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STADTBUMMEL


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Kanu Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 60/2022 vom 07.10.2022

AMSTERDAM

Artikelbild für den Artikel "STADTBUMMEL" aus der Ausgabe 60/2022 von Kanu Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kanu Magazin, Ausgabe 60/2022

DIE GRACHTEN ROUTE

Es ist erstaunlich, wie selten man in den Kanälen von Amsterdam Paddlern begegnet. Man sieht Boote in jeder Form und Größe, aber kaum Kajaks oder Canadier. Obwohl die Wendigkeit von Paddelbooten geradezu ideal ist zwischen all den Rundfahrtschiffen, Kähnen mit Bier trinkenden Studenten, fahrenden Holzschuhen und was auch immer die Grachten dieser Stadt sonst so alles bevölkert.

Trotzdem überwiegt ein Gefühl der Ruhe. Der Lärm und Stress der Stadt tobt zwei Meter über dem Wasser, zwischen den Autos und Radfahrern. Vor allem ist Kajakfahren durch Amsterdam aber ein visuelles Vergnügen. Von der niedrigen Position aus betrachtet, bestimmen die Kais, das Wasser, die Hausboote und die stattlichen Grachtenhäuser das Bild – und nicht die geparkten Autos, die Verkehrszeichen und die Touristen. Vom Kajak aus gesehen ist Amsterdam nach Venedig die schönste Wasserstadt Europas. ...

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Wir haben die gesamte Stadt erkundet und schließlich drei Kajaktouren ausgewählt: die Grachtenroute, die Zentrumsroute und die Architekturroute. Alle drei beginnen beim Campingplatz Zeeburg, wo man auch Kajaks mieten kann. Für Paddler, die mit ihrem eigenen Kajak ankommen, bieten wir in den Reiseinfos (siehe Seite 19) eine Einstiegsstelle näher am Zentrum. Dort finden Sie auch einen Link zu einer detaillierten Routenkarte.

Bei Grachtenroute und Zentrumsroute paddeln wir bis zur Werft ‘t Kromhout die gleiche Strecke. ‘t Kromhout ist die letzte noch funktionierende Stadtwerft von Amsterdam, gleichzeitig ein Museum, und die Umgebung atmet bis heute die chaotische Atmosphäre von damals. Zu diesem Durcheinander passt auch der Garten etwas weiter: eine Fülle von blühenden Kräutern, einige Bäume, eine Holzlaube. Etwas stimmt jedoch nicht, und als wir längsseits kommen, finden wir heraus was: Der Garten schwimmt. Dies ist Yland, von Arie Taal. Styropor, eingewickelt in Segeltuch und mit Netzen umwickelt, bildet das Fundament einer dicken Erdschicht. Eine grüne Oase, inspiriert von den Arbeiten des Hippie-Künstlers Robert Jasper Grootveld. Seit den 70er Jahren baut er schwimmende Gärten in Amsterdam, von denen es immer noch einige gibt.

Auch das ist typisch Amsterdam: Neben dem kulturhistorischen Element, neben den schönen Kanälen, den robusten Kirchtürmen, neben der Stadt Rembrandts, gibt es immer auch die moderne Stadt, meist etwas schräg und verrückt. In Amsterdam muss man oft lächeln – und das nicht nur, wenn man stoned einen Coffeeshop hinaus watschelt.

Als wir entlang der Werft ‘t Kromhout auf eine alte Gebäudegruppe zusteuern, werden wir von Giraffen beobachtet. Bin ich denn tatsächlich stoned? Unter ihren langen Wimpern schauen sie uns neugierig an, während ihre Hälse über die Dächer steigen. Das ist Artis, der Zoo von Amsterdam!

Schließlich paddeln wir in die Nieuwe Prinsengracht, die erste echte Gracht der Grachtenroute. Sie führt auf die Amstel zu, den Fluss, der Amsterdam seinen Namen gegeben hat. Plötzlich haben wir Platz und werden von einer gewissen Grandeur umgeben. In Amsterdam denkt man nicht sofort an Größe und Pracht, anders als beispielsweise in Paris – vor allem, weil dafür kein Platz ist. Aber hier am Fluss, zwischen dem Königlichen Theater Carré, den immer geöffneten Amstelschleusen mit ihren schönen, hölzernen Spillen und der von Seinebrücken inspirierten Hogesluis-Brücke, ist Platz genug. Wir legen an der Frühstücksterrasse des Grand Hotel Amstel an, nisten uns ein zwischen die VIPS und bestellen von einem Kellner im Frack einen wohlverdienten Cappuccino. Danach verlassen wir den Fluss über die Herengracht und steuern dann in die Reguliersgracht, den Kanal mit den meisten Brücken hintereinander und ein vielfotografiertes Motiv. Hier ist es sehr belebt, und wir müssen aufpassen. Von links oder rechts können Rundfahrtschiffe unter Brücken herkommen, und sie haben immer Vorrang.

Der hintere Teil der Gracht ist unverhofft ruhig und von fast dörflicher Schönheit. Von der Lijnbaansgracht aus sehen wir die zwei Türme des Rijksmuseums auftauchen. Es hat die einzigartige Signatur von Pierre Cuypers, der auch den Hauptbahnhof entworfen hat. Die Architektur von 1876 ist historisierend, aber man kann sie nicht unter irgendeinen Neo-Stil klassifizieren. Es folgt eine architektonisch weniger interessante Strecke, aber umso mehr Spaß haben wir beim Menschen-Beobachten, eine wunderbare Aktivität in Amsterdam. Jenseits des Jugendstil-Hotels American – die Veranda ist ein beliebter Treffpunkt der Amsterdamer – überqueren wir alle Hauptgrachten, um über den mittelalterlichen Festungsgraben Singel die Brouwersgracht zu erreichen.

Hier erlebt man Amsterdam als Kajakfahrer von seiner schönsten Seite. Wir paddeln zwischen alten Lagerhäusern und historischen Hausbooten. Die Kreuzungen mit der Herengracht und der Keizersgracht bilden Flanierplätze, auf denen sich Amsterdamer und Touristen mischen, den warmen Nachmittag genießen und die Beine über den Kai baumeln lassen.

Auch uns steht der Sinn nach einer Pause. Und einem kühlen Bierchen. Wir paddeln in die Prinsengracht hinein, wo es von gemütlichen Kneipen wimmelt. Aber die Kais sind zu hoch, um aus dem Kajak zu kommen. Was nicht heißt, dass wir verdursten, denn auf der vielleicht stimmungsvollsten Terrasse am Wasser (der vom Restaurant »Spanjer en Van Twist« in der Leliegracht) schmeißt eine Gruppe großzügiger Engländer eine Runde und reicht auch uns ein schäumendes Bier.

DIE ZENTRUMS ROUTE

Bis zur Werft Kromhout paddeln wir die gleiche Strecke wie gestern. Wir zwinkern den Giraffen zu, biegen aber vor dem Zoo rechts ab. Durch die schwimmenden Gewächshäuser des Blumenmarktes und einen langen, beleuchteten Wassertunnel unter dem schönen Munttoren erreichen wir schließlich das alte Zentrum. Damit meine ich Amsterdam aus der Zeit vor dem Bau des Grachtengürtels. Beim Hotel »De L’Europe« mit seiner berühmten, verglasten Terrasse am Wasser atmet es aber zuerst noch die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts. Und weiter, zwischen Rokin und Oude Turfmarkt, pulsiert sogar kurz das Herz einer modernen Großstadt mit Menschenmassen, Werbetafeln, Straßenbahnen und zahlreichen Booten auf dem Wasser.

Genau dort, vorbei am mexikanischen Restaurant »La Margarita«, müssen wir die gefährlichste Passage von Amsterdam passieren: lang und zu schmal, um neben ein größeres Boot zu passen. Niemand erwartet hier ein kleines, langsames Kajak, also liegt es an uns, aufzupassen. Die einzig empfehlenswerte Möglichkeit ist es, mit ordentlich Schmackes direkt hinter einem größeren Kahn her zu paddeln.

Die Belohnung lohnt jedoch den kurzen Nervenkitzel: Wir paddeln in eine der malerischsten Gegenden von Amsterdam hinein. Ein Einbahn-Verkehrsschild zwingt uns in den Oudezijds Voorburgwal. Genau da wollen wir hin, denn so fahren wir direkt auf die Kuppel der Nicolaaskerk zu, während auf der linken Seite die älteste Kirche Amsterdams vorbeigleitet, die schlicht Oude Kerk genannt wird.

Der älteste Kern ist bei vielen Großstädten nicht nur malerisch, sondern auch ruhiger als die umliegenden Stadtteile. Nicht so in Amsterdam. Dieser wunderschöne Teil der Stadt beherbergt nämlich das Rotlichtviertel. Wenn Sie am Ende rechts abbiegen, in den Oudezijds Achterburgwal hinein, erreichen Sie das Herzstück. Am Morgen ist es noch ruhig, also kehren wir am Abend zurück für das richtige Ambiente. Obwohl wir Amsterdamer sind, bleibt die Szene unglaublich. Und vom Kajak aus gesehen ist alles noch surrealer. Entlang der Gracht ist es hektischer als der Samstagnachmittag in der belebtesten Einkaufsstraße von Amsterdam. Chinesen bummeln in Gruppen entlang der teilweise entblößten Damen in den Schaufenstern, kichernd und Selfies machend. Junge Touristen, die zu lange im Coffeeshop verweilt haben, sitzen auf dem Kai, ihre Beine baumelnd über unseren Kajaks, und starren uns an, als würden sie eine drei Meter lange Banane vorbei gleiten sehen. Eine amerikanische Familie mit Teenietochter steht verdattert da. Wenn Blicke eine komplette Stadt vor dem Jüngsten Gericht anklagen könnten, dann wäre Amsterdam schon lange zugrunde gegangen wie Sodom und Gomorrha. In diesem Irrenhaus sind Kajaks natürlich ein seltsames Phänomen, aber niemand kümmert sich um uns. Außer einem der Mädchen hinter dem Glas: Von ihr bekommen wir einen heiteren Thumbs Up!

Am Morgen jedoch sind die Walletjes, wie das Rotlichtviertel genannt wird, ruhig und angenehm zum paddeln. Wir verlassen es schließlich durch die gleiche Engstelle wie wir kamen, mit der gleichen Taktik: direkt hinter einem Rundfahrtschiff. Alles andere ist Russisches Roulette. 

Zurück beim Hotel »De L’Europe« paddeln wir in den Kloveniersburgwal. Hier entfaltet die Stadt erneut ihre ganze Schönheit, teilweise wegen der Aussicht auf die Waag, das älteste weltliche Bauwerk Amsterdams. Es sieht aus wie eine Burg, ist aber aus dem Stadttor hervorgegangen, dem Zugang zum ältesten, mittelalterlichen Stadtteil. Von hier geht es in den ersten Kanal rechts hinein, die Raamgracht, wo der plötzliche Durchblick nach links auf den robusten Turm der Zuiderkerk überrascht. Nochmal rechts abbiegen, in die Groenburgwal hinein, dann umdrehen, dann gerade auf den Koloss zu. Wenn dann gerade das Glockenspiel anfängt (zur vollen Stunde), ist die Stimmung perfekt. Wir paddeln weiter durch die Sint Antoniesluis. Aber erst nach einem Bier im »Café De Sluyswacht«, das im ehemaligen Schleusenhaus untergebracht ist. In Amsterdam stehen Schleusentore immer offen, weil heutzutage der Wasserstand weit außerhalb der Stadt reguliert wird. Vor uns liegt das breite Wasser der Oude Schans mit dem Montelbaanstoren-Turm, wie aus einer Federzeichnung von Rembrandt. Wir fahren links in die Snoekjesgracht. Die Ruhe erstaunt uns, so nahe an der Hektik der Walletjes. Die zweite Überraschung ist die breite Waaleilandsgracht, vom Kajak aus gesehen ein Ruysdael-Gemälde aus dem 17. Jahrhundert. Die monumentale Brücke fügt sich perfekt in die Architektur ein, obwohl sie viel jünger ist: eine Vorläuferin der Amsterdamse School, des niederländischen Backstein-Expressionismus. Die Gracht bringt uns direkt zum Montelbaanstoren. Er hatte einst den Spitznamen Malle Jaap (Dummer Jaap), weil die Glocken ab und an spontan zu spielen begannen. Dies war auf eine Reihe von Senkungen im 17. Jahrhundert zurückzuführen, denn der Turm ruhte nur auf Plaggen.

DIE ARCHITEKTUR ROUTE

Auf dieser Route besticht in erster Linie die moderne Architektur des für Wohnzwecke sanierten Hafengebiets, gleich im Osten und Norden des Zentrums. Vom Amsterdam-Rijnkanaal paddeln wir dorthin und treffen bald auf eine spektakuläre Sehenswürdigkeit: eine metallene Konstruktion, leuchtend rot, die wie ein Teil einer Achterbahn über das Hafenbecken schwingt. Es ist die Pythonbrug, eine Fußgänger- und Fahrradbrücke, die zwei Hafeninseln verbindet. Wir legen an und steigen über Holztreppen zum höchsten Punkt der Brücke, um auf das ehemalige östliche Hafengebiet von Amsterdam zu blicken, in dem einst Erz- und Kohleberge auf den Kais lagerten und große Reedereien ihre Schiffe in die ganze Welt schickten. Nach dem Niedergang des Hafens wurde er in den 1980er Jahren von Hausbesetzern, Stadtnomaden und Künstlern übernommen. Teilweise aufgrund ihrer Mitsprache wurde das später entstandene Wohngebiet zu einer architektonischen Besonderheit. Zum Beispiel De Walvis, der wohl bemerkenswerteste Wohnblock der Gegend. Mit seiner silbergrauen Farbe und V-förmigen Dachlinie ähnelt er einem kolossalen Walschwanz, der über den Kais auftaucht.

An einer Stelle, an der wir für eine kurze Pause andocken, steht ein lustiges Kunstwerk mit dem Titel »Fragment eines Wohnzimmers«. Zwei nackte Gestalten stehen mit ausgestreckten Armen auf ihrem Esstisch, als wollten sie den Betrachter warnen: »Das hier ist kein langweiliges Spießerviertel!«

Wir steigen wieder in unsere Kajaks und paddeln in das nächste Hafenbecken, den Ertshaven, der im Norden von der KNSM-Insel begrenzt wird. Statt die Ozeandampfer, die uns hier vor 50 Jahren umgeben hätten, werden wir von einer Schulklasse begrüßt, die mit kleinen Booten segeln lernt. Hinter uns erhebt sich das riesige Wohngebäude Piraeus, benannt nach dem griechischen Hafen, der einst ein Ziel der KNSM-Reederei war. Am Kai steht noch das alte Anmusterbüro der Reederei, dessen Hausbesetzer sich weigerten zu gehen, als es abgerissen werden musste. Der deutsche Architekt Hans Kollhoff wurde beauftragt, den neuen Wohnblock dann eben als eine Art Origami-Kunstwerk um das alte Büro zu falten. »Nie im Leben!«, soll er ausgerufen haben, aber am Ende ist es zu einem seiner Meisterwerke und zum Blickfang der Nachbarschaft geworden. Unter einer Brücke fahren wir in den IJhaven, wo wir das monumentale Lloyd Hotel mit seiner Neorenaissance-Fassade entdecken. Hier warteten einst osteuropäische Auswanderer auf ihren Transit in die Neue Welt. Heute ist es ein von Künstlern dekoriertes Hotel. Man kann ein Zimmer mit einem Konzertflügel buchen, mit einem ausklappbaren Badezimmer oder mit einem Acht-Personen-Bett.

Das rechte Ufer wird von der Java-Insel gebildet, die von vier Kanälen durchzogen wird. Hier wurden postmoderne Grachtenhäuser gebaut, die dank ihrer Verspieltheit immer noch die Atmosphäre des alten Amsterdam atmen. In diesen Kanälen gleiten wir unter »Wortbrücken« hindurch, verspielten Fußgänger- und Fahrradverbindungen, die jeweils ein Wort in einem speziell entworfenen Alphabet darstellen. Wir erreichen das IJ, die maritime Hauptverkehrsader von Amsterdam, und starren fasziniert auf den dunkelgrauen Turm von A‘dam Lookout, der vor uns auftaucht. Was bewegt sich da, rhythmisch am Dachrand? Zwei Schaukeln! Bei »Over The Edge« kann man mit 100 Meter Leere unter den Schuhen über dem IJ schwingen. Das Schiffshorn der Fähre, die das Zentrum von Amsterdam mit Noord verbindet, reißt uns aus der Faszination – dies ist keine Stelle zum Stillliegen! Entlang des schneeweißen Eye-Filmmuseums, das wie ein gestrandetes Raumschiff am Kai balanciert, paddeln wir zur ehemaligen NDSM-Werft. Nach ihrer Schließung 1984 wurde auch dieses Gebiet ein Refugium für Künstler – und einer von Amsterdams hipsten Orten. Im Restaurant »De Pllek«, gebaut aus Seecontainern, genießen wir das Bio-Mittagsmenü. Wir könnten auch Yoga-Stunden am Strand daneben buchen. Oder die Nacht in einem der drei Designzimmer am oberen Ende des kolossalen Werftkrans am Kai verbringen, im Kranhotel »Faralda«. In den riesigen Hangars dahinter werden keine Schiffe mehr gebaut. Sie sind heute ein Tummelplatz für Künstler und Start-ups. An einer der Backsteinfassaden malte der brasilianische Straßenkünstler Edoardo Kobra ein großes Portrait von Anne Frank. »Let me be myself« steht darüber, ein passendes Motto für diesen Ort.

Es ist Zeit, die Kajaks zum Vermieter zurückzubringen. Wir paddeln zurück über das Südufer des IJ, biegen rechts in den Oosterdok vor das geradlinige Muziekgebouw aan‘t IJ. Dort erhebt sich die kupfergrüne Fassade des NEMO Science Museum aus den Wellen, die bewusst wie der Bug eines Öltankers aussieht.

Ein letztes Mal legen wir an und steigen auf das öffentliche Dach des Museums. Nach all den modernen architektonischen Überraschungen blicken wir nun wieder auf das historische Amsterdam: robuste Kirchtürme, Grachtenhäuser, alte Lastkähne. Seit vielen Jahren lebe ich in Amsterdam. Ich dachte, ich kenne die Stadt. Aber drei Tage Kajakfahren haben meine Sicht auf sie völlig verändert. Es fühlt sich an, als hätte ich mich nach Jahren der Freundschaft in meine beste Freundin verliebt.

INFO AMSTERDAM

Kajakverleih: Camping Zeeburg: Zuider IJdijk 20, 1095 KN Amsterdam. Tel.: +31-(0)20-6 94 44 30, E-Mail: info@ , campingzeeburg. de/anlagen/kajakverleih. Leider gibt es keine direkte Wasserverbindung zwischen der Stelle, an dem die Kajaks auf dem Campingplatz lagern, und dem Amsterdam-Rijnkanal. Sie müssen 250 Meter zum Kanal portiert werden, wo es eine kleine Einbuchtung gibt, die als Einstiegsstelle benutzt werden kann. Vorsicht vor dem Schiffsverkehr!

Am Ufer der Amstel gibt es einen zweiten Kajakverleih: Kayak & SUP Amsterdam (). Wir bevorzugen Camping Zeeburg, nicht nur weil die Preise niedriger sind, sondern auch, weil Sie in ruhigeren Gewässern starten, bevor Sie das belebte Stadtzentrum erreichen. Der Nachteil von Camping Zeeburg ist, wie gesagt, die etwas mühsame Portierung der ersten 250 Meter.

Mit dem eigenen Kajak:

Es gibt nur wenige gute Einstiegsstellen in Amsterdam. Hier zwei Möglichkeiten:

· im Park Somerlust. Parken in der Amstelvlietstraat (Tageskarte kostet 14,40 Euro).

· in der Borneokade. Parken auf der Borneokade (Tageskarte 18,-Euro).

Karte:

PAUL SMIT & MICK PALARCZYK