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Stark gegen Allergien


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 09.01.2019

„Martha“ heißt die große Hoffnung für Millionen von Kindern: eine Studie, in der es um eine neu entwickelte Milch geht. Und um die Frage: Kann diese Milch vor Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen schützen?


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Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 2/2019

Alles gut, Kleiner? Eltern können eine Menge tun, um das Allergie- Risiko ihres Kindes zu senken


NEUES aus der Forschung

Kuhmilch, Katzenhaare, Pollen: Es sind ja meist ganz harmlose Dinge, die den Körper von Allergikern herausfordern und dafür sorgen, dass es im Darm rumort oder im Hals kribbelt. Dass die Nase läuft und die Augen tränen. Dass die Haut juckt oder das Atmen schwerfällt. Warum an sich ...

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Kuhmilch, Katzenhaare, Pollen: Es sind ja meist ganz harmlose Dinge, die den Körper von Allergikern herausfordern und dafür sorgen, dass es im Darm rumort oder im Hals kribbelt. Dass die Nase läuft und die Augen tränen. Dass die Haut juckt oder das Atmen schwerfällt. Warum an sich harmlose Stoffe den Körper krank machen? Weil das Immunsystem verrückt spielt. Normalerweise können Abwehrkräfte gut zwischen schädlichen und ungefährlichen Eindringlingen unterscheiden. Während sie Krankheitserreger rigoros bekämpfen müssen, damit wir gesund bleiben, sollten sie ungefährliche Stoffe ignorieren. Macht unsere Körperpolizei Fehler bei der Entscheidung zwischen Gut oder Böse und greift eigentlich Unbedenkliches an, statt es zu tolerieren, entstehen Allergien.
Eine Ausnahme sind allergische Erkrankungen schon lange nicht mehr. Etwa jedes dritte Kind entwickelt im Laufe seines Lebens eine Allergie. Nach Angaben des Netzwerks „Gesund ins Leben“ zeigt etwa jedes zehnte Baby bis zum ersten Geburtstag Anzeichen einer Neurodermitis. Ein Drittel der Kinder mit mittelschwerem bis schwerem Hautekzem ist gleichzeitig von einer Lebensmittelallergie betroffen. Dabei spielen vor allem Hühnerei, Kuhmilch und Weizen eine Rolle. Die gute Nachricht:

Jedes6. Kind ist aktuell in seinem Alltag eingeschränkt, weil es an Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis leidet.

QUELLE: STUDIE ZUR GESUNDHEIT VON KINDERN UND JUGENDLICHEN IN DEUTSCHLAND (KIGGS)

Bei vielen Mädchen und Jungen verschwinden die Ekzeme genauso wieder wie die Überreaktion auf bestimmtes Essen. Leider sind Neurodermitis und Lebensmittelallergien aber auch häufig Vorboten für Asthma und Heuschnupfen – Erkrankungen, die sich oft erst im Kindergarten- und Grundschulalter zeigen.
Ob ein kleiner Mensch das Potenzial zum Allergiker hat, ist oft eine Frage der Veranlagung: Reagiert Mama, Papa oder ein Geschwisterkind auf Hausstaub bzw. Nüsse allergisch, liegt die Wahrscheinlichkeit zwischen 20 und 40 Prozent, dass auch das Baby später eine Allergie entwickelt. Leiden beide Elternteile unter der gleichen Allergie, steigt das Allergie-Risiko für den Nachwuchs auf bis zu 80 Prozent. Es sind aber nicht allein die Gene ausschlaggebend, auch Kinder aus Nicht-Allergiker-Familien können Asthma & Co. bekommen.
„Bei der Entstehung von Allergien spielen Umwelteinflüsse und die Art, wie wir leben, eine wichtige Rolle. Ein Beispiel: Wer raucht, verdoppelt das Allergie-Risiko seines Kindes“, weiß Prof. Dr. Christian Vogelberg, Kinderlungenarzt und Allergologe vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Schwangeren und jungen Eltern rät er deshalb dringend: „Hören Sie bitte auf zu rauchen!“

Das Immunsystem ist offenbar unterfordert

In den vergangenen Jahren ist die Allergieforschung einen großen Schritt weitergekommen. Wissenschaftler haben eine plausible Erklärung dafür gefunden, warum die Abwehrkräfte im Körper Fehler machen: „Das Problem ist offenbar, dass das Immunsystem unterfordert ist, weil es mit zu wenig wirklichen Krankheitserregern konfrontiert wird“, erklärt Professor Vogelberg. Aus mehreren Studien weiß man inzwischen: Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, haben deutlich seltener Asthma und andere Allergien. Die Forscher führen das auf zwei Faktoren zurück: Im Stall gibt es Einstreu, Tiere, Schmutz und damit jede Menge Mikroben (also Bakterien, Viren und Pilze), die das Immunsystem trainieren und beschäftigen. Und: Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, trinken frische Milch von der Kuh, direkt aus dem Stall.

Hoffen auf „Martha-Milch“ und „Dreckspritze“

Für eine neue Studie, die von München und Regensburg aus koordiniert wird, haben Forscher jetzt eine Milch entwickelt, die fast so naturbelassen ist wie die Milch aus dem Euter der Kuh: Sie enthält Eiweiße, Fette und Abwehrstoffe wie Rohmilch, aber keine krank machenden Keime. Diese besonders schonend verarbeitete Milch bekommen Babys, die an der 2018 gestarteten Martha- Studie teilnehmen, täglich bis zum dritten Geburtstag – ab dem Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr voll gestillt werden. Zunächst gibt‘s die Milch der Martha-Studie als Zutat im Milch-Getreidebrei (also frühestens nach dem sechsten Monat) oder aus dem Fläschchen, nach dem ersten Geburtstag auch im Glas als Getränk. Die Babys aus der Vergleichsgruppe essen beziehungsweise trinken später eine herkömmliche pasteurisierte Vollmilch. Weder die teilnehmenden Familien noch die Wissenschaftler wissen, welches Kind welche Milch trinkt. Das Geheimnis wird erst gelüftet, wenn die Kinder fünf Jahre alt sind. Dann werden die Ärzte überprüfen, wer weniger Allergien entwickelt hat.
Für Prof. Vogelberg steckt die Hoffnung nicht allein in einem Glas Milch. Einen Schutz vor Allergien verspricht er sich zusätzlich von einer Art „Dreckspritze“ für Neugeborene. An der Zusammensetzung eines möglichen Bakteriencocktails forschen derzeit Wissenschaftler aus Bochum. Grundlage für die Rezeptur sind Mikroben aus dem Kuhstall. Der große Vorteil einer Spritze liegt für den Dresdner Allergologen darin, dass sie direkt nach der Geburt wie eine Impfung verabreicht werden könnte. „Für die Prägung des Immunsystems sind die ersten Lebenswochen und -monate von großer Bedeutung. Je früher wir eingreifen, desto Erfolg versprechender sollte die Maßnahme sein“, erklärt er.

Ob mithilfe der „Dreckspritze“ oder eines Glases der besonderen Roh-Milch: Bis Forscher einen sicheren Weg gefunden haben, um den Bauernhof-Effekt in die Stadt zu bringen, wird es noch Jahre dauern. Aber auch wenn noch ein paar entscheidende Puzzleteile zum Schutz vor Allergien fehlen, können Eltern das Risiko ihres Kindes reduzieren – ganz wesentlich durch die Ernährung. So machen Eltern ihr Kind Schritt für Schritt stark gegen Allergien:

In der Schwangerschaft: ausgewogen essen

Für zwei denken, nicht für zwei essen. Tatsächlich brauchen Schwangere gar nicht so viel mehr Kalorien. Was dagegen steigt, ist der Bedarf an bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen: Folsäure nehmen werdende Mütter am besten schon vor der Schwangerschaft, Jod (ebenfalls in Tablettenform) ist wichtig für die geistige und körperliche Entwicklung des Babys. Eisen bekommen Schwangere nach Bedarf verschrieben. Vor allem aber ist es jetzt entscheidend, sich ausgewogen und nährstoffreich zu ernähren. Lieber Gemüse, Salat und Obst statt Sahnetorte essen, Fast Food durch frisch zubereitete Mahlzeiten ersetzen und Nüsse snacken statt Chips – das lenkt die Entwicklung des kindlichen Immunsystems aufs richtige Gleis.
Ganz bewusst sollten Schwangere (und Stillende) fettreichen Meeresfisch wie Hering, Lachs oder Makrele auf ihren Speiseplan setzen, mindestens ein- bis zweimal pro Woche. Studien zeigen, dass Mütter damit das Asthma-Risiko beim Nachwuchs halbieren. Wie der positive Effekt zu erklären ist? „Im Fisch sind besondere Omega-3-Fettsäuren, die in pflanzlicher Nahrung nicht enthalten sind“, sagt Ökotrophologin Edith Gätjen. „Weil der Körper diese Fettsäuren nur in kleinen Mengen selbst aufbauen kann, ist Fisch eine gute Quelle, um den Mehrbedarf in der Schwangerschaft zu decken.“ Werdenden Müttern, die keinen Fisch mögen, empfiehlt die Präsidentin des Verbands für Unabhängige Gesundheitsberatung zum Beispiel Leinöl, das mit Docosahexaensäure (DHA) angereichert ist.

Nach der Geburt: die richtige Milch

Wünschenswert ist eine natürliche Entbindung, weil der kleine Mensch so die Keime aus dem mütterlichen Geburtskanal mitnehmen kann, die wichtig sind für die erste Besiedelung des Darms; anschließend sollten Mütter nach Möglichkeit vier Monate lang ausschließlich stillen. Was Muttermilch so wertvoll macht? Der perfekt auf die Bedürfnisse des Säuglings abgestimmte Nährstoffmix: Die besonders hochwertigen Eiweiße rufen nur selten Allergien hervor, außerdem stecken in Muttermilch viele gute Bakterien und Antikörper. Sie siedeln sich auf der Oberfläche von Babys Darm an, einem wichtigen Teil des Immunsystems, und bilden dort eine Art Schutzbarriere. „Gerade das Kolostrum, die Vormilch, enthält jede Menge Immunglobuline. Diese Antikörper sind wichtig für den Aufbau einer gesunden Darmflora und eines starken Immunsystems“, betont Edith Gätjen.
Wenn Frauen nicht oder nur zum Teil stillen und Allergien in der Familie bekannt sind, empfehlen Experten eine hypoallergene Milch. Solche HA-Nahrungen versorgen Babys wie jede industriell hergestellte Säuglingsmilch mit allen wichtigen Nährstoffen, unterscheiden sich aber in einem wichtigen Punkt: Das enthaltene Milcheiweiß ist in kleine Bruchstücke gespalten, weshalb das Immunsystem die Eiweißbausteine als weniger fremd empfindet. Die Langzeitstudie GINI hat gezeigt: Bekommen allergisch veranlagte Kinder bis zum Start der Beikost ausschließlich HA-Nahrung, wirkt das ähnlich gut vorbeugend wie Muttermilch. Für Babys ohne Allergie-Risiko empfehlen Experten eine gewöhnliche Pre-Milch. Sie ist der Muttermilch am ähnlichsten. Die 1-Nahrung entspricht vom Nährwert her der Pre-Milch, enthält aber zusätzlich Stärke. Das macht sie einerseits sämiger, andererseits etwas schwerer verdaulich.

Unsere Experten

Prof. Dr. Christian Vogelberg ist Leiter der Kinderpneumologie und Allergologie am Universitätsklinikum Dresden sowie Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin

Edith Gätjen arbeitet als Ökotrophologin in Köln und ist Präsidentin des Verbands für Unabhängige Gesundheitsberatung. Sie hat zahlreiche Bücher zum Thema Ernährung veröffentlicht

Es gibt Hinweise, dass Säuglingsmilch, der Pro- und Prebiotika zugesetzt sind, das Al lergie-Risko reduzieren kann – wissenschaftlich erwiesen ist das noch nicht. „Hier ist man noch intensiv am Forschen“, sagt Professor Vogelberg. Zeigt das Kind Anzeichen einer Milcheiweiß-Allergie (z. B. Blut im Stuhl), braucht es eine Spezialnahrung. Der Kinderarzt stellt ein Rezept dafür aus. Spezialnahrungen gibt‘s in der Apotheke.

Beikost: Vielfalt zur rechten Zeit

Wenn das Baby dann Brei isst, bekommt der Darm deutlich mehr zu tun. Auf diese Aufgabe hat er sich in den ersten Monaten gut vorbereitet. Jetzt ist vor allem wichtig, dass er sich dieser Herausforderung auch stellen darf – am besten in Begleitung von Muttermilch. Mit dem ersten Brei starten Eltern deshalb idealerweise zwischen dem 5. und 7. Monat. „In dieser Phase öffnet sich ein Fenster. Wird das Immunsystem jetzt mit potenziellen Allergenen aus der Nahrung konfrontiert, stehen die Chancen sehr gut, dass der Körper sie toleriert“, erklärt Prof. Vogelberg. Auf eventuell allergieaus lösende Nahrungsmittel zu verzichten, wie man das früher empfohlen hat, ist unnötig, davon sind die Wissenschaftler heute überzeugt. Im Gegenteil: Eine möglichst große Vielfalt im Breiteller macht den Körper toleranter und senkt damit das Allergie-Risiko.
Auch wenn manche Kinder zu diesem Zeitpunkt noch nicht unbedingt löffeln wollen: „Lutschen tun sie alle“, weiß Edith Gätjen. Der Rat der Ernährungsexpertin ist deshalb: die Kleinen ab dem 5. Monat an allem schlecken lassen, was sie in die Finger kriegen – an Brot, Gemüse, Obst, einem Stückchen Breze ebenso wie an gedünstetem Fisch oder am Milchschaum von Mamas Cappuccino. Denn so wächst der Spaß am Essen – und das Immuns ystem der Kinder bekommt ordentlich was zu tun.

Und jetzt raus mit dir!
Je mehr das Immunsystem zu tun hat, desto stärker wird es und desto leichter kann es zwischen Gut und Böse unterscheiden


Allergie-Risiko: Dos & Don’ts

Damit reduzieren Eltern das Allergie-Risiko ihres Kindes

+ spontane Geburt
+ Stillen
+ HA-Nahrung für Kinder mit familiärer Allergieneigung, die nicht oder nicht voll gestillt werden
+ fetter Seefisch in Schwangerschaft und Stillzeit sowie in Babys Brei
+ mit Beikost zwischen dem 5. und 7. Monat starten
+ ausgewogene Ernährung mit vielen frischen und unterschiedlichen Lebensmitteln
+ Impfungen nach dem Impfkalender des Robert Koch-Instituts

Damit steigt das Allergie-Risiko

- Rauchen (aktiv und passiv)
- Übergewicht beim Baby
- Wunschkaiserschnitt
- Schimmel in der Wohnung
- Autoabgase
- jetzt ein Haustier anschaffen (aber natürlich müssen Sie Ihre Katze nicht vor die Tür setzen)
- vorbeugender Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel
- Kinderzimmer unmittelbar vor oder nach der Geburt renovieren

Sprechstunde

Sie haben Fragen zur Ernährung Ihres Kindes? Oder zur Schwangerschaft und Stillzeit? Dann rufen Sie unsere Expertin an, die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Annett Hilbig.
Sie erreichen sie am 24. Januar 2019, 10 — 12 Uhr
Tel. 08 21/45 54 81-52


FOTOS: ISTOCKPHOTO.COM (2), PRIVAT, UNIKLINIKUM/THOMAS ALBRECHT