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SPRUNGBRETT FÜR GANZ OBEN


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 110/2019 vom 21.10.2019

DieWELTMEISTERSCHAFT DER JUNGEN SPRINGPFERDEin Zangersheide – das ist eine Castingshow für die Millionenspringpferde von Morgen, eine Schule für vierbeinige Hochbegabte und ein Erlebnis für alle, die dabei sind. So, wie für Hannes Ahlmann, 18 Jahre jung. Er hat uns mitgenommen auf das Unternehmen WM


Artikelbild für den Artikel "SPRUNGBRETT FÜR GANZ OBEN" aus der Ausgabe 110/2019 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: St.GEORG, Ausgabe 110/2019

Hannes Ahlmann mit Carlton SR v. Cascadello.


Manöverkritik mit Vater Dirk Ahlmann nach dem Ritt.


Trotz strahlendem Sonnenschein ist es herbstlich frisch am Freitagmorgen, dem Tag der zweiten Qualifikationen für alle Altersklassen bei der WM der jungen Springpferde. Dirk Ahlmann, Vater und Trainer von Hannes ...

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... Ahlmann, hat den Reißverschluss seiner Daunenjacke bis unters Kinn hochgezogen und fachsimpelt mit einem Bekannten. Hinter ihm springen schon die ersten Sechsjährigen in der „Ramiro Z-Arena“. Es gibt auch noch die „Almé ZArena“ für die Fünfjährigen und die „Ratina Z-Arena“. Hierhin wollen alle, hier finden die Finals statt. Und die Belgischen Meisterschaften. Und das Sires of the World-Springen. Und dann gibt es neben der WM noch die Zangersheider Körung und Fohlenauktionen. Wie René Tebbel sagt: „Wem hier langweilig wird, ist selbst schuld!“ Von Langeweile kann bei Dirk Ahlmann keine Rede sein. Er wartet darauf, dass sein Sohn Hannes auf dem Abreiteplatz erscheint und er ihm zur Seite stehen kann. Mit seinen gerade mal 18 Jahren konnte Hannes Ahlmann sich gleich mit zwei Pferden für die WM qualifizieren: Clintello und Carlton SR, beide sechsjährig, beide wie er aus dem hohen Norden Deutschlands stammend und beides Nachkommen von Cascadello, dem Aushängeschild der Ahlmann’schen Hengststation. Noch ist Dirk Ahlmann entspannt. Zumindest bis zu dem Moment, in dem man ihn auf die Besonderheiten der WM anspricht: „Ich bin schon 1995 hier geritten. Damals sind wir noch auf der Wiese gesprungen. Seitdem hat sich alles verändert – Böden, Stallungen, Gastronomie, einfach alles! Bei uns in Deutschland haben sich nur die Plätze verändert. Sonst nichts.“ Kleiner Seitenhieb in Richtung Bundeschampionat. Aber die Probleme in Warendorf sind hier nur ein Nebenkriegsschauplatz. Heute geht es für Familie Ahlmann um den Einzug ins WM-Finale. Hannes beeindruckten die großen Namen, mit denen er hier reitet nicht so sehr, sagt Dirk Ahlmann und gibt zu: „Anders als seinen Vater. Ich habe mir fast in die Hose gemacht, so aufgeregt war ich.“ Aber er hatte ja damals, anders als Hannes, auch nicht schon Erfahrungen und Medaillen bei vier Europameisterschaften, Deutschen Meisterschaften, Nationenpreisen usw. gesammelt. Auch über 1,60-Kurse ist Hannes schon geritten. Irgendwie ist er also schon ein alter Hase, obwohl er ganz sicher einer der Jüngsten im Starterfeld ist.

Hier wollen alle hin: die Ratina Z-Arena, in der in den Finals um die WM-Medaillengesprungen wird.


DIE BESTEN VON MORGEN

Trotz aller Erfahrung – dass er hier unter all den Lansinks, Philippaerts, Smolders, Verlooys und Wathelets reiten darf, ist eine große Sache für Hannes. Springpferde-WM in Zangersheide ist, wenn die vierbeinigen Fünf-Sterne-Sieger von morgen von den besten Reitern von heute über Kurse geschickt werden, die man beim Bundeschampionat keinem jungen Pferd in den Weg stellen würde. „Eine ganze Etage mehr“, wie der belgische Nationaltrainer Peter Weinberg es ausdrückt, „ein Sprungbrett für den ganz großen Sport.“ Christian Ahlmann (übrigens – gleicher Nachname, aber anderer Stamm als Familie Ahlmann aus Schleswig-Holstein) bestätigt: „Das hier ist ein Gradmesser, wo man steht mit den jungen Pferden. Man sieht, wie die Qualität im internationalen Vergleich ist.“


„Leon Melchior war ein Visionär! Wir alle haben ihm viel zu verdanken.“
Stephan Conter, Stephex Stables


1 |Unter dem Zeltdach im Hinter- grund werden die Fünfjährigen abgeritten, vorne die Siebenjährigen. Beste Bedingungen sind aber nur ein Pluspunkt des Zangersheider Mammutturniers. Besonders die unkomplizierte Gastfreundschaft wird von allen Seiten gelobt. Und natürlich ein Preisgeld, von dem man anderswo träumt.


2 |Bei der Organisation des Turniers hat man an alles gedacht, auch an orientierungslose Reporterinnen.


3 |Im Rahmen der WM findet auch die Körung für das Stutbuch Zangersheide statt, eine Flugshow, bei der sich das Who is Who der Springpferdezucht ein Stelldichein in den Pedigrees gibt.


4 |Der Freitag und der Samstag Abend stehen ganz im Zeichen der Jüngsten. Bei den diesjährigen Versteigerungen erzielten zwei Fohlen einen sechsstelligen Spitzenpreis, ein Halbbruder zu Christian Ahlmanns Dominator Z, der an Manfred von Allwörden verkauft wurde und ein Vollbruder zu Beezie Maddens Spruce Meadows-Sieger Darry Lou, der für 127.000 Euro auch nach Deutschland wechselte.


Ein echter Test also. Nicht unfair, aber eben doch so schwer, dass hier nur die talentiertesten Pferde mit den erfahrensten Jockeys vorne sind. Dass es funktioniert, beweist die Statistik. Ein Beispiel: Finale der Siebenjährigen 2013, sieben Pferde im Stechen, darunter Bacardi VDL, All In, Going Global, Gazelle und Clooney. Noch Fragen? Hier tritt die Creme de la Creme der vierbeinigen Springtalente an. Viele allerdings noch mit anderen Reitern, als denen, die sie später zu Medaillen und Millionen tragen werden. Auch das ist typisch Springpferde-WM. So sagt zum Beispiel Stephan Conter, Chef der Stephex Stables und Arbeitgeber von unter anderem Daniel Deußer, er kaufe hier jedes Jahr vier bis acht Pferde. Etwa Halifax van het Kluizebos, der mit dem italienischen Stephex-Reiter Lorenzo de Luca im Sattel 2017 erfolgreichstes Springpferd weltweit im WBFSH Ranking war und 2018 mit ihm den Großen Preis von Rom gewann. Auch Daniel Deußers Cornet d’Amour ging einst in Lanaken, damals noch mit dem brasilianischen Olympiareiter Pedro Veniss im Sattel.

EIN VISIONÄR

Die WM hat den Stellenwert erreicht, den Zangersheide-Gründer Leon Melchior sich gewünscht hat. Er ist auch nach seinem Tod 2015 immer noch omnipräsent in Zangersheide. Den Stand des Gestüts ziert ein überlebensgroßes Portrait des großen Pferdemannes. Im Parcours prangt sein Konterfei auf den Fangständern eines Oxers, dessen Stangen mit den Namen berühmter Zangersheider Pferde beschriftet sind. Melchior wollte immer, dass die Arbeit der Züchter mehr in den Mittelpunkt gerückt und gewürdigt wird. Sein Werk fortzuführen, ist nun die große Aufgabe seiner Tochter Judy-Ann, 33. Das gelingt ihr. „Sie versucht das Turnier jedes Jahr besser und größer zu machen“, sagt etwa Jos Lansink, selbst einst Stallreiter in Zangersheide. Christian Ahlmann erlebt als Partner der „Z-Chefin“ und Vater ihrer beiden Kinder täglich mit, wie viel Energie sie in dieses Turnier und überhaupt in das Vermächtnis ihres Vaters steckt. „Sie ist da ein schweres Erbe angetreten, aber ich denke, sie hat es nochmal ein ganzes Stück nach vorne gebracht!“ Unter anderem hat Judy-Ann Melchior dafür gesorgt, dass die Ausschüttungen für die einzelnen Finals dieses Jahr noch einmal kräftig erhöht wurden, ein „abnormales Preisgeld!“, so René Tebbel. 15.000 Euro werden im Finale der Fünfjährigen verteilt, 50.000 bei den Sechs- und satte 100.000 bei den Siebenjährigen. Auch bei den Züchterprämien hat Judy-Ann noch einmal eine Schippe draufgelegt. Abgesehen von dem Preisgeld, das laut Chefrichter Joachim Geilfus sicher auch ein Grund ist, weshalb so viele Topreiter in Zangersheide an den Start gehen, ist Familie Melchior aber noch etwas anderes gelungen: die WM zu einem Turnier zu machen, bei dem Pferde schon allein aufgrund der Tatsache, dass sie daran teilnehmen dürfen, im Wert steigen. Stephan Conter von den Stephex Stables betont: „Leon Melchior war ein Visionär! Wir alle haben ihm viel zu verdanken. Er hat es geschafft, die Züchter zu motivieren. Dank ihm verstehen sie es als Chance, ihre Pferde hier präsentieren zu dürfen.“ Und Tochter Judy-Ann steht ganz in seiner Tradition.

Wie es sich anfühlt, ein Pferd aus eigener Zucht in Zangersheide springen zu sehen, davon kann das Ehepaar Reimers berichten. Sie haben Hannes Ahlmanns Clintello gezogen. Schon dessen Mutter, die Clinton-Tochter B-Livia, kam bei ihnen zur Welt. Und war später mit allen drei springreitenden Ahlmanns erfolgreich im Parcours. Gerhard Reimers strahlt aus allen Knopflöchern, als er am Rande des Springplatzes zum Interview gebeten wird: „Das ist ein ganz, ganz tolles Gefühl, hier zu sein! Etwas Besseres könnte uns gar nicht passieren!“ Mit den Ahlmännern verbindet ihn und seine Familie neben den Pferden noch einiges mehr. Hannes ist mit dem Enkel der Reimers zur Schule gegangen und hat auch eine Weile mit ihm Fußball gespielt, ehe die Eltern sagten, er müsse sich zwischen Reiten und Fußball entscheiden. Die Wahl fiel Hannes nicht schwer: „Ich habe schnell gemerkt, dass meine Talente eher beim Reiten als beim Fußball liegen.“

STOLZE ZÜCHTER

Aber Talent ist nicht alles, wenn man es nach oben schaffen will. Hannes weiß das. Seit drei Jahren steht er um sechs Uhr auf, arbeitet als Azubi zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei einem bekannten Futtermittelhersteller und reitet anschließend seine Pferde. Ein ganz schönes Pensum! „Ja“, sagt seine Mutter Janne knapp, „aber Disziplin gehört dazu.“ Talent? Hat er. Disziplin? Ist vorhanden. Was braucht ein Top-Springreiter noch? Hannes sagt: „Ich denke, den letzten Schritt macht man durch das Klauen mit den Augen.“ Mit anderen Worten durch das Beobachten der besten Reiter der Welt. Das tut Hannes nicht nur auf dem Turnier. „Ich glaube, es gibt niemanden, der so häufig die Aufzeichnungen einzelner Ritte anschaut wie ich!“, grinst er. „Bis Mitternacht analysiere ich Stechen, schaue, wie leiten sie die Wendungen ein und versuche dann, das umzusetzen.“ Bei der WM braucht Hannes nicht erst auf die Videoaufzeichnungen zu warten. Er hat die Besten der Besten um sich herum. „Auf solchen Turnieren lernt man mehr als auf allen anderen Veranstaltungen“, sagt er. Er hat nicht ein Idol, er hat viele. Stilist Marco Kutscher sei eines, René Tebbel wegen seiner Genauigkeit, sein Vater „wie er ihn managed“, und („natürlich“) Marcus Ehning, Christian Ahlmann & Co. Was er sich von denen abgeschaut hat, kann er heute zeigen.

KOLLEGENTIPPS

Vorbereitungen für den großen Einsatz: Hannes mit Clintello.


Inzwischen ist Hannes mit Clintello auf dem Abreiteplatz erschienen. Er muss ihn nur noch einmal aufwärmen, weil er ihn morgens früh schon abgeritten hatte. Den Tipp hatte ihm Patrick Stühlmeyer gegeben, der Bereiter im Stall Schockemöhle. Das könnte auch bei Clintello funktionieren, dachte Hannes, der gemerkt hat, dass der sensible Fuchs sich nicht wohl fühlt, wenn zu viele Pferde auf dem Abreiteplatz sind. Dann verspannt er sich und springt nicht mehr so gut wie sonst. Der Stühlmeyer-Tipp scheint zu helfen. Clintello wirkt locker und aufmerksam. Hannes macht ein paar Sprünge. Vater Dirk Ahlmann steht neben den Pflegern an den Hindernissen, baut sie rauf und runter. Dann kommt die Durchsage: „Hannes Ahlmann next Competitor!“ Jetzt gilt’s! Hannes reitet ein, grüßt und galoppiert an. Sein Vater an der Umzäunung des Platzes ballt die Fäuste. Erstes Hindernis, zweites Hindernis, drittes Hindernis – alles bleibt liegen. Bei jedem Sprung geht Dirk Ahlmann am Rand mit in die Luft. Dann ein Oxer aus einer Distanz heraus. Nur ganz leicht streift Clintello die hintere Stange. Aber sie fällt. Dirk Ahlmann stöhnt auf. Hannes reitet den Parcours ohne Abwurf zu Ende, hat dann aber auch noch einen Zeitfehler. Er sieht enttäuscht aus, als er Clintello gen Ausgang traben lässt und ihm den Hals tätschelt. War ja nicht seine Schuld! „Die unscheinbarsten Sprünge sind die schlimmsten!“, grummelt er, als er Clintello versorgt hat. Die Strafpunkte sind bitter. Nachdem Clintello in Runde eins bereits fehlerfrei war, hätte eine weitere Nullrunde den ziemlich sicheren Einzug ins Finale bedeutet. Ob Hannes sich mehr erhofft hat? „Klar, wir sind ja Sportler!“ Eine Chance hat er noch, am Nachmittag mit Carlton SR. Ganz schön viel Druck. Aber das kennt Hannes von den Championaten. Da sei auch sie immer noch einmal viel aufgeregter, gibt Mutter Janne Ahlmann zu. Hannes kann mit solchen Situationen umgehen. Er hat mit einem Mentaltrainer gearbeitet. Der hat ihm mit auf den Weg gegeben: „Man muss denken, dass man das auf jeden Fall schafft!“ Sein Vater hat solche Weisheiten anderweitig aufgeschnappt: „Ich stand mal auf dem Turnier neben Steve Guerdat. Wir waren beide im Stechen und haben uns den Parcours angeschaut. Als ich meine Bedenken äußerte, sagte Steve nur: ,Bist du verrückt? Du reitest da jetzt rein und wirst das gewinnen!‘“ Dirk Ahlmann musste sich vieles hart erarbeiten, was für seine Kinder heute selbstverständlich ist – einen Transport zum Turnier beispielsweise. Er weiß aber auch, dass er es in vielerlei Hinsicht leichter hatte: „Mich kannte niemand. Ich bin einfach irgendwo aufgeschlagen und habe mein Bestes gegeben. Die Kinder heute stehen unter einem ganz anderen Druck.“ Schon allein wegen der Werte, auf denen sie reiten. Carlton SR war eine Entdeckung von Prof. Bernd Heicke vom Gestüt Fohlenhof. Der hatte seinerzeit auch Cascadello erworben und zu Dirk Ahlmann zur Ausbildung gestellt. Carlton SR gehörte im vergangenen Jahr zum Auktionslot des Holsteiner Verbandes. Prof. Heicke sah ihn und war sicher, dieser Wallach sei das richtige Pferd für Hannes. Er erwarb ihn für einen sechsstelligen Betrag.


@@„Ich denke, den letzten Schritt macht man durch das Klauen mit den Augen.“
Hannes Ahlmann


DER PATE

Inzwischen hat der Mäzen, dem ja zum Beispiel auch Faustus von Dorothee Schneider gehört, offiziell die Patenschaft für Hannes im Rahmen des Talentförderprogramms der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport übernommen. „Prof. Heicke will, dass der Junge alle Chancen haben soll“, erklärt Dirk Ahlmann, „aber er will auch, dass er sich junge Pferde selbst aufbaut.“ Was Dirk Ahlmann besonders freut: „Dem Professor geht es um die Harmonie. Besser Zeitfehler und eine schöne Runde als eine Schleife mit Ziehen und Zerren.“

Hannes’ Pate wäre stolz auf seinen Schützling, hätte er die Runde gesehen, die Hannes am Nachmittag mit CarltonSR auf den Platz zaubert. Das war Springreiten aus dem Lehrbuch – schnell, effizient, stilistisch eine Augenweide. Alle Wendungen, alle Sprünge geschmeidig, rhythmisch und im Fluss. Leider aber auch hier mit einem Abwurf. „Macht nichts, Kleiner! Du bist super geritten! Ich bin total stolz auf Dich!“, tröstet Vater Dirk. Hannes ist trotzdem geknickt. Aus der Traum vom Finale. „Wenn ich reite, dann will ich auch auf dem Treppchen stehen“, hatte er vor dem Ritt noch gesagt. Das wird nun nichts mehr. Zumindest dieses Jahr. Aber Hannes hat nicht nur im Parcours eine Menge gelernt – siehe oben, die Stühlmeyer’sche Abreitestrategie.

Unternehmen WM endete für Familie Ahlmann zwar ohne Finale, aber dafür mit jeder Menge Erfahrungen.


HAPPY ATHLETES

All diese Kleinigkeiten rund ums Management der Pferde seien enorm wichtig, betont Dirk Ahlmann: „Wir haben alle begriffen, dass wir auf diesem Niveau nur erfolgreich sein können, wenn die Pferde sich einhundertprozentig wohl fühlen.“ Er beteuert, dass Manipulation der Pferde heute nichts mehr bringt: „Wer hier gewinnen will, braucht ein hoch talentiertes Pferd. Es geht hier über 15 Hindernisse, die richtig schnell gesprungen werden müssen. Wer da vorher etwas gemacht hat, wird feststellen: Das bleibt nicht drin.“ Natürlich sei er Pferdehändler, aber er weiß: „Wer beim Pferd die Grenzen in die falsche Richtung verschiebt, der wird nie langfristig Erfolg haben.“

Tatsächlich geben die Reiter in den Prüfungen der WM eher auf, als dass sie etwas zu erzwingen versuchen. Belgiens Dirk Demeersman sagt: „Die Pferde lernen hier unheimlich viel! Es ist ein großes Turnier mit viel Atmosphäre. Die Parcours sind fair und gut gebaut, aber sehr schwierig. Wenn man hierher kommt, um zu gewinnen, kann man nur enttäuscht werden. Man muss sich bewusst machen, dass das hier ein ganz hohes Niveau ist. Und wenn die Pferde Fehler machen, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht gut genug sind!“ Er weiß, wovon er spricht. Einst war er hier mit seinem legendären Clinton am Start, Vierter der Olympischen Spiele von Athen und Vater von Cornet Obolensky. In Zangersheide war der Hengst nicht ins Finale gekommen.

Das dürfte Hannes trösten, der am Samstag mit Clintello noch einmal im kleinen Finale an den Start gehen konnte, aber auch hier einen Abwurf hatte. Carlton SR ist er gar nicht erst geritten. „Wir hatten den Eindruck, er war müde“, sagt Janne Ahlmann später. Sie war nicht böse, dass sie schon am Samstag die 600 Kilometer lange Reise gen Heimat antreten konnten. Nicht, um am Sonntag die Füße hochlegen zu können, sondern um mit Tochter Pheline zu den Landesmeisterschaften zu fahren. Das hat sich gelohnt. Nachdem sie viermal die Silbermedaille gewonnen hat, stand Pheline diesmal ganz oben auf dem Treppchen. Wieder eine Lektion: Hartnäckigkeit zahlt sich aus! Also, Hannes – auf Wiedersehen in Lanaken 2020!

FAMILIENERFOLG: DEUTSCHE WELTMEISTERINNEN

Ausnahmetalent Chao Lee v. Comme il faut, Weltmeisterin mit Züchtertochter Katrin Eckermann.


Es gibt eine deutsche Weltmeisterin 2019: die Rheinländer Stute Chao Lee v. Comme il faut-Chacco-Blue aus der Zucht von Otmar Eckermann und vorgestellt von dessen Tochter Katrin sicherte sich nach dem Bundeschampionats-Titel 2018 und Silber 2019 nun auch WM-Gold.

ERGEBNISSE: BELGISCHE MEISTER2019

GOLD
Jos Verlooy mit Varoune Old. v. Verdi
SILBER
Pieter Clemens mit Icarus BWP v. Querlybet Hero
BRONZE
Wilm Vermeir mit King Kong d’Avifauna BWP v. Beaulieu’s Think Big

Jos Verlooy holte nach EM-Bronze Gold bei den Landesmeisterschaften 2019.


Bronze bei den Siebenjährigen für Policeman v. Perigueux unter Marco Kutscher.


DAS GESTÜT MIT DEM Z: ÜBER ZANGERSHEIDE

JUDY-ANN UND LEON MELCHIOR


In den 1970ern gründete Leon Melchior in Lanaken bei Maastricht einen Springstall, aus dem sich das heutige Gestüt Zangersheide entwickelte. 1992 wurde das Stutbuch Zangersheide für Springpferde ins Leben gerufen. Das Ziel war immer eine Leistungszucht, darum ist das Stutbuch offen für alle Rassen. Auf Basis bewährter Stämme wurde unter anderem mit Holsteinern (Ramiro Z) und Franzosen (Almé Z) weitergezüchtet. Widerständen und Skeptikern zum Trotz hat Leon Melchior in Zangersheide bahnbrechende Entwicklungen der Pferdezucht vorangetrieben. So war er einer der ersten, der künstlich besamt hat, was damals noch argwöhnisch beäugt wurde. Auch war Zangersheide Vorreiter in Sachen Embryotransfer und Klonen. Leon Melchior ist 2015 gestorben. Seither leitet seine Tochter Judy-Ann das Gestüt. Sie war selbst bei zahlreichen Championaten mit Z-Pferden für Belgien im Einsatz.www.zangersheide.com


FOTOS:DIRK CAREMANS

Foto: Janne Ahlmann