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STILLE(N) AM BERG


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Runners World - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022
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Bildquelle: Runners World, Ausgabe 11/2022

Vierte beim Marathon du Mont-Blanc“. Erst durch diese Schlagzeile gerät Daniela Oemus im Juli 2021 in mein Blickfeld. Vorher hatte ich, muss ich gestehen, noch nie von ihr gehört. Dabei zählt sie mit Erfolgen beim Zugspitz-Ultratrail oder Rennsteiglauf bereits seit einigen Jahren zur nationalen Spitze im Traillauf. Dass sie am Mont Blanc das Podium knapp verpasst hat, sollte aber nicht über den enormen Wert der Platzierung täuschen. Der Marathon in Chamonix ist eins der prestigeträchtigsten Trailrennen der Welt. Wer hier vorn mitläuft, muss etwas draufhaben.

Das dachten sich wohl auch die Leute von Salomon, die die bis dahin ungesponserte Athletin unter Vertrag nehmen wollten. Einen Zweijahresvertrag sollte sie bekommen, wenn sie noch zwei Golden-Trail-Series-Rennen in den Top-10 finisht. Doch da gab es ein kleines Problem: „Als ich das Rennen absolvierte, war ich schwanger. Das erfuhr ich aber ...

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... erst knapp zwei Wochen später“, erzählt die heute 33-Jährige. Die Saisonplanung war damit hinfällig. Daniela sagte alle weiteren Rennen ab. Zum Team Salomon gehört sie inzwischen dennoch.

Als ich Daniela Anfang September in einem kleinen Dorf unweit von Jena besuche, liegt das, was im letzten Jahr in Frankreich in ihrem Bauch mit über die Trails lief, auf einer Decke in der Küche: Emelie, ihre zweite Tochter. Die erste heißt Alina, ist zweieinhalb und hat genau wie ihre Schwester die strahlend blauen Augen der Mutter. Noch ist Daniela in Elternzeit. Aber im November macht die Medizinerin mit ihrer Facharztausbildung in Gera weiter. Ihr Mann Tobias arbeitet bei Zeiss in Jena und ist bereits früh am Morgen zur Arbeit aufgebrochen. Während Daniela ihre ältere Tochter Kita-klar macht, schaue ich mich im Haus um. Wo ich auch hinblicke, überall sehe ich Hinweise auf die große Leidenschaft des Paares. Neben allerlei Medaillen und Pokalen sind da vor allem auf Postergröße ausgedruckte Lauffotos. Die meisten zeigen das Paar in alpiner Kulisse.

Für den Weg zur Kita im Nachbardorf benutzt Daniela nicht das Auto, sondern das Fahrrad. Alina und Emelie scheint der Ausflug im Anhänger zu gefallen. Während Daniela überraschend flott einen Anstieg hochkurbelt und ich auf Tobias’ Mountainbike neben ihr herfahre, sprechen wir über ihren sportlichen Werdegang. Sie hat die typische leichtathletische Entwicklung durchgemacht. 1989 in Dessau geboren, kam sie mit 13 Jahren zum Laufen und bewies nur drei Jahre später mit zwei deutschen Meistertiteln im Crosslauf sowie auf der Straße ihr Talent. Der Leistungssport fand dann aber ein jähes Ende, als sie mit 18 Jahren an die Uni kam.

„Ich habe schnell gemerkt, dass Medizinstudium und Leistungssport nicht miteinander vereinbar sind.“ Gerade die ersten Semester seien so intensiv gewesen, dass sie nur noch ab und an lief. Trotz des halbgaren Trainings läuft sie bei Rennen oft ganz vorne mit. Da sie es eigentlich nie mochte, Runden auf der Bahn zu laufen, wie sie sagt, probiert sie sich erst mal auch an Landschaftsläufen – und wird beim Rennsteiglauf-Halbmarathon dreimal Zweite.

Zu den deutlich längeren Strecken findet sie, als sie 2014 nach dem Studium anfängt, am Uniklinikum in Jena zu arbeiten. Durch die langen Schichten in der Unfallchirurgie, gepaart mit häufigen Wochenenddiensten und vielen Überstunden, hat sie zwar noch weniger Zeit als vorher, aber an den wenigen freien Tagen läuft sie dafür oft mehr als 45 Kilometer am Stück durch die Natur rund um Jena. „Auf einen Berg zu rennen, ist zwar anstrengend, aber liefert auch viel Energie.“

Es klingt paradox, Anstrengung mit Anstrengung zu kompensieren und aus etwas Kraft zu ziehen, das eigentlich Kraft kostet. Aber vielleicht ist das auch der Grund, warum Daniela recht schnell Kinder möchte, nachdem sie 2016 mit Tobias zusammenkommt. Da hat sie gerade angefangen, in einem Krankenhaus in Gera in der Orthopädie zu arbeiten, wodurch sie geregeltere Arbeitszeiten und somit deutlich mehr Zeit fürs Training hat. Näher gekommen waren sich die beiden erstmals bei einem gemeinsamen Trainingslauf, der kurioserweise in einer Sparkasse endete. Die Geschichte, wie sie von einem Unwetter überrascht wurden, sich in einer Apotheke eine Rettungsdecke holten und in der Bankfiliale aneinander wärmten, erzählen mir beide unabhängig voneinander.

Die logische Folge der immer längeren Trainingsstrecken: Daniela möchte 2016 unbedingt einen Ultra laufen. Statt der 21-Kilometer-Distanz soll es der 74 Kilometer lange Supermarathon beim Rennsteiglauf werden. Sie gewinnt das Rennen mit rund 38 Minuten Vorsprung.

Wer heute in der Datenbank der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung (DUV) nach Daniela Oemus sucht, findet eine ganze Liste von Rennen, bei denen sie meist als Erstplatzierte steht. Seit 2019 steht der Name Oemus oft zweimal in den Ergebnislisten, denn im Mai 2019 heiraten Daniela und Tobias – er nimmt ihren Namen an.

Heute wirken die vier wie eine Bilderbuchfamilie. Doch in diesem Bilderbuch gibt es ein zumindest etwas dunkleres Kapitel, denn der Kinderwunsch gestaltete sich schwieriger als erhofft.

Wie so viele Sportlerinnen hat auch Daniela schon im Jugendalter keinen Zyklus. Mit 17 bekommt sie daher die Pille verschrieben. „Das macht man unter anderem, damit es nicht zu einem hormonbedingten Knochenabbau kommt“, erklärt Daniela. Aber auch als sie die Pille absetzt, bleibt der Zyklus aus – und damit gibt es auch keinen Eisprung. Sie laufe zu viel und wiege zu wenig, habe ihre Frauenärztin gesagt. Da ihr Kinderwunsch groß ist, läuft Daniela in der Folge kaum noch. Doch auch die sportliche Einschränkung führt nicht zum gewünschten Ergebnis. Und so entscheidet sich das Paar 2018, die Hilfe einer Kinderwunschpraxis in Anspruch zu nehmen. Knapp ein Jahr lang spritzt sich Daniela Hormone, bis es im Sommer 2019 klappt. Kaum weiß sie von ihrer Schwangerschaft, ist es mit der sportlichen Zurückhaltung vorbei. Bald läuft sie wieder Distanzen von 30 Kilometern. Doch auch sie merkt, dass sich der Körper während der Schwangerschaft stark verändert. „Hormonbedingt werden die Bänder und Muskeln weicher, um den Körper auf die Geburt vorzubereiten. Bei mir tat vor allem die Symphyse, also die vordere Verbindung der beiden Beckenhälften, irgendwann beim Gehen oder Laufen weh“, erklärt sie im Duktus einer Ärztin.

„Frauen müssen keine Angst haben, beim Laufen während der Schwangerschaft etwas kaputtzumachen oder dem Kind zu schaden“

Mit einem breiten Gürtel, der eigentlich den Rücken entlasten soll, kann sie aber weiterlaufen. So läuft Daniela noch bis drei Wochen vor Alinas Geburt im Februar 2020 – und fängt bereits wenige Wochen später wieder damit an. Ich bin beeindruckt und irritiert zugleich, denn ich kenne persönlich Frauen, die während einer Schwangerschaft überhaupt nicht laufen konnten und auch danach Monate oder sogar Jahre für ihr Comeback brauchten. „Ich habe gar nicht das Gefühl, irgendetwas Besonderes gemacht zu haben“, antwortet Daniela auf meine Frage, wie ihr das gelungen sei. Sie habe nach dem Motto trainiert: „Was geht, geht!“ In intensive Trainingsbereiche, bei denen man viel Laktat produziert, sei sie ohnehin nicht mehr gekommen. Der Körper zeige einem die Grenzen schon auf. Und wenn es gar keinen Spaß brachte, habe sie es sein gelassen.

Es stört Daniela aber, dass die allgemeine Erwartung verbreitet ist, Schwangere sollten sich schonen: „Frauen müssen keine Angst haben, beim Laufen während der Schwangerschaft etwas kaputtzumachen oder dem Kind zu schaden.“ Es sei sogar von Vorteil, denn das Ungeborene trainiere quasi mit, sagt sie. „Untersuchungen haben gezeigt, dass die Kinder bis zum fünften Lebensjahr sogar vor Übergewicht geschützt sind, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Sport treibt.“ Und dass sie nach der Geburt wieder so schnell loslegen konnte, sei auch einfach Glück. „Ich habe nicht so die Anatomie zum Gebären und als Läuferin eine recht feste Beckenbodenmuskulatur, was eine Geburt nicht wirklich schön macht, weil das Kind da ja durchmuss, aber hinterher von Vorteil ist.“ Probleme machte ihr nach der Geburt nur der Rumpf. Da die Bauchmuskeln über die Monate immer weiter ausgedehnt werden und entsprechend wenig zur Stabilisation beitragen, hat sie sehr lange Schmerzen im Rücken. Daniela fängt aber nicht nur einfach wieder mit dem Laufen an, sondern nutzt die Elternzeit, um quasi das Leben einer Profiläuferin zu führen. Das erste Mal seit ihrer Jugend hat sie die Zeit, beinahe jeden Tag zu laufen. Gerade in den ersten Monaten sei das natürlich körperlich anstrengend gewesen – vor allem wegen einer Sache: „Das Stillen ist extrem belastend und wirkt sich nicht gerade positiv auf die Regeneration aus.“

Positiv ist hingegen eine andere Entwicklung: Nach der ersten Schwangerschaft entwickelt Daniela einen normalen Zyklus. „Da ich in dieser Zeit so viel trainiert habe wie nie zuvor in meinem Leben, kann es nicht nur am Laufen gelegen haben, dass ich vorher keinen hatte“, sagt Daniela. So kommt es jedenfalls, dass sie – nicht unbedingt geplant, aber unbedingt gewollt – im Sommer 2021 erneut schwanger wird, was sie, wie gesagt, erst nach dem Marathon du Mont-Blanc erfährt.

Eine kleine Anekdote am Rande: Das Rennen gewinnt damals Maude Mathys. Gegen die Schweizerin wurde 2015 ein Dopingverfahren eingeleitet, nachdem diese einen positiven Befund hatte. Die Ursache: eine Hormonbehandlung zur Herbeiführung einer Schwangerschaft. Letzten Endes wurde Maude freigesprochen – und gebar im September 2016 einen Sohn.

Mir macht diese Geschichte noch einmal klar, welche Nachteile Frauen im Sport teilweise erfahren. Haben sie einen Zyklus, müssen sie damit leben, dass sie in manchen Phasen weniger leistungsfähig sind als in anderen. Haben sie keinen Zyklus, können sie nicht schwanger werden. Wollen sie aber schwanger werden, müssen sie das Sportpensum zurückdrehen und sich eventuell sogar einer Hormonbehandlung unterziehen, die im Zweifelsfall zu einem Dopingverdacht führt. Und sind sie dann schwanger und bekommen ein Kind, müssen sie zwangsläufig eine Pause einlegen. Für Profisportlerinnen ist jede Schwangerschaft somit auch immer ein Wagnis.

Daniela gehört jedenfalls zu den Frauen, die nach einer Schwangerschaft stärker sind als zuvor. Wie das möglich ist, darüber gibt es viele Vermutungen. Manche halten die hormonelle Umstellung für eine plausible Erklärung, andere sehen den Mutterinstinkt als Hauptgrund. Und Daniela sagt ganz nüchtern: „Ich konnte während der Elternzeit einfach richtig viel trainieren.“

Um sich auf die brachialen Alpengipfel vorzubereiten, rennt sie meist in den steilen Muschelkalk- und Buntsandsteinhängen rund um Jena. Am Nachmittag zeigt sie mir ihren liebsten Trainingsberg: den Johannisberg. An seiner höchsten Stelle ist er 373 Meter hoch. Vom Tal geht es auf rund 850 Meter Strecke 185 Höhenmeter bergauf. Manchmal läuft Daniela den Anstieg zehnmal nacheinander rauf und runter. An einer Stelle, an der sie bewusst eine Serpentine auslässt und quer über eine Wiese läuft, weil der direkte Weg steiler ist, hat sich inzwischen ein Trampelpfad gebildet. Zehn Minuten Anstieg, drei Minuten Abstieg – das sind die Trainingsbedingungen, die sie hier zur Verfügung hat. „Es ist nicht ideal, aber besser als gar keine Berge.“

„100 Kilometer kann ich auch mit Mitte 40 noch laufen“

Am Abend sitzen wir noch zusammen im Garten. Tobias hat den Grill angeworfen und Thüringer Rostbratwürste und „Brätle“ aufgelegt. Wir sprechen darüber, wie es für die vier weitergeht. Da Daniela ab November wieder arbeitet und Tobias seinen Teil der Elternzeit antritt, wird sich der Ablauf grundlegend ändern. Daniela wird weniger Zeit fürs Training haben. Hat sie schon mal überlegt, es als Vollprofi zu versuchen, nun, da sie bei Salomon einen Fuß in der Tür hat? „Ich habe nicht sechs Jahre lang studiert und im Krankenhaus gearbeitet, um eineinhalb Jahre vor dem Facharzt alles hinzuschmeißen“, sagt sie. Wäre so ein Angebot direkt nach dem Studium gekommen, hätte sie vielleicht überlegt.

Erst mal konzentriert sich Daniela jetzt auf kürzere Strecken. Dieses Jahr würde sie sich gern fürs Finale der Golden Trail World Series qualifizieren. Die Langstrecken, die sie eigentlich lieber machen würde, seien ohnehin nicht so familienfreundlich. „100 Kilometer kann ich auch mit Mitte 40 noch laufen“, sagt sie. Da sind die Kinder dann auch groß genug, sodass Daniela viel Zeit fürs Training haben wird.