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STickerei


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 12.02.2020

Das Grassi Museum für Angewandte kunst in Leipzig präsentiert noch bis zum 29. März die vielfältige und faszinierende kunsttechnik der Stickerei. in einer Ausstellung unter dem Titel „History in Fashion. 1500 Jahre Stickerei in Mode“ werden rund 130 ausgewählte historische Objekte aus der in großen Teilen unbekannten Textilsammlung des Grassimuseums nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.


Damals und heute

Arbeiten aus koptischer Zeit und Mittelalter, reiche Stickereien des Barock und des 19. Jahrhunderts und aktuelle Werke stehen sich in sechs Themengruppen gegenüber. Traditionelle Kunstfertigkeit ...

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Bildquelle: Trödler, Ausgabe 3/2020

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... und Materialeinsatz sind ebenso zu entdecken wie digitale Techniken und neue Materialien. Mit einem großen Anteil an historischen Beispielen durchstreift die Schau zudem zahlreiche Epochen und Themen der Kulturgeschichte und beleuchtet auch Sammlungsgeschichte. Aber auch aktuelle Themen werden in der Ausstellung diskutiert: Schnelllebigkeit von Mode und technische Entwicklung ebenso wie Gender, Globalisierung und Nachhaltigkeit.

Detail eines Herrenrocks, um 1785


Bedeutung einarbeiten

Bekleidung zu nähen und mit Nadel und Faden zu verzieren gehört zu den frühesten Kulturtechniken. Als älteste Werkzeuge dienten dazu anfangs Nadeln aus Knochen, Holz oder Metall. Kleidungsstücke besticken heißt, sie zu veredeln und zu schmücken. Mit Zeichen, Schrift, Bildern oder Symbolen sind Stickereien also bestimmt, Bedeutung in Kleider einzuarbeiten und die Individualität der Träger hervorzuheben. So werden Botschaften kommuniziert - etwa die Staats- oder Standeszugehörigkeit. Der Stickerei gehen meist Vor- und Unterzeichnungen voraus. Auch heute zieren maschinengestickte kleine und große Logos und Slogans Alltagsklei- dung wie Designerstücke. Dabei erlebt gerade die Jahrhunderte alte Tradition von kostbaren Stickereien heute ein Comeback - quasi als Gegenentwurf zu Massenproduktion und „Fast Fashion“. Die heutige Modewelt entdeckt auch aufgrund von Umweltfragen und fragwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie wieder altbewährte Vorgehensweisen und schätzt zunehmend haltbare und hochwertige Textilien aus fairer Produktion. So betonen aktuelle Modemacher auch wieder verstärkt handwerkliche Fähigkeiten und beziehen sich auf historische Bezüge, indem sie aufwändige Stickereien als Statements verwenden - beispielsweise in der Sommerkollektion 2018 von Louis Vuitton. Beim Einsatz von Stickereien kann zudem das Bedürfnis nach ständig Neuem befriedigt werden, während es gleichzeitig um Komfort beim Tragen geht. Stickereien bieten auch vielfältige Möglichkeiten, selbst gebrauchte Kleidungstücke aufzuwerten und ihnen ganz neue Bedeutung zuzuschreiben. Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld äußerte sich folgendermaßen: „Nothing is more modern than antiquity.“ Diese Auffassung war jedoch keine Neuerfindung akueller Mode, sondern es zieht sich eine lange Reihe berühmter Beispiele von Rückgriffen auf historische Kleidervorbilder durch das 20 Jahrhundert.

Damenhandschuhe, Deutschland, zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, Stickerei in Seide, Gold- und Silberfaden auf Seidengewebe


Sechs Themenbereiche

Insgesamt ist die Ausstellung in sechs Themenbereiche gegliedert. Allgegenwärtig ist dabei stets der Rückgriff auf Formen und Farben der Pflanzenwelt. Denn Blüten, Blätter und Früchte gehören zu den wichtigsten Inspirationsquellen für ge- stickte Motive auf Kleidung. Durch alle Zeiten symbolisieren sie das Wachsen und Blühen des Lebens, thematisieren Schönheit und Fruchtbarkeit, aber auch Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies und Vergänglichkeit. Damenhandschuhe, die aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus Deutschland stammen, sind aufwändig geschmückt mit Blüten-Stickerei in Seide, Gold- und Silberfäden auf Seidengewebe und gestrickter Seide. Weitere ausgewählte Objekte der Sammlung dokumentieren diese weit zurückreichende Tradition der Motive aus der Welt der Pflanzen. Und Blütensymbole dienen auch heute häufig als Motiv - man spielt dabei nun gerne mit Kontrasten und bricht Konventionen und Erwartungen.

Detail eines Mustertuchs, Sachsen, um


Detail eines Gesellschaftkleids, um 1925 (Stickerei mit Glasperlen und Goldfaden)


Gesellschaftskleid, um 1925, Deutschland, Stickerei in Goldfaden und Glasperlen auf crêpe Georgette, Goldlamé


Bildideen

Als Technik für künstlerische Gestaltung spannt Stickerei auch einen Bogen von Zeichnung über Malerei bis hin zu Plastik. Mit ihr lassen sich Bildideen in verschiedenen Materialien auf Gewebe setzen oder werden dreidimensional in die Fläche einund aufgebracht. Ein Gesellschaftskleid, das um 1925 in Deutschland entstand, fasziniert mit Stickerei in Goldfäden und Glasperlen auf Crêpe Georgette und Goldlamé. Ein anderes Gesellschaftskleid, das ebenfalls aus dem Jahre 1925 aus Deutschland stammt, zieren Glasperlen und Ornamentmotive aus Seidencrêpe in Applikationsstickerei auf Seidentüll. Durch solche gestickten Bilder, aber auch Texte erhalten Kleidungsstücke unterschiedlichste Bedeutungen. Fashion bedeutet in diesem Kontext Kleidermode: Gezeigt wird nicht Mode als Werk eines Modeschöpfers, sondern Kleidermode aus Gegenwart und Vergangenheit unter übergreifenden Fragestellungen zu Technik und Bedeutung. Neben Kleidungsstücken auf Figurinen sind viele Fragmente und Musterstücke in der Ausstellung zu sehen - nicht nur von historischen Objekten, sondern ebenso von experimentellen Arbeiten der Gegenwart. Denn „History in Fashion” bedeutet einerseits Rückgriffe und Anleihen aktueller Mode auf Vorbilder und Anregungen aus historischer Mode sowie andererseits die Geschichte von Anfertigung, Entstehung, Gebrauch und Überlieferung, die jedes einzelne Objekt in sich trägt. Denn jedes der Exponate erzählt auch eine Story, die es zu entdecken gilt. Manche Ausstellungsstücke zeigen beispielsweise deutliche Spuren einer Zweit- oder Drittnutzung: So werden etwa Wachsflecken, die vom einstigen Gebrauch bei Kerzenschein zeugen, zu wichtigen Informationsträgern der Objektgeschichte.

Gesellschaftskleid, um 1925, Deutschland, Glasperlen und Ornamentmotive aus Seidencrêpe in Applikationsstickerei auf Seidentüll


Weste, Balkan, um 1900, Silberstickerei in Anlegetechnik auf weißem Tuch


Teil eines Frauenmieders, Frankreich, um 1735, Seiden- und Silberstickerei auf Seide


Damenmäntelchen, letztes Drittel 19. Jahrhundert, Stickerei in Anlege- und Applikationstechnik mit Silberlahn, gedrehten Silberschnüren und Zierknöpfen, erworben aus Privatbesitz


Pluviale (chormantel), 18. Jahrhundert, farbige Seidenstickerei auf blauem Seidengewebe


kostbare Materialien

Kostbare Materialien finden schon seit langem Anwendung beim Besticken von Kleidern, Gewändern oder modischen Accessoires wie Handschuhen, Hüten, Gürteln, Taschen, Krägen oder Schuhen: Gold, Edelsteine und Perlen, die die Stücke durch die Jahrhunderte zieren, steigerten ihre Faszination und zeugen von unglaublichem Luxus. Ein Damenmäntelchen aus dem letztes Drittel des 19. Jahrhunderts ist mit Stickerei in Anlege- und Applikationstechnik mit Silberlahn, gedrehten Silberschnüren und Knöpfen verziert. Eine Weste, die um 1900 im Balkan entstand, besticht mit Silberstickerei in Anlegetechnik auf weißem Tuch. Und auch heute beeindrucken große Modemarken mit reichen Stickereien und atemberaubenden Kostbarkeiten - verschwenderischer Luxus, an gebrachten Materialien liegen, wurden und werden die unzähligen Variationsmöglichkeiten von den Modeschaffenden damals wie heute immer wieder gerne ausgeschöpft.

ideenaustausch

Anregungen und Ideenaustausch halfen und helfen stets dabei, sich mit anderen Kulturen vertraut zu machen, denn internationale und globale Vernetzungen spielten in der Modegeschichte auch in der Vergangenheit eine wichtige Rolle. Schon in der Antike suchte man nach Inspiration aus fremden Ländern und Kulturen. So waren Textilien in europäischen Museen im 19. Jahrhundert deutliche Zeugnisse eines romantisch gefärbten Orientbildes. Ausgewählte Objekte aus Osteuropa und Asien verdeutlichen solche Mode-Einflüsse der Vergangenheit. Die anwachsende Globalisierung spiegelt sich hingegen in der heutigen Mode: Ökologie, Ökonomie und soziale Aspekte sowie Arbeitsbedingungen und Umweltzerstörung spielen gegenwärtig eine immer größer werdende Rolle und werden kontrovers diskutiert. Neben historischen Objekten und Beispielen aktueller Mode präsentiert die Schau daher auch innovative Werke zeitgenössischer Textilkünstlerinnen und Textilkünstler und junger Talente. Traditionelle und digitale Techniken werden hierbei ebenso faszinierend eingesetzt wie neue Materialien.

Taufkleid aus einer Zierdecke, Deutschland (Sachsen?), ende 18. Jahrhundert, farbige Seidenstickerei auf Leinenbatist, Schenkung aus Privatbesitz


Stiefel Stuart Weitzman (uSA/italien), 2018, Silberstickerei und Pailletten (kunststoff, nylonfaden, gewickeltes Metallgarn) auf schwarzem Veloursgewebe


kunsthochschule Halle

Als Partner für die Sonderschau hat das Museum die Textilklasse der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle unter der Leitung von Professor Bettina Göttke- Krogmann gewonnen. Die Arbeiten neun ihrer Studierenden zeigen ganz moderne Ansätze für die Verwendung von Stickerei auf Kleidung für Hand- und Maschinenstickerei. Die Studierenden haben damit völlig neue Möglichkeiten der Textilgestaltung kreiert und erprobt und weisen mit ihren Entwürfen den Weg für moderne Anwendungsmöglichkeiten von Stickerei in der Mode von morgen.

katalog und Ausstellung

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher zweisprachiger Katalog (deutsch/englisch) im Sandstein-Verlag mit 232 Seiten und über 250 Abbildungen erschienen. Zudem finden eine ganze Reihe Veranstaltungen statt, die die Ausstellung begleiten: So können die Besucher beispielsweise in der offenen Werkstatt direkt in der Ausstellung jeden Mittwochnachmittag selbstständig sticken, allein oder mit Unterstützung einer auf Stickerei spezialisierten Absolventin der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.
Ausstellung „History in Fashion. 1500 Jahre Stickerei in Mode“ bis 29. März im Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig. www.grassimak.de.

Fotos: Esther Hoyer

Stiefel „Flora’s Present”, italien, Deutschland, 2017, Stickerei in Seide auf textile Oberfläche