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Starke KNOCHEN, gesunde GELENKE


Hörzu Gesundheit - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 13.09.2019
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Bildquelle: Hörzu Gesundheit, Ausgabe 3/2019

ABNUTZUNG

Wenn es im Knie schmerzt, ist der Grund oft ein Gelenkverschleiß

Fünf Millionen Deutsche leiden an Gelenkverschleiß, 800.000 an Gelenkentzündungen. Oft ist nicht etwa eine starke Beanspruchung schuld – sondernviel zu wenig Bewegung


Marie Neubauer ist seit ihrer Jugend übergewichtig. Mehr als 115 Kilo bringt sie auf die Waage, und das bei einer Körpergröße von 174 Zentimetern. Morgens fährt die 49-Jährige mit dem Wagen zur Arbeit; am Wochenende macht sie es sich gern auf dem Sofa gemütlich. „Spazierengehen ist nicht so mein Ding, und mit Sport habe ich nichts am Hut“, gibt die Zahntechnikerin ...

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... unumwunden zu. Sie hat sich extra eine Erdgeschosswohnung gesucht: „Beim Treppensteigen taten mir immer die Knie weh!“ Seit einiger Zeit lassen sie die Schmerzen in den Gelenken nicht mehr gut schlafen. Als die Hamburgerin deshalb einen Orthopäden aufsucht, überrascht sie die Diagnose: Arthrose – Gelenkverschleiß. „Wie kommt es dazu? Ich habe meine Knie doch nie zu stark beansprucht!“

Dr. Henning C. Vollbrecht

Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie ist Sportmediziner und Mannschaftsarzt HSV Eishockeymit eigener Praxis in Hamburg. Er hat sich auf die konservative Therapie der Arthrose spezialisiert

Es kann jedes Gelenk treffen

Eine Arthrose ist eine chronische, fortschreitende Gelenkerkrankung, von der jedes Gelenk betroffen sein kann – nicht nur der Knorpel, sondern auch die Gelenkkapsel, die Gelenkflüssigkeit, die Bänder und der unter dem Knorpel liegende Knochen. In erster Linie trifft es aber die Hüfte, Knie und Schultern. Werden die Gelenke zu stark (z. B. durch Übergewicht) oder durch angeborene Fehlstellungen falsch belastet oder durch einen Unfall verletzt, nutzen sie sich langsam ab, ohne dass es am Anfang schmerzt. „Auch wer beruflich stark körperlich arbeitet, hat ein höheres Risiko, dass Knie-oder Schultergelenke mit der Zeit verschleißen“, erklärt der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Henning Vollbrecht: „Das muss aber nicht zwangsläufig so sein.“ Wird der Körper durch die richtigen Nährstoffe gut versorgt, kann das ausgeglichen werden. Aber so paradox es klingt: Auch der Schongang ist gefährlich. Wer seine Gelenke zu wenig nutzt, kann sich ebenfalls eine Arthrose einhandeln. Es ist ein schleichender, unauffälliger Prozess – ganz anders als bei einer (rheumatischen) Arthritis, bei der der Knorpel durch eine Entzündung angegriffen und zerstört wird.

AKTIVER LEBENSSTIL

Bewegung und gesunde Ernährung wirken Arthrose entgegen

206 bis 212

Unser Körper besteht aus Knochen, die durch etwa 140 Gelenke miteinander verbunden sind

Zu viele Kilos setzen das Knie unter Druck

Unbestritten ist: „Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Arthrose der Knie und Übergewicht“, weiß Dr. Henning Vollbrecht. Schon fünf Kilo Übergewicht verdoppeln das Risiko einer Kniearthrose, bei der sich der Knorpel im Gelenk abnutzt. „Hüftoder Sprunggelenke sind dagegen nicht so stark vom Übergewicht betroffen.“ Zwar können auch Untergewichtige Probleme bekommen, weil sie durch eine Mangel ernährung nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. Aber vor allem für die Gelenke sind die überflüssigen Pfunde Gift, denn jedes Kilo mehr steigert den Druck auf sie. Dadurch können feine Risse im Knorpelgewebe entstehen, und es nutzt sich stärker ab. „Dazu kommt, dass sich Menschen mit Gewichtsproblemen auch weniger bewegen – ein Teufelskreis“, weiß der Hamburger Orthopäde und Unfallchirurg. „Dabei ist Sitzen das neue Rauchen!“ Denn ohne Bewegung werden die Gelenke schlechter mit Nährstoffen versorgt. Die Knorpelmasse trocknet regelrecht aus, wenn sie nicht regelmäßig in Aktion ist. Sie wird brüchig und instabil. Schmerzen sind die Folge.

ORIGINALGETREU

Die Größe der Gelenkprothesen richtet sich nach dem Gelenk, das sie ersetzen

ÜBUNGSSACHE

In der Rehaklinik wird der Umgang z. B. mit einem neuen Hüftgelenk gelernt

SPEZIALKLINIKEN

Ein künstliches Gelenk sollte nur durch erfahrene Chirurgen eingesetzt werden

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum Übergewichtige häufiger von Arthrose betroffen sind als Normalgewichtige. Studien konnten belegen, dass fettleibige Menschen vermehrt das Hormon Leptin bilden. Es stoppt eigentlich das Hungergefühl. Aber gegen diese Wirkung sind gerade sie immun. Dafür fördert Leptin bei ihnen Entzündungsreaktionen und greift in den Knochenstoffwechsel ein. Es gibt Hinweise darauf, dass es sich schädlich auf das Knorpelgewebe vor allem der Knie auswirkt. Mangelnde Bewegung, zu viel und falsche Ernährung, sitzende Tätigkeit – der moderne Lebensstil zeitigt traurige Folgen: In Deutschland sind mehr als die Hälfte aller Erwachsenen übergewichtig. Für viele wird Treppensteigen oder schon ein Spaziergang zur Qual. Ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden: „Jährlich gehen in Deutschland 70.000 verlorene Erwerbstätigkeitsjahre und zehn Millionen Arbeitsunfähigkeitstage auf das Konto der häufigsten Gelenkerkrankung – der Arthrose“, so Dr. Johannes Flechtenmacher, Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie.

28,7 Prozent

der Patienten mit allergischen Beschwerden nach einer Knieprothesenoperation reagierten auf Metall. Die meisten davon auf Nickel

Spürbar schmerzlos trotz Arthrose?

„Es gibt allerdings auch Patienten, bei denen auf dem Röntgenbild zwar eine Arthrose sichtbar ist, aber sie spüren sie nicht“, sagt Dr. Henning Vollbrecht. „Die können die Entzündung, die durch die mechanische Reibung entsteht, unglaublich gut abbauen!“ Das ist zum Teil genetisch veranlagt. Auch Heilpflanzenkombinationen wie etwa aus Giftsumach, Echtem Mädesüß und Afrikanischer Teufelskralle wird ein ähnlicher Effekt nachgesagt. Bestimmte Gewürze wie Kreuzkümmel, Koriander und Muskatnuss haben ebenfalls einen entzündungshemmenden Einfluss. Studien zeigen: Durch Einnahme von Glucosamin, einem Protein, das sich in der Gelenkflüssigkeit sowie im Knorpel einlagert, kann der Körper ebenfalls stabilisiert werden. „Das ist derzeit das einzige geprüfte Nahrungsergänzungsmittel, das in die Leitlinien zur Behandlung einer Arthrose aufgenommen ist“, bestätigt der Mediziner: „Die Kosten werden aber nur von einigen privaten Krankenkassen übernommen.“

Bewegung füttert den Knorpel

Gelenkknorpel überziehen die Gelenkflächen der Knochen, also da, wo zum Beispiel der Hüftkopf auf die Gelenkpfanne trifft. Die Knorpel sind deshalb so wichtig, weil sie die natürliche Reibung der Knochen wie ein Stoßdämpfer abpuffern. Sie sind aber nicht an das Blutgefäßsystem angeschlossen und werden deshalb ausschließlich durch die Gelenkflüssigkeit (Gelenkschmiere) ernährt. Diese wird von der Gefäßinnenhaut, die mit Blutgefäßen durchzogen ist, in die Gelenkhöhle abgegeben. Über Diffusion gelangen so frische Nährstoffe in den Knorpel. Unterstützt und beschleunigt wird dieser Prozess durch Bewegung. Schon das normale Gehen wirkt wie eine Art Pumpe – ein Wechsel von Druckbelastung und -entlastung: Wie ein Schwamm wird der Knorpel bei jedem Schritt zusammengedrückt, saugt sich dann aber mit der Gelenkflüssigkeit und somit mit den Nährstoffen voll. Dr. Henning Vollbrecht: „Das ist wichtig zu wissen, denn der Knorpel wird ab einem Alter von etwa 25 Jahren nur noch dadurch aufgebaut.“ Eine gute Ernährung plus sanfte und gleitende Bewegungen wie Skilanglauf und Radfahren, Wandern und Schwimmen sind ideal. Ungünstig: Stoßbelastungen mit Schwerkräften, die bei Kontaktsportarten wie Tennis und Fußball entstehen.

AUSGEWOGEN

Weil der Körper beim Balancieren viele Muskeln aktiviert, um im Gleichgewicht zu bleiben, wird unser gesamter Halteapparat dabei trainiert

Powertrio: Ausdauer, Koordination, Kraft

Übrigens: Auch der Muskelaufbau durch Sport und Bewegung ist für die Gelenke wichtig, denn die sind weniger belastet, wenn starke Muskeln sie ausreichend stabilisieren. „Zum Beispiel nutzen sich bei Parkinsonpatienten, die aufgrund der Nervenerkrankung ihre Muskulatur nicht mehr ausreichend kontrollieren können, die Gelenke viel früher ab als bei gesunden Menschen“, berichtet der Hamburger Mediziner. Deshalb ist Sport in jedem Fall eine wichtige Vorsorgemaßnahme. Hat man früher aber nur Kraft und Ausdauer trainiert, empfiehlt der Sportmediziner heute auch Koordinationsübungen: „Stellen Sie sich mal fünf Sekunden mit geschlossenen Augen auf nur ein Bein. Sie werden staunen, wie schwierig das ist!“ Auf wackelnden Powerboards, beim Stand-up-Paddling im Wasser oder beim Yoga im Einbeinstand: Durch solche Übungen lassen sich die kleinen Sensoren in der Muskulatur trainieren. Die melden Muskeln und Gehirn, wie unsere Stellung im Raum ist, damit alle Gelenke im Körper koordiniert und optimal abgerollt werden können. „Auch gerade Walken oder Wandern auf unebenem Terrain, da, wo es mal rauf-, mal runtergeht, wo Steine oder Stöckchen wie im Wald oder am Berg auf dem Weg liegen, hilft – nach neueren Erkenntnissen vor allem übrigens in weichem Schuhwerk. Da melden diese Sensoren im Fuß ständig an die Muskulatur: Ausgleichen! Und das ist ein optimales Training für unsere Koordination“, so Dr. Henning Vollbrecht. Barfußlaufen auf Naturböden wie Sand, Moos oder Rasen hat einen ähnlichen Effekt. Für solche Sensorik-Spaziergänge ist es dabei nie zu spät: Selbst 90-Jährige können einfache Koordinationsübungen noch machen. Und auch in diesem Alter wirkt sich das positiv auf die Arthrose aus.

BARFUSSLAUFEN

Das beste Koordinationstraining für den ganzen Körper

3-fache

Beim Joggen lastet bei jedem Schritt das des Körpergewichts auf den Gelenken

Wenn der Körper sauer wird

Seit Neuestem weiß man auch, dass Entgiftung ein wichtiger Faktor bei entzündlichen Prozessen im Körper ist. Dr. Henning Vollbrecht: „Der Säure-Basen-Haushalt spielt hier eine entscheidende Rolle. Denn viele Stoffwechselvorgänge funktionieren nur dann optimal, wenn Säuren und Basen im Körper ausbalanciert sind.“ Das ist bei einem pH-Wert des Blutes zwischen 7,35 und 7,45 der Fall. Überschüssige Säuren können nur zu einem bestimmten Teil über die Niere und die Lunge ausgeschieden werden. Den Rest „parkt“ der Körper kurzfristig im Blut und im Bindegewebe. Wird deren Pufferfunktion überreizt, entsteht eine chronische Übersäuerung. Die Folge: „Die Entzündungsprozesse bei der Arthrose werden zusätzlich angefacht, und das verursacht Muskel-und Gelenkbeschwerden.“ Beeinflussen lässt sich der Säure-Basen-Haushalt vor allem durch die Ernährung. Gemüse, Salate und Obst sind meist besonders reich an Mineralstoffen wie Kalium, Kalzium, Zink und Magnesium – das sind gleichzeitig die wichtigsten basischen Vitalstoffe. Ungünstig sind dagegen Getreide (Brot und Nudeln), Fleisch und Wurstwaren, Milch und Käse.

3 Mrd.

Osteoporose verursacht in Deutschland jährlich Euro Krankheitskosten

Individuelle Therapien

Manchmal helfen schon spezielle orthopädische Einlagen in den Schuhen, die Fehlbelastung der Gelenke zu beheben und Schmerzen aufzulösen. Bei Marie Neubauer reicht das nicht aus. Sie muss als Erstes versuchen, ihr Gewicht zu reduzieren, das so sehr auf ihren Gelenken lastet. Der Orthopäde verschreibt ihr Krankengymnastik. Beim Physiotherapeuten lernt die 49-Jährige, wie sie Koordination und Muskeln trainiert. Und er motiviert sie, sich einer Walkinggruppe anzuschließen. Gegen ihre Schmerzen im Kniegelenk spritzt ihr Dr. Henning Vollbrecht Hyaluronsäure beziehungsweise Blutplasma direkt in den Gelenkraum. Diese natürlichen Substanzen, die der Körper auch selbst bildet, sorgen quasi für eine neue Schmierung des Gelenks, damit sich die Patientin schmerzfrei bewegen kann.

Ist der Knorpel aber schon zu stark geschädigt und helfen Bewegungstherapie, Hyaluronsäurespritzen und entzündungshemmende Schmerzmittel nicht mehr, muss das Knie-oder Hüftgelenk gegen ein künstliches ausgetauscht werden. Die gute Nachricht: Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Inzwischen halten 90 Prozent der Knieprothesen länger als 20 Jahre.


FOTOS: SHUTTERSTOCK, SEBASTIAN KAULITZKI [M]