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Stadt der Meister : Florenz


Atrium - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 19.06.2019

Die Wiege der Renaissance verharrt nicht in der Vergangenheit. Neben alter Grandezza entwickeln Künstler, Designerinnen und Öko-Philosophen die Stadt zu einem lebendigen Biotop der Neuzeit.


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Bildquelle: Atrium, Ausgabe 4/2019

PALAZZO STROZZI


Wunderschön sei sie, voller Charme, gar eine der schönsten Städte der Welt. Überreich an Kulturschätzen wird Florenz auch als das «italienische Athen» bezeichnet. Für ihr Erbe ist die Stadt wohlbekannt. Dass Florenz aber auch sehr lebendig, zeitgenössisch, jung und grün ist, ist weniger geläufig. Die Stadt am Arno hat den Charakter einer Frau von heute: schnell, aufnahmefähig, grosszügig, verknüpft. Es ...

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... gelingt ihr, vieles gleichzeitig zu sein, unkonventionell und aristokratisch, zerzaust und luxuriös, voller Leidenschaft und doch metaphysisch.

Von den Kunstausstellungen im Palazzo Strozzi über das von Peter Greeneway gegründete Filmfestival Lo Schermo dell’Arte bis hin zu der Konzertreihe Strings City, wo während eines Wochenendes 70 Gratiskonzerte in ebenso vielen Museen und Stadträumen gespielt werden, repräsentiert Florenz durch seine Verflechtung von Geschichte und Gegenwart das Potenzial Italiens auf einzigartige Weise. Und wenn sich die Touristen weiterhin für die Uffizien und die zahlreichen Kuppeln begeistern, deren Magie auch nach Jahrhunderten ungebrochen ist, gibt es hier eine ganze Geschichte zu entdecken. Etwa die Gegend um Oltrarno zwischen San Frediano und Santo Spirito; aber auch Adressen in der Altstadt, wo Künstler, Designerinnen, Schauspieler, Öko-Philosophen, Galeristinnen und Bildhauer als Protagonisten einer neuen Renaissance auftreten.

Parallelwelten

Die alte Stadt mit der bedeutsamen Historie ist zwar klein, doch sie weiss zu verblüffen; langweilig wird einem in Florenz bestimmt nicht. Wem die vielen Bars, Tavernen und historischen Veranstaltungsorte nicht ausreichen, setzt auf den neuen «Place to be»: Das Student Hotel, Teil einer Kette für moderne Reisende jeden Alters und Studentenwohnheim der jüngsten Generation, eröffnete 2018 seine erste Niederlassung im sogenannten Palazzo del Sonno. Das STH Lavagnini steht auch der Stadt offen und zieht viele Einheimische an, die hier einen kosmopolitisch angehauchten Abend verbringen möchten. Die rosafarbene Schaukel im Eingang lädt zum Spielen ein, und auch sonst hat das Haus viel zu bieten: Einen Bicicleta trinken auf der Poolterrasse, lecker zu Abend essen im OOO (Out Of Ordinary), Selfies machen à la 1980er-Jahre im analogen Fotokasten oder auf dem «Flügel für alle» ein Stück von Chopin improvisieren.

Das berühmte 5-Sterne-Haus Westin Excelsior mitten im Zentrum ist mit seiner Panoramaterrasse und der 360°-Aussicht die perfekte Visitenkarte der Stadt. Hier befindet sich auch die innovative Küche des Restaurants Se.Sto on Arno, Bar und Lounge inklusive – die ideale Kulisse für einen Aperitif. Wer eher auf der Suche nach altehrwürdiger, geheimer Atmosphäre ist, wird im Ad Astra fündig. Das erste Hotel der Stadt befindet sich in der Villa Torrigiani und wurde von den Architekten Franceso Maestrelli sowie Marco und Matteo Perduca entworfen. Jedes der neun Zimmer ist individuell eingerichtet, alle verstrahlen den Flair italienischen Designs von 1950 bis 1970, Kunsthandwerk und Kunstwerke inklusive. Das Frühstück wird in einem mit Fresken geschmückten Saal serviert. Die Aussicht ist einzigartig, Besucher überblicken neben dem alten astronomischen Observatorium des Marchese auch das Grün des Giardino Torrigiani.

TSH THE STUDENTS HOTEL



Designerinnen, Bildhauer, Künstlerinnen und Öko-Philosophen treten als Protagonisten einer neuen Renaissance auf.


AD ASTRA


EXCELSIOR


LIBRERIA BRAC


GIACOMO SALIZZONI – ORTI DIPINTI


SERRE TORRIGIANI – VANNI TORRIGIANI


DANILO CERI


DANILO CERI


Die private Gartenanlage wurde nach esoterischen Prinzipien angelegt, die von der Freimaurerei des 19. Jahrhunderts inspiriert wurde. Der grosse botanische Komplex liegt im Oltrarno und gliedert sich in einen Bereich mit Gewächshäusern und den eigentlichen Garten. Die Gewächshäuser, wo 1716 die erste Florentiner Botanische Gesellschaft gegründet wurde, wurden restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Möglich machte dies Vanni Torrigiani, Gärtner, ehemaliger Anwalt und nebenbei leidenschaftlicher Sänger, der den Ort mit Konzerten zeitgenössischer Musik, Kursen in Nahrungssuche, Malerei und Botanik revitalisiert hat. Übrigens: Man kann hier auch private Veranstaltungen organisieren.


Auf einer ausgedienten Rennbahn gegenüber dem Four Season’s Hotel realisierte der Architekt und Designer Giacomo Salizzoni ein aussergewöhnliches Gartenkonzept.


LUCA RAFANELLI


RISTORANTE CIBRÈO


GIULIO PICCHI


BARBARA NOVAKOVA


Die Orti Dipinti liegen auf der anderen Seite des Arno, sprechen aber dieselbe Sprache. Auf einer alten, ungenutzten Rennbahn gegenüber dem Four Season’s Hotel in Borgo Pinti realisierte der Architekt und Designer Giacomo Salizzoni ein aussergewöhnliches Gartenkonzept, das auch bei Kindern hochbeliebt ist. Unter Bambuspergolen und umrankt von aromatischen Pflanzen wird in dem didaktischen Gemeinschaftsgarten biologischer Anbau nach den fortschrittlichsten Methoden ökologischer Nachhaltigkeit praktiziert sowie soziale Integration und das Sharing Prinzip gepflegt.

Ungleich härter ist der Werkstoff des renommierten Designers Duccio Maria Gambi. Er arbeitet vor allem mit Harz, Zement oder Metall, verleiht den an sich starren Materialien aber eine wolkenhafte Leichtigkeit, die eine raffinierte Balance zwischen Oberfläche und Gewicht bildet. Das Metier des bekannten Vintage–Händlers Danilo Ceri ist die Vergangenheit. Sein historisches Archiv liegt vor den Toren der Stadt in Regello. Die Bestandteile des über 20 000 Artikel umfassenden Archivs kann man nicht kaufen, sondern nur mieten. Die Auswahl ist riesig und reicht von Militärjacken, Kleidern, Jeans, Lederjacken bis hin zu Fräcken sowie Schmuck – ein Juwel an Inspiration für die Ateliers grosser Modehäuser.

Ebenfalls aus der Vergangenheit, die in Florenz irgendwie nie wirklich «alt» ist, bedient sich Luca Rafanelli, Restaurator, Dichter und Maler von Regenschirmen und Fahrrädern. Seine historische Werkstatt in der Via dei Serragli ist ein beeindruckendes Beispiel ungefilterter Schönheit.

Die kreativen Köpfe von Florenz sind der Geschichte der Stadt freundlich gesinnt; nostalgisch aber sind sie nicht. Etwa Barbara Novakova, eine Künstlerin, die hier das Officine Barbarella aufgezogen hat. Der Showroom, der gleichzeitig Galerie und Veranstaltungsort ist, versprüht industriellen Charme. Zwischen Vintage-Möbeln und von Novakova entworfenen leichten Designerstücken praktiziert sie ihr Manifest des Gleichgewichts, praktische Prinzipien, die einen ökologischeren Konsum fordern.

Das Theater ums Essen

Nicht minder kreativ sind hier die Orte, die sich der Erfrischung widmen. Das bekannte Cibrèo entwickelt sich stetig weiter, angeführt von Küchenchef Fabio Picchi und seinem Sohn Giulio, einem Künstler und Illustrator. Das Cibrèo ist einer der führenden Namen italienischer Kochkultur; mittlerweile gibt es neben Caffè und Trattoria auch das Ciblèo Tortelli e Ravioli, wo sich die toskanische Küche mit der orientalischen mischt. Die Küche des Cibrèo wird auch im Teatro del Sale angeboten. Der Mitgliederclub wurde von Fabio Picchis Ehefrau Maria Cassi gegründet, die Schauspielerin und Autorin ist gleichzeitig künstlerische Leiterin des Zirkustheaters. Die Leidenschaft für Inszenierungen scheint


Die kreativen Köpfe von Florenz sind der Geschichte der Stadt freundlich gesinnt; nostalgisch sind sie aber nicht.


TEATRO DELLA PERGOLA


GURDULÙ


LA MANIFATTURA


BAHNHOF STAZIONE SMN


TRATTORIA NELLA


TEATRO DEL SALE


Lebendig geht es im Gurdulù in Santo Spirito zu, dessen Name sich an Italo Calvinos Roman «Il cavaliere Inesistente» anlehnt. Gegründet von den Freunden Stefano Sebastiani, Marino Vieri, Pietro Olivari, Michele di Cataldo und Marco Baldesi, ist das Restaurant mit Cocktailbar heute Kult. Ausgestattet ist es im Stil der letzten Jahrhundertmitte, mit intensiven, dichten Farben – und einem «weissen Herzen», weiss wie die hiesige lokale Fussballmannschaft. Die feinen Menüs werden von Küchenchef Gabriele Andreoni zubereitet, die Drinks der langen Getränkeliste hat die bekannte Barkeeperin Cristina Bini kreiert. Zukunftsideen gedeihen hier auf soliden Wurzeln. Ein ähnlicher Ansatz verfolgt La Manifattura, eine Bar für Aperitifs und Snacks, die ausschliesslich italienische Liköre, Getränke und Rezepte serviert. Die Manifattura stellt eine stilbewusste Rückbesinnung auf Geschmäcker und Düfte dar, verfolgt von der Kontinuität und der Hingabe von Besitzer Davide Campagnolo und Barkeeper sowie Restaurantmanager Fabiano Fabiani. Und schliesslich, ganz der toskanischen Tradition verpflichtet, die Trattoria Nella mitten im Zentrum: Hier walten die Zwillinge Fatturini, die gleichzeitig Betreiber des Restaurants sowie klassische Konzertdarsteller sind. Wer Glück hat, freut sich im Nella nicht nur über sein Mittagessen, sondern auch über ein Stück von Debussy.


Wer Glück hat, freut sich im «Nella» nicht nur über sein Mittagessen, sondern auch über ein Stück von Debussy.


Fotos: Lea Anouchinsky, Redaktion & Übersetzung: Mirjam Rombach