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STERNSYSTEME: DER STAMMBAUM DER SONNE


Spektrum der Wissenschaft Spezial Physik, Mathematik, Technik - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 23.08.2019
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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Physik, Mathematik, Technik, Ausgabe 3/2019

Vorfahr
Ein Vorgängerstern der Sonne könnte einige zehn Millionen Jahre vor dieser entstanden und bald darauf in einer Supernova-Explosion vergangen sein. Diese schleuderte Atome ins Weltall, unter anderem das radioaktive Aluminium-26, die zum Teil zum Baumaterial der Sonne und der Planeten des Sonnensystems wurden. 2012 tauften Astronomen diesen hypothetischen Stern »Coatlicue«.

Geschwister
Die Sonne leuchtete erstmals auf, als sich Teile einer ausgedehnten Wolke aus Gas und Staub so verdichtet und aufgeheizt hatten, dass Atomkerne miteinander verschmolzen. Insgesamt gingen aus der Wolke wohl zwischen ...

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Geschwister
Die Sonne leuchtete erstmals auf, als sich Teile einer ausgedehnten Wolke aus Gas und Staub so verdichtet und aufgeheizt hatten, dass Atomkerne miteinander verschmolzen. Insgesamt gingen aus der Wolke wohl zwischen einigen hundert und 10 000 Sterne hervor. Diese entfernen sich seither voneinander. Forscher suchen in der Milchstraße nach Sternen, die vermutlich gemeinsam mit der Sonne entstanden sind, und konnten bereits einen Kandidaten identifizieren.

Neue Forschungsergebnisse decken die überraschende Vergangenheit unseres Zentralgestirns auf – und geben Hinweise auf seine Zukunft.

Rebecca Boyle ist Wissenschaftsjournalistin in Saint Louis, Missouri.

spektrum.de/artikel/1603754

Kindheit
Um die junge Sonne kreisten Staubkörnchen, die sich sammelten und kleinere Körper bildeten. Innerhalb von nur einer Million Jahren gab es Asteroiden, nach einer weiteren Million möglicherweise schon die ersten Gesteinsplaneten. Die Erde hat sich vermutlich zwischen 38 Millionen und 120 Millionen Jahren nach der Sonne geformt.

Tod
In etwa fünf Milliarden Jahren wird die Sonne verglühen und ihre Außenschichten abstoßen, die zu einem leuchtenden Planetarischen Nebel werden. In dessen Zentrum glimmt dann der Überrest des Sonnenkerns als Weißer Zwerg. Die inneren Planeten, vielleicht auch die Erde, werden von der Sonne in der Endphase ihres Lebens verschluckt, doch die Objekte im äußeren Sonnensystem könnten die Ereignisse überdauern.

 Vor 4,6 Milliarden Jahren war das Material, aus dem bald darauf unser Sonnensystem entstehen sollte, in einer kalten und dunklen Umgebung weit verteilt. Die Sonne gab es noch nicht, bloß eine hauchdünne Wolke aus den Überresten früherer Sterne, angereichert mit Elementen, die sich in unvorstellbar gewaltigen Katastrophen gebildet hatten. Bis zu einem folgenreichen Ereignis.

Vielleicht rüttelte die Gravitation eines vorüberziehenden himmlischen Nomaden an der Wolke. Oder ein weiter entfernter Stern verging, und der Hauch seiner Explosion schob die Atome zusammen, so wie ein Windstoß Herbstlaub zu einem Haufen wirbelt. Was auch immer die Ursache war: Die Atome rückten näher aneinander, und die Gaswolke wurde unaufhaltsam dichter. Schließlich heizte sich die zusammenströmende Materie so sehr auf, dass Wasserstoff zu Helium fusionierte. Die Sonne war geboren, und wenig später entstand in ihrem Umfeld unter anderem die Erde.

Diese relativ einfache Geschichte unserer näheren kosmischen Umgebung entwickelte sich in letzter Zeit zu einer wesentlich reichhaltigeren und komplexeren Biografie. Leistungsstarke Weltraumteleskope, das aufblühende Forschungsgebiet der »Kosmochemie« sowie an die Genealogie angelehnte Methoden haben den Astronomen neue Einblicke in die Vergangenheit unseres Zentralgestirns gewährt. Heute wissen sie: Die Sonne war nicht immer eine Einzelgängerin. Sie hatte Geschwister – und hat möglicherweise sogar einen Planeten adoptiert. Ebenso gab es eine Art Mutter, einen Riesenstern, dessen kurzes Leben das Material für das Sonnensystem lieferte. Diese Bausteine könnten mindestens 30 Millionen Jahre lang vom Rest der Galaxie isoliert existiert haben.

Auch die Sonne wird vergehen. Sie wird in etwa fünf Milliarden Jahren ihren Wasserstoffvorrat allmählich aufbrauchen und sich zu einem Riesenstern aufblähen, dessen Außenbereiche sich sogar bis zu unserem Planeten erstrecken könnten. Die Wissenschaftler erforschen den möglichen Einfluss der sterbenden Sonne auf das interstellare Medium, also auf das Gas und den Staub zwischen den Sternen, und die Auswirkungen auf die Beschaffenheit künftiger Sterne und der galaktischen Umgebung. Stößt die Sonne durch ihren Tod vielleicht selbst wiederum die Entstehung neuer Sterne und Planeten an?

Indem sie die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Sonne ergründen, erzählen die Astronomen außerdem mehr als eine lokal begrenzte Geschichte. Von den unfassbar vielen Sternen kennen wir schließlich nur diesen aus der Nähe. Jede Einsicht liefert uns indirekt Informationen über weit entfernte Objekte, die wir niemals so genau kennen lernen werden.

Womöglich erbrütete ein gewaltiger Stern die Grundzutaten des Sonnensystems
Einige der ersten galaktischen Sterne vergingen bereits wenige Millionen Jahre nach ihrem Auftreten und verteilten dabei schwere Elemente wie Eisen und Aluminium im All. Ihre Überreste stellten das Baumaterial neuer Sterngenerationen und brachten schließlich die Vorgänger der Sonne hervor. Astronomen rekonstruieren die Geschehnisse anhand übrig gebliebener Brocken aus der Anfangszeit des Sonnensystems. Dazu vergleichen sie den Anteil unterschiedlicher radioaktiver Isotope in Meteoriten einerseits mit dem interstellaren Medium der Milchstraße andererseits, das stetig durch den Tod weiterer Sterne Nachschub erhält. Die Atome zerfallen mit einer spezifischen Rate, und Unterschiede in den jeweiligen Mengen dienen entsprechend als Uhr für die Entstehungszeitpunkte der Bausteine.

Mit der Untersuchung eines dieser Isotope, Aluminium- 26, verfolgten Matthieu Gounelle vom französischen Nationalmuseum für Naturgeschichte und Georges Meynet von der Sternwarte Genf den Stammbaum der Sonne über drei Generationen hinweg. Aluminium-26 besitzt eine Halbwertszeit von rund einer Million Jahren, das heißt, innerhalb dieser Zeit ist die Hälfte radioaktiv zerfallen. Das Isotop findet sich in den Meteoriten aus der Frühzeit des Sonnensystems und stammt nach Ansicht vieler Astronomen von einer Supernova, die noch während der Entstehung der Sonne in der Nachbarschaft explodierte. Doch ein solches Ereignis in unmittelbarer zeitlicher und räumlicher Nähe wäre ein ungewöhnlicher Zufall.

Gounelle und Meynet zeigten 2012, dass das Aluminium- 26 stattdessen auch aus dem Inneren eines massereichen Sterns stammen könnte. Dieser Himmelskörper wäre laut den Berechnungen der Forscher mit etwa der 30-fachen Masse der Sonne der größte in der kosmischen Nachbarschaft gewesen. Wie vergleichbare Sterngiganten hätte er ein kurzes, aber spektakuläres Leben gehabt und wäre schon wenige Millionen Jahre nach seiner Geburt explodiert.

Dabei hätte er nicht nur Aluminium-26 freigesetzt, sondern im Verlauf der Supernova auch Wasserstoff, schwere Metalle und radioaktive Elemente in die Gaswolke getrieben, aus der unser Sonnensystem vielleicht entstanden ist. Die Forscher tauften den hypothetischen

AUF EINEN BLICK: FAMILIENGESCHICHTEN IN DER MILCHSTRASSE

1 Astronomen erfahren mehr über den Ursprung unseres Sonnensystems, indem sie die Verteilungen bestimmter Elemente im All vermessen und die Bewegungen anderer Sterne untersuchen.

2 Die Forscher ermitteln beispielsweise, wie das Material vergangener Sterngenerationen in einstmals benachbarten Objekten aufgegangen ist, und erstellen Stammbäume wie in der Biologie.

3 Ein Stern, der wohl mit der Sonne entstanden ist, ließ sich bereits identifizieren. Hinweise auf weitere Geschwister könnten sich in den Datensätzen hochpräziser Himmelsdurchmusterungen verbergen.

Im Oktober 2014 schleuderte die Sonne bei einer Eruption große Mengen Plasma ins All. Solche Ausbrüche kommen immer wieder vor – die kräftigsten unter ihnen setzen noch zehnmal mehr Energie frei.

Riesenstern Coatlicue, nach der Mutter der Sonne in der Mythologie der Azteken.

Spätere Untersuchungen haben weitere Hinweise

darauf geliefert, wie und über welche Zeiträume die Bausteine des Sonnensystems zusammengefunden haben. 2014 berechneten beispielsweise australische Wissenschaftler, dass einige der schweren Metalle wie Gold, Silber und Platin, die auf der Erde und in Meteoriten vorkommen, bereits etwa 100 Millionen Jahre und ein Teil der seltenen Erden wie Neodym rund 30 Millionen Jahre vor der Geburt der Sonne in unserer kosmischen Nachbarschaft eingetroffen sind.

Um diese mögliche Geschichte unseres Sonnensystems zu überprüfen, vergleichen Astronomen das Szenario mit der Entstehung anderer Objekte mit ähnlicher chemischer Zusammensetzung. Alles scheint zu passen. Nach Ansicht der Astrophysikerin Megan Bedell vom Flatiron Institute in New York City, die sich auf Planetensysteme in der Milchstraße spezialisiert hat, ist die Sonne »in den Kontext ihrer Nachbarn gestellt ein für solche Entstehungsbedingungen ganz typischer Stern«.

Die Wissenschaftler spüren nicht nur den direkten Vorfahren der Sonne nach. Mit Hilfe von aus der Biologie entliehenen Verfahren halten sie auch nach Cousins, Onkeln und anderen Verwandten Ausschau – sie erforschen sozusagen den ganzen Familienstammbaum. Ein Botaniker kann die DNA oder vererbte Eigenschaften auf der Suche nach Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Pflanzen nutzen. Astronomen verwenden dafür das Verhältnis chemischer Elemente in den Sternen. Didier Fraix- Burnet vom Institut für Planetenforschung und Astrophysik in Grenoble hat die Methode 2001 als einer der Ersten vorgeschlagen. Er bezeichnete sie als Astrokladistik, angelehnt an die Systematik auf der Basis der Evolutionsbiologie. 2017 konstruierten Paula Jofré von der Universidad Diego Portales in Chile und ihre Kollegen mit diesem Verfahren einen stellaren Stammbaum für die Nachbarschaft der Sonne.

Chemie enthüllt stellare Verbindungen

Dabei wendeten Jofré und ihr Team in Zusammenarbeit mit einem Evolutionsbiologen der University of Cambridge die »Distanzmethode« an: ein Verfahren, bei dem unterschiedliche Äste evolutionäre Veränderungen bedeuten. Übertragen auf die Astronomie repräsentieren die Äste Sternpopulationen, die sich bezüglich ihres Alters und ihres Bewegungsmusters unterscheiden.

Zur Veranschaulichung kann man sich zwei Generationen von Sternen vorstellen. Die erste bestand aus einem großen und einem kleinen Exemplar. Der massereichere Stern explodierte früher und führte zur Entstehung eines Sterns der zweiten Generation – ähnlich wie der Tod von Coatlicue zur Geburt der Sonne. »Die zweite Generation enthält Informationen aus der ersten. Sie sind gewissermaßen genetisch miteinander verknüpft«, kommentiert Jofré. »So könnten wir auf einen Stern und seinen Onkel stoßen.« Letzterer wäre in diesem Fall das kleinere, noch nicht explodierte Objekt.

Jofré und ihre Kollegen untersuchten eingehend 21 nahe Sterne, die unserer Sonne ähneln. Dabei konzentrierten sie sich auf 17 chemische Elemente und ordneten die Sterne anhand ihrer Elementhäufigkeiten. So sortierten die Forscher sie in zwei bereits zuvor bekannte Familien ein. Allerdings stießen sie auch auf Exemplare, die zu einer neuen, zuvor unbekannten dritten Gruppe gehören, die Jofré zufolge immer noch rätselhaft ist.

Nach der Geburt von Coatlicue einige zehn Millionen Jahre vor der Entstehung der Sonne ging es ringsum recht geschäftig zu. Gas kollabierte, und Kernreaktionen zündeten – neue Sterne leuchteten auf. Sie schleuderten Materie und Strahlung in die Umgebung, drückten dort befindliches Gas zusammen und lösten so die Entstehung weiterer Sterne aus. Schätzungen ihrer Gesamtzahl reichen von Hunderten bis zu Zehntausenden. Vermutlich liegt die Wahrheit eher am unteren Ende, berücksichtigt man die recht stabile Anordnung der Planeten. Andere Sterne in der Nähe hätten das Sonnensystem zu sehr gestört.

Obwohl sie im gleichen Umfeld entstanden sind, haben sich die Geschwister der Sonne im Lauf der Zeit von ihr wegbewegt. Einige explodierten, andere entfernten sich wegen kleiner Unterschiede bei der Umlaufgeschwindigkeit um das galaktische Zentrum. Aus ihren gegenwärtigen Positionen lässt sich kaum noch auf den Startpunkt schließen. Keith Hawkins, Astronom an der Columbia University, zieht einen Vergleich: »Das ist ähnlich wie bei meinem Zwillingsbruder und mir. Wir wurden gemeinsam geboren, leben heute aber weit voneinander entfernt und tun unterschiedliche Dinge.« Doch Hawkins zufolge erlaubt es die Kosmochemie immerhin, Verbindungen aufzuspüren – etwa über die typischen Verhältnisse bestimmter

Elemente in den Sternen. Ivan Ramírez, heute Professor am Tacoma Community College, machte sich 2014 auf eine solche Suche. Er begann mit rund 30 Kandidaten, die er auf Basis ihrer chemischen Zusammensetzung sowie der Geschwindigkeit und Richtung ihrer Bewegung durch die Milchstraße ausgewählt hatte. Nach weiteren Überprüfungen verkleinerte sich das Feld auf nur noch einen einzigen Stern mit der Bezeichnung HD 162826. Er ist um 15 Prozent massereicher und leuchtet etwas blauer als die Sonne. Heute befindet er sich 110 Lichtjahre entfernt im Sternbild Herkules und lässt sich schon mit einem guten Fernglas aufspüren, oberhalb der Schulter des Herkules, nicht weit von Wega.

Er habe diese Form des Fährtenlesens einerseits aus reiner Neugier begonnen, erzählt Ramírez, andererseits um eine Strategie zu testen, die sich auf die gigantische Datenmenge des europäischen Satelliten Gaia anwenden lässt. Gaia misst die Helligkeit und die genaue Position von Sternen am gesamten Himmel. So entsteht die bislang detailreichste dreidimensionale Karte der Milchstraße. Ein im April 2018 veröffentlichtes Datenpaket enthielt hochgenaue Messdaten von mehr als 1,3 Milliarden Sternen.

Ramírez hofft, dass sich mit Gaia vielleicht die Hälfte der Geschwister der Sonne aufspüren lässt. Die Forscher erwarten dadurch Erkenntnisse zur Bewegung der Sonne und ihrer Geburtsumgebung durch die Milchstraße. Die Sonne umkreist das Zentrum der Galaxis mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Kilometern pro Sekunde und hat es schätzungsweise bereits 20-mal umrundet.

Erhielt die Sonne zusätzlich zu ihren eigenen Planeten noch einen fremden Himmelskörper?

Nicht lange nachdem die Sonne und ihre Geschwister ihr erstes Licht aussendeten, verdichteten sich Staubkörnchen um viele – wenn nicht sogar alle – dieser Sterne zu Planeten. Zumindest in unserem Sonnensystem begann das postwendend: Wie Untersuchungen an Meteoriten zeigen, dauerte es weniger als eine Million Jahre, bis die erste Generation von Asteroiden entstanden war. Angetrieben vor allem durch die Wärme des radioaktiven Zerfalls von Aluminium-26 trennten sich Metalle und Silikatverbindungen im Inneren großer Gesteinskörper in Kern und Mantel. Bald gab es größere Planeten (siehe »Aufruhr in der Kinderstube«,Spektrum März 2017, S. 44). Der Mars könnte sich innerhalb von zwei Millionen Jahren gebildet haben, die Erde zwischen 38 und 120 Millionen Jahre nach der Geburt der Sonne.

Etwa zu dieser Zeit hat die Sonne eventuell sogar einen Planeten von einem ihrer Geschwister aufgelesen. Der mutmaßliche »Planet Neun«, ein theoretisch vorhergesagter großer Körper weit draußen im Sonnensystem, wäre dann eine Art Cousin der anderen Planeten, den die Sonne 100 Millionen Jahre nach ihrer Geburt adoptiert hat. Für ein solches Szenario müsste Planet Neun seinen Ursprungsstern in einer weiten Bahn umkreist haben, in 100 bis 500 Astronomischen Einheiten, das heißt der 100- bis 500-fachen Entfernung von Erde und Sonne. Der zugehörige Stern sollte in einem Abstand von zirka 1500 Astronomischen Einheiten an der Sonne vorbeigeflogen sein.

Solche stellaren Begegnungen sind in Sternhaufen durchaus üblich, und Astronomen halten den Vorgang auch bei unserer Sonne für möglich. Sie hatte bei Planet Neun eine ganze Reihe von Gelegenheiten dazu, ermittelten 2016 Alexander Mustill und Melvyn Davies von der Universität Lund in Schweden gemeinsam mit ihrem Kollegen Sean Raymond von der Université de Bordeaux in Frankreich. Das hätte sogar vor sich gehen können, ohne dabei den Kuipergürtel zu stören, einen Ring von Kometen und Asteroiden im äußeren Sonnensystem.

Weitere Untersuchungen der dortigen Objekte dürften den Forschern Informationen über die Herkunft von Planet Neun liefern – wenn es ihn denn gibt. Denkbar sind darü- ber hinaus sogar weitere Überläufer. Wie Eric Mamajek von der University of Rochester und seine Kollegen 2015 zeigten, durchquerte vor rund 70 000 Jahren der heute etwa 20 Lichtjahre entfernte, auch Scholz’ Stern genannte Himmelskörper WISE 0720−0846 die Oortsche Wolke in unserem Sonnensystem. Dabei handelt es sich um eisige Planetesimale, die weit jenseits der Plutobahn die Sonne umkreisen. Die enge Begegnung mit weniger als einem Lichtjahr Abstand beeinflusste die Umlaufbahnen einiger Objekte in der Oortschen Wolke, wie Carlos de la Fuente Marcos von der Universidad Complutense Madrid 2018 berechnete. Und die Astronomen wissen inzwischen, dass auch kleinere Objekte unserem Sonnensystem einen Besuch abstatten, wie beispielsweise der interstellare Asteroid 1I/’Oumuamua im Herbst 2017.

Während sich die Planeten um die Sonne bildeten, veränderte sich das Zentralgestirn. Megan Bedell erforscht schon länger den Zusammenhang zwischen dem chemischen Fingerabdruck von Sternen und der Planetenentstehung. Dabei untersucht sie solare Zwillinge, die nicht unbedingt aus derselben Familie stammen müssen, aber die gleiche chemische Zusammensetzung aufweisen. Die Sonne ist in einer entscheidenden Hinsicht ungewöhnlich. Sie besitzt in ihren Außenschichten weniger schwere Elemente, der Unterschied liegt bei wenigen Erdmassen. Eine mögliche Interpretation des Befunds ist laut Bedell, dass die Materie »in den terrestrischen Planeten und den Kernen der Gasriesen gebunden ist und deshalb in den Außenbereichen der Sonne fehlt«. Der Zusammenhang könnte einen neuen Ansatz für die Suche nach Exoplaneten bieten: Enthält ein sonnenähnlicher Stern etwas weniger schwere Elemente, wird er vielleicht von einem Planetensystem mit vergleichbarer Architektur wie der von unserem umkreist.

In etwa fünf Milliarden Jahren hat die Sonne den Wasserstoffvorrat in ihrem Kern verbraucht. Daraufhin wird sie sich zu einem Roten Riesen aufblähen und Merkur sowie Venus verschlingen. Die Erde zieht dann wahrscheinlich sehr nahe über der Oberfläche ihre Bahn oder verschwindet ebenfalls darin. Der Kern der Sonne wird sich abkühlen, weil der nukleare Ofen langsam verglimmt. Die Anziehungskraft reicht nicht aus, um die aufgeblähten, diffusen Außenschichten zu halten, und die Atmosphäre der Sonne entweicht ins All. »Die Sonne wird zu einem dieser wunderschönen Planetarischen Nebel mit einem Weißen Zwerg im Zentrum«, sagt Hawkins. Dieser kleine, dichte Sternrest kühlt im Lauf der Zeit ab und zieht für Äonen weiter seine Bahn durch die Milchstraße.

Familienbande
Astronomen entwickelten in Anlehnung an die Biologie einen Stammbaum für unsere Region der Galaxis. Sie betrachteten 21 Sterne, die unserer Sonne im Hinblick auf Farbe und Helligkeit ähneln, und analysierten chemische Gemeinsamkeiten. So ergründeten die Wissenschaftler die verwandtschaftlichen Beziehungen und fanden drei deutlich unterscheidbare Familiengruppen. Jede von ihnen hat möglicherweise unterschiedliche Vorfahren, deren Tod den Weltraum mit Materie für die nächste Generation anreicherte. Die Gruppe der Sonne ist in Gelb und Rot dargestellt. Graue Sterne lassen sich keiner der Familien zuordnen.

Auf der Sonnenoberfläche bilden sich in aktiven Regionen mit stark verdrehten Magnetfeldern Sonnenflecken (auf dieser Aufnahme erscheinen sie heller). In den größten dieser Flecken würde die Erde mehrmals hineinpassen. Das Bild zeigt die Sonne in einer Phase höherer Aktivität im Jahr 2014.

Hans Van Winckel und Michaël Hillen von der Katholischen Universität Löwen in Belgien zeigten 2016, dass sonnenähnliche Sterne sogar im Alter noch eine neue Schar Planeten produzieren können. Mit dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile entdeckten sie eine heiße Staubscheibe um einen alten, sterbenden Stern, die wie die protoplanetaren Scheiben um junge Exemplare aussieht. Das bedeutet, dass einige Sterne – vielleicht sogar unsere Sonne – eine zweite Chance zur Erschaffung von Planeten erhalten. Allerdings ist ein solches Szenario für ein Doppelsternsystem wahrscheinlicher.

Die Überreste der Sonne werden sich im interstellaren Medium verteilen. Bedell meint allerdings, das ausgestoßene Material träfe wahrscheinlich nicht auf genug anderes, um die Bildung eines neuen Sterns auszulösen.

»Es wäre sicher poetischer – im Sinn des ewigen Kreislaufs des Lebens –, würde es zu einem Bestandteil der nächsten Generation«, sagt die Forscherin. Doch die Sonne werde vermutlich in den äußeren Bereichen der Milchstraße »einen stillen Tod sterben« und nur wenige Spuren hinterlassen, die von ihrem abenteuerlichen Leben künden.

Noch sind wir da. Alles, was wir über die Sonne lernen, gilt nicht nur für unsere Ecke des Kosmos, sondern erleichtert uns den Zugang zu den vielen Systemen, die wir nicht aus der Nähe untersuchen können. »Ich habe Leute schon sagen hören, Sterne seien im Prinzip ein gelöstes Problem«, kommentiert Bedell. »Es gibt jedoch noch vieles, was wir nicht verstehen.« Unsere Sonne hilft uns, das langsam, aber sicher zu ändern.

QUELLEN

Bedell, M. et al.: The chemical homogeneity of sun-like stars in the Solar neighborhood. arXiv, 1802.02576, 2018

De la Fuente Marcos, C. et al.: Where the solar system meets the solar neighbourhood: patterns in the distribution of radiants of observed hyperbolic minor bodies. Monthly Notices of the Royal Astronomical Society: Letters 476, 2018

Gounelle, M., Meynet, G.: Solar system genealogy revealed by extinct short-lived radionuclides in meteorites. Astronomy & Astrophysics 545, 2012

Jofré, P. et al.: Cosmic phylogeny: reconstructing the chemical history of the solar neighbourhood with an evolutionary tree. Monthly Notices of the Royal Astronomical Society 467, 2017

Ramírez, I. et al.: Elemental abundances of solar sibling candidates. Astrophysical Journal 787, 2014