Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

STOLZ & VOR- URTEIL


Madame - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 16.06.2021

Artikelbild für den Artikel "STOLZ & VOR- URTEIL" aus der Ausgabe 8/2021 von Madame. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Sie hat schon trainiert, und es ist erst früher Morgen. Drei Trainingseinheiten pro Tag stehen im Moment bei Zeina Nassar auf dem Programm: Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf. Auch während des Ramadans schont sie sich nicht und fastet, während sie das Übungsprogramm fortsetzt. Ihr Glaube ist Zeina Nasser ebenso wichtig wie ihr Sport.

FRAU NASSAR, Sie waren Deutsche Boxmeisterin 2018 im Federgewicht und treten bei den U22-Europa-meisterschaften 2021 in Italien an, haben bereits ein Buch über Ihr junges Leben verfasst, Theater gespielt und gemodelt, und Sie studieren Erziehungswissenschaften und Soziologie. Was fiel Ihnen bislang am schwersten?

Ich denke nicht gerne, dass mir etwas „schwer“­fällt. Ich betrachte die Dinge lieber als Challenge und investierte Zeit. Und ich würde sagen: Die größte Herausforderung bisher war, ein Buch zu schreiben. Ich hatte zwar einen Ghostwriter an meiner Seite, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Madame. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2021 von DOLCE VITA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DOLCE VITA
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von SPUREN SUCHE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SPUREN SUCHE
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von BEGLEIT ERSCHEIN U NGEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BEGLEIT ERSCHEIN U NGEN
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von WEIT BLiCK. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WEIT BLiCK
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von TISCH D(R)AMEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TISCH D(R)AMEN
Titelbild der Ausgabe 8/2021 von Gucci Gaga. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gucci Gaga
Vorheriger Artikel
VERWANDLUNGS KÜNSTLERIN
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel CULTURE CLUB
aus dieser Ausgabe

... aber ich habe dennoch ein halbes Jahr damit verbracht, meine Erinnerungen und Gedanken in Worte zu fassen. Das war nicht einfach, denn beim Nachdenken darüber wird man sich über viele Gefühle bewusst.

Ihr Buch „Dream big“ (Hanserblau Verlag) handelt vom Weg einer Berliner Schülerin in die internationale Welt des Boxens. Worin besteht für Sie die Faszination dieses Sports?

Man bringt den Körper an seine Grenzen. Trotzdem macht mich der Sport ganz leicht und glücklich. Ich habe mit 13 Jahren damit angefangen, und das Training war für mich damals auch Stressbewältigung und Ausgleich. Ich hatte den Kopf danach frei und bin mit einem Lächeln und wie auf Zehenspitzen aus dem Boxstudio hinausgelaufen. Beim Boxen geht es nicht um Prügeln, sondern um Kontrolle. Diese Kontrolle stärkt das Selbstvertrauen. Und es gibt noch etwas, weswegen Boxen gut zu mir passt: Ich bin im Grunde Einzelkämpferin.

Sind heute nicht alle darauf bedacht, sich als Teamplayer zu geben?

Ich mag Teamsport, ich habe lange Fußball und Basketball gespielt. Auch beim Boxen habe ich immer ein Team um mich herum. Nur bei Wettkämpfen bin ich für den Ausgang des Kampfes alleine verantwortlich. Ich stehe allein im Ring, bei einem Sieg und bei einer Niederlage. Das hat für mich viel mit dem Leben zu tun.

Auf Instagram, wo Sie inzwischen 117 000 Follower haben, lautet Ihr Motto „Won, Lost, Learned“. Ihre Lebensphilosophie?

Ja, schon. Es gibt diesen Spruch: „Fighting is not about winning or losing, it’s about learning.“ Ein Sieg macht einen stolz, aber eine Niederlage kann genauso wertvoll sein. Sie ist ein Ansporn, sie bringt einem Durchhaltevermögen bei. Wenn man dann weitermacht und nicht aufgibt, lernt man, dass eine Niederlage eben nicht das Ende sein muss. Man kann später doch noch siegen, oder man kann sich weiterentwickeln, und beides ist ein Erfolg.

Biografie

Zeina Nassar wurde 1998 in Berlin als Tochter libanesischer Eltern geboren und wuchs mit ihren beiden Brüdern und ihrer Schwester in Kreuzberg auf. Mit 13 Jahren begann sie mit dem Boxsport; sie ist sechsfache Berliner Meisterin und wurde als erste Muslima Deutsche Meisterin. Auf ihren Druck wurden auch die internationalen Wettkampfstatuten geändert, sodass sie mit Kopftuch antreten kann. Zeina Nassar studiert Erziehungswissenschaften und Soziologie in Potsdam. Ihr Traum: sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren – und eine Boxschule zu eröffnen.

Einer Ihrer Erfolge ist, dass auf Ihren Druck hin die Wettkampfstatuten erst im deutschen, dann im internationalen Boxsport geändert wurden: Sie wollten als Muslima auch im Ring den Hijab tragen. Seit 2013 dürfen alle Frauen in Deutschland mit körperbedeckender Kleidung und einem Sportkopftuch boxen, und 2019 wurden auch die internationalen Wettkampfregeln geändert. Warum war Ihnen das wichtig?

Weil es im Sport um Leistung gehen sollte. Es muss doch egal sein, welche Religion man hat oder wo man herkommt. Es sollte auch keine Rolle spielen, welche Kleidung man trägt, solange niemand dadurch benachteiligt wird. Wenn jemand benachteiligt wäre, dann höchstens ich, weil mir mit Langarm­Body und Leggings schneller warm wird. Ich bin gläubig und wollte das Kopftuch aus religiösen Gründen tragen – aber ich wollte trotzdem auf Wettkämpfen boxen. Alle Frauen mit längeren Haaren müssen unter dem Helm sowieso ein Kopftuch tragen. Da sah ich nicht ein, dass meines verboten ist.

Ihr Engagement hat Sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Kämpferin für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung gemacht. Auch im Libanon, woher Ihre Eltern stammen, sind Sie ein Star und mehrfach im Fernsehen aufgetreten.

Als ich mit 13 Jahren mit dem Boxen anfing und kurz danach das Wettkampfproblem auftauchte, da habe ich, ehrlich gesagt, nicht vorgehabt, die Welt zu verändern oder einen großen Beitrag in der Gesellschaft zu leisten. Ich wollte einfach in den Ring steigen und meinen Sport ausüben. Heute ist mir sehr bewusst, dass ich eine Vorbildfunktion für junge Mädchen und Jungs und damit Verantwortung habe. Meine Botschaft lautet: Glaub an dich und deine Träume. Glaub an ein Leben, in dem du sein kannst, wie du sein willst. Es macht mich stolz, wenn ich dadurch sogar im Libanon Mädchen ermutige, sich das Boxen zuzutrauen, was lange als ausschließlich männlich galt.

Entschlossenheit liegt möglicherweise bei Ihnen in der Familie: Ihre Eltern flohen vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland. Ihr Vater hatte schon Arbeit als Bauarbeiter gefunden, aber Ihre Mutter musste auf einer gefährlichen Reise mit Schleppern nach Deutschland kommen, lief stundenlang durch Schnee und Eis, bis sie nass und durchgefroren in einen Bus steigen konnte. Wo eine Fremde ihre roten Handschuhe auszog und sie ihr reichte.

„Das ist das Tolle am Sport: Er schenkt einem Disziplin und Stolz. Das möchte ich weitergeben.“

Bei dieser Geschichte kommen meiner Mutter heute noch die Tränen. Meine Eltern haben als Migranten viel durchgemacht, auch für uns, ihre Kinder, die alle vier in Berlin geboren sind. Es war klar, dass wir Geschwister zusammenhalten und uns um Bildung bemühen sollen. Ich bin dankbar, dass ich mit zwei Kulturen aufgewachsen bin. Dass mir Leistung viel bedeutet, liegt auch an unserer Geschichte.

Sie haben Ihre Eltern überredet, Ihnen Boxtraining in einem Berliner Club zu erlauben, indem Sie behauptet haben, dass es Ihre schulischen Leistungen fördert, richtig?

„Boxen macht stärker, schneller und schlauer“, habe ich meiner Mutter gesagt. Ich hatte sogar Studien dazu gefunden. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Es stimmt.

War es der Wunsch Ihrer Eltern, dass die Töchter Kopftuch tragen?

Das war mein eigener Wunsch, seit ich neun Jahre alt war. Meine große Schwester war sicher ein Vorbild, sie strahlte damit Autorität und Eleganz aus, das wollte ich auch. Und es ist mir wichtig als Zeichen meiner Religion. Der Glaube und die täglichen Rituale geben meinem Alltag Struktur. Ich faste im Ramadan, selbst wenn ich trainiere.

Was antworten Sie Kritikern, die im Hijab auch ein Symbol weiblicher Unterdrückung sehen?

Dass man die Entscheidung doch wirklich den Frauen überlassen sollte, die ihn tragen möchten.

Mancherorts ist es nicht unbedingt die Entscheidung der Frauen, sondern familiärer oder gesellschaftlicher Zwang.

Das weiß ich natürlich, und es ist inakzeptabel, wenn in manchen Ländern oder in manchen Familien Verschleierung erzwungen und Frauen gedroht wird. Ich bin gegen jede Art von Unterdrückung und immer für Selbstbestimmung.

Ihr Einsatz für Female Empowerment hat bereits prominente Bewunderer gefunden. Die Designerin Tory Burch nennt Sie eine „Freundin des Hauses“ und eine Wegbereiterin, die sie selbst mit Ihrer Unbeirrbarkeit, eigenen Träumen zu folgen, inspiriere.

So etwas macht mich natürlich stolz. Ich liebe ja Fashion, und in Torys Entwürfen fühle ich mich einfach selbstbewusst. Außerdem sind sie mit ihren Mustern und Farben so schön extravagant, und ich falle eigentlich ganz gerne auf.

Haben Sie, die vielen als Vorbild gilt, auch selbst ein Idol?

Definitiv Muhammad Ali, den größten Boxer aller Zeiten. Er war superschnell, hatte einen unorthodoxen, spielerischen Stil mit vielen Kontern und hat auch zu gesellschaftlichen Themen den Mund aufgemacht. Er ist mein absolutes Idol.

Nach schier endlosen Lockdown- Monaten blicken viele Menschen mit besonderer Hoffnung in die Zukunft. Welche Träume bewegen Sie?

Ich träume davon, mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren und dort teilzunehmen. Das ist sportlich mein größter Wunsch. Und ich würde gerne irgendwann eine Boxschule eröffnen, in der ich mein Studium der Erziehungswissenschaften mit dem Sport verbinden kann, wo ich Kinder und Jugendliche begleiten und ermutigen kann, sich zu fordern und an sich zu glauben. Das ist ja das Tolle am Sport: Er schenkt einem Disziplin und Stolz. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben. Und damit vielleicht auch meiner Mutter eine Hommage erweisen, die ja Erzieherin ist und immer an mich geglaubt hat.

Volltreffer

ZEINAS EMPFEHLUNGEN

Neue Rollen: auf der Bühne im Berliner Gorki-Theater im Theaterstück „Stören“

Neue Seiten: Zeinas aktuelle Lektüre handelt von der Effizienz kleiner Schritte

Neue Looks: Zeina liebt die Entwürfe von Tory Burch – und agiert als „Freun-din des Hauses“