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STOP! BIST DU ZU DICK ODER GENAU RICHTIG? STOP! BIST DU ZU DICK ODER GENAU RICHTIG?


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 45/2021 vom 05.02.2021

Übergewicht gilt heute als eines der schwerwiegendsten gesundheitlichen Probleme unserer Freizeitpferde. Präventionsmaßnahmen und Therapien sind dabei nicht nur unter Fachleuten bekannt, denn die Rechnung „hohe Energieaufnahme bei wenig Energieverbrauch führt zu Übergewicht“ ist eigentlich recht einfach. Doch warum leiden dann dennoch so viele unserer Vierbeiner unter Übergewicht oder sogar Fettleibigkeit? Vielleicht liegt das Problem nicht in der Absicht der Pferdehalter und Besitzer, sondern vielmehr in deren Wahrnehmung: Eine Studie aus Großbritannien hat sich genau mit dieser Problematik einmal ...

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Bildquelle: Feine Hilfen, Ausgabe 45/2021

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... näher beschäftigt – mit teilweise alarmierenden Erkenntnissen.


Die Gesundheit unserer Pferde liegt zu einem sehr großen Teil in unseren Händen. Die meisten Halter sind sich dieser Verantwortung durchaus bewusst und versuchen nach bestem Wissen und Gewissen die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Schützlinge zu erhalten und zu steigern. Kein mitfühlender Pferdebesitzer setzt sein Pferd wissentlich dem Risiko aus, an Hufrehe oder Cushing zu erkranken. Und doch leiden hierzulande viel zu viele Pferde an den gefährlichen Folgen von Übergewicht. Wissenschaftler aus Großbritannien haben sich im Rahmen einer Studie auf Ursachenforschung begeben und versuchen uns Haltern praktische und alltagstaugliche Hilfsmittel für eine gesunde Wahrnehmung und ein effizientes Gewichtsmanagement an die Hand zu geben.

Realität und Wirklichkeit

Die gute Nachricht vorweg: Im Allgemeinen sorgen und kümmern sich Halter von Freizeitpferden sehr um die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Pferde. So erklärt Dr. Tamzin Furtado von der Universität Liverpool: „Besitzern liegt der Zustand ihres Pferdes sehr am Herzen, aber durch unsere sich verändernde Beziehung zum Pferd haben wir irgendwie versehentlich eine Umgebung und Gewohnheiten geschaffen, die unglücklicherweise zu einem massiven Wohlstandsproblem führen.“ Als Teil ihrer Doktorarbeit führte Furtado zusammen mit ihrem Team eine Studie mit dem Titel „Exploring horse owners’ understanding of obese body condition and weight management in UK leisure horses“ (Erforschung des Verständnis-ses von Pferdebesitzern für adipöse Körperkondition und Gewichtsmanagement bei britischen Freizeitpferden) durch. Die Forscher setzen es sich zum Ziel, die Wahrnehmung von Pferdehaltern in Bezug auf die Gesundheit und vor allem auf das Gewicht ihrer Pferde zu schärfen und somit ein Bewusstsein für equines Übergewicht und dessen gefährliche Folgen zu fördern. Zur Durchführung erklärt Furtado: „Wir haben 28 verschiedene Pferdebesitzer zur Gesundheit und zum Management ihrer Pferde befragt. Das Gewicht der Pferde spielte dabei zunächst keine Rolle. Wir wollten erfahren, wo die Prioritäten der Halter liegen und wie sie die Gesundheit und das Wohlbefinden ihres Pferdes managten. Dann befragten wir Fokusgruppen, bestehend aus Pferdebesitzern, die versuchten, das Gewicht ihres Pferdes zu managen, und sammelten Diskussionsbeiträge von Open-Access-Diskussionsgruppen über das Gewicht von Pferden. All diese Informationen wurden anonymisiert und dann analysiert, um zu sehen, wo die gemeinsamen Probleme auftraten.“

Übergewicht: Was hier lustig aussieht, ist für Pferde – ob groß oder klein – eine Qual.


(Foto: Christiane Slawik)


EQUINES ÜBERGEWICHT – EIN PROBLEM DER WAHRNEHMUNG?


Die natürliche Form der Pferde

Beachtet man, wie unterschiedlich Menschen sich selbst und gegenseitig wahrnehmen, scheinen die Ergebnisse der Studie zunächst nicht überraschend: Besitzer sorgten sich vor allem um ein Untergewicht ihrer Pferde, maßen Extrapfunden aber keine so große Bedeutung bei. Viele Pferde legen über einen langen Zeitraum langsam an Gewicht zu, was vom Halter oft zunächst unbemerkt bleibt. Erst wenn ihre Pferde mit Folgeerkrankungen wie Hufrehe zu kämpfen haben, realisieren viele Besitzer, dass ein Problem besteht und sie etwas verändern müssen. Furtado ergänzt: „Außerdem können sich viele Besitzer nicht vorstellen, dass ihre Pferde unter all dem Fett eigentlich eine andere Form haben könnten und sollten. Es herrscht große Verwirrung über die „natürliche Form“ von Pferden, vor allem bei robusten und kompakteren Rassen. Wir haben für unsere Freizeitpferde eine Umgebung geschaffen, die Fettleibigkeit fördert. Viele Pferde leben in Haltungsformen, die eigentlich für hart arbeitende Tiere ausgelegt sind. Unsere Freizeitpferde bewegen sich weitaus weniger.“
Auch Prof. Dr. Ellen Kienzle vom Lehrstuhl für Tierernährung und Diätetik an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität kennt die Problematik: „Gerade in der Freizeitreiterei wird viel schöngeredet, und so findet sich equines Übergewicht sehr viel häufiger und massiver unter Freizeitpferden als unter Turnierpferden. Wir beobachten auch, dass die Einschätzung und die Wahrnehmung der Halter oft nicht mit der Realität übereinstimmen. Häufig wird ein Heu-, Stroh- oder Grasbauch mit Übergewicht verwechselt oder umgekehrt ein hohes Kammfett als schöner Hals interpretiert.“ Dabei, so Kienzle, ist Fettleibigkeit bei Pferden keine Bagatelle: „Die Folgen von Übergewicht können dramatisch sein, und es darf nicht vergessen werden, dass beispielsweise die Hufrehe eine verkrüppelnde und überaus schmerzhafte Erkrankung ist.“

Body-Condition-Score

Doch warum fällt es vielen Pferdebesitzern so schwer, das Gewicht ihres Pferdes richtig einzuschätzen, und wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? Furtado erklärt in diesem Zusammenhang: „Der wichtigste Schluss, den wir aus unserer Studie für Pferdebesitzer ziehen können, ist, dass sie das Gewicht ihres Pferdes kontinuierlich überwachen sollten. Es klingt so einfach und unkompliziert, und doch macht es kaum jemand! Die Leute mustern einfach ihr Pferd per Augenmaß, ohne Messungen wie die Verwendung eines Maßbands oder eine formelle Zustandsbewertung vorzunehmen. Unsere Studie hat gezeigt, dass das „Eyeballing“, wie man dieses Vorgehen nennt, extrem ungenau ist, wenn es darum geht, übergewichtige Tiere zu identifizieren – als Menschen neigen wir dazu, Vermutungen anzustellen, die aber oft falsch sind. Die Besitzer sollten ihre Pferde so oft wie möglich vermessen, dies aufschreiben und Fachleute um Hilfe bitten, damit sie regelmäßig eine Körperzustandsbeurteilung erstellen können.“
Eine solche Beurteilung des Ernährungszustandes von Tieren wird auch Body-Condition-Scoring oder BCS genannt. Der erste Body-Condition-Score für Pferde wurde 1983 von Henneke et al. veröffentlicht und dient bis heute als Grundlage für weitere Beurteilungssysteme und Skalen. Auch Prof. Kienzle sieht einen Body-Condition-Score als gutes Werkzeug zur equinen Gewichtsüberwachung und -einschätzung und entwickelte zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Stephanie C. Schramme ein eigenes Scoring-System, welches speziell auf unsere Warmblutpferde zugeschnitten ist (Lesen Sie hierzu Seite 10/11).
Wie bei Henneke werden die equinen Körperregionen (Schulter, Rücken und Kruppe, Brustwand, Hüfte und Schweifansatz) anhand einer Skala von eins bis neun beurteilt. Kienzle erklärt: „Für Pferde empfehlen wir die Skala von eins bis neun. Dies hat den Vorteil, dass man auf halbe Punkte verzichten kann. Wichtiger ist aber noch der psychologische Effekt für den Tierbesitzer.

Regelmäßige Gewichtskontrollen beugen einem bösen Erwachen vor.


(Foto: Katja Pfannenschmidt)

Es macht einen Unterschied, ob ein Tier statt des Idealzustands von fünf eine sieben aufweist und somit zwei Stufen zu hoch liegt oder statt mit 2,5 oder drei mit 3,5 oder vier beurteilt wird, also ‚nur‘ einen Punkt zu viel hat.“ Auch der Trainingszustand der Pferde muss zur Unterscheidung von Fett- und Muskelgewebe herangezogen werden, denn oft fällt es Haltern schwer, beispielsweise einen kräftig bemuskelten Hengsthals von Kammfett zu unterscheiden. Wie das Bauchfett beim Menschen wurde auch das Nackenfett beim Pferd mit Insulinresistenz und einem erhöhten Risiko für Hufrehe in Verbindung gebracht. Jüngste Forschungen haben ein neuartiges Bewertungssystem für die Einstufung von Halsfett entwickelt. Das Cresty-Neck-Scoring-System besteht aus einer Skala von null bis fünf, wobei ein Wert von null kein optisches Erscheinungsbild eines Kammes bedeutet und ein Wert von fünf einer enormen und ständig zur Seite hängenden Fettpolsterbildung entspricht.

Den eigenen Blick schulen und schärfen

Die Scoring-Systeme richten sich an Tierärzte, aber auch an Halter, die effektives Gewichtsmanagement betreiben wollen. Als besonderen Anhaltspunkt sieht Prof. Kienzle vor allem die Rippen: „Bei Sommerfell oder dünnem Fell sollten die Rippen leicht zu sehen sein, wenn der Hals des Pferdes leicht gebogen ist. Sie sollten außerdem einfach zu ertasten sein.“ Als weiteren Indikator nennt Kienzle den Umfang in der Gurtlage: „Muss ich den Sattelgurt langsam, aber stetig auslassen, sollten schon die ersten Alarmglocken schrillen. Weitaus zuverlässiger ist allerdings die Zuhilfenahme eines Maßbandes, um den Umfang regelmäßig zu überprüfen.“
Stellt man eine stete Gewichtszunahme (oder auch Abnahme) beim eigenen Vierbeiner fest, sollten natürlich auch andere Ursachen in Betracht gezogen und tierärztlich untersucht werden: Sind die Zähne in Ordnung? Hat das Pferd eventuell Parasiten? Erst wenn andere medizinische Ursachen ausgeschlossen werden können, sollte man sich mit einem effektiven Gewichtsmanagement durch Training und über das Futter beschäftigen.
Auch Dr. Furtado rät: „Alle Besitzer sollten den Körperzustand ihres Pferdes regelmäßig anhand eines Condition-Scoring-Systems beurteilen, unabhängig davon, ob das Pferd dünn, dick oder gesund ist, denn dann können wir sehen, wann sich Veränderungen einschleichen, und wir können diese Veränderungen erkennen, bevor es ein größeres Problem gibt. Stattdessen verlassen sich die Besitzer normalerweise nur darauf, nach Augenmaß zu kontrollieren, aber das ist sehr ungenau, und die Wissenschaft hat immer wieder gezeigt, dass wir uns leicht täuschen lassen. Zum Beispiel wird ein ‚Grasbauch‘, wenn das Pferd von einem Tag auf der Weide hereinkommt, oft als fett beschrieben, ist es aber nicht. Andererseits wird eine ‚Halswulst‘ oft als Muskel beschrieben, obwohl es sich hier tatsächlich um Fett handelt. Wenn wir uns an die Verwendung von Condition-Scoring-Charts gewöhnen, können wir diese Dinge genauer überwachen und Probleme frühzeitig erkennen.“

Dieses Pferd kann nach dem Body-Condition-Score von Schramme eindeutig als zu dünn eingestuft werden. (Foto: Shutterstock / shymar27)


Messen! Überwachen! Frühzeitig reagieren!

Dieses gewichtige Problem unserer Pferde ist also sehr vielschichtig und begründet sich nicht nur in der Änderung von Haltungs- und Trainingsmethoden, sondern auch in unserer eigenen Wahrnehmung. Viele Halter sind sehr auf einen guten Gesundheitszustand ihres Pferdes bedacht, verschließen aber die Augen oder werden „betriebsblind“, wenn es um den Wohlstandsspeck ihres Vierbeiners geht.

Dabei können diese Extrapfunde zu schwerwiegenden und unumkehrbaren gesundheitlichen Problemen führen, die auf keinen Fall unterschätzt werden dürfen. So warnt auch Prof. Kienzle: „Viele Halter wollen nichts ändern und wollen die Wahrheit auch oftmals gar nicht hören. Die Entschuldigungen reichen dann von ‚er war schon immer so‘ bis zu ‚er ist ja schon etwas älter‘. Dabei sollte jedem bewusst sein, dass ein Pferd mit Rehe für den Rest seines Lebens immer anfällig und gefährdet bleibt. Aus diesem Grund sollte man eingreifen, bevor es zu Problemen kommt.“
Dieses Eingreifen kann zunächst über das Futtermanagement erfolgen, doch dies allein ist für unsere wenig arbeitenden Freizeitpferde oft nicht genug. Kienzle: „Ich empfehle: reiten, reiten und nochmals reiten! Gerade im Winter und ohne Halle oder gar Flutlicht ist dies oft sehr unangenehm bis unmöglich. Dann müssen die Haltungsbedingungen überdacht werden. Bietet der Stall keine ausreichenden Möglichkeiten, das Pferd bei Wind und Wetter zu bewegen, sollte man darüber nachdenken umzuziehen. Natürlich ist dies oft auch ein Kostenfaktor, doch eine Hufrehe ist auf lange Sicht bestimmt teurer.“ Und auch Dr. Furtado rät: „Wir brauchen mehr Hilfe für Besitzer, um Übergewicht zu erkennen und damit umzugehen. Ich würde mir mehr Forschung wünschen, wie diese Aha-Momente geschaffen werden können, damit die Besitzer verstehen, wie fett das Pferd ist, bevor es einer Hufrehe erliegt.
Aber wir müssen dann auch praktikable, unkomplizierte Unterstützung für diese Besitzer bereitstellen, damit sie ihr neues Bewusstsein in die Tat umsetzen können, um das Wohlergehen ihres Pferdes zu verbessern.“ So gern wir bei unserem eigenen Gewicht die Schuld auch im Zweifel lieber bei der Waage als bei uns suchen wollen, unseren Pferden zuliebe sollten wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, um ein gesundes Gewichtsmanagement zu erlernen und auszuführen. Aus diesem Grund bilden Body-Condition-Score-Systeme wie jenes nach Kienzle und Schramme eine gute Möglichkeit, die Figur unserer Pferde objektiver einzuschätzen – und sie können dem einen oder anderen Halter rechtzeitig die Augen öffnen.

Speckhals (l.) oder Hengsthals (r.)? (Foto links: Shutterstock / nigel baker photography; Foto rechts: Shutterstock / Olesya Nickolaeva)


DER BODY-CONDITION-SCORE FÜR PFERDE (WARMBLÜTER)