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Steuerbegünstigte Rücklage für Risikoausgleich: eine Modellrechnung


TASPO - epaper ⋅ Ausgabe 16/2019 vom 20.04.2019

Wie sich dieses Instrument der Hilfe zur Selbsthilfe rechnet.


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2018 gab es extreme Dürre und große Schäden im Agrarbereich. Doch wie mit solchen Risiken umgehen?


Foto: Adobe stock

Im Auftrag des Zentralverbandes Gartenbau (ZVG) wurde durch die Gartenbau-Unternehmens-Beratungsgesellschaft (GUB) ein Modell einer Risikoausgleichsrücklage entwickelt und die finanziellen Auswirkungen an verschiedenen Beispielen berechnet. Die Ergebnisse stellte Jürgen Forster, Geschäftsführer der GUB, im Rahmen eines Berichterstattergesprächs dem Bundestagsausschuss für Landwirtschaft und Ernährung am 14. Januar in Berlin vor(siehe TASPO 4/19) .

Die Risikoausgleichsrücklage (kurz: RAR) ist ein Modell für eine steuerlich begünstigte Maßnahme zur Kompensation von Schäden im Gartenbau in der Folge von Elementarschäden (Klimawandel) und Quarantäneschäden.

Finanzielle Schäden, die unter anderem durch extreme Wetterereignisse verursacht werden, treten in den vergangenen Jahren verstärkt auf und können Gartenbaubetriebe in ihrer Existenz gefährden. Hagel, Spätfröste oder Starkregen können die Arbeit von Jahren innerhalb kürzester Zeit zerstören. Die extreme Dürre im Jahr 2018 hat bundesweit für Einbußen in der Urproduktion gesorgt.

Teilweise wird den betroffenen Betrieben durch öffentliche Zuschüsse geholfen, andere Betriebe müssen die finanziellen Schäden selbst tragen. Auch zwischen den Bundesländern sind unterschiedliche Vorgehensweisen bei gleicher Ausgangslage festzustellen. Im Ergebnis besteht keine Sicherheit für den einzelnen Betrieb, ob er bei einem Schaden mit Hilfe rechnen kann oder nicht. Versicherungslösungen gibt es nicht für alle Schadensarten und sind bei versicherbaren Schäden oft mit erheblichen Kosten verbunden.

Argumente gegen eine Risikoausgleichsrücklage

Vier Argumente werden gegen die Einführung einer RAR in Diskussion gebracht(siehe auch Seite 4) :

1 Es gibt bereits die Tarifglättung nach § 32c Einkommensteuergesetz für die Land- und Forstwirtschaft. Damit gäbe es bereits eine wirksame finanzielle Hilfe für die von entsprechenden Wetterextremen betroffenen Betriebe. Dieses Argument ist in zweierlei Hinsicht falsch. Erstens ist dieses Gesetz noch nicht von der EU genehmigt und gibt es daher faktisch noch nicht. Zweitens ist der finanzielle Vorteil, den diese Vorschrift bringen kann, viel zu gering, um in Notfällen wirklich helfen zu können.

2 Warum sollte es eine Sondervorschrift für die Landwirtschaft und den Gartenbau geben, wenn andere Branchen genauso von Wetterextremen betroffen sind? Der Gartenbau und auch die Landwirtschaft sind von Wetterextremen in der Produktion betroffen und nicht ausschließlich im Umsatz.

An einem Beispiel wird dies verdeutlicht: Ein Obstbaubetrieb verliert seine gesamte Apfelernte für ein Jahr, weil ein Spätfrost im April die Blüten zerstört hat. Alle Kosten für die Produktion sind angefallen und keine Umsätze werden aus dieser Produktion generiert. Dadurch entstehen sehr schnell Schäden für einen mittleren Betrieb in einer Größenordnung von mehreren hunderttausend Euro. Eine Eisdiele oder ein Biergarten hat bei einem verregneten Sommer einen Umsatzausfall, kann aber Kosten für Personal oder Einkauf von Waren einsparen. Dadurch sind die Schäden weniger dramatisch als in der Urproduktion.

3 Wirtschaftlich starke Betriebe könnten die Schäden durch Wetterextreme allein bewältigen, und Betriebe, die keine oder wenige Steuern zahlen, wird durch eine RAR, die eine Steuerersparnis bringt, nicht geholfen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sind auch diese Aussagen aus zweierlei Hinsicht falsch. Auch wirtschaftlich starke Betriebe können durch hohe Schäden schnell in ihrer Existenz gefährdet werden. Betriebe, die dauerhaft keine Steuern zahlen, haben auf mittlere Sicht gesehen keine Überlebenschance, ob mit oder ohne Risikoausgleichsrücklage.

4 Besser als eine RAR wäre es, wenn es entsprechende Versicherungslösungen für alle Elementarschäden gäbe. Versicherungslösungen und die Möglichkeit einer RAR könnte es parallel geben. Der finanzielle Vorteil, der die Bildung einer RAR bringt, kann als Selbstbeteiligung bei einer Versicherungslösung dienen. Dadurch können die Prämien einer Versicherung günstiger ausfallen.

Durch die Bildung einer Risikoausgleichsrücklage könnten die Betriebe eigenverantwortlich eine finanzielle Reserve für Notfälle bilden.

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Gärtnerei mit 1.000.000 Euro Umsatz und Gewinn von 100.000 Euro.


Tabelle: Forster/Feuerstein

Beschreibung des Modells der Risikoausgleichsrücklage (RAR)

Zur Bildung einer RAR sind Steuerpflichtige, die Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft haben, oder Unternehmen, die mindestens 25 Prozent der Umsätze aus der Urproduktion nachweisen können, berechtigt.

Die Rücklage darf maximal 20 Prozent der Umsatzerlöse des Vorjahres der Bildung nicht übersteigen. Pro Jahr können in die Rücklage maximal 50.000 Euro bis zur Maximalgrenze eingebracht werden. Die Bildung der Rücklage bewirkt, dass sich der im Jahresabschluss ausgewiesene Gewinn um den entsprechenden Betrag vermindert. Entsprechend geringer fällt die Ertragssteuer, die auf Grundlage des reduzierten Gewinns berechnet wird, für dieses Jahr aus.

Um finanzielle Mittel für den Notfall zur Verfügung zu haben, muss verpflichtend ein Konto (Festgeld oder vergleichbares) bei einem Kreditinstitut geführt werden. In Höhe von 30 Prozent der Rücklage muss Geld auf diesem Konto eingezahlt werden. Dieses Geld darf nur für den Schadensfall oder bei Auflösung der Rücklage verwendet werden. Diese Maßnahme soll sicherstellen, dass die gestundeten Ertragssteuern, pauschal mit 30 Prozent der RAR angesetzt, nicht für andere Zwecke als den Ausgleich von Elementarschäden oder Quarantäneschäden steuerbegünstigt verwendet werden können.

Schadensfälle sind Ereignisse, die sich aus dem Klimawandel oder Quarantäneschäden ergeben. Der Schadensfall, nicht die Schadenshöhe, sollte von einer offiziellen Stelle (Offizialberatung oder Kammer) dokumentiert werden. Die Schadenshöhe wird durch entsprechende Nachweise belegt. Nachweise können die Vorlage von Rechnungen, Belege über Umsatzrückgänge oder Gewinnrückgänge durch das Schadensergebnis sein.

Im Schadensfall soll die Rücklage steuerfrei aufgelöst und das angesparte Geld kann zur Minderung des finanziellen Schadens genutzt werden. Wenn die Rücklage ohne Schadensfall ausgelöst wird, ist dieser Vorgang zu versteuern.

Steuerfreie Auflösung der RAR im Schadensfall

An einem Beispiel wird die Wirkungsweise der RAR im Fall einer Gärtnerei mit einem Umsatz von einer Million Umsatz und einem Gewinn von 100.000 Euro beschrieben (siehe Tabelle):
■ Im Jahr 2 bis zum Jahr 5 wird jeweils die maximal mögliche Rücklage von 50.000 Euro gebildet.
■ In der Summe wird eine Rücklage von 200.000 Euro erreicht.
■Auf dem Geldkonto befinden sich 60.000 Euro.
■ Im Jahr 6 fällt das Schadensereignis an und der Gewinn geht auf 0 Euro zurück.
■ Die Rücklage wird in voller Höhe steuerfrei aufgelöst.
■ Das Geldkonto (60.000 Euro) steht in voller Höhe zur Verfügung, um die Schäden zu beheben.
■ Es fallen für das Schadensjahr keine Steuern an.
■ Die Steuerersparnis beträgt über den gesamten Zeitraum 66.836 Euro (Annahme: Zusammenveranlagung).

Steuerpflichtige Auflösung der RAR im Schadensfall

Ein zweites Bespiel, das identisch bis auf die steuerpflichtige Auflösung im Schadensfall mit dem oben beschriebenen Fall ist, zeigt, dass die Versteuerung der RAR die gewünschte Wirkung verhindert (siehe Tabelle unterer Teil):

■ Für das Schadensjahr fallen bei einer steuerpflichtigen Auflösung der RAR Steuern in Höhe von rund 65.000 Euro an.
■ Das Geldkonto beträgt 60.000 Euro, sodass die Steuerlast die Höhe des Geldkontos übersteigt und kein Geld für die Behebung der Schäden zur Verfügung steht.
An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Auflösung der Rücklage ohne eine Steuerfreistellung keine oder kaum positive Effekte zeigt.

Steuerpflichtige Auflösung der RAR im Schadensfall

Ein zweites Bespiel, das identisch bis auf die steuerpflichtige Auflösung im Schadensfall mit dem oben beschriebenen Fall ist, zeigt, dass die Versteuerung der RAR die gewünschte Wirkung verhindert (siehe Tabelle unterer Teil):

■ Für das Schadensjahr fallen bei einer steuerpflichtigen Auflösung der RAR Steuern in Höhe von rund 65.000 Euro an.
■ Das Geldkonto beträgt 60.000 Euro, sodass die Steuerlast die Höhe des Geldkontos übersteigt und kein Geld für die Behebung der Schäden zur Verfügung steht. An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Auflösung der Rücklage ohne eine Steuerfreistellung keine oder kaum positive Effekte zeigt.

Fazit

Die Einführung einer Risikoausgleichsrücklage (RAR) wird unter zwei Bedingungen Vorteile in der Praxis bringen:

■ Steuerfreie Auflösung der Rücklage im Schadensfall,
■ Führung eines Geldkontos bei Bildung der Rücklage.

Wenn die Auflösung der Risikoausgleichsrücklage im Schadensfall steuerpflichtig ist, vermindert sich die Wirkung, finanzielle Hilfe zur Milderung der Schäden zu haben, erheblich.

Die Verpflichtung ein Geldkonto zu führen, um die Rücklage bilden zu können, hat den Vorteil, dass liquide Mittel im Schadensfall zur Verfügung stehen.

Die Risikoausgleichsrücklage in der beschriebenen Form bietet die Möglichkeit, finanzielle Reserven für den Ausgleich von Elementarschäden und Quarantäneschäden im Unternehmen zu bilden.
(jf/sf)

Die Autoren

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Jürgen Forster ,
bestellter und vereidigter Sachverständiger Bewertungs- und Entschädigungsfragen in Gartenbaubetrieben

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Stefan Feuerstein ,
Steuerberater, Geschäftsführer, Buchstelle für den Gartenbau und verwandte Betriebe mbH

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