Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 8 Min.

Stadt, Land, GLÜCK


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 26.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Stadt, Land, GLÜCK" aus der Ausgabe 8/2021 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 8/2021

Stephi und Ben Wallenborn sind mit ihren Kindern vor zwei Jahren aus Berlin in eine kleine Gemeinde im Münsterland gezogen

Den Umzug aufs Land noch keinen Tag bereut

Der Blick aus dem Fenster reicht weit: Über den Garten und das Weizenfeld dahinter bis zum Wäldchen. Vögel zwitschern, ein Fasan stolziert über den Rasen. „Wenn ich morgens vor unserem Fenster Sport mache, gucken mir manchmal sogar ein paar Rehe zu“, erzählt Stephi Wallenborn. „Diese Ruhe ist so wohltuend.“

Seit zwei Jahren leben sie, ihr Mann Ben und die drei Kinder Maya, Ella und Finn auf dem Land. Nach zwölf Jahren in Großstädten: Hamburg, Düsseldorf, zuletzt Berlin. Den Umzug in die kleine Gemeinde Havixbeck- Hohenholte bei Münster hat das Paar noch keinen Tag bereut. „Das ist ein Einschnitt, der alles verändert hat. Aber es fühlt sich gut und richtig an“, sagt die 39-Jährige.

Die zweite große Veränderung im Leben der Wallenborns ist der berufliche Neuanfang. Beide haben ihre gut bezahlten Jobs in der Hauptstadt gekündigt und im Münsterland einen Verlag ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Reader´s Digest Deutschland. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Raus aufs Land oder ab in die Stadt?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Raus aufs Land oder ab in die Stadt?
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Entführung vereitelt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Entführung vereitelt
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Gesunde Blase. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gesunde Blase
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Rätselhafte Flecken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rätselhafte Flecken
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von NEUES AUS DER WELT DER MEDIZIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES AUS DER WELT DER MEDIZIN
Vorheriger Artikel
ALLEIN IN DEN BERGEN
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel 10 MINUTEN, DIE SICH LOHNEN
aus dieser Ausgabe

... für Kinderbücher gegründet. Die zwei sind sich sicher: Ohne den Ortswechsel hätte das nicht so gut funktioniert. „Zum Schreiben braucht es jede Menge Kreativität und Platz für Visionen und Träume“, meint Ben Wallenborn. „Außerdem haben wir hier als Familie viel mehr Zeit füreinander“, ergänzt seine Frau.

In Berlin war jeder Tag durchgetaktet. Kein Wunder, bei drei kleinen Kindern – heute zwei, fünf und acht Jahre alt – und berufstätigen Eltern. Ben arbeitete damals bei einer Brauerei als Brand-Manager, Stephi als Vertriebsleiterin bei einem Start-up, das über die Jahre zu einem großen Unternehmen heranwuchs.

Zeit war Mangelware. „Alles mussten wir absprechen und organisieren. Wer bringt die Kinder in die Kita, wer holt sie wann ab, wer kauft ein? Ich habe diese Phase als getrieben und gestresst in Erinnerung“, sagt die 39-Jährige. „Der lange Weg zur Arbeit mit der S-Bahn, die gehetzte Mittagspause, der ständige Lärmpegel in einer Stadt. Mit kleinen Kindern ist der Alltag schon unruhig genug.“

Die fünfköpfige Familie wohnte mitten im quirligen Berlin-Friedrichshain, 100 Quadratmeter, Dachgeschoss mit Terrasse. Parkplätze sind rar, ansonsten gibt es im Viertel alles. Supermärkte, die rund um die Uhr geöffnet sind, Cafés, Restaurants für jeden Gaumen und jede Form der Ernährung. Allerdings ist das Leben in der Hauptstadt kostspielig. Und für die Kinder gibt es zwar Spielplätze, aber die sind oft überfüllt und nicht immer sauber. „In der Stadt sammeln die Kids eben Kronkorken anstatt Laub oder Kastanien“, berichtet Ben Wallenborn.

Vor allem seine Frau, die eher ländlich aufgewachsen ist, empfindet die Großstadt zunehmend als Belastung. Sie merkt, wie sehr ihr die Natur fehlt, die Ruhe. In ihrem Kopf fängt es an zu arbeiten: Was wäre, wenn wir etwas ganz Neues machen? Auch ihr Mann denkt nach. „Unsere große Leidenschaft ist das Reisen“, erzählt der 42-Jährige. Mit dem Wohnmobil durch Europa, per Bus durch Südamerika, fast den ganzen Globus haben die Wallenborns schon bereist. Und plötzlich wissen sie: Reisebücher für Kinder wollen sie schreiben, im Selbstverlag. Die „Weltenbummler- Kids“ sind geboren und mit ihnen der Neuanfang auf dem Land.

Seitdem ist das Tempo raus aus ihrem Leben. Das Paar teilt die Arbeit, genauso wie die Aufgaben in der Familie. Er schreibt, sie kümmert sich ums Marketing. Haushalt und Kinder laufen entspannt nebenher. Ben backt neuerdings Brot und beackert den Gemüsegarten, Stephi und die Kleinen genießen den riesigen Garten mit Trampolin und Schaukel. „Hier stören wir niemanden, sind frei“, erzählt sie begeistert.

Auch Freunde haben sie in Havixbeck-Hohenholte schnell gefunden. „Über die Kinder geht das ganz leicht. Die spielen miteinander und wir Erwachsenen treffen uns zum Klönen“, verrät die Dreifach-Mama. „Und alle, die wir treffen, sind sehr aufgeschlossen.“

Mit dem Vorurteil vom „spießigen Landleben“ kann das Ehepaar deshalb nicht viel anfangen. „In Berlin ist es so anonym, dass man nicht mal auffiele, wenn man im Schlafanzug einkaufen gehen würde“, meint Stephi Wallenborn. „Den Menschen hier würde es zwar auffallen, aber sie sind so entspannt, dass sie sich daran nicht stören würden.“ Nur, dass die Läden im Ort eine Mittagspause machen, sei immer noch gewöhnungsbedürftig. „Aber wenn es weiter nichts ist“, sagt Ben Wallenborn und grinst, „halten wir es auf dem Land bestimmt noch lange aus.“

Landliebe, die Generationen verbindet

Erna-Marie Thode und ihren Enkel Daniel Bracker trennen gut 55 Jahre. Sie wurde 1936 geboren, erlebte den Zweiten Weltkrieg, Hunger und Verzicht. Er ist Jahrgang 1992. Seine Jugend verlief unbeschwert, sorgenfrei, ihm stand die Welt offen. Zwei ungleiche Leben, die doch eines vereint: die tiefe Liebe zur Heimat und zum Land.

Die 85 Jahre sieht man ihr nicht an, flotter Kurzhaarschnitt, wacher Blick. Erna-Marie Thode hat gerade ein paar Dahlien gepflanzt. Den großen Garten hinter ihrem Haus hält sie allein in Schuss. Kartoffeln, Möhren, Johannisbeeren – alles, was sie anbaut, landet irgendwann in ihrem Kochtopf. „Das kenne ich nicht anders. Ich komme vom Hof, da haben wir uns immer selbst versorgt“, erzählt sie.

Der Hof, das ist die alte Mühle im Örtchen Groß Wittensee, rund 1200 Einwohner, mitten in Schleswig-Holstein. Hier wächst Erna-Marie Thode mit sieben Geschwistern auf. Alle packen mit an, zur Mühle gehört eine Landwirtschaft mit Schweinen und Kühen. „Wir mussten hart arbeiten, aber es war auch schön. Mit Pferd und Wagen sind wir zum Melken gefahren, haben dabei gesungen oder uns Geschichten erzählt. Wir waren eine Gemeinschaft“, erinnert sich die alte Dame. „So war das auf dem Dorf und das ist heute auch noch so.“

„Stimmt!“, bestätigt Enkel Daniel Bracker, „Man kennt sich, man hilft sich.“ Gerade erst hat sich der 28-Jährige seinen Traum vom eigenen Haus erfüllt. 160 Quadratmeter, freier Blick aufs Feld. Viele haben beim Bau mitgeholfen, ganz selbstverständlich in ihrer Freizeit. Ein Kumpel beim Fliesenlegen, ein anderer beim Tischlern. Auch seine Eltern waren oft vor Ort. Sie wohnen keine 200 Meter entfernt und betreiben einen Ferien-Bauernhof, auf dem Daniel und seine drei Schwestern groß geworden sind.

„Wir waren immer draußen und haben Sachen erledigt. Zäune reparieren, Treckerfahren, Ställe ausmisten. Oder die Nachbarskinder kamen zum Spielen. Es gab Platz ohne Ende, da konnten wir rumlärmen, ohne jemanden zu stören“, erinnert er sich und fügt lachend hinzu: „Wir konnten uns auch prima aus dem Weg gehen, wenn wir uns gestritten hatten.“

Brackers elterlicher Hof steht in einem noch kleineren Ort als die Mühle seiner Großmutter Erna-Marie. Heinkenborstel hat nur 150 Einwohner, es gibt keine Kneipe, keinen Supermarkt, keine Schule. „Sogar in den Kindergarten mussten wir ganz allein 20 Minuten mit dem Bus fahren“, erinnert sich Bracker. „Aber das war okay, wir kannten ja alle die Fahrerin.“

Klar, als er dann mit 16 in die Disco wollte, sei es umständlich gewesen, immer auf den einzigen Nachtbus zu warten. Aber das war halt so. „Zudem sind die Feten hier sowieso besser. Die fangen zwischen 18 Uhr und 20 Uhr an und nicht erst um Mitternacht wie in der Stadt“, erzählt der Elektrotechnikermeister. Und es gebe eine große Auswahl: Bauernparty, Schützen- und Feuerwehrfest. Ideale Kontaktbörsen, heute wie damals.

Schon seine Großmutter hat auf einer solchen Feier ihren Mann kennengelernt. Mitte der 1950er-Jahre ist das, Erna-Marie Thode lebt noch bei den Eltern, muss in der Mühle helfen, auch wenn sie gern Schneiderin oder Friseurin geworden wäre. „Aber mein Vater meinte, dass ich nichts lernen bräuchte. Ich würde sowieso eines Tages heiraten“, erinnert sie sich.

Erna-Marie fügt sich und findet in Klaus, einem Tischler aus dem Nachbarort, ihre große Liebe. Das Paar bleibt in Groß Wittensee, baut ein Häuschen und gründet eine Familie. Als Mutter hält sie die Fäden zusammen, kümmert sich um Haushalt und Kinder, später auch um die Enkelkinder. „Verreist sind wir nie, anfangs hatten wir keine Zeit und später keine Lust“, erzählt die 85-Jährige. „Warum auch? Hier gibt es doch alles.“ Viel Natur, ein Ausflugslokal und die zahlreichen Vereine. „Mein Mann war bei den Schützen, ich im Chor – all unsere Freunde sind hier“, berichtet sie. Enkel Daniel engagiert sich ebenfalls, er ist bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Mit dem Stadtleben hat er es sogar einmal versucht. „Ich habe meiner damaligen Freundin zuliebe zwei Jahre in Kiel gewohnt, aber das war nichts für mich“, erzählt er und schüttelt sich. „Zwei Zimmer, Küche, Bad, alles war so eng. Schaute man aus dem Fenster, sah man gleich auf das nächste Haus. Der Verkehr und die Parkplatzsuche! Mir ist erst da bewusst geworden, wie verwurzelt ich im Dorf bin.“

Inzwischen hat er eine eigene Familie, Töchterchen Luana ist zwei Jahre alt und wächst auf wie ihr Papa. Mit viel Landluft und ausgeprägtem Familiensinn, Besuche bei der Uroma inklusive.

Natürlich habe sich manches im Ort verändert, sagt diese, einige Geschäfte gibt es nicht mehr. Viele ihrer Generation sind verstorben, auch ihr geliebter Mann. Geblieben aber sei dieses „Wir-Gefühl“, das spürt die alte Dame, wenn sie ihre Runde macht. Egal, wer ihr entgegenkommt, Erna-Marie Thode wird gegrüßt, hält mit den meisten ein Pläuschchen. „Man lebt hier ganz lange und es wird auf einen aufgepasst“, sagt sie. „Ist das nicht schön?“

Das Leben direkt vor der Haustür

Hinter Gianna Possehl liegen an diesem Tag bereits mehrere Besprechungen, Videokonferenzen und ein Internet-Absturz. „Unglaublich, dass so etwas in einer Metropole wie Hamburg passieren kann, oder?“, sagt sie und schüttelt lächelnd den Kopf. „Aber zum Glück habe ich nette Nachbarn, die mir mit ihrem Gast-W-Lan ausgeholfen haben. So konnte das Video- Meeting dann doch stattfinden.“

Die Geschäftsführerin einer Coaching- und Consulting-Agentur hat den heutigen Arbeitstag nach Hause verlegt. Dieses Zuhause ist eine geschmackvoll eingerichtete Altbauwohnung mitten im Szeneviertel St. Georg mit seinem Trubel. Die prächtige Alster ist nur einen Steinwurf entfernt, genauso wie der bisweilen schmuddelige Hauptbahnhof. „Ich mag diesen Kontrast und ich mag, wenn das Leben direkt vor meiner Haustür stattfindet“, sagt die 54-Jährige.

Gianna Possehl hat fast immer in der Stadt gelebt. Mit den Jahren wurden ihre Wohnorte kontinuierlich größer: Ratingen, Bonn und seit Anfang der 1990er-Jahre eben Hamburg. Hier gründet sie ihre Agentur. Sie ist ein kreativer Kopf, braucht Impulse und Anregungen. „Ich kann im Trubel sehr gut denken. Wenn ich zum Beispiel morgens aus der U-Bahn steige, die Rolltreppe hochfahre und sehe, wie die Stadt langsam erwacht, wie ihre Betriebsamkeit in Gang kommt, dann inspiriert mich das“, erzählt Possehl. Gut gekleidete Menschen auf dem Weg zur Arbeit, der Verkehr, das Stimmengewirr in den Straßen – wie ein funktionierendes Räderwerk sei das.

Hamburg hat fast schon ein Überangebot an Geschäften, Restaurants und kulturellen Möglichkeiten – sie sucht sich das aus, wonach ihr gerade ist. „Allein kulinarisch sind es ja immer kleine Reisen, die ich unternehme. Ist mir nach Frankreich, gehe ich ins Café Paris. Habe ich Lust auf England oder Vietnam, finde ich auch da etwas Passendes. Es ist die Vielfalt in jeder Hinsicht, die ich so spannend finde“, schwärmt Possehl.

Für die Geschäftsfrau zählt auch die gute Infrastruktur: Flughafen, öffentlicher Nahverkehr im Minuten-Takt – ein Auto hat sie schon lange nicht mehr. „Warum sollte ich?, fragt sie. „Entweder gehe ich zu Fuß, mache Car-Sharing oder nehme die Bahn.“ Als anonym empfindet Possehl das Leben in ihrer Stadt nicht. Dafür sorgen der große Freundeskreis und das gute nachbarschaftliche Miteinander im Viertel. „Kellner, Blumenhändler, Bäcker – man kennt sich, man grüßt sich, man plaudert auch mal“, sagt sie.

Ernsthaft infrage gestellt hat sie die Idee vom Großstadtleben nur einmal. „Das war, als mein Mann und ich planten, hier in Hamburg Eigentum zu kaufen. Unser erster Sohn war da knapp drei Jahre alt“, erinnert sie sich, „Da überlegten wir genau: Zentrum oder Außenbezirk, wo sollen unsere Kinder aufwachsen?“ Das Paar entscheidet sich bewusst für die Innenstadt, die große Auswahl an Kitas, Freizeit- und Bildungsangeboten und Schulen, die fußläufig erreichbar sind. Aber eben auch für die problematischen Seiten einer Metropole: Armut, Drogen, Schmutz, viel Verkehr.

„Natürlich werden die Kids damit konfrontiert, dafür sorgt schon unsere Wohnlage in Bahnhofsnähe. Aber das ist die Realität, das gehört zum Leben dazu“, sagt die Mutter von inzwischen drei Söhnen im Alter von 13, 16 und 19 Jahren. „Uns war wichtig, dass sie nicht in einer Blase heranwachsen, sondern Diversität von klein auf kennen. In der Grundsschulklasse unseres Ältesten gab es beispielsweise 18 Kinder aus 12 Nationen. Da werden unterschiedliche Religionen, Kulturen oder ein anderes Aussehen als so selbstverständlich mitgenommen, dass ich fast behaupten würde, unsere Kinder sind hautfarbenblind.“

Allerdings hätten alle drei eine kurze Phase gehabt, in der sie die Freunde beneideten, die draußen in Neubausiedlungen wohnten. Aber das sei lange her, erzählt die Mutter: „Heute bekommt die nichts mehr raus aus der City, das sind richtige Stadtpflanzen.“

Denn auch das Dorf hat seinen Adel und seine Plebejer und hält auf strenge Etikette.

HEINRICH FEDERER, SCHWEIZER SCHRIFTSTELLER (1866–1928}