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Stimmungs- barometer


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Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 50/2022 vom 08.04.2022

EMOTIONEN ERKENNEN

Am Ende der Stallgasse steht ein kleiner Fuchswallach, der seit Kurzem eine neue Besitzerin hat. Anna hat das Gefühl, dass sich ihr Pony Freddy gar nicht freut, wenn sie in die Box kommt. Schließlich stellt er sich meist in eine Ecke und wendet den Blick von ihr ab. Anna ist frustriert und das ist ihr deutlich anzusehen. Sie erzählt einer Stallkollegin von ihren Sorgen, die ihr daraufhin rät, es einfach mal mit einem Lächeln zu probieren. „Als ob das klappen würde“, zweifelt Anna. Doch einen Versuch ist es wert: Bei der nächste Begrüßung lächelt sie Freddy deutlich sichtbar an und geht ein wenig in die Hocke. Und siehe da, der Ponywallach spitzt langsam die Ohren und wird neugierig. Er bewegt sich sogar ein paar Schritte auf Anna zu und wirkt plötzlich insgesamt viel freundlicher und zugänglicher.

Eindeutiger Fotobeweis

Das ist kein Zufall, denn Pferde lesen die menschliche Mimik ...

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 50/2022

Pferde sind in der Lage, ganz unterschiedliche Gesichtsausdrücke zu zeigen. Wenn wir Zusammenhänge vom Mimik und Stimmung verstehen, können wir unser Pferd besser lesen
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... und unser Gesichtsausdruck verrät eben viel über unsere jeweilige Stimmung. Pferde haben ein sehr komplexes Sozialverhalten. Für sie ist es extrem wichtig, mit Artgenossen zu kommunizieren und deren Stimmung zu lesen. Das hilft ihnen unter anderem Konflikten aus dem Weg zu gehen. Britische Forscher der University of Sussex beschäftigten sich mit der Frage, inwieweit Pferde in der Lage sind menschliche Gesichtsausdrücke zu erfassen und zu interpretieren. Bereits 2016 hatte ein Team um Amy Smith in einem Versuch herausgefunden, dass die Vierbeiner auf Bilder eines ihnen unbekannten lächelnden Menschen beziehungsweise auf die gleiche Person mit grimmigem, zähnefletschenden Ausdruck jeweils unterschiedlich reagierten. Besonders deutlich waren die Reaktionen auf die wütenden Gesichtsausdrücke: Der Puls stieg an und die Pferde wendeten ihren Kopf nach rechts ab, um die wütenden Gesichter mit ihrem linken Auge zu mustern. Unsere Vierbeiner neigen ähnlich wie Hunde dazu, potenziell bedrohliche Reize verstärkt mit dem linken Auge zu beobachten. Das Erkennen von wütenden Gesichtern ist wie eine Art Warnsystem, zum Beispiel vor negativem Verhalten wie Strafe oder ein grober Umgang durch den Menschen.

DIE AUGEN

In den Augen spiegelt sich nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Gefühlswelt des Pferdes wider.

Freundliche und entspannte Pferde blicken mit offenen, ruhigen Augen in die Welt

Weckt etwas die Neugierde des Vierbeiners, dann wird der Blick offen, lebhaft und wach

Dösende Pferde haben die Augen halb und locker geschlossen

Bei Erregung, Angst oder Panik reißen Pferde die Augen auf. Durch ein Rollen des Auges wird der weiße Teil sichtbar

Aufgerissene Augen können auch auf Erregung hinweisen

Bei einem trüben, nach innen gekehrten Blick muss an Unwohlsein und Schmerzen gedacht werden

Die Sorgenfalte über dem Auge ist ein Zeichen für Sorgen, Stress oder Unwohlsein. Dabei zieht das Pferd sozusagen die Augenbraue hoch, und das Lid zieht sich über dem Auge zu einer dreieckigen Falte zusammen

Wiedererkennungswert

In einem neuen Versuch sollte gezeigt werden, ob und wie Pferde der erste Eindruck (menschlicher Gesichtsausdruck auf dem Foto) beeinflusst. Diesmal zeigten die Forscher den Pferden zunächst entweder ein Bild eines entweder lächelnden oder eines grimmig schauenden Menschen. Dann folgte die reale Begegnung. Die Versuchsperson, die zuvor auf den Fotos zu sehen war, trat den Pferden nun von Angesicht zu Angesicht gegenüber, jedoch diesmal mit völlig neutralem Gesichtsausdruck. Das erstaunliche Ergebnis: Die Pferde erkannten die Person, die sie ja nur einmal auf einem Foto gesehen hatten wieder und sie erinnerten sich sogar an deren Gemütszustand. Dementsprechend passten die Vierbeiner ihr Verhalten an. Pferde sind also in der Lage auch über die Artgrenze hinaus Gesichtsausdrücke beziehungsweise Emotionen zu erkennen und ihre Erfahrungen mit Personen zu verknüpfen. Über 25 Millionen Jahre haben Pferde die Fähigkeit, Mimik zu deuten, im Herdenleben verfeinert. Wenn Sie Pferde auf der Weide beobachten, können Sie mit etwas Übung immer feinere Signale erkennen. Bevor es zum Beispiel zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommt, passiert viel im Bereich der Mimik.

Signale ernst nehmen

Auch im Umgang oder beim Training kommunizieren Pferde über ihre Mimik. Allzu oft übersehen wir Menschen jedoch die

Signale. Gerade wenn wir im Sattel sitzen und sich Augen, Nüstern und Maul mehr oder weniger außerhalb unseres Blickfelds beziehungsweise nicht im Fokus befinden. Das kann dazu führen, dass unter anderem Schmerzen nicht direkt erkannt werden. Damit das Pferd von seinem Reiter in seinem Leid wahrgenommen wird, muss es seinen Schmerz meist deutlicher ausdrücken, zum Beispiel durch Schweifschlagen, Zähne knirschen oder Widersetzlichkeiten. Wir denken dann möglicherweise schnell, dass unser Vierbeiner heftig reagiert. Dabei haben wir die vorangegangenen feinen Signale übersehen. In dieser Hinsicht wäre es wichtig, dass Trainer die Mimik des Pferdes noch mehr beachten und dem Reiter Feedback geben. Dieser wiederum sollte seine Aufmerksamkeit bei der Arbeit an der Longe oder in anderen Situationen, die ihm den Blick auf die Mimik des Pferdes ermöglichen, schulen. Dazu gehört auch das Satteln oder Aufsteigen: Einigen Pferden steht dabei der Stress regelrecht ins Gesicht geschrieben.

Von Ohren anlegen bis Augen aufreißen. Wie reagieren Sie in solchen Momenten? Satteln Sie einfach beziehungsweise steigen Sie auf, ohne die Signale Ihres Pferdes ernst zu nehmen?

VON BILDERN LERNEN

Auf der einen Seite können Sie Pferde beobachten, um mehr über deren Mimik zu erfahren. Doch das ist nicht immer möglich. Nutzen Sie doch einfach Bilder. Bilder sind Momentaufnahmen und helfen, das Auge für das Wesentliche zu schulen. Schauen Sie sich die Gesichtsausdrücke unterschiedlicher Pferde an und interpretieren Sie diese.

DIE OHREN

Die Stellung sowie das Spiel der Ohren des Pferdes fällt Menschen meist als erstes auf. Sie kann auch vom Sattel aus recht gut beurteilt werden. Dabei sind Pferdeohren sehr gut und auch unabhängig voneinander beweglich.

Freundliche und aufmerksame Pferde haben locker nach seitlich vorne aufgestellte Ohren

Durch spielende Ohren die sich hin und her bewegen scannt das Pferd sozusagen seine Umwelt.

Volle Konzentration und Interesse: Die Ohren sind gespitzt und steil aufgerichtet

Leicht zur Seite zeigende Ohren sieht man bei entspannten, dösenden Vierbeinern

Auch leicht nach hinten geneigte Ohren suggerieren Entspannung

Sind die Ohren nach hinten gerichtet, fordert etwas hinter dem Pferd dessen Aufmerksamkeit und es will die Situation näher erforschen

Angespannte und starr auf etwas fixierte Ohren in Kombination mit einem nach vorne Starren sind ein Zeichen für Anspannung und Nervosität

Ein Zeichen für Unterwerfung oder Unwohlsein in einer Situation können leicht angelegte Ohren sein

Ein Drohverhalten beziehungsweise ein Zeichen von Aggression sind eng nach hinten angelegte Ohren mit entsprechenden Drohgebärden

Beim Training nehmen manche Pferde ihre Ohren zurück, wenn sie sich auf den Reiter konzentrieren

Zeigen die Ohren in unterschiedliche Richtungen, zum Beispiel eins nach hinten und eins zur Seite oder nach vorne, dann folgt das Pferd verschiedenen Impulsen wie der Stimme des Reiters sowie einem Geräusch in der Umgebung

Achten Sie nicht nur auf eine Stellung, sondern beobachten Sie das Ohrenspiel, um mehr zu verstehen

Laut gegen leise

Wir sind es gewohnt, dass unsere Kommunikation laut und sehr stark auditiv geprägt ist: Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Wir reden, telefonieren und schreien auch mal. Hingegen haben wir nicht gerade Adleraugen. Will heißen, dass unsere Augen wenig bis gar nicht visuell geschult sind. Wir müssen im Alltag keine Gefahr auf weite Ferne erkennen. Anders sieht es bei Pferden aus. Zum einen kommunizieren Sie hauptsächlich über die Körpersprache, zum anderen geschieht das auf subtilere Art und Weise. Pferde sind in der Lage unsere Atmung beim Reiten wahrzunehmen und auf kleinste Veränderung im Muskeltonus des Menschen zu reagieren. Dabei sind sie Meister im Erkennen von Mustern. Außerdem haben Pferde eine gut ausgeprägte Mimik.

Sie erkennen also unsere Gefühle, doch wie sieht es mit den Emotionen unserer Vierbeiner aus? Diesbezüglich haben Wissenschaftler der University of Sussex festgestellt, dass nicht nur uns Menschen Gefühle ins Gesicht geschrieben stehen. Ende der Siebziger Jahre wurde die menschliche Mimik im sogenannten Facial Action Coding System (FACS) – einem speziellen Kodierungssystem – festgehalten. Die britischen Forscher haben dieses System wiederum vor wenigen Jahren auf die Mimik der Pferde übertragen und das Equine Facial Action Coding System (EquiFACS) entwickelt. Dazu beobachteten sie die Gesichtsausdrücke von insgesamt 86 Pferden unterschiedlicher Rassen.

Emotionen entschlüsseln

Doch wozu nun das Kodierungssystem? Mit EquiFACS können sozusagen die Emotionen hinter der Mimik des Pferdes entschlüsselt werden. Dabei wird diese in einzelnen Regionen (wie Ohren, Augen, Nüstern, Maul, Muskulatur und Adern) gescannt und dann zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Wie sieht das Pferd in Ruhe aus und wie verändern sich die einzelnen Regionen in bestimmten Situationen? Die Studie zeigte überraschenderweise, dass die Mimik von Pferd und Mensch in vielen Fällen übereinstimmt. Die Vierbeiner nutzen dabei jedoch teilweise andere Muskeln, um eine scheinbar ähnliche Mimik zu erzeugen. Wiederum zeigten sie einen völlig anderen Gesichtsausdruck, wenn sie die gleichen Muskelpartien wie der Mensch bewegten. Die Forscher ordneten jedem Ausdruck bestimmte Muskelbewegungen zu.

„Die Studie zeigte überraschenderweise, dass die Mimik von Pferd und Mensch oft übereinstimmt.“

Die Gesichtsmuskulatur des Pferdes ist zu insgesamt 17 unterschiedlichen, voneinander unabhängigen Bewegungseinheiten fähig. So kann es etwa Lippen und Nüstern unterschiedlich bewegen, die Augen rollen, das obere Augenlid wie eine Augenbraue hochziehen oder das Ohrenspiel variieren. Der Mensch kommt auf deutlich mehr Gesichtsausdrücke und liegt mit 27 Bewegungseinheiten auf Platz eins – gefolgt von Katzen auf Platz zwei mit 21 Bewegungseinheiten. Hunde liegen mit einer Anzahl von 16 knapp hinter den Pferden. Wenn wir mit unseren Pferden auf gleicher Ebene kommunizieren möchten, müssen wir also nicht nur lernen, ihnen zuzuhören, sondern wir müssen auch unser Auge schulen.

DAS GESAMT-BILD ZÄHLT

Wer sein Pferd wirklich verstehen will, sollte nicht nur einzelne Bereiche des Körpers betrachten, sondern auch das Gesamtbild nicht aus den Augen verlieren.

Aufgeblähte Nüstern allein lassen noch nicht sicher erkennen, was das Pferd ausdrücken will oder wie es sich fühlt. Wenn Sie hingegen die gesamte Mimik betrachten und beispielsweise noch angelegte Ohren und aufgerissene Augen hinzukommen, wird das Bild immer klarer. Schauen Sie sich dazu immer auch die Körperhaltung und -sprache an. Entscheidend ist zudem, wie stark ein Merkmal ausgeprägt ist und wie lange es gezeigt wird. Beobachten Sie, inwieweit der Ausdruck zur Gesamtsituation passt. So setzt sich das Puzzle immer weiter zusammen. Das braucht ein wenig Übung, aber mit der Zeit werden Sie immer sicherer.

NÜSTERN-UND MAULREGION

Diese Region ist zu vielen unterschiedlichen Bewegungen fähig. Außerdem gibt die Anspannung der verschiedenen Muskelpartien einen wichtigen Hinweis auf die aktuelle Stimmung des Pferdes.

Betrachten Sie nicht nur die Nüstern, sondern auch die Kaumuskulatur und die Lippen des Pferdes. Presst es den Kiefer oder die Lippen zusammen? Oder hat es das Maul geöffnet?

So kann eine angespannte Kaumuskulatur besonders bei introvertierten Pferden mitunter das einzige Anzeichen von Anspannung sein

Das Maul des Pferdes ist besonders sensibel. Hier lässt sich viel über die Stimmung ablesen

In der Schlaf-beziehungsweise Entspannungsphase sind die Lippen locker und hängen leicht herunter

Ein entspanntes Pferd hat auch entspannte Nüstern und Lippen

Hingegen sind angespannte Lippen ein deutliches Zeichen für innere Anspannung. Berühren Sie zum Test die Unterlippe. Ist sie angespannt, lässt sie sich nur schwer bewegen

Bei Stress und Abwehr ziehen Pferde die Nüstern hoch und schieben die Unterlippe vor. Die Kaumuskulatur ist fest wahrgenommen Eine vorgeschobene Oberlippe mit entspannten Nüstern und Kaumuskeln zeigt hingegen Freude und Genuss (zum Beispiel beim Kraulen)

Pferde haben einen feinen Geruchssinn, und wahrgenommene Gerüche beeinflussen die Stimmung. Weit aufgeblähte Nüstern deuten auf Erregung oder Angst hin

Ein stark zusammengepresstes Maul kann auf Schmerzen oder Unwohlsein hinweisen

Flehmen kann bedeuten, dass der Vierbeiner einen besonders wohlriechenden oder interessanten Geruch wahrgenommen hat. Dabei streckt das Pferd die Oberlippe hoch und den Kopf nach oben. Die Nüstern werden so verschlossen und der Geruch wird intensiver. Aber Achtung: Flehmen kann auch ein Ausdruck von Schmerzen sein, beispielsweise bei Koliken