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STEGREIFKÜNSTLER


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digit! - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 29.10.2021

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Bildquelle: digit!, Ausgabe 5/2021

Die Schmuckdesignerin Saskia Diez, fotografiert für die im Zeitverlag erscheinende Zeitschrift Weltkunst.

„Den Zufall mit ins Boot holen – manchmal nicht die schlechteste Strategie“

Da ist dieses Bild vom Ammersee in Bayern, wo Julian Baumann aufgewachsen ist. Es zeigt vier kleine Mädchen von hinten, die Arm in Arm zwischen den Vorstadthecken der Abendsonne entgegengehen. Baumann hat das Bild als 18-Jähriger geschossen, im Vorbeifahren, vom Fahrrad aus. Später war es in Ausstellungen zu sehen und wurde in der Zeitschrift Neon abgedruckt. Es ist, auch wenn sich sein Stil inzwischen verändert hat, symptomatisch für seinen Blick auf die Welt, für seine Arbeitsweise: so wenig wie möglich planen, die Dinge auf sich zukommen lassen, den fotografischen und den zwischenmenschlichen Augenblick auskosten – und dann spontan mit dem arbeiten, was sich vor Ort anbietet.

Eine kleine Assistentin wirft große Schatten

Der 39-Jährige kann viele solcher Stegreif-Geschichten erzählen. Am Ende glücken sie – nicht irgendwie, ...

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... sondern oft grandios. Geschichten wie die vom Shooting mit dem Schriftsteller und Religionstheoretiker Navid Kermani für das SZ-Magazin etwa. Kermani sei sehr zugewandt gewesen, habe auf das Shooting zunächst aber offensichtlich wenig Lust gehabt und noch weniger Zeit, unter anderem weil er seine Tochter betreuen musste. Baumann begriff diesen Umstand als Herausforderung – und machte Kermanis Tochter kurzerhand zu seiner Assistentin. Er drückte der Sechsjährigen ein LED-Dauerlicht in die Hand und sagte: „Halt die Lampe mal auf den Papa.“ Das Kind war klein, der Winkel entsprechend groß. Am Ende entstand eine Aufnahme, die ein Sinnbild für den intellektuellen Fußabdruck eines Mannes sein könnte, der vielfach ausgezeichnet wurde und vor ein paar Jahren gar als Bundespräsident im Gespräch war: Kermani als Figur, die einen überlebensgroßen Schatten an die Wand hinter sich wirft.

Oder die Geschichte hinter dem Shooting mit Haruki Murakami. Der Anlass war eine literarische Rezension, die der japanische Kult-Autor für Die Zeit über die Bayreuther Festspiele schreiben sollte. Baumann war mit ihm an der Wagner-Statur vor dem Gebäude verabredet, aber anstatt das Offensichtliche ins Bild zu fassen, ließ er den Meister der surrealen Popliteratur kurzerhand auf einen Konzertflügel klettern. Ein ikonischer Schuss – und doch ist Baumanns Lieblingsbild aus der Strecke ein anderes: ein Closeup, das den Schriftsteller mit dem magisch-realistischen Schreibstil in Denkerpose zeigt, teils grell, teils weich angeleuchtet von einer alten Arri-Filmlampe, die Baumann derzeit besonders gerne einsetzt und einen Lichtreflex in die Augen zaubert, der dem Porträtierten fast schon etwas Außerirdisches verleiht.

Kracht im Streichelzoo

Und ja, dann ist da noch die unwahrscheinliche Geschichte mit Christian Kracht. Baumann sollte den Schweizer Autor für Neon porträtieren anlässlich des Erscheinens seines dritten Romans „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Kracht schlägt ein naturhistorisches Museum vor, der ausgestopften Tiere wegen. Vor Ort meint er dann aber, das gehe gar nicht, alles sei „so tot“. Woraufhin Baumann einen Streichelzoo als Alternativ-Location vorschlägt, da seien die Tiere lebendig. Die beiden vereinbaren einen neuen Termin, es entsteht eine symbolträchtige Strecke mit Kracht zwischen Rehen und Ziegenböcken. Am Ende fehlt noch das obligatorische Kopfportrait, und hier greift Baumann den Zufall wieder bei den Hörnern. „Irgendwann sagte Kracht mir: ‚Da ist eine Fliege in meinem Gesicht.‘ Ich begriff, dass das ein ikonisches Bild werden könnte, aber leider saß die Fliege auf der kameraabgewandten Gesichtshälfte. Also haben wir gewartet, und irgendwann kam sie zurück und setzte sich auf die richtige Seite – zwischen Lippe und Nase.“

Das Bild, entstanden 2008, wurde eines seiner meist gezeigten. Baumann hat die Strecke unter anderem die Lead Awards eingebracht, dazu erfolgreiche Mappentermine mit Redaktionen renommierter Magazine. Den Zufall mit ins Boot zu holen, das ist manchmal nicht die schlechteste Strategie.

„Die Leute fangen an, Geschichten zu erzählen, während meine andere Hirnhälf te überlegt, wie ich das fotografisch umsetze.“

Das Portrait als Maßanzug

Improvisieren statt vorplanen – ist da das eigene Scheitern nicht immer mal wieder vorprogrammiert? „Nein“, antwortet Baumann. „Das Tolle ist ja: Es gibt irgendetwas in dieser Verabredung zwischen Fotografen und Gegenüber, das dazu führt, dass eigentlich immer etwas dabei herauskommt.“ Und dann sagt er noch: „Ein gutes Portrait ist wie ein Maßanzug, und den schneidert man, glaube ich, am besten aus der Situation heraus.“ Wir fragen nach: Wie bitte funktioniert das, wenn man den zu Porträtierenden zum ersten Mal in vivo erlebt und vielleicht nur eine halbe Stunde hat oder sogar weniger? „Ich rede wahnsinnig viel mit den Leuten, ich bin zugewandt und kollaborativ, erkläre genau, was ich mir vorstelle, und erbitte Feedback“, sagt Baumann, der am liebsten ohne Assistenten arbeitet, um sich ganz auf sein Gegenüber konzentrieren zu können. „Und dann, nach etwa fünf Minuten, passiert etwas Unerwartetes. Die Leute öffnen sich, fangen an, Geschichten zu erzählen, die sie sonst vielleicht nicht erzählen. Gleichzeitig überlegt meine andere Hirnhälfte, wie ich das jetzt fotografisch umsetzen kann, was da gerade passiert.“ Das sei für ihn das Schönste und zugleich Unerklärliche an der Fotografie: dass in so kurzer Zeit so etwas wie eine Verbindung entstehen könne. „Oft fühlt es sich so an, als ob ich aufgeregter über die Begegnung bin als über das Ergebnis. Das braucht Zeit und kostet Kraft, aber es ist fantastisch.“

Die Idee, das Bild vorher im Kopf zu haben, wie das viele Fotografen für sich beanspruchen, sei eine legitime Herangehensweise, ihm selbst aber völlig fremd.

Baumann: „Ich brauche die Nervosität des Augenblicks. Wenn ich vorher wüsste, wie das Bild aussieht, würde ich mich langweilen.“

„Der bringt schon was mit nach Hause“

Julian, du verstehst dich vor allem als Portraitfotograf. Was ist ein gutes Portrait?

Julian Baumann: Man sagt ja, ein Portrait sei immer auch ein Selbstportrait – ich glaube, da ist was dran. Allerdings finde ich, dass ein Portrait umso besser ist, je kleiner der eigene Anteil ausfällt. Auch deshalb versuche ich, die Portraits immer mit meinem Gegenüber zusammen zu erarbeiten.

Welche Technik nutzt du?

JB: Bis vor einiger Zeit habe ich mit einer Canon EOS 5D Mark III und mit Festbrennweiten fotografiert. Inzwischen bin ich auf eine Sony A7 III und Zoomobjektive umgestiegen. Der Geschwindigkeitszuwachs dieser Kombination ist enorm, und das ist für mich das entscheidende Kriterium.

Deine Bildsprache lebt unter anderen von artifiziellen, verfremdenden Lichtatmos. Wie erzeugst du diese?

JB: Ursprünglich komme ich aus der Available-Light-Fotografie, bei der ich aber immer schon gerne Kunstlicht einbezogen habe. Irgendwann habe ich mir gedacht: Statt ständig nach der nächsten Dönerbude mit Leuchtreklame zu suchen, kann ich das Licht ja auch einfach selbst mitbringen. Ich arbeite ausschließlich mit Dauerlicht, auch weil ich so die Lichtstimmung sofort sehe. Vor einiger Zeit habe ich mir eine alte Arri-Filmleuchte zugelegt. Deren Tungsten-Glühbirne wirft ein warmes, weiches, man könnte sagen „analoges“ Licht, das Teil meines derzeitigen Looks ist. Hinzu kommt das, was man „kontrollierte Unfälle“ nennen könnte – ein Experimentieren mit ästhetisch ansprechenden Fehlern, die bestimmte Lichtarrangements produzieren. Oft kann ich am Ende gar nicht mehr sagen, wie ich das gemacht habe, und das finde ich gut.

Warum buchen dich deine Kunden?

JB: Schwer zu sagen. Zugespitzt könnte man es vielleicht so formulieren: Ich werde gebucht, wenn die Leute wissen, dass wenig Zeit da ist und die Shooting-Bedingungen oder die Location ungünstig sind. Dann heißt es: Der kommt schon mit irgendwas Brauchbarem nach Hause.

Du bist 39, gehörst also, sagen wir mal, der mittleren Fotografen-Generation an. Was würdest du Leuten empfehlen, die jetzt in die Editorial-Fotografie einsteigen?

JB: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das Komische ist: Als ich anfing, schwärmten ältere Kollegen immer von den „goldenen Zeiten“ des Bildjournalismus, die unwiederbringlich vorbei seien. Rückblickend könnte ich in dasselbe Horn stoßen: Als ich Mitte der Nullerjahre anfing, für Neon zu arbeiten, herrschte noch eine große Freiheit; die Anzahl an Reisen und Reportagen, die ich und meine Kollegen damals machen konnten, ist inzwischen utopisch. Wie man heute als Neueinsteiger seinen Fuß in das Business reinkriegt, weiß ich auch nicht. Im Zweifel mit noch mehr Eigeninitiative?

Wie sieht du deine Zukunft? Glaubst du, dass du dich irgendwann langweilen wirst?

JB: Sicher nicht. Das ist ja das Tolle am Fotografieren. Man kommt nie an, es geht immer weiter. Es wird nie langweilig, weil man immer weiter lernt.

JULIAN BAUMANN, Jahrgang 1982, wurde in in München geboren, verbrachte seine Jugend in einem Dorf am Ammersee, studierte später an der Münchner Fotoschule und arbeitete noch während seiner Ausbildung als freier Fotograf für die Redaktion der Neon. Heute zählt er unter anderem das SZ Magazin, Die Zeit, brand eins, 11 Freunde, verschiedene Theater sowie Corporate-Kunden aus der Automobil- und Investitionsgüterbranche zu seinen Kunden. www.julianbaumann.com instagram.com/baumann_julian