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Stolzing wartet


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 05.06.2020

Der Tenor Piotr Beczała erobert sich Wagner und den Verismo.


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Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 7/2020

Ein bisschen war es schon so, als hätten wir zusammen in der gemütlichen, hellen Küche in seinem Landhaus gesessen. Am Ende des Gesprächs hat mir Piotr Beczała auch den gesamten Raum gezeigt, auf den Regalen die hübschen Küchengefäße, die seine Frau zusammengetragen und dekorativ aufgestellt hat. Zwischen uns lagen coronabedingt tatsächlich gut tausend Kilometer, und dennoch entstand eine legere und fast vertrauliche Gesprächsatmosphäre. In dem kleinen südpolnischen Ort Żabnica, idyllisch südlich von Bielsko-Biala gelegen, hat sich der von ...

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... Opernhäusern in aller Welt gefragte Tenor im Freizeitpulli an den Küchentisch gesetzt und sein iPhone so in Position gebracht, dass er mir direkt gegenübersaß.

Fluchtartig hatte Beczała New York verlassen, wo er an der Met für Jules Massenets „Werther“ geprobt hatte, einen Tag vor der Generalprobe wurde die Aufführung abgesagt. Immerhin hat der Sänger jetzt reichlich Zeit und Gelegenheit, die Rolle des Radames einzustudieren, den er ebenfalls an der Met in der nächsten Spielzeit verkörpern soll – wenn die Aufführung denn zustandekommt. Auch nach der ihm und seiner Frau bei der Ankunft in Polen verordneten Quarantänezeit fühlt sich Beczała wie ein Hochleistungssportler, der nur sehr eingeschränkte Trainingsmöglichkeiten hat. Regelmäßig geht er ins Studio in seinem Landhaus, um seine Stimme in Form zu halten, „und wenn ich das mal vergesse, erinnert mich meine Frau daran“.

Piotr Beczała in Verdis „Un ballo in maschera“ an der Wiener Staatsoper


Beczała wuchs in Czechowice-Dziedzice, fünfzig Kilometer von Żabnica entfernt, auf. Bis zum Abitur hatte er nicht die geringste Ahnung, dass ihm eine Sängerkarriere bevorstehen würde. Eineinhalb Jahre sang er in einem örtlichen Chor mit, die Leiterin schlug ihm vor, sich der Aufnahmeprüfung an der Musikakademie in Kattowitz zu stellen. „Für mich war das eine absurde Idee, weil ich keinerlei musikalische Ausbildung hatte“, bekennt Beczała. Er nahm Privatunterricht, bestand die Prüfung und begann zu studieren. Außerdem wurde die legendäre Sena Jurinac, deren Meisterklassen er besuchte, für ihn, auch später noch, eine wichtige Ratgeberin.

Sein erstes Engagement am österreichischen Landestheater Linz von 1992 bis 1997 zwang Beczała, seine bis dahin rudimentären Deutschkenntnisse auszubauen, schon weil er sehr viel deutschsprachiges Repertoire, oft mit gesprochenen Dialogen, zu bedienen hatte. Er musste die kleinsten Tenor-Partien wie die ganz großen Rollen übernehmen: „Ich war eine Allzweckwaffe.“ Sein Deutsch wurde schnell untadelig, sein Gesang wunderbar textverständlich, das ist schon einer 1996 in Linz entstandenen CD-Produktion zu entnehmen, in der er in der „Entführung“ den Belmonte mit lyrischer Strahlkraft, leuchtender Tonfärbung und einer Prise Italianità ausstattet. Die Linzer Lehrjahre zahlten sich aus, 1997 folgte das Engagement ans Opernhaus Zürich, dem er fünfzehn Jahre lang treu blieb. Zürich wurde für Beczała und seine Frau, die ihn auf seinen Reisen an die Opernhäuser der Welt stets begleitet, zur künstlerischen Heimat und zum wichtigsten Wohnsitz; beide wurden Schweizer Bürger.

Sein Repertoire weitet Beczała kontinuierlich, doch mit Bedacht immer weiter aus. Gut drei Dutzend CDs, auf denen er in den unterschiedlichsten Rollen zu erleben ist, bezeugen seine Vielseitigkeit, die freilich nicht in Beliebigkeit ausartet. Vor sechs oder sieben Jahren hat er begonnen, Liederabende mit Werken von Komponisten aus seiner polnischen Heimat zu geben, davor hatte er sich ausschließlich der Oper gewidmet. Zusammen mit dem Pianisten Helmut Deutsch wollte er zum zweihundertsten Geburtstag von Stanisław Moniuszko (5. Mai 2019) eine Lied-CD herausbringen. Daraus ist aus vielerlei Gründen nichts geworden. Die beiden widmeten sich stattdessen dem Komponisten Mieczysław Karłowicz und spielten auf einer CD, die kürzlich herauskam, dessen gesamtes Liedschaffen ein. Es war dann sogar noch Platz für fünf Moniuszko-Lieder. Für das Musiktheater hat Polen nur wenige bedeutende Werke hervorgebracht.

Immerhin hat es die 1926 uraufgeführte Oper „Król Roger“ (König Roger) von Karol Szymanowski ins Repertoire vieler Opernhäuser geschafft. In einer beispielhaften, 2018 entstandenen Einspielung der Polnischen Nationaloper Warschau unter Jacek Kaspszyk singt Beczała die Partie des Hirten (Accord). Inzwischen hat Beczała begonnen, ein für ihn nicht unbedingt neues, aber doch bislang weitgehend unerkundetes Terrain zu erschließen: den Verismo. Es war, wie er sagt, „eigentlich Neugierde“, sich mit dieser Stilrichtung näher zu beschäftigen, nachdem er in Wien den Cavaradossi in Puccinis „Tosca“ und den Maurizio in Cileas „Adriana Lecouvreur“ gesungen hatte. Mitte Mai ist jetzt eine CD bei Pentatone erschienen, auf der er Passagen aus den Klassikern des Verismo präsentiert, von Cilea über Mascagni, Leoncavallo und Giordano bis zu Puccini, von dem allein acht Nummern die Hälft e des CD-Programms ausmachen. Ehrensache, dass weder „E lucevan le stelle“ aus „Tosca“ noch „Nessun dorma“ aus „Turandot“ fehlen; die „Vincerò“-Rufe des Calaf haben der im spanischen Valencia mit dem valencianischen Orchester unter Marco Boemi entstandenen CD den Titel geliefert.

Die geballte Ladung veristischer Tenorpartien ist letztlich ein Versprechen, das sich Beczała sozusagen selbst gegeben hat: Er will in den nächsten Jahren einige dieser Rollen komplett einstudieren. Die Aufnahmen zeigen aber vor allem, welche Entwicklung seine Stimme in den vergangenen zwei Jahrzehnten genommen hat, von der noch ungestümen, kraft strotzenden Manier, in der er etwa in einem Konzertmitschnitt von Rossinis „Petite Messe solennelle“ das „Domine Deus“ in himmlische Sphären stemmt und mit einer gehörigen Prise Italianità überglänzt, hin zu einem hochkultivierten Timbre mit kräft igem Kern und einer weichen Hülle auf der Basis einer hochgesättigten Mittellage. Das alles ermöglicht es ihm, dem tenoralen Schmelz ganz nach Bedarf metallische Härte beizugeben, aber auch hier und da in Feindosierung kleine Schluchzer einzubauen, ohne dass der Eindruck von Eff ekthascherei entsteht.

Beczała spricht nicht gern von Fachwechsel, sondern lieber von Facherweiterung, wenn er darauf angesprochen wird, dass er zunehmend von rein lyrischen Tenorpartien zu stärker dramatisch aufgeladenen Rollen tendiert. Einen entscheidenden Schritt unternahm er in diese Richtung 2016, als er sich von Christian Th ielemann dazu überreden ließ, an der Seite von Anna Netrebko in Dresden die Titelpartie in Wagners „Lohengrin“ zu singen. Er habe sich lange dagegen gesträubt, gesteht Beczała, doch er hat sehr bald festgestellt, dass der Lohengrin die „italienischste“ Wagner- Partie ist, die sich überdies recht bequem singen lässt, weil sie nicht über das a' hinausgeht und ein recht ausgewogenes Verhältnis von Lyrik und Dramatik enthält. „Da kann man sich ganz auf den Ausdruck, die Emotionen und den Text konzentrieren.“


In Bayreuth verbreitete Piotr Beczała als Lohengrin Tenorglanz vom Feinsten


Die Krönung kam zwei Jahre später, als Beczała von Th ielemann nach Bayreuth geholt wurde und als Lohengrin vom Dienst im Elektriker-Monteursanzug im düsterbläulichen Bühnenbild von Neo Rauch Tenorglanz vom Feinsten verbreitete und gewaltige Energien in der glücklosen Inszenierung von Yuval Sharon freisetzte. Dabei war es bei Beczałas Verpfl ichtung auf den Grünen Hügel wohl nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen. Denn ursprünglich war er, wie er bestätigt, für die Partie vorgesehen, wurde dann aus unerklärlichen Gründen ausgebootet und schließlich in höchster Not doch wieder gerufen. Umso größer war der Triumph.

Trotz des Riesenerfolgs in Bayreuth beschleicht Beczała eine Befürchtung: „Wenn man Wagner den kleinen Finger gibt, verschlingt er gleich die ganze Hand.“ Die Verlockung ist freilich groß, weitere Wagner-Rollen einzustudieren.

Für 2022 hat er einen Vertrag für die Übernahme der Parsifal-Partie in einer konzertanten Auff ührung in Cleveland unter Franz Welser-Möst unterschrieben. Und Th ielemann versucht ihn beharrlich zu animieren, sich auch an den Stolzing in den „Meistersingern“ heranzutrauen. Er müsse nur anrufen, dann werde Th ielemann sogleich vier Vorstellungen ansetzen, off enbart Beczała und beschwichtigt zugleich: „Ich brauche erst noch ein paar mehr Lohengrine, bevor ich mich an den Stolzing mache.“


Foto: Johannes Ifkovits

Foto: Michael Pöhn