrei, so erinnert sie sich, klang zwar etwas Verzweifeltes, aber auch etwas Aufforderndes. Es war, als wolle sie sagen: »Ich schaffe es nicht mehr! Aber du kannst, du musst es schaffen!«

Im Wagen bedrohte Degowski immer noch Silke Bischoff. Deswegen konnte Ines ihre Freundin nicht mit hinauszerren, als sie aus dem Wagen sprang.

Die alte Angst von damals kann Ines bis heute riechen. Wenn irgendwo Schweiß in der Luft liegt, denkt sie an den Angstschweiß der Geiseln im Bremer Bus, in den sie gemeinsam mit Silke gestiegen war, auf dem Heimweg von der Arbeit.

Während alle anderen reglos verharren, zieht sie den Sterbenden zur Bustür

Wenn es irgendwo nach Blut riecht, sieht Ines wieder Emanuele de Giorgi vor sich. Den Jungen, der im Bus von Degowski ermordet wurde. Sie spürt den Luftzug von damals, als Emanueles Mörder abdrückt und die Kugel sie selbst knapp verfehlt. Sie sieht den Jungen vor sich liegen. Vor sich sterben. Dann blickt sie dem damals 14 Jahre alten Italiener, dem Dieter Degowski in den Kopf geschossen hatte, wieder ins Gesicht.

»Es war so schrecklich, niemand half ihm«, sagt Ines, und ihre Stimme zittert noch heute. Sie beugte sich über den Sterbenden, alle anderen verharrten. Sie zog ihn zur Bustür. »Er hätte nicht sterben müssen«, sagt sie heute. »Warum fuhr kein Krankenwagen hinter unserem Bus her?«

»Das sind Dinge, die bleiben in mir für immer«, sagt sie. Genauso wie der Schrecken, wenn sie heute irgendwo sitzt und aufschauen muss zu vielen Leuten, die um sie herumstehen. Ines fühlt sich dann wieder ausgeliefert. So wie damals, als die Verbrecher sie und Silke Bischoff aus dem Bus zerrten in den Flucht-BMW. Wie sie mit ihm nach Köln fuhren, in die Nähe des Doms. Wie sich die Presse und Schaulustige um den BMW drängten, um Geiselnehmer und Geiselopfer zu interviewen.

Lange war für sie auch Silvester unerträglich. Und wenn irgendwo eine Tür knallte.

Zurück in Bremen bei ihr. Sie schaut nun auf das Bild, das in ihrem Wohnzimmer hängt: ein Sonnenuntergang in Grau und Schwarz. Als sie das Bild vor Jahren zeichnete, war es noch dunkel in ihr und um sie herum. Gefangen in schweren Depressionen, verlor sie ihren Mann, Freunde, ihr altes Leben.

Sie bemüht sich heute, an ihre beste Freundin Silke nur noch in den guten Bildern zu denken, die ihr bleiben. So wie man es tut, wenn man in alten Fotoalben blättert und sich an den Bildern erfreut, aus denen die Farbe gewichen ist: »Wie wir uns kennenlernten, als wir Kinder waren. Wie wir zum Reiten gingen, wie wir zusammen malten, Rollschuh liefen, wie wir uns Bettlaken überzogen und als Geister die Straßen entlangliefen.« Aber wenn nur eine Kleinigkeit sie wieder erinnert an die Tage in Not, sie triggert, reißt alles wieder auf.

Mich berührt, wie Ines die Erinnerung an Silke vergoldet hat, damit sie nicht mehr so sehr schmerzt.

»Sie war so schön«, sagt sie. Und schon stehen ihr Tränen im Gesicht. Ines blieb für alles, was geschah, empfindsam. Das schmerzt sie bis heute, aber es sorgt auch dafür, dass die Opfer nicht vergessen werden.

Ines erinnert sich, wie sich die angehende Staatsanwaltsgehilfin Silke Bischoff kurz vor dem Geiseldrama ihre braunen Haare blond färben ließ. Wie Degowski dadurch einmal mehr auf sie aufmerksam wurde. Wie er sie bedrängte, sich an sie presste, wie er ihr immer wieder seine entsicherte Waffe an den Hals hielt, einen Revolver Highway Patrolman.

Ein einziges Mal besucht sie das Grab und fühlt sich furchtbar elend

Ines’ Tochter sitzt beim Gespräch im Wohnzimmer hinter ihrer Mutter und reicht ihr zwischendurch Taschentücher für die Tränen. »Wir waren wie Schwestern, wir verstanden uns ohne Worte.« Auf den Friedhof kann sie bis heute nicht. Zu sehr schmerzt die Erinnerung. Nur einmal schaffte sie es. »Es war der schrecklichste Moment meines Lebens.«

Zur Beerdigung steht sie an Silkes offenem Grab, nimmt Abschied. Dort, wo auf der grauen Marmorplatte heute nicht nur der Name der Toten, sondern auch die ganze Hilflosigkeit eingraviert ist. »Warum« steht dort in den Stein gemeißelt. Ohne Fragezeichen.

»Warum gerade ich?«, soll Silke Bischoff kurz vor ihrem Tod gefragt haben.

Ich bewundere Ines für ihre Tapferkeit, ihre Herzlichkeit und wie offen sie spricht. Heute hat sie immerhin gelernt, mit Gladbeck zu leben. Nur eine Freundin wie Silke, die hat sie nie mehr gefunden. »So etwas gibt es nur einmal im Leben«, sagt sie und weint. Sie lebt mit einer Geheimadresse und arbeitet als Verkäuferin. Es geht ihr heute, im Jahr 2022, viel besser, sagt sie. Und dass sie die alte Angst beinahe bezwungen hat.

In ihren Träumen ist ihr Silke nur ein einziges Mal in dem ganzen Leben danach erschienen. Als wollte sie sich von ihr verabschieden. Ines erinnert sich an den Traum: »Silke kam auf einem Feldweg auf mich zu. Sie hatte eine Rose in der Hand. Die gab sie mir. Dann drehte sie sich um und war verschwunden. Ich habe sie überall gesucht. Aber ich konnte sie nicht mehr finden.«

Lesetipp

Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch des SPIEGEL-Bestsellerautors Tim Pröse: »Der Tag, der mein Leben veränderte. Von Menschen, die aus tiefster Krise zu sich selbst fanden. 15 Begegnungen, die Mut machen« (Heyne Verlag 2022, 256 Seiten, 20 Euro). Der Journalist Tim Pröse hat dafür Menschen lange Zeit begleitet, die hinfielen, alles verloren – und wundersam wieder aufgestanden sind.