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„Statt zu weinen, brüllte ich herum“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 16.03.2022

TENNIS

JOHN MCENROE

Wenn es um die Worte „Tennis“ und „ Ausrasten“ geht, fällt seit Jahrzehnten als Erstes sein Name: John McEnroe (63). Wie der Hitzkopf aus den USA in der ersten Runde von Wimbledon 1981 Schiedsrichter Edward James beschimpfte („You cannot be serious!“/„Das kann nicht dein Ernst sein!“), hatte die Sportwelt so noch nie erlebt. Doch mittlerweile gehören Wut-Explosionen zum schlechten Ton der Tennis-Welt. Die neue Generation flippt permanent aus. Der vorläufige Tiefpunkt war erreicht, als Alexander Zverev zuletzt beim Turnier in Acapulco mit seinem Schläger gegen den Schiedsrichter-Stuhl schlug.

Artikelbild für den Artikel "„Statt zu weinen, brüllte ich herum“" aus der Ausgabe 11/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 11/2022

Am 22. Juni 1981 beschwerte sich McEnroe in Wimbledon bei Schiedsrichter Edward James, weil ein Aufschlag ?aus? gegeben wurde.Er brüllte: ?You cannot be serious!? (Das kann doch nicht dein Ernst sein)

SPORT BILD: Mister McEnroe, wie verfolgen Sie die Ausraster heute?

JOHN MCENROE: Wenn es darum geht, die Emotionen in die richtigen Bahnen zu lenken, bin ich wahrscheinlich der Falsche (lacht). Wenn man seinen Ärger rauslässt, geht es darum, Dampf lassen. So bekommt man den Frust aus seinem ...

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... System raus – das finde ich okay und hilft sogar. Allerdings ist es entscheidend, dass du noch etwas Kontrolle behältst.

Denn wenn du komplett außer dir bist, passieren schlechte Dinge – kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen.

„Wenn du außer dir bist, passieren schlechte Dinge, kann ich selbst bestätigen“

Freuen Sie sich, wenn Spieler explodieren?

Ich wünsche mir, dass alle Spieler mehr Emotionen zeigen. Das ist viel interessanter und mitreißend, wenn sie diese offenlegen. Wenn Daniil Medvedev auf dem Platz die Nerven verliert, finde ich das großartig. Die Leute sagen dann wie früher bei mir: „Jetzt legt er schon wieder los!“ Aber wie gesagt: Es ist wichtig, dass du noch etwas Kontrolle behältst.

Viele Tennis-Stars sprechen über die hohe psychische Belastung. Die Polin Iga Swiatek weint oft nach Spielen. Wie ging es Ihnen früher?

Mir war früher auf dem Platz öfter mal zum Heulen zumute. Das kann ich Ihnen sagen. Statt zu weinen, wurde ich wütend. Denn es schien mir leichter, herumzubrüllen als zu weinen. Wenn du da draußen allein auf dem Platz bist, ist es hart. Da willst du alles tun, was dir hilft. Manchmal kannst du nicht anders, weil Tennis so ein emotionaler Sport ist. Ein großer Sieg beschert dir auch ein berauschendes Gefühl. Aber mit höheren Erwartungen steigt der Druck.

Hat sich der Druck auf die Spieler verändert?

Den Druck gab es schon immer. Aber seit Beginn der Open-Ära (Profi-Tennis startete wurde Tennis immer mehr zu einem Geschäft. Das macht es schwerer. Sogar deine Eltern machen dir manchmal zu viel Druck. Die Berater! Die Sponsoren! Man könnte auch sagen, dass dies gute Probleme sind, wenn man so erfolgreich ist. Swiatek wurde vielleicht von ihrem Psychologen gesagt, dass es in Ordnung ist zu weinen. Das stimmt auch. Mir wurde das auch von einigen Psychologen gesagt.

„Zverev muss besser mit dem Druck und seinen Nerven klarkommen“

Was muss Zverev besser machen, um einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen?

In den vergangenen Jahren hat er viel an seinem Aufschlag gearbeitet, weil er Probleme mit Doppelfehlern hatte. Insgesamt scheint er das überwunden zu haben. Aber es wirkt, als sei er im Hinterkopf noch unsicher, ob er mit dem zweiten Aufschlag angreifen sollte oder ihn nur ins Feld spielt. Das beschäftigt ihn.

Wo sehen Sie Zverev aktuell?

Er setzt sich sehr unter Druck. Ich glaube, dass er, wenn er sich am Netz wohler und sicherer fühlen würde, häufiger auch mal nach vorn gehen würde. Er hat gesehen, dass das die anderen Top-Spieler machen. Ich denke, dass er das auch machen muss. Es ist leicht, immer nur auf dem Rücksitz zu bleiben, also hinter der Grundlinie.

Und natürlich ist es etwas anderes, im Training 130Aufschläge ohne Doppelfehler zu schlagen als im Match. Da muss er es schaffen, noch besser mit den Nerven und dem Druck klarzukommen. Er ist aber nah dran.

Über mehr als ein Jahrzehnt dominierten Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic.Kommt jetzt der Generationswechsel?

Die Tennis-Welt ist weit offen – auch wegen der Sachen, die bei Novak Djokovic (Streit um Corona-Impfung; d. Red.) passieren. Bei Roger ist unklar, wie stark er noch mal zurückkommt. Und Rafael Nadal ist 35 Jahre alt. Es wird in den nächsten Jahren viele brandneue Grand-Slam-Sieger geben.

Medvedev gewann 2021 bereits die US Open. Sind Sie von seiner Konstanz überrascht?

Ich liebe Medvedev! Aktuell ist er der Spieler, dem ich am liebsten zuschaue, weil er Schach auf dem Platz spielt. Er ist so ganz anders als ich. Das macht es für mich sehr interessant. Ich würde sehr gern einmal gegen ihn spielen, um zu sehen, ob „Serve and Volley“ gegen ihn funktionieren würde. Er steht so weit hinten. Das ist ein bisschen wie damals Björn Borg. Medvedev hat dieselbe Mentalität. Er sagt: „Ich ziehe meinen Stil durch. Mir ist egal, was die Leute denken.“ Allein dafür liebe ich ihn!

Wie stark ist er?

Er ist aktuell der beste Hartplatz-Spieler der Welt. Neben Djokovic, der leider in Australien nicht antreten konnte. Medvedev ist 1,98 Meter und sehr dünn. Für jemanden dieser Größe hat er die beste Laufarbeit in der Tennis-Geschichte. Ich hoffe nur,

Das wäre großartig für den Sport.

„Der Konflikt ums Impfen könnte der Wendepunkt in Djokovic’ Leben sein“ dass er gesund bleibt.

Wie sehr hat Djokovic der Streit um seine Impfung und die verweigerte Einreise zu den Australian Open geschadet? Ist es ein Wendepunkt in seiner Karriere?

Das ist sehr schwer zu beantworten. Es könnte sogar ein Wendepunkt in seinem Leben sein. Sein Handeln zeigt nur, wie stark er an das glaubt, von dem er überzeugt ist. Er war bereit, dieses Risiko einzugehen und ließ sich nicht impfen.

Djokovic gab jetzt bekannt, dass er wegen US-Impfregeln nicht an den Turnieren in Indian Wells und Miami teilnehmen kann. Bei den French Open sieht es dagegen gut aus.

Wir müssen abwarten, wie lange das Ganze noch bei weiteren Turnieren so weitergeht. Das ist viel, mit dem er klarkommen muss. Hoher Druck! Auch wenn du zu hundert Prozent glaubst, dass du im Recht bist.

„Federer ist ein Supermensch! Daher werde ich ihn nie abschreiben“

Wie sehr wird ihm das zusetzen?

Natürlich ist er unglaublich stark, wenn er unter Druck steht. Aber das hier ist eine wirklich große Herausforderung. Fest steht: Novak ist schon eine Legende. Er und Federer stehen bei 20 Grand-Slam-Titeln, Rafael Nadal bei 21. Sie haben sich vom Rest abgesetzt. Ich dachte früher: Meine sieben Grand-Slam-Titel sind doch ziemlich gut.Aber anscheinend stimmt das nicht, wenn man es mit diesen dreien vergleicht.

Wen halten Sie für den Besten aller Zeiten?

Roger ist für mich der beste Grasplatz-Spieler aller Zeiten. Doch Novak hat ihn auch ein paarmal in Wimbledon geschlagen.

Novak ist der beste Hartplatz-Spieler, der jemals gelebt hat. Und Rafa ist der Beste auf Sand. Daher gibt es Argumente für jeden von ihnen.

„Vor 15 Jahren dachten alle schon: Das hält Nadal mit seinem Stil nie so lange durch“

Wem schauen Sie am liebsten zu?

Keiner spielt so schön wie Federer. Mein Idol war früher Rod Laver, aber Federer ist noch besser. Nadals Spielstil hielt ich für unmöglich. Er will jeden Punktgewinn einfach so sehr. Nadal ist bei Weitem der beste Athlet aller Zeiten. Novak ist wie die menschliche Mauer – so flexibel und beweglich. Dazu seine unglaublichen Schlagtechniken. Unfassbar! Es ist wirklich schade, dass das alles jetzt langsam zu Ende geht.

Was trauen Sie Federer nach seiner langen Verletzungspause noch zu?

Keiner weiß, wie viel Roger noch im Tank hat. Ich erinnere mich aber, als ich Roger 2016 in Wimbledon zuschaute. Mein damaliger Schützling Milos Raonic schlug ihn in fünf Sätzen im Halbfinale. Roger humpelte vom Platz. Da dachte ich: Das war’s! Er wird nie wieder einen

Grand-Slam-Titel gewinnen. Das Alter hat ihn eingeholt. Danach spielteer sechs Monate nicht – und gewann 2017 die Australian Open. Dann gelangen ihm noch zwei weitere Titel. Und ich sagte: Dieser Typ ist ein Supermensch, ein Übermensch! Daher werde ich ihn nicht abschreiben und sagen, dass er kein Grand-Slam-Turnier mehr gewinnen wird. Der Mann ist 40 Jahre alt. Um Gottes willen! Er ist eine Legende! Mehr als das!

Und Nadal?

Wir haben alle bereits in den vergangenen 15 Jahren stets gedacht: Das hält der wegen seines intensiven Spielstils nie so lange durch – und dann gewinnt er zuletzt wieder die Australian Open! Er hat ein unglaubliches Team um sich herum und ist ein Freak der Natur. Sein Glaube an sich selbst versetzt Berge. Es ist unfassbar, dass er so positiv geblieben ist und weiter an sich glaubt, während die meisten Menschen niedergeschlagen wären und aufgehört hätten. Er spricht ständig von seiner Liebe zum Wettkampf. Das ist seine größte Stärke.

DAS IST JOHN MCENROE

Der Amerikaner wurde am 16. Februar 1959 als Sohn eines Soldaten in Wiesbaden geboren. 1978 wurde der Linkshänder Tennis-Profi. In seiner Karriere bis 1994 gewann er 77 Einzel-Titel, darunter sieben Grand-Slam-Turniere (viermal US Open und dreimal Wimbledon). Im Doppel holte er weitere zehn Major-Siege, u. a. 1992 in Wimbledon mit Michael Stich. 170 Wochen war er Nummer eins der Tennis-Welt. Fünfmal gewann er mit den USA den Davis Cup, spielte zwei episch lange Matches: 6:22 Stunden (1982 gegen Mats Wilander) und 6:21 Stunden (1987 gegen Boris Becker). Nach der Karriere war McEnroe Trainer (u. a. von Andy Roddick) und arbeitet aktuell als TV-Experte für Eurosport und die BBC.