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SPURLOS VERSCHWUNDEN


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 25/2019 vom 14.06.2019

Ein Mensch ist plötzlich weg. Wurde er Opfer eines Verbrechens? Oder hat er sich abgesetzt? Experte Peter Jamin befasst sich seit 25 Jahren mit Vermisstenfällen und erklärt, was oftmals dahintersteckt


Artikelbild für den Artikel "SPURLOS VERSCHWUNDEN" aus der Ausgabe 25/2019 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 25/2019

FLUCHT
Manche Menschen gehen fort, weil sie sich in größter Not befinden


„100.000 Personen werden jedes Jahrvermisst“
Peter Jamin


GROSSEINSATZAuf der Suche nach der Schülerin Rebecca (siehe rechts) durchkämmen Polizisten einen Wald in Berlin


Niemand weiß, wo diese Menschen sind

Vermisst seit 18. Februar 2019


Rebecca Reusch Von der Schülerin aus Berlin fehlt jede Spur. Mittlerweile wurde die Suche nach der ...

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... 15-Jährigen eingestellt. Die Kripo geht von einem Tötungsdelikt aus

Vermisst seit 11. April 1995


Sonja Engelbrecht Die damals 19-Jährige wurde das letzte Mal nachts in München gesehen. Die Homepage sonja-engelbrecht.de dokumentiert die Suche nach der Frau.

Vermisst seit 13. März 2019


Norbert H. Der 55-jährige Geschäftsmann aus Hofgeismar bei Kassel war beruflich in Deutschland unterwegs. Möglich ist, dass er gesundheitliche Probleme hat.

Unsere Tochter ist weg. Seit Januar schon.“ Erst vor wenigen Wochen erhielt Peter Jamin diesen Anruf von einer Frau im Alter von 83 Jahren. Sie und ihr Mann, drei Jahre älter als sie, sind verzweifelt. Ihre Tochter sei zwar psychisch labil, aber „sie verschwindet doch nicht einfach so“. Ohne ein Wort. Keinen Hinweis, keine Nachricht habe sie hinterlassen, nicht mal ihre Brille und ihr Portemonnaie mitgenommen.

Experte und Sachbuchautor Jamin hat schon viele solcher Anrufe bekommen. Seit 25 Jahren befasst sich der 68-Jährige mit Vermisstenfällen, berät ehrenamtlich diejenigen, die zurückbleiben: Eltern, Partner, Kinder, Freunde. Jährlich sind deutschlandweit etwa 500.000 Familienangehörige von diesem Schicksal betroffen. „Sie haben niemanden, der ihnen beisteht und hilft“, so Jamin. Nun ist sein neues Buch erschienen, in dem er aus seinem Fundus von über 2000 Fällen schöpft und Geschichten von Verschwundenen erzählt (siehe Buchtipp rechts). Die Namen hat der Autor geändert, um die Familien zu schützen.

Die schreckliche Ungewissheit

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Ralf Burbach, der morgens das Haus verlässt, mit dem Auto wegfährt – und nicht wiederkehrt. Zurück bleibt seine Freundin mit seinem Sohn aus erster Ehe. Die 43-Jährige erfährt auf der Arbeitsstelle ihres Lebenspartners, dass ihm wegen Unterschlagung gekündigt worden war. Erst einige Monate später findet man die Leiche. Selbstmord.

Täglich passiert es: Ein Mensch ist plötzlich fort, nicht mehr auffindbar. Wie Friedrich Neumann. Der 75-Jährige, dement, krank und oft orientierungslos, flieht aus dem Pflegeheim. Erst zwei Stunden später bemerkt das Personal sein Verschwinden. Seitdem plagt seine Frau Gerlinde permanent die Sorge, ob ihr Mann noch lebt oder schon tot ist. Und das seit zwei Jahren.

Die Ungewissheit. Sie macht auch der Familie von Sarah zu schaffen. Die 16-Jährige kommt eines Nachts nicht nach Hause. Sie ist in die Fänge eines sogenannten Loverboys geraten, der über soziale Netzwerke ihr Vertrauen erschlich, sie erst verführte, dann entführte. Die Familie startet Hilferufe im Internet, verteilt in Restaurants und Supermärkten Flugblätter mit einem Foto. Als ein Kaufhausdetektiv das Mädchen entdeckt, gehen 14 schreckliche Tage der Panik zu Ende.

All diese Fälle sind symptomatisch für die Probleme unserer modernen Gesellschaft: Depressionen, Demenz, Schulden und die Gefahren des Internets. Jamin weiß: Abenteuerlust ist fast nie der Grund für ein Verschwinden – so wie bei dem sprichwörtlichen Mann, der sagt, er gehe Zigaretten holen, und nicht wiederkommt. Vielmehr stecke oft ein Akt der Verzweiflung dahinter. „Für ihre Probleme sehen diese Menschen keine Lösung, wollen einfach nur vergessen. Die meisten flüchten aus ihrem Alltag in eine fremde Zukunft. Ohne Ziel und Plan.“

Täglich werden 200 bis 250 Vermisste gemeldet. Etwa 50 Prozent der Fälle sind laut Bundeskriminalamt nach einer Woche geklärt, bereits 80 Prozent nach einem Monat. Drei Prozent sind länger als ein Jahr verschollen. Manche kommen nie mehr zurück, weil sie Opfer eines Verbrechens wurden. Einen Erwachsenen zu finden, kann für die Familie besonders mühsam sein. „Gesetzlich darf jeder sein gewohntes Umfeld verlassen und einen neuen Aufenthaltsort wählen“, erklärt Jamin. „Nicht immer erkennt die Polizei sofort die Schwere eines Falls.“ Der Experte kritisiert, dass es keine Institution gebe, die sich für polizeibekannte Vermisstenfälle und die Angehörigen zuständig fühle. Manche Betroffenen wenden sich deshalb in ihrer Verzweiflung an Suchdienste (siehe TV-Tipp). Oft ist der Weg über die Medien die letzte Hoffnung, wie etwa im Fall von Rebecca aus Berlin, deren Schicksal derzeit ganz Deutschland bewegt (siehe oben links): Die Eltern veröffentlichten über einen Privatsender einen bewegenden Brief.
Doch die Angehörigen stehen nicht nur unter Schock, sondern zugleich auch vor gewaltigen organisatorischen und wirtschaftlichen Problemen, bei denen die Polizei nicht hilft: Soll die Wohnung der verschwundenen Person aufgelöst werden? Was macht man mit ihrem Besitz? Wie lange zahlt man ihre Beiträge für die Krankenkasse? All das sind Fragen, die auch die alten Eltern der vermissten Tochter dem Experten am Telefon stellen. Jamin rät ihnen, beim Amtsgericht eine sogenannte Abwesenheitspflegschaft zu beantragen. Er weiß: „Innerhalb weniger Tage beauftragt das Gericht einen Rechtsanwalt oder einen Verwandten mit der Abwicklung des Vermisstenfalls.“ Denn: Nur weil jemand verschwunden ist, hört er nicht einfach auf zu existieren.

BUCHTIPPPeter Jamin Ohne jede Spur. Wahre Geschichten von vermissten MenschenRowohlt 208 S., 10 €



FOTOS: KOZERA/IMAGEBROKER, BEURICH/BILD, POLIZEI BERLIN/KASSEL (2), WWW.SONJA-ENGELBRECHT.DE