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Stau im Redefluss


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Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 05.11.2021

HIRNFORSCHUNG

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 12/2021

UNSERE AUTORIN

Lydia Denworth ist Journalistin und Redakteurin bei »Scientific American« in New York.

VOKALE STOLPER- STEINE | Lee Reeves, der selbst stottert, demonstriert drei Laute, die ihm Probleme bereiten: »L« (links), »W« (Mitte) und »ST« (rechts). Wenn er sich beim Sprechen entspannt, verringert das viele seiner Schwierigkeiten.

Schon als Kind wollte Lee Reeves Tierarzt werden. In seiner Jugend ging er deshalb an einem Samstagmorgen zur lokalen Tierklinik, um sich um eine Stelle zu bewerben. Er wartete dreieinhalb Stunden, bis der Praxisleiter Peter Malnati alle Hunde und Katzen untersucht hatte. Als der Tierarzt schließlich aus dem Behandlungszimmer kam, fragte er den Jungen, was er für ihn tun könne. Reeves, der stotterte, seit er drei Jahre alt war, hatte Schwierigkeiten, auf die Frage zu antworten. Er stammelte, dass er in der Klinik arbeiten wolle. Doch als Malnati ihn nach ...

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... seinem Namen fragte, verschlug es ihm die Sprache. Der Mann griff schließlich zu einem Stück Papier und bat Reeves, seine Kontaktdaten aufzuschreiben. Er erwähnte dabei, dass er aktuell leider keine freien Stellen habe. »Ich weiß noch, wie ich an diesem Morgen aus der Klinik ging und dachte, mein Leben wäre mehr oder weniger vorbei«, schildert Reeves. »Nicht nur, dass ich nie Tierarzt werden könnte – ich würde nicht einmal einen Job zum Käfigputzen bekommen.«

Seit der Episode sind mehr als 50 Jahre vergangen. Reeves, heute 72 Jahre alt, ist in den Vereinigten Staaten zum bekannten Fürsprecher für Menschen mit Sprachbehinderungen geworden. Lange Zeit leitete er als Vorstandsvorsitzender die National Stuttering Association. Den Frust und die Peinlichkeit jenes Tages hat er aber nie vergessen. Die meisten Stotterer können wohl von ähnlichen Erfahrungen in ihrem Leben berichten.

Früher führte man die Sprachstörung fälschlicherweise auf verschiedene Umstände zurück, darunter Defekte der Zunge oder des Kehlkopfs, kognitive Probleme, emotionale Traumata oder Nervosität. Auch in der forcierten Umerziehung linkshändiger Kinder zu Rechtshändern sahen damalige Fachleute einen möglichen auslösenden Faktor, genauso wie in einer »schlechten« Erziehung. Psychoanalytiker glaubten, dem Stottern liege ein »oral-sadistischer Konflikt« zu Grunde. Behavioristen argumentierten derweil, die Etikettierung eines Kindes als Stotterer würde das Problem noch verschlimmern. Die Behandler in Reeves’ Kindheit empfahlen seinen Eltern, sie sollten dem Stottern ihres Sohns keine Aufmerksamkeit schenken. Wenn sie geduldig abwarteten, würde es von selbst verschwinden.

Auf einen Blick: Blockierte Schaltkreise

1 Früher führte man Stottern auf Faktoren wie Persönlichkeit oder Erziehung zurück. Ergebnisse aus neueren Studien zeigen jedoch, dass die Sprechstörung auf neurologischen Besonderheiten fußt.

2 Bei Betroffenen sind an der Sprachproduktion beteiligte Hirnareale schon im Kindesalter weniger aktiv. Zudem scheinen Verbindungen zwischen verschiedenen Regionen schwächer ausgeprägt zu sein.

3 Mit Medikamenten oder nichtinvasiver Hirnstimulation wollen Fachleute in diese Schaltkreise eingreifen und deren Funktion wiederherstellen. Auch ein veränderter Umgang mit der Störung kann Stotterern helfen.

HIRNFORSCHUNG / STOTTERN

PROMINENTE STOTTERER | Berühmte Betroffene sind (von links nach rechts) der vormalige König Georg VI. von England (1895–1952), US-Präsident Joe Biden und die Schauspieler Samuel L. Jackson, Marilyn Monroe, James Earl Jones und Emily Blunt.

Inzwischen sind solche Mythen und Missverständnisse großteils widerlegt. Die vergangenen fünf bis zehn Jahre erbrachten nämlich immer mehr Daten, die auf einen neurologischen Ursprung des Stotterns hinweisen. Fachleute fanden im Gehirn von Betroffenen feine Veränderungen sowohl in der Struktur als auch in der Vernetzung von Hirnarealen, die an Sprachvorgängen mitwirken. Zudem ist der Stoffwechsel von Neurotransmittern wie Dopamin mitunter gestört. Bei stotternden Menschen summieren sich solche Unterschiede zu dem, was Neurowissenschaftler ein »Problem auf Systemebene« im Gehirn nennen.

Schädliche Vorurteile abbauen

Man weiß heute, dass das junge Neuronennetz noch stark formbar ist. Fachleute raten deshalb mittlerweile davon ab, bei Stottern einfach abzuwarten. »Die Ergebnisse der Hirnforschung bestätigen die Idee, dass wir früh eingreifen sollten«, erklärt der Sprachpathologe Scott Yaruss von der Michigan State University.

Viele hoffen, dass es mit dem Aufdecken biologischer Ursachen gelingt, Vorurteile gegenüber dem Stottern abzubauen. Obgleich manche Menschen mit der Sprechstörung ins Rampenlicht treten – US-Präsident Joe Biden stottert zum Beispiel, ebenso wie die Dichterin Amanda Gorman, die bei seiner Amtseinführung eines ihrer Gedichte vorlas –, tut sich ein Großteil ein Leben lang schwer, vor anderen zu sprechen. Nicht selten haben Stotterer Probleme, einen Job zu finden.

Häufig leiden sie zudem unter sozialen Ängsten und Depression.

Stottern ist seit Jahrtausenden bekannt und kommt in allen Sprachen und Kulturen vor. Zu den berühmten Betroffenen zählen neben Biden unter anderem der 1952 verstorbene britische König Georg VI., dessen unkonventionelle Sprachtherapie im Film »The King’s Speech« (2010) verewigt wurde, sowie der Schauspieler Samuel L. Jackson, der Schimpfwörter benutzte, um seine Sprachfertigkeit zu verbessern. Die Redeflussstörung unterscheidet sich von gelegentlichen Versprechern. Ein Wiederholen einzelner Wörter oder das Einstreuen von »ähm« oder »ahh« deuten eher auf Störungen bei der Sprachplanung hin. Beim Stottern ist eine grundlegendere Ebene der Sprachproduktion beeinträchtigt. »Jeder Mensch stammelt mal, aber nur manche stottern«, so Yaruss.

Es gibt drei Formen des Stotterns: Ein Laut kann in die Länge gezogen (»mmmmehr«) oder Silben beziehungsweise Laute können wiederholt werden (»wa-wawa-warum«). Zusätzlich treten Blockaden auf, bei denen der Sprecher vorübergehend überhaupt keinen Ton herausbekommt. Reeves beschreibt die Störung als momentanen Verlust von Kontrolle. »Man weiß, was man sagen will und wie man es sagen soll – die Worte, die Sätze, die Satzstruktur, der Tonfall –, aber plötzlich bleibt man stecken«, erklärt er. »Man kann sich nicht vorwärtsbewegen. Man kann sich nicht rückwärtsbewegen. Alle Muskeln sind blockiert.«

Bei den meisten der weltweit mehr als 70 Millionen Stotterer begann die Störung bereits in der frühen Kindheit. Wenn jemand über das Alter von etwa acht Jahren hinaus stottert, wird er es vermutlich sein Leben lang tun. Zirka fünf Prozent der Kinder und ein Prozent der Erwachsenen sind betroffen. Vier von fünf lernen also mit der Zeit, flüssig zu sprechen. Fachleute, Eltern, Behandler sowie stotternde Menschen interessiert, wo die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen liegen.

Therapien helfen zwar, doch sie scheinen keine Erklärung für die abweichenden Verläufe zu bieten. Langzeitstudien könnten Aufschluss über die Ursachen geben. Derartige Untersuchungen gibt es bereits, und sie liefern erste Ergebnisse. So wurden mittlerweile einige Gene identifiziert, die mit dem Stottern in Verbindung stehen. Ihre genaue Rolle in der Störung und ihrem Verlauf ist aber noch nicht geklärt.

Der erste Hinweis darauf, dass Stottern neurologisch bedingt sein könnte, stammt aus dem Jahr 1928. Samuel Orton, ein Arzt, und der Sprachpathologe Lee Travis stellten die Theorie auf, dass die Sprachstörung das Ergebnis einer Konkurrenz zwischen den beiden Hirnhälften ist. »Sie waren auf dem richtigen Weg«, erläutert Gerald Maguire. Der Psychiater und Neurowissenschaftler von der University of California in Riverside stottert selbst und hat seine Karriere der Erforschung der Störung gewidmet.

Mit dem Aufkommen hochauflösender Bildgebungsverfahren in den 1990er Jahren ließen sich erstmals Unterschiede in den Gehirnen stotternder Menschen nachweisen. 1995 veröffentlichte Maguires Team eine Positronenemissionstomografie(PET)-Studie zum Thema. Dafür hatten die Fachleute vier stotternde Personen und vier nicht stotternde Kontrollprobanden gescannt. Bei Ersteren war die neuronale Aktivität in den Arealen, die Sprache verarbeiteten, durchweg verringert. In anderen kleinen Studien fanden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zudem einen erhöhten Dopaminspiegel in einem wichtigen Teil des Belohnungssystems, dem Striatum.

Manche Fachleute deuteten dies als Indiz dafür, dass der Neurotransmitter zur Störung beiträgt. Medikamente, die Dopaminrezeptoren im Gehirn blockieren, würden das Stottern dann womöglich lindern. Solche Wirkstoffe existieren bereits; sie werden vor allem als Antipsychotika genutzt. In Tests mit stotternden Menschen verbesserten sie bei einigen den Redefluss.

Wenn jemand über das Alter von etwa acht Jahren hinaus stottert, wird er es wahrscheinlich sein Leben lang tun

Die bis in die späten 1990er Jahre gesammelten Daten überzeugten aber nur wenige Skeptiker davon, dass die Sprechstörung tatsächlich im Gehirn entsteht. Als Maguire damals auf einer wissenschaftlichen Konferenz seine Theorie vom neuronalen Ursprung des Stotterns vorstellte, wurde er »quasi von der Bühne gebuht«, erinnert er sich. Neuere Forschungsergebnisse, die Hightech-Scanner und verfeinerte Analysetechniken nutzen, stützen die These jedoch. Bei den meisten Menschen wird die Sprache hauptsächlich in Teilen der linken Hemisphäre verarbeitet. Bei Stotterern waren entsprechende Areale in Studien unterdurchschnittlich aktiv. Ihre rechte Hirnhälfte hingegen zeigte mehr neuronale Aktivität als bei Personen ohne Sprechstörung.

Strukturelle Besonderheiten in den Hirnleitungen von Stotterern Dazu passen Daten eines Teams um die kognitive Neurowissenschaftlerin Kate Watkins von der University of Oxford. Ihre Studie zeigte, dass der ventrale Prämotorkortex in der linken Hemisphäre – ein Bereich, der mit der Sprachproduktion in Verbindung gebracht wird – bei stotternden Menschen inaktiv blieb, während sie sprachen. Das Areal liegt direkt über einem wichtigen Nervenstrang der weißen Substanz. Er verbindet Hirnregionen, die einerseits an der auditiven Wahrnehmung und andererseits an der Bewegungssteuerung mitwirken. Bei Stotterern zeigen sich strukturelle Besonderheiten in diesem Trakt.

Die weiße Substanz besteht aus Nervenzellfortsätzen (Axonen), entlang derer elektrische Impulse fließen. »Das sind all die Kabel und Drähte, die neuronale Kommunikation ermöglichen«, erklärt Watkins. Um die Signalübertragung zu beschleunigen, sind sie streckenweise mit einer fettigen Schicht ummantelt, dem so genannten Myelin. Derart isolierte Axone verlaufen normalerweise in Bahnen in dieselbe Richtung – ähnlich wie Fasern in Selleriestangen. Bei Menschen, die stottern, scheinen sie sich jedoch gelegentlich zu überkreuzen. Das zeigt eine spezielle Art Hirnscan, die diffusionsgewichtete Bildgebung.

Sie basiert darauf, dass sich Flüssigkeit und gelöste Stoffe entlang der Axone durch die Bündel der weißen Substanz bewegen, und misst diesen Fluss über die so genannte fraktionale Anisotropie (FA). Je größer der Wert, desto mehr Moleküle diffundieren in die gleiche Richtung. Fachleute nutzen das als Marker für die Beschaffenheit des Gewebes: Parallel organisierte Nervenfasern zeichnen sich durch eine hohe FA aus. Stotterer haben durchweg niedrigere FA-Werte in dem Strang, der auditive und motorische Areale verbindet. Watkins wertet das als Zeichen dafür, dass die Kommunikation zwischen den Hirnbereichen stockt – ausgesandte Signale gelangen schlechter an ihr Ziel. Entsprechend würden Neurone dort weniger aktiviert. In anderen Bahnen der weißen Substanz finden sich bei Betroffenen noch weitere Abweichungen, etwa in Teilen des Corpus callosum, das die Hirnhälften miteinander verbindet.

Innerhalb und zwischen Hirnarealen gibt es zahlreiche Verbindungsstränge. Im Neokortex ist der Fasciculus arcuatus besonders wichtig. Die Leitungsbahn ist Hirnscanstudien zufolge bei Stotterern geschwächt. Defizite können auch innerhalb der Verbindungswege zwischen denBasalganglien vorkommen sowie in der Basalganglienschleife, die Hirnrinde und Kerngebiete im Inneren des Organs verbindet.

Sprechen ist eines der komplexesten menschlichen Verhalten. Es setzt eine millisekundenschnelle Koordination verschiedener Hirnareale voraus. Fachleute haben Stottern mit einer Schwächung von Nervensträngen in Verbindung gebracht, die drei Bereiche miteinander verknüpfen: den Thalamus, der sensorische Information empfängt und weiterleitet, die Basalganglien, die Bewegungen steuern, sowie den Neokortex, der sowohl für die Kognition als auch bei der Integration von sensorischen und motorischen Signalen eine zentrale Rolle spielt.

Die Veränderungen scheinen sich vor allem auf einen bestimmten Hirnschaltkreis auszuwirken: die Basalganglienschleife. Sie führt von Bereichen der Hirnrinde über Kerngebiete tief im Gehirn – die Basalganglien, die eng mit dem Striatum und dem Thalamus vernetzt sind – zurück zum Kortex. »Sprechen ist eine der komplexesten motorischen Tätigkeiten, die wir ausführen«, erklärt die Neurowissenschaftlerin Soo-Eun Chang von der University of Michigan. »Es beruht auf einer millisekundenschnellen Koordination zwischen neuronalen Schaltkreisen und Muskeln.« Die Basalganglienschleife hilft Menschen dabei, die nötigen Bewegungsmuster reibungslos auszuführen.

Es ist unklar, wie der Prozess im Detail zum Stocken kommt. Fest steht jedoch, dass selbst kleinste Veränderungen im Gehirn den Sprachfluss beeinträchtigen können. »Alles deutet darauf hin, dass die Basalganglien hier als Schaltzentrale fungieren«, sagt Maguire. »Wenn etwas in diesem Signalweg gestört ist, kann das zu Stottern führen.«

Aber sind neuronale Unterschiede zwischen stotternden und nicht stotternden Menschen wirklich die Ursa­ che der Sprechstörung, oder handelt es sich dabei eher um einen Kompensationsmechanismus? Um herauszufinden, was davon zutrifft, beobachtete Changs Team stotternde Kinder über einen Zeitraum von mindestens vier Jahren. Bei einigen von ihnen normalisierte sich der Sprachfluss, bei anderen nicht. Stotternde Kinder im Alter von 3 bis 12 hatten niedrigere FA-Werte in einem Trakt der linken Hemisphäre, der auditive und motorische Regionen verbindet. Bei Probanden, die in den Jahren nach dem ersten Hirnscan aufhörten zu stottern, nahm die Organisation der weißen Substanz mit der Zeit zu. »Sie normalisierte sich bei den Kindern, die sich erholten«, erläutert Chang. Währenddessen stagnierte sie bei denen, die weiterhin stotterten. In manchen Fällen ging sie hier sogar zurück.

Untersuchungen legen nahe, dass zwischen 42 und 85 Prozent des Stotterrisikos erblich bedingt sind

Auch bei stotternden Erwachsenen stellte die Forscherin eine Veränderung auf der linken Seite des Gehirns fest. Bei ihnen zeigte sich jedoch zusätzlich ein Muster von Überaktivität in der rechten Hemisphäre. Das deutet darauf hin, dass es sich dabei um eine adaptive, also später auftretende, Anpassung handeln könnte. Die »Eine-Million-Dollar-Frage« sei, so Chang, ob es von Anfang an nachweisbare Unterschiede zwischen Kindern gibt, die mit den Jahren aufhören zu stottern, und solchen, bei denen die Sprachstörung anhält.

Risikofaktoren im Erbgut

Genetische Faktoren bestimmen jedenfalls mit, wer zu Stottern beginnt. Aktuellen Daten zufolge haben sie sogar einen relativ großen Einfluss: Untersuchungen mit Zwillingen und Adoptivkindern legen nahe, dass zwischen 42 und 85 Prozent des Risikos erblich bedingt sind. In einer Studie stotterten knapp zwei Drittel der eineiigen Zwillingspaare (deren Erbgut annähernd identisch ist). Demgegenüber waren es bei den zweieiigen, gleichgeschlechtlichen Zwillingen (die genauso viel DNA wie herkömmliche Geschwister gemeinsam haben) nur etwa ein Fünftel. Dass bei eineiigen Zwillingen manchmal nur einer von beiden stottert, deutet darauf hin, dass auch nicht erbliche Faktoren eine Rolle spielen – wahrscheinlich handelt es sich dabei um Umwelteinflüsse. Welche es genau sind, weiß man noch nicht.

Fachleute konnten bereits einige Genvarianten identifizieren, die gehäuft bei der Sprachstörung auftreten. Vier von ihnen entdeckte der Genetiker Dennis Drayna vom National Institute on Deafness and Other Communication Disorders in Bethesda, USA. Anfangs hatte er dafür Menschen in Pakistan untersucht, wo die Kusinenheirat relativ weit verbreitet ist. Die Praxis verstärkt die Ansammlung von Genmutationen innerhalb von Familien. »Es war einfach, große Familien mit vielen Stotterern zu finden«, erzählt er.

Im Jahr 2010 wies Drayna mit Kolleginnen und Kollegen drei Genvarianten nach, die bei Betroffenen vorkamen. Es handelt sich dabei um die Gene GNPTG und NAGPA sowie GNPTAB. Die entsprechenden Proteine wirken am Transport von Molekülen im Zellinneren mit. In einer 2019 publizierten Studie zeigte Draynas Team, dass Mäuse mit einer Mutation in GNPTAB abnorm lange zwischen ihren Lautäußerungen pausierten. Außerdem mangelte es den Nagern an Astrozyten – Gehirnzellen, die in den Bahnen der weißen Substanz weit verbreitet sind. Nach der Veröffentlichung der drei Risikogene erreichte den Genetiker eine Anfrage von einem Mann aus Kamerun, der von zahlreichen Betroffenen in seiner Familie erzählte. Von 71 Verwandten, die Drayna später kennen lernte, stotterten 33 – sie führten ihn zu einem vierten relevanten Gen, AP4E1.

Zusammengenommen dürften diese vier Gene höchstens für 20 bis 25 Prozent der Fälle verantwortlich sein. Vieles deutet darauf hin, dass es weitere, bisher nicht bekannte Erbfaktoren gibt, die beteiligt sind. Um sie zu finden, führt ein Konsortium von 22 Forschungsgruppen eine Untersuchung mit 3000 Stotterern durch. Im Rahmen der so genannten genomweiten Assoziationsstudie soll die DNA von Probandinnen und Probanden verglichen werden. Das soll Sequenzen aufdecken, die bei Stotterern gehäuft vorkommen.

Neurobiologische Erkenntnisse inspirieren bereits neue Arten der Stotterbehandlung. Maguire setzt etwa auf Wirkstoffe, die die Dopaminaktivität in bestimmten Hirnkreisläufen verringern. Sein Team testete in klinischen Studien die Antipsychotika Risperidon, Olanzapin und Lurasidon. Alle drei verringerten das Stottern von Probandinnen und Probanden. Bei einigen lösten sie jedoch unangenehme Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und Bewegungsstörungen aus. Aktuell leitet der Neurowissenschaftler eine klinische Untersuchung zu dem experimentellen Medikament Ecopipam. Dieses zielt auf eine andere Gruppe von Dopaminrezeptoren ab als gängige Antipsychotika. In einer ersten Pilotstudie verbesserte Ecopipam die Sprechfertigkeit und die Lebensqualität stotternder Testpersonen, ohne dabei nennenswerte Nebenwirkungen auszulösen.

Fachleute halten es für unwahrscheinlich, dass ein einzelnes Medikament allen Betroffenen helfen wird. Deshalb wird auch an alternativen Behandlungsoptionen geforscht. Eine davon ist die Hirnstimulation mit schwachen elektrischen Strömen. In Oxford kombinierte Kate Watkins eine derartige nichtinvasive transkranielle Stimulation mit bekannten Strategien zur Verbesserung des Redeflusses. Sie brachte etwa eine Gruppe von Stotterern dazu, im Chor zu lesen – ein Metronom dien­ te ihnen dabei als Taktgeber. Diese Technik wirkt zumindest vorübergehend, wahrscheinlich weil die Betroffenen sich beim Sprechen an einem äußeren Signal orientieren können.

Eine Kombination aus transkranieller Stimulation und gemeinsamem Lesen reduzierte den Anteil von verlängerten oder wiederholten Silben in der Rede der Probanden von zwölf auf acht Prozent. In der Kontrollgruppe, die keine Hirnstimulation erhalten hatte, blieb der Effekt aus. Trotz der geringen Zahl an Testpersonen und der kurzen Dauer der Studie deuten die Ergebnisse auf eine positive Wirkung hin. Womöglich wirkt die Methode, indem sie das Lernen verbessert, vermutet Watkins. Neuronale Schaltkreise ließen sich durch die Stimulation gewissermaßen effizienter machen und festigen, so die Forscherin.

Außerhalb von Studien wird eine solche Kombinationstherapie noch nicht angewandt. Stotterern steht darum vorerst nur eine herkömmliche Sprachtherapie zur Verfügung. Dort üben sie das flüssige Sprechen und lernen, wie sie sich trotz ihres Stotterns verständlich ausdrücken können. Diese Art der Behandlung ist oft sehr wirksam, aber nicht unbedingt von Dauer – die meisten beginnen irgendwann erneut zu stottern.

Therapieziele: Von »Stottern überwinden« hin zu »besser mit dem Stottern leben«

In den vergangenen Jahren hat sich das Therapieziel langsam gewandelt: Während es früher vor allem darum ging, das Stottern zu unterbinden, versucht man heute, den Betroffenen dabei zu helfen, die Sprachstörung zu akzeptieren und besser damit zurechtzukommen. »Eine große Rolle spielt die Bewältigung«, sagt Yaruss. Er vergleicht eine erfolgreiche Behandlung mit dem Erlernen des Schlittschuhlaufens: Wenn man sich zum ersten Mal Schlittschuhe anschnallt und aufs Eis läuft, strampelt man herum und hat den Eindruck, gleich auszurutschen und zu fallen. Aber sobald man lernt, dieses Gefühl des Ausrutschens zu tolerieren, reagiert man immer geschickter. So ähnlich verhalte es sich auch mit dem Stottern.

Viele begrüßen den Perspektivwechsel. Die 54-jährige Catherine Moroney, Physikerin am Jet Propulsion Laboratory der NASA, stottert selbst. Als Kind, sagt sie, konnte sie sich im Grunde nicht verständlich machen. Durch eine Sprachtherapie verbesserte sich ihr Sprachfluss zwar erheblich, allerdings nur vorübergehend. Sie beendete die Therapie, als sie gerade mitten im anstrengenden Physikstudium steckte.

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Moroney, deren Stottern nur noch mäßig ausgeprägt ist, erforscht heute die Rolle von Wolken im Klimasystem. Sie hatte Glück, einen Chef zu finden, den allein die Qualität ihrer Arbeit kümmerte. Sie nimmt das Antipsychotikum Olanzapin »off label« ein, also außerhalb seines zugelassenen Anwendungsgebiets. »Es macht den Alltag ein wenig einfacher«, sagt sie. Was Moroneys Leben jedoch wirklich verändert hat, war ihre »Stotterfamilie«, wie sie es nennt. »Es mag widersinnig klingen, aber der geräuschvollste Ort der Welt ist eine Stotterkonferenz«, erzählt sie und lacht. »Niemand hält jemals die Klappe. Es ist so befreiend, für ein paar Tage in der Mehrheit zu sein.« Lee Reeves stimmt ihr zu. Durch die Sprachtherapie verbesserte sich sein Redefluss, aber entscheidend für ihren Erfolg war, dass sein Therapeut sich mit dem psychischen Stress der Erkrankung befasste. »Ich habe gelernt, auf eine Art und Weise zu stottern, die für mich akzeptabel ist«, erklärt er.

Sein Stottern hat ihn auch nicht davon abgehalten, Tierarzt zu werden. Drei Wochen nachdem er als Teenager die Tierklinik besucht hatte, rief ihn Peter Malnati an und bot ihm einen Job in seiner Klinik an. Reeves arbeitete während seiner Highschool- und Collegejahre für den Tierarzt. Im Anschluss setzte er seine Karriere in der Profession fort. Die Tage der Frustration und der Peinlichkeit sind für ihn längst vorbei. »Ich stottere immer noch. Ich habe gestern gestottert, und ich stottere heute«, sagt er. »Ich hoffe, dass ich auch morgen stottern werde, denn das bedeutet, dass ich noch lebe.«

QUELLEN

Chesters, J. et al.: Transcranial direct current stimulation over left inferior frontal cortex improves speech fluency in adults who stutter. Brain 141, 2018

Chow, H. M., Chang, S. E.: White matter developmental trajectories associated with persistence and recovery of childhood stuttering. Human Brain Mapping 38, 2017

Kang, C. et al.: Mutations in the lysosomal enzyme-targeting pathway and persistent stuttering. New England Journal of Medicine 362, 2010

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GEHIRN&GEIST 53 12_2021