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Stolpersteine auf dem Weg zum Glück


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 19.03.2022

Der große abgeschlossene

Rasch warf Jana einen Blick auf die Uhr und klappte dann den Laptop zu. So spät war es schon! Gleich kamen die Kinder aus der Schule, dann brauchten sie den Küchentisch zum Mittagessen. Das allerdings noch gekocht werden wollte.

Sie seufzte und schob energisch den Gedanken beiseite, ob sie das auf Dauer alles unter einen Hut kriegen würde, den Job, die Kinder, den Haushalt … Zum Glück konnte sie ihre Arbeit größtenteils ins Homeoffice verlegen. Sonst wäre der Absprung aus ihrer verkorksten Ehe wohl nicht so glatt verlaufen.

Kurz darauf standen Lilly und Jonas vor der Tür. Jana hatte aus einer Dose Ravioli einen leckeren Auflauf gezaubert und ihr Büro vom Tisch geräumt. Beim Essen erzählten die Kinder kunterbunt durcheinander. Etwas, das ihren Mann immer auf die Palme gebracht hatte. Wenn er dann dazwischenbrüllte, trauten sie sich kaum noch, den Mund aufzumachen.

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Fabian war ...

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... zunehmend unberechenbar und jähzornig geworden. Er hatte seine Probleme an ihr und den Kindern abreagiert – ein Wunder, dass er sie so einfach hatte ziehen lassen. Vielleicht weil er dachte, sie würde nicht fertig ohne ihn. Doch den Gefallen hatte Jana ihm nicht getan. Die Wohnung war winzig, das Geld stets knapp, doch es atmete sich freier als zuvor.

„Kann ich gleich zu Mara gehen?“, fiel die achtjährige Lilly in ihre Gedanken. „Ich will ihr helfen, den Kaninchenstall zu putzen.“

„Sicher.“ Jana nickte ihr zu. Lilly liebte Tiere sehr. Schade, dass sie für ein Haustier wirklich keinen Platz hatten. „Und was hast du heute Nachmittag vor?“, wandte sie sich dann an ihren Sohn.

Jonas zuckte die Schultern. „Bisschen Schulkram machen. Oder lesen. Mal schauen.“

Jana warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Jonas hatte nicht viele Freunde in seiner Klasse, wurde oft geärgert. Dann lächelte sie aufmunternd. „Okay. Wollen wir beide dann auf den Bolzplatz gehen?“

Kurz sah sie das Aufblitzen in den Augen des Zehnjährigen. Jonas war ganz verrückt nach Fußball. Da nahm er notfalls sogar mit der Mama als Mitspieler vorlieb.

Wie schafften das andere Alleinerziehende? Über die Runden zu kommen, allen gerecht zu werden, selbst dabei nicht unterzugehen.

Darüber dachte Jana nach, als sie später wieder vor ihrem Laptop am Küchentisch saß und sich doch nicht konzentrieren konnte. Als das Telefon klingelte, war sie froh über die Ablenkung. Großmutter! Die hatte ihr in der ersten Zeit nach der Trennung oft mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Jana lächelte in den Hörer. „Hallo, Oma.“

„Ich muss etwas Dringendes mit dir besprechen“, platzte Elli statt einer Begrüßung heraus. „Was vielleicht sogar die Lösung aller deiner Probleme wäre.“

Die junge Familie, die sich bei ihr eingemietet hatte, wäre jetzt ausgezogen, erzählte Elli. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes das alte Bauernhaus umgebaut und drei Wohnungen eingerichtet. Eine bewohnte eine langjährige Freundin von ihr, in eine war kürzlich ein junger Ingenieur eingezogen, und die dritte, die größte, stand nun leer. „Da hab ich gleich an dich gedacht“, schloss Elli ihren Bericht.

„An mich?“, wiederholte Jana erstaunt. „Wieso das denn?“

„Hast du mir nicht immer vorgejammert, wie toll es wäre, nicht alles allein zu stemmen? Also, du ziehst bei mir ein. Dann sparst du die Miete, und ich hab meine Urenkel um mich. Wie klingt das?“

„Ich hab gar nicht gejammert“, protestierte Jana automatisch.

Elli lachte. „Hast du wohl. Und du hast damit ja völlig recht. Dann lass dir jetzt auch von mir helfen.“

Der Reiz der Stadt war im Alltag für Jana bald verflogen

Das klang irgendwie verlockend. Andererseits … zurück dorthin in die oberpfälzische Pampa, wo jeder jeden kannte und alles so eng und spießig war? Damals, gleich nach ihrem Schulabschluss, konnte es Jana gar nicht schnell genug gehen, von dort weg zu kommen, in die Großstadt, nach Nürnberg.

Inzwischen war die anfänglich prickelnde Begeisterung längst dem Alltagstrott gewichen. Trotzdem. Würde sie nicht die Stadt mit all ihren Möglichkeiten vermissen? Und wie wäre es für die Kinder?

„Für die Kinder ist das doch nichts, der Lärm und die schlechten Luft“, fiel Elli prompt in ihre Überlegungen. „Hier draußen haben sie alle Freiheiten, die Natur und jede Menge Platz. Du hattest doch eine tolle Kindheit hier.“

Jana musste schmunzeln. Ihre Oma war tief verwurzelt in ihrem Heimatort, konnte sich keinen besseren Platz zum Leben vorstellen. Und sie hatte recht. Ihre Kindheit war schön gewesen. Die Unzufriedenheit kam erst später. Heute aber wusste sie, dass Glück und Zufriedenheit von innen kamen und nicht an einem Wohnort hingen.

„Weißt du was?“, meinte sie nach kurzem Nachdenken. „Wir kommen dich übers Wochenende mal besuchen. Dann können sich die Kinder alles selbst ansehen.“

„Gute Idee“, stimmte Elli zu.

Nach diesem Gespräch hing Jana noch eine ganze Weile ihren Gedanken nach. Irgendwie war alles nicht so gekommen, wie sie es sich erträumt hatte. Ihr neues Leben, die Freiheit in der Stadt, ihre Ehe. Manchmal erschien ihr dieser Lebensweg wie eine Straße voller Stolpersteine. Wäre jetzt die Zeit für einen glatten Schnitt?

Beim Abendessen sprach sie mit den Kindern über den geplanten Wochenendbesuch. Die beiden waren sofort einverstanden. „Sag mal, hat Oma nicht einen Bauernhof?“, wollte Lilly wissen.

„Nicht so richtig. Nur ein altes Bauernhaus, also ohne Vieh und Landwirtschaft“, erklärte Jana und spürte unversehens ihr schlechtes Gewissen sich regen. Sie war ewig nicht dort gewesen! Dabei war Auerbach doch gar nicht so weit weg.

„Aber hat sie vielleicht noch einen Traktor?“, fragte Jonas.

Jana lächelte ihm zu. „Kann sein, weiß ich nicht. Aber das kannst du sie ja selbst fragen.“

Damit war das Thema vorerst erledigt. Später aber, als die Kinder im Bett waren, dachte Jana noch lange an früher. Jetzt stiegen auch Bilder hoch. Die sanften Hügel, das viele Grün rundherum, die eindrucksvollen Grotten und Felsformationen rund um den Rabenfels und die Steinerne Stadt. Dazu im Winter der Rodelberg gleich hinterm Spielplatz und im Sommer die langen Nachmittage mit den Freunden am großen Stadtweiher.

Auerbach. Eigentlich hatte es sich gut gelebt dort. Wie es sich wohl heute anfühlen würde? Mit diesem Gedanken beschloss sie den Tag. Gespannt auf das, was sie am Wochenende erwarten würde.

Ellis Haus lag am Rand des Ortes. Ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit ländlichem Charme, dem man die ehemals landwirtschaftliche Nutzung noch ansah. An das Wohnhaus schloss sich eine große Scheune an, dahinter ragte ein Futtersilo auf, und in dem Nebengebäude waren früher die Kühe untergebracht. Der warme Geruch nach Stall und Tieren war eine von Janas frühesten Erinnerungen.

Die Gebäude bildeten einen Halbkreis um einen Hof, der zur Straße hin offen war. Als sie dort aus dem Wagen stiegen, trat Elli vors Haus und winkte ihnen zu. Unwillkürlich glitt Janas Blick über die Fenster im Obergeschoss. Zu der Wohnung, die Elli ihr angeboten hatte. Lilly betrachtete derweil fasziniert das Stallgebäude. Da war ihre Großmutter auch schon heran und strahlte breit.

„Schön, dass ihr jetzt da seid. Dann kommt mal mit rein. Oder wollt ihr zuerst eine Führung?“

„Gibt’s Apfelkuchen?“, platzte Jonas heraus. Den machte Elli unschlagbar gut. Sie brachte bei jedem Besuch eine Backform mit.

Jana umarmte ihre Großmutter. „Ja. Schön, hier zu sein!“

Jetzt lachte sie. „Aber sicher. Wie werd ich denn keinen Apfelkuchen gebacken haben, wenn du mich mal besuchen kommst.“

Jonas grinste verlegen, und Jana umarmte ihre Großmutter. „Ja. Schön, hier zu sein“, sagte sie, und das fühlte sich gar nicht falsch an.

Sie beschränkten sich dann auf eine kurze Führung. Elli zeigte den ehemaligen Stall und erklärte, wie die Familie hier früher gelebt hatte. Anschließend versammelten sie sich in der Küche, wo es endlich Apfelkuchen gab und Elli allerhand Vorschläge präsentierte, was es hier zu tun und zu sehen gäbe.

Jonas fand die Felsengrotten super spannend, würde aber auch gerne das Bergbaumuseum sehen. Lilly war alles recht. Sie kraulte die Katze, die zutraulich auf ihren Schoß gesprungen war, und wurde erst aufgeregt, als Elli den Reiterhof ganz in der Nähe erwähnte.

Sie einigten sich schließlich darauf, zuerst eine Runde durch den Ort zu drehen und danach in die Landschaft zu fahren, als plötzlich ein Junge etwa in Jonas’ Alter in die Küche kam. Und hinter ihm eine Frau, die Jana breit angrinste.

„Hey. Na, hab ich doch recht gehört, dass du den Weg zu uns mal wieder gefunden hast.“

„Laura!“, rief Jana froh. Zu ihrer Cousine hatte sie immer ein enges Verhältnis gehabt. Und Max war so groß geworden! Das verkniff sie sich zu sagen, lächelte ihm nur zu.

Laura rutschte neben sie auf die Bank, langte nach einem Stück Kuchen und schmiedete, mit vollen Backen kauend, Pläne für eine gemeinsame Tour. Die beiden Jungs taxierten sich inzwischen interessiert und verschwanden bald darauf nach draußen, während Jana diesem eigentümlichen Gefühl von heimeliger Vertrautheit nachspürte, das sie mit einem Mal erfüllte.

Sie verbrachten dann einen wunderbaren Tag. Laura chauffierte sie vorbei an ihren alten Lieblingsplätzen und ein paar landschaftlich besonders reizvollen Ecken.

Die Kinder waren beeindruckt von den bizarren Granitformationen, an denen sie vorüberkamen. Und beim nächsten Mal müssten sie unbedingt eine der Tropfsteinhöhlen besuchen, drängte Max. Ebenso spannend aber fand Lilly den Reiterhof und Jonas den Umstand, wie Max von seinem Fußballverein schwärmte. Tolles Team, toller Trainer, und sie könnten auch immer gute Spieler gebrauchen!

All das registrierte Jana sehr genau. Wie gut die beiden Jungs sich verstanden, wie Lillys Augen leuchteten, als sie abends wieder ausgiebig mit der Katze kuschelte, und wie hübsch die Wohnung im Obergeschoss von Ellis Haus war. Vier Zimmer, ein behaglicher Holzfußboden und ein wunderbarer Blick in die grüne Landschaft.

Viel zu grübeln also nach diesem Besuch. Und als Lilly fragte, ob sie nächstes Wochenende wieder nach Auerbach fahren könnten, war Jana sofort einverstanden. Sogar mehr als das. Sie freute sich richtig darauf. Der Tag mit Laura, die herzliche Art ihrer Großmutter und der Streifzug auf den Spuren ihrer Jugend, all das hatte sie eigentümlich berührt. Außerdem hatte sie kein einziges Mal ein Gefühl von Enge und Spießigkeit empfunden. An diesen vertrauten Stätten vorbeizukommen, war ihr im Gegenteil richtig wohltuend erschienen.

Die Woche verflog, ehe sich Jana über ihre Empfindungen klar war. Dann waren sie wieder auf dem Weg nach Auerbach. Diesmal parkte ein fremder Wagen auf Ellis Hof, und als sie ihren daneben abstellte, trat ein junger Mann aus dem Haus und lief darauf zu. Er wartete, bis sie ausstieg und lächelte. „Hallo. Sind Sie die berühmte Enkelin?“

Jana sah ihn überrascht an. Sein Grinsen war aber so entwaffnend, dass sie ihm diese saloppe Formulierung gar nicht übelnehmen konnte. „Ich bin Jana. Und Sie?“

„Christof. Ich wohne hier.“

Das musste der junge Ingenieur aus der kleinen Wohnung sein! „Ah, gut. Freut mich“, meinte sie.

Er nickte den Kindern zu, die eben aus dem Wagen kletterten, und grinste noch einmal zu ihr hin. „Na dann. Man sieht sich.“ Damit stieg er in seinen Wagen, und sie wandten sich dem Haus zu.

Für dieses Wochenende hatten sie Pläne. Jonas war mit Max zum Fußballspielen verabredet, Jana wollte ein paar alte Freunde treffen, und Lilly bettelte, sich den Pferdehof näher anzusehen.

Nun erfüllte Jana eine energiegeladene Aufbruchstimmung

Elli hatte inzwischen in der freien Wohnung Gardinen aufgehängt und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Damit ihr es gemütlich habt, wenn ihr hier einzieht.“

Abends saßen sie mit Inge zusammen, die in der dritten Wohnung lebte, und ganz allmählich formten sich die Erlebnisse und Empfindungen zu einem Bild.

Jana sprach mit den Kindern, wog alle Argumente gegeneinander ab, und ihr wurde klar: Sie wollte es tun. Sie wollte hierherziehen.

Nachdem dieser Entschluss gefasst war, befiel sie alle eine energiegeladene Aufbruchsstimmung. Jana trieb eifrig die Formalitäten voran, kündigte die Wohnung, suchte eine Schule für die Kinder.

Nur eines lag ihr im Magen. Noch hatte sie es vor sich hergeschoben, auch Fabian von ihren Plänen zu erzählen. Er konnte so aufbrausend sein. Schwer zu sagen, wie er reagieren würde.

Das klärte sich eines Abends, als ihr Handy klingelte. Die Nummer war fremd. Die kühle Stimme nicht. „Du ziehst um?“ Kein Hallo, wie geht’s euch, keine freundliche Floskel. Fabian hielt sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.

„Ja“, gab Jana knapp zurück.

„Und wann hättest du mich darüber informiert?“ Jana schwieg. Am liebsten gar nicht. Aber irgendwie hatte er es anscheinend erfahren. „Wir sind immer noch verheiratet“, kam es ärgerlich. „Und es sind auch meine Kinder.“ Um die er sich seit ihrer Trennung nicht mehr bemüht hatte. Was ihr allerdings sehr recht war. So schwieg sie weiterhin. „Hast du die Sprache verloren?“, fuhr Fabian sie an.

Jana holte tief Luft. Die Zeit auf eigenen Füßen hatte ihr gutgetan. Er konnte ihr nicht mehr so leicht Angst machen, wie sie zufrieden feststellte. „Jetzt weißt du es ja“, entgegnete sie reserviert. „Ich brauche übrigens ein paar Unterschriften von dir. Für den Schulwechsel. Ich schick dir die Formulare zu.“ Fabian murmelte etwas Unverständliches, und so setzte sie schnell hinzu: „Ich muss morgen früh raus. Gute Nacht.“ Und damit unterbrach sie die Verbindung.

Jetzt klopfte ihr Herz doch rascher. Weil sie nur zu gut wusste, wie er explodieren konnte, wenn er wütend war. Zur Sicherheit schaltete Jana ihr Handy deshalb gleich aus. Dann ging sie zu Bett.

Die Zeit raste, und dann war der Tag des Umzugs gekommen. Zwei Arbeitskollegen halfen mit den Möbeln, einer ihrer Fahrer hatte sich erboten, den Transporter zu lenken. Dass die Kinder unbedingt im Möbelwagen mitfahren wollten, ließ er gutmütig geschehen. So steuerten sie die neue Heimat an.

Elli erwartete sie schon. Sie hatte Christof, Inge und deren Sohn zum Helfen abkommandiert und stand selbst wie ein Feldwebel im Hof, um die Arbeiten zu koordinieren. So stand bis zum Nachmittag alles an Ort und Stelle.

Für diesen Abend war eine gemeinsame Einstandsfeier geplant. Als Jana und die Kinder erschöpft, aber zufrieden nach unten kamen, saßen schon alle in Ellis gemütlicher Küche am Tisch, und Elli drückte Christof eben eine Flasche Sekt zum Öffnen in die Hand. Für Lilly und Jonas gab es Kindersekt.

„Auf gute Nachbarschaft“, sagte Elli fast feierlich, als sie ihr Glas hob und in die Runde prostete. Die anderen taten es ihr gleich, und Jana durchrieselte ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit angesichts dieses warmen Empfangs.

„Ja, auf gute Nachbarschaft“, stimmte sie wohlgemut mit ein.

Konnte es wirklich so einfach sein? Wie rasch sich das alles einspielte. Die Kinder fanden schnell Anschluss in der Schule, Jonas trat dem Fußballverein von Max bei, und sie selbst hatte nun zu Hause einen eigenen Computertisch für ihre Arbeit und pendelte einmal die Woche nach Nürnberg ins Büro. Außerdem hatte sie ein paar Kontakte von früher reaktiviert und traf sich ab und zu mit alten Freunden.

Dann war da noch Christof – so witzig und unkompliziert

Und Elli hatte einen Hund ins Haus geholt! Billy, einen süßen Zottel, bei dem man nicht gleich sah, wo vorne und hinten war. Nur vorübergehend zwar, solange sein Frauchen im Krankenhaus lag, aber Lilly war selig. Und bettelte schon nach einem eigenen Hund!

Und dann war da noch Christof. Häufig kam er abends auf ein Glas Wein herüber, oder er spielte eine Partie Monopoly mit den Kindern. Er war witzig und unkompliziert, und bei solchen Gelegenheiten kam Jana in den Sinn, dass sich so Familie anfühlen sollte.

Was ihr wieder diesen offenen Punkt in Erinnerung brachte, den sie bisher verdrängt hatte. Weil sie so eine Ahnung hatte, dass dieser Akt nicht so glatt verlaufen und Fabian empfindlich in seinem Stolz treffen würde. Trotzdem führte kein Weg daran vorbei. Es war an der Zeit, ihre verunglückte Ehe nun auch offiziell zu beenden.

Und dann ergab sich eines Tages der letzte Anstoß dazu. Jana wollte nach Feierabend im Büro noch kurz in die Innenstadt, als ihr Fabian über den Weg lief. Sie hatte eigentlich weder die Zeit noch den Nerv für ihn, doch er trat ihr in den Weg und grinste herausfordernd. „Schau an. Wieder im Land. Ich wollte ohnehin mit dir reden.“

Was hatte sie an diesem Mann bloß fasziniert?, schoss Jana durch den Kopf. Sie setzte eine ausdruckslose Miene auf, während er sprunghaft und etwas wirr von irgendwelchen Geschäften erzählte, die ihn gerade stark beanspruchten. Sobald die am Laufen wären, hätte er aber wieder mehr Zeit. Dann wollte er die Kinder öfter haben.

Jana erschrak. Jetzt auf einmal? Monatelang hatte er sich nicht für sie interessiert. Und es wäre ihr lieber, es dabei zu belassen.

Er fragte sie noch aus, wo sie jetzt wohnte und wie es so lief, zog dann weiter. Und Jana empfand plötzlich deutlich, dass sie dieses Kapitel abschließen wollte. Jetzt. Und eine klare Regelung bezüglich der Kinder musste auch her.

Gleich am nächsten Tag sprach sie mit Inges Sohn. Frank war Anwalt für Familienrecht, und er hatte angeboten, ihr bei der Scheidung zu helfen, wenn es soweit wäre.

Genau darauf kam Jana nun zurück und bat ihn, die Papiere aufzusetzen. Danach fühlte sie sich froh und beklommen zugleich. Fabian war ein ausgesprochen schlechter Verlierer. Dass sie nun die Scheidung einreichte, könnte er als persönlichen Angriff empfinden. Sie hoffte, dass er sich im Griff hatte und seine Wut nicht an ihr oder den Kindern ausließ.

An diesem Abend klopfte sie bei Christof und fragte, ob er Lust auf Gesellschaft hätte. In Wahrheit war sie es, die nicht allein sein wollte.

Sie spielten ein paar Runden Uno, und als die Kinder im Bett waren, warf Christof ihr einen forschenden Blick zu. „Was geht dir durch den Kopf?“, fragte er.

Jana seufzte. War es so offensichtlich? Oder kannte er sie schon so gut? Schließlich hob sie ratlos die Schultern und setzte ein schiefes Lächeln auf. „Eine ganze Menge“, bekannte sie. Dann erzählte sie von ihrem Vorstoß mit der Scheidung, von Fabian, von der verkorksten Ehe und wie sie irgendwann ausgebrochen war.

Christof konnte wunderbar zuhören. So zugewandt und aufmerksam, dass Jana am Ende eine warme Zuversicht erfüllte, als wären ihre Probleme schon gelöst.

„Das war konsequent von dir und richtig“, bekräftigte er. „Für dich und die Kinder. Den letzten Schritt schaffst du auch noch.“

Dabei lächelte er ihr zu, und Janas Zuversicht stieg gleich noch höher. Weil ihr wohltuend bewusst wurde, dass nicht alle Männer verkehrt waren. Sie hatte eben einfach den Falschen erwischt.

„Danke“, sagte sie. Dass du bist, wie du bist, dass es dich plötzlich in meinem Leben gibt und dass du mir das Gefühl gibst, Liebe kann tatsächlich funktionieren. Das sprach sie nicht aus. Sie war aber sicher, er verstand es trotzdem.

Ein paar Tage danach kam Frank vorbei, um die Papiere durchzugehen. Sie beantragten das alleinige Sorgerecht für die Kinder sowie einen angemessenen Unterhalt. Ob Fabian das hinnehmen würde?

Kaum klingelte das Handy dachte Jana, Fabian wäre dran

„Soll ich Ihrem Mann das so zustellen?“, vergewisserte sich Frank.

Jana rang jeden Zweifel nieder und straffte den Rücken. „Ja“, sagte sie entschlossen. „Tun Sie das.“

Sie versuchte ruhig zu bleiben in den nächsten Tagen und nicht darüber nachzudenken, wie Fabian reagieren würde. Trotzdem erwartete sie bei jedem Klingeln ihres Handys insgeheim, er wäre dran und würde sie zur Schnecke machen. Aber nichts geschah. Hatte sie sich unnötig gesorgt?

Am Freitag fuhr sie wie üblich nach Nürnberg ins Büro zur Arbeit und war mit dem Kopf schon voraus im Wochenende. Sie wollte mit Christof und den Kindern eine Tour in die Fränkische Schweiz machen und abends zusammen kochen. Mit einem Lächeln der Vorfreude auf den Lippen machte sie Feierabend, ging an ihren Wagen und wollte aufschließen, als ihr irgendwas komisch vorkam.

Jana trat zurück und besah sich das Auto genauer. Dann begriff sie, musste aber zweimal hinsehen, so ungeheuerlich war der Anblick. Alle vier Reifen waren platt.

Einen langen Moment starrte sie fassungslos auf den Wagen. Das kann nicht wahr sein, war ihr erster Gedanke. Und der zweite war – Fabian! Sie sah sich gehetzt um, doch nur ein paar Passanten waren unterwegs. Jetzt untersuchte Jana den Schaden genauer. Deutlich war in jedem der Reifen ein glatter Schnitt zu sehen. Zerstochen. Alle vier.

Ihr Magen krampfte. Dann rief sie mit dem Handy die Polizei an.

Zwei freundliche Beamte nahmen den Fall auf, konnten ihr aber nur raten, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Jana deutete zwar an, dass sie so eine Ahnung hätte wer dafür verantwortlich sei, bloß ohne Beweise war da nichts zu machen. Der Abschlepper brachte dann die nächste Hiobsbotschaft. Vor morgen früh wäre der Wagen nicht flott zu kriegen.

Jana hätte heulen können vor Wut. Sie rief Elli an, um Bescheid zu geben, dass sie später käme. Und hatte plötzlich Christof in der Leitung. „Ich hole dich ab“, sagte er ganz selbstverständlich. „Geh so lange einen Kaffee trinken.“

Das machte Jana tatsächlich und hatte sich wieder halbwegs gefasst, bis er eintraf. Auf der Rückfahrt spekulierten sie intensiv über diesen merkwürdigen Zusammenhang. Dass so etwas ausgerechnet passierte, nachdem Fabian die Scheidungspapiere im Briefkasten gefunden hatte! Sehr verdächtig.

Das fand auch Elli, die einerseits die Kinder nicht beunruhigen wollte, sich aber durchaus so ihre Gedanken machte. Wenn wirklich Fabian hinter der Sache steckte – würde ihm dann ein Satz kaputter Reifen als Rache genügen?

Erst mal hatte sie zur Beruhigung einen großen Topf Seelenfutter gekocht. Bohneneintopf mit Hühnerfleisch und Nudeln, ihr Geheimrezept für alle Lebenslagen.

Inge und Frank saßen mit am Tisch, und dann stieß auch noch Onkel Martin dazu. Er war Polizist. Elli hatte ihm die ganze Geschichte erzählt und auch ihre Sorge geäußert, dass Fabian womöglich noch andere Gemeinheiten plante. Jetzt wollte er von Jana unter vier Augen wissen, wie sie die Lage einschätzte und was ihrem zukünftigen Exmann zuzutrauen war.

Jana dachte nach. „Ich weiß es nicht“, bekannte sie schließlich. „Ich weiß auch nicht, ob die Reifen wirklich auf sein Konto gehen. Aber er kann sehr wütend werden. Das habe ich oft genug erlebt.“

„Na, jetzt bist du erst mal aus der Schusslinie“, meinte er tröstend. Womit er sich täuschen sollte.

Nachdem Martin sich verabschiedet hatte, weil er zum Nachtdienst musste, saßen sie noch lange zusammen und versuchten, auf andere Gedanken zu kommen. Christof brachte das Gespräch auf ihren geplanten Ausflug morgen, und bald entspann sich eine lebhafte Unterhaltung über die Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Jana war es recht. Die Kinder freuten sich auf den morgigen Tag, und sie schaffte es auch, alle negativen Gefühle zu verbannen. Als sie später zu Bett ging, war sie richtig guter Dinge. Morgen würden sie sich einen tollen Tag machen. Und der Rest würde sich finden.

Irgendwann in der Nacht schreckte Jana hoch. Was hatte sie geweckt hatte? Sie konnte es nicht sagen. Oder hatte sie geträumt?

Glas klirrte – in das Gebell mischte sich eine Männerstimme

Sie lauschte in die Dunkelheit, doch da war es wieder, ganz deutlich diesmal. Ein Poltern – das kam aus dem Hof! Jana war auf einen Schlag hellwach, als auch schon der Hund wie verrückt losbellte, unterdrückt erst, dann lauter, als er nach draußen gelassen wurde. Nun ging der Radau richtig los. Wütendes Knurren mischte sich in das Gebell, Glas klirrte, dazwischen eine aufgebrachte Männerstimme.

Mit wild hämmerndem Herzen horchte Jana auf den Tumult. Was war da los? Jetzt krachte irgendetwas, doch die Geräusche schienen sich zu entfernen. Auch das Bellen wurde leiser und verhallte schließlich ganz. Dann war alles fast gespenstisch still.

Jana versuchte ihre flatternden Nerven zu beruhigen und trat ans Fenster. Da tauchten auch schon die Kinder bei ihr auf, die der Lärm ebenfalls geweckt hatte. Lilly drückte sich ängstlich an sie, Jonas starrte angestrengt nach draußen. „Da war jemand“, stieß er aufgeregt hervor. „Ein Einbrecher?“

„Keine Ahnung“, gab Jana zu.

Jetzt war von unten Ellis Stimme zu hören, die nach dem Hund rief. Und auf der Treppe polterten Schritte. Inge? Oder Christof?

„Zieht euch was über“, wies Jana die Kinder an. Sie selbst schlüpfte rasch in Jeans und Pullover. An Schlaf war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken.

Unten trafen sie auf die ganze Hausgemeinschaft. Elli stand in Morgenmantel und Filzpantoffeln in der Haustür. Inge daneben, in einem langen bunten Kaftan. Nur Christof trug wie sie Jeans und Pullover. Sein Haar aber stand wirr vom Kopf ab, was Jana trotz der aufwühlenden Situation ein amüsiertes Grinsen entlockte.

„Was ist denn eigentlich passiert?“, fragte Inge gerade.

„Da war jemand im Hof“, erwiderte Elli grimmig. „Ich hab Billy rausgelassen. Ich hoffe bloß, er kommt auch wieder zurück.“

Wenigstens diese Sorge erledigte sich gleich darauf, als der Hund hechelnd und mit schlackernden Ohren in den Hof gerannt kam. Elli fiel ein Stein vom Herzen.

Christof hatte inzwischen eine Taschenlampe organisiert und lief draußen die Fassade ab. Jonas, ganz Mann im Haus, begleitete ihn. „Da ist ein Fenster kaputtgeschlagen“, berichtete er aufgeregt, als sie wieder an die Tür kamen, wo sie alle zusammenstanden.

„Eines der Kellerfenster“, ergänzte Christof. „Und davor auf dem Boden ist ein Blutfleck.“

„Vielleicht hat sich der Einbrecher an den Scherben die Hand aufgeschnitten!“, rief Jonas.

„Oder der Hund hat ihn ganz feste gebissen“, warf Lilly ein und kraulte Billy an den Ohren.

„Auf jeden Fall müssen wir die Polizei benachrichtigen“, erklärte Elli bestimmt und wandte sich um.

In diesem Moment näherten sich auf der Straße Scheinwerfer. Gleich darauf bog ein Auto in den Hof ein. Inge stieß einen überraschten Laut aus. Es war ein Streifenwagen! Darin saßen Martin und ein Kollege. Und auf der Rückbank – jetzt war es Jana, die einen verstörten Aufschrei unterdrücken musste. Neben sich hörte sie Lilly erschrocken nach Luft schnappen. Denn da saß Fabian und starrte mit wildem Blick zu ihnen herüber.

Der Streifenwagen hielt, und Martin in Uniform stieg aus. Elli sah ihn entgeistert an. „Was tust du hier?“, fragte sie erstaunt.

Er warf Jana einen schnellen Blick zu und trat dann vor Elli hin. „Irgendwie hat mir die Sache keine Ruhe gelassen“, meinte er. „Deshalb bin ich auf meiner Streife ein paar Mal hier vorbeigefahren. Und plötzlich kam dieser Kerl aus dem Hof geschossen, sehr in Eile und mit Blut an der Hand. Und statt einer Erklärung wollte er meinem Kollegen einen Kinnhaken verpassen. Aber bei so was verstehen wir überhaupt keinen Spaß.“

Wieder sah Martin zu Jana hin, der alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war. „Ist das dein Mann?“, fragte er, und sie nickte stumm.

Die nächsten Minuten erlebte Jana wie in Trance. Wie Martin die Einbruchsspuren untersuchte und eine Menge Fotos machte. Die ganze Zeit fixierte Fabian sie feindselig. Erst als der Wagen vom Hof fuhr, konnte sie wieder frei atmen.

Warm und tröstend lag Christofs Arm um Janas Schultern

Zugleich begriff sie allmählich, was passiert war. Fabian wollte hier eindringen und – ja, was dann? Ihr etwas antun? Oder den Kindern? Sie fröstelte bei dem Gedanken. Und als hätte er ihre Beklemmung gespürt, legte Christof den Arm um ihre Schultern.

„Er hat sich gerade keinen Gefallen getan“, stellte er pragmatisch fest. „Was die Zuteilung des Sorgerechtes angeht, denke ich. Sprich mal mit Frank darüber. Dann soll er ein Kontaktverbot erwirken.“

Er lächelte ihr aufmunternd zu, und Jana nickte dankbar. Es tat gut, wie er den Überblick und einen klaren Kopf behielt. Und sein Arm um ihre Schultern tat auch gut.

„Kinder, was für ein Theater“, rief Elli aus. „Ich könnte jetzt gut einen Schnaps vertragen.“

„Ich auch – einen Doppelten!“, platzte Jonas altklug heraus.

„Soweit kommt’s noch“, versetzte Jana und musste lachen.

Hatte sie sich dabei näher an Christof gelehnt, oder hatte er sie noch fester an sich gezogen? Als sie zu ihm hochsah, grinste er unschuldig, und Jana fuhr unverhofft ein Gefühl wie auf der Achterbahn in die Glieder. Dieses Flattern im Bauch und die weichen Knie, kam das von den aufregenden Ereignissen dieser Nacht? Oder von dem vorwitzigen Funkeln in seinen Augen, das nicht so recht zu der Unschuld passen mochte?

„Ich hab noch Kirschsaft“, warf Inge ein. „Der passt besser.“ Sie strubbelte Jonas durchs Haar, und er nickte großzügig. Lilly hatte sich dicht an ihre Oma gedrückt, den Hund zu ihren Füßen.

Zuhause, Familie, Heimat – das schoss Jana plötzlich durch den Kopf. Wie gut, das alles zu haben.

Und Christof…? Wie auf Kommando trafen sich ihre Blicke, warm und herzlich und voller Gefühl. Jana lächelte versonnen. Vielleicht gehörte er ja irgendwann auch mit dazu, wer weiß …

ENDE

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