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STORY: DER SCHLÄGERTYP


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 60/2018 vom 17.05.2018

Max Rehberg , 14, ist der beste deutsche Tennisspieler seines Jahrgangs. Kann man einen Jungen liebevoll erziehen und gleichzeitig zu einem Profi entwickeln? Das Porträt einer Familie unter Spannung


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Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 60/2018

AUF DEM WEG ZUM PROFI: Bereits mit zwölf Jahren hatte Max Rehberg zwei Ausrüsterverträge: einen für Schläger und Schuhe, einen für Kleidung.


„Manchmal denke ich, das dürfen wir niemandem erzählen, sonst halten uns alle für verrückt“, sagt seine Mutter. „Gemeinsame Urlaube sind schwierig, weil ich das Geld verdienen muss, das wir für Max wieder ausgeben“, sagt sein Vater. „Es ist eine Wette auf die Zukunft mit ...

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... einem extrem hohen Irrtumsrisiko“, sagt sein Trainer. „Ein bisschen Druck habe ich schon, aber das ist okay“, sagt Max.

Frühjahr 2017, neun Uhr am Morgen, ein Mittelklassehotel am Stadtrand von Stockholm. Max Rehberg hat fertig gefrühstückt: ein Glas Orangensaft, zwei Rühreier, ein Schinkenbrötchen. „Schau mal, was die anderen alles essen“, sagt seine Mutter und zeigt zum Nebentisch, wo zwei Jungen in Trainingsanzügen Müsli, Obstsalat, Spiegeleier, Würstchen und Pfannkuchen mit Sirup vor sich ausgebreitet haben. „Aber Mama“, sagt Max, „das sind ja auch Engländer.“ Sieben Wörter, gelangweilt dahingesagt, aber irgendwie cool, fast schnippisch – ein typischer Max-Rehberg-Satz.
Doch seine Mutter lässt nicht locker: „Komm, hol dir noch Obst, das gibt Energie“, und Max trottet ans Buffet, schubst sich zwei Ananaskringel auf den Teller und sieht aus, als sei er zufrieden, eine salomonische Lösung gefunden zu haben. Zwei Stunden später hat er den ersten Satz mit 2:6 verloren. Seine Mutter kramt das Handy aus ihrer Handtasche. Ein verpasster Anruf ihres Mannes. Sie öffnet WhatsApp:

Max sitzt auf der Bank und starrt ins Leere, greift in seine Tennistasche, tastet nach etwas, seine Hände verharren ein, zwei Sekunden lang, dann geht er zurück auf den Platz. Er muss sich steigern, das weiß er, er muss dieses Match gewinnen, sonst war die Reise umsonst. Ob die Ananas hilft?

Max Rehberg ist beides: ein gewöhnlicher und ein besonderer Junge. Der gewöhnliche ist 13 Jahre alt, geht in die achte Klasse Gymnasium, schreibt gelegentlich eine Eins, meistens eine Zwei oder Drei. Er lebt mit seiner Familie in Pliening, zwanzig Kilometer östlich von München, in einer Doppelhaushälfte mit Hund und Garten. Ein stiller Junge, der in FC-Bayern-Bettwäsche schläft, eher blass, mit melancholischen Augen. Wer ihn zum ersten Mal sieht, traut ihm eine außerordentliche Begabung zu, aber eher gefühlvolle Erlebniserzählungen als eine krachende Vorhand.

Der besondere Max Rehberg ist der beste deutsche Tennisspieler des Jahrgangs 2003, zweifacher Deutscher Meister, neunfacher Bayerischer Meister und Nummer zwei der deutschen U16-Rangliste – vor ihm steht nur der ältere Max Wiskandt. Rehberg trainiert dreimal pro Woche im Leistungszentrum des Bayerischen Tennis-verbands in Oberhaching, zweimal mit einem Privattrainer, jeweils zwei bis drei Stunden; Spieltraining, Techniktraining, Athletiktraining, Konditionstraining; dazu kommen Ranglistenturniere, Vereinsspiele, Trainingslager, Europameisterschaften; er spielt Turniere in Frankreich, Italien, Schweden, Polen, Rumänien. Und jetzt liegt er in seinem ersten Match gegen einen Schweden zurück, dessen Namen er noch nie gehört hat.

Der „Kungens Kanna & Drottningens Pris“, traditionell ausgetragen in der Königlichen Tennishalle von Stockholm, zählt zu den bedeutendsten Jugendturnieren der Welt. An der Decke hängen die Fahnen der 28 teilnehmenden Nationen, an den Wänden Schwarz-Weiß-Porträts von Prinz Eugen und Kronprinzessin Margareta, die Schiedsrichterstühle sind aus poliertem Kirschholz, auf den Plätzen kämpfen Max, Leo, Piotr und Derrick um Ranglistenpunkte; es sind die besten Tennisspieler Europas unter 14 Jahren, insgesamt 64, darunter zwei Deutsche, einer ist aus Thailand, ein anderer von den Bahamas angereist. Die Nummer eins der europäischen Rangliste, ein Däne, ist nur deshalb nicht gekommen, weil er mit Novak Djokovic in Monte Carlo trainiert, die Beweisfotos hat er auf Instagram gepostet. Ellis Short, Sohn des gleichnamigen britischen Milliardärs, der gelegentlich im Privatjet des Vaters anreist, hat kurz vorher abgesagt. Alles gute Nachrichten für Max, die nicht so gute: Leo Borg, Sohn des fünfmaligen Wimbledonsiegers Björn Borg, der in der Rangliste vor ihm steht, spielt ein paar Plätze weiter, das Match wird live im Internet übertragen. Leos Vater schaut zu. Er ist eine Legende. Max’ Vater Kai ist Schuhvertreter im Außendienst, Bereich Südbayern.

ALLTAG AUCH FÜR NACHWUCHSSPIELER: Siegerehrungen sind oft etwas trostlos, weil die meisten Teilnehmer am Finaltag längst abgereist sind.


„Mal ins Theater oder in ein Wellnesshotel, das schaffen wir nicht mehr“, sagt seine Mutter. „Was wir mit Max erleben, kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen“, sagt sein Vater. „Es gibt Eltern, die fliegen mit ihrem Kind für ein paar Ranglistenpunkte nach Mauritius“, sagt sein Trainer. „Wenn man ein Turnier spielt, kann man in der ersten Runde ausscheiden, aber das weiß man vorher“, sagt Max.

Obwohl Max vom Verband unterstützt wird, müssen die Rehbergs 750 Euro im Monat für das Training im Leistungszentrum beisteuern. Klingt viel, ist aber nur ein Viertel der Summe, die an einer der berühmten Tennisakademien in Florida, Spanien oder Frankreich fällig wäre. „Trotzdem, sagt sein Vater, „750 Euro netto muss man erst mal verdienen“, dazu kommen der Privattrainer, Flüge, Bahnfahrten, Hotels, Benzin. Für seinen Flug nach Stockholm – immerhin 170 Euro – hat Max monatelang sein Taschengeld gespart; er hortet es in einem seiner vielen Pokale. Seine Eltern investieren so viel für ihn, da wollte er was zurückgeben, wenigstens symbolisch. Jetzt steht seine Mutter an der Brüstung, das Handy in der Hand, und kann es nicht fassen. Manuela Rehberg arbeitet halbtags als Assistentin in der Rechtsabteilung der Computerfirma Oracle. Einen schönen Urlaub hatten ihr die Kollegen vorige Woche gewünscht. Fünf Tage Stockholm, da könne man richtig neidisch werden. „Wenn die wüssten“, habe sie gedacht. Am Ende wird sie fünf Tage lang jeweils zehn Stunden in der Tennishalle gesessen haben und nebenbei Zeugin des gesamten Spektrums menschlicher Niedertracht und Größe geworden sein: Tränen, Tragik und kleine Gemeinheiten, aber auch Gesten der Fairness und Würde, wie sie erst in der Niederlage möglich sind.


KEINE HOBBYS,KEINE FREUNDE


Sie wechseln sich ab, mal sie, mal ihr Mann. Je nachdem, wer gerade Urlaub hat oder ein paar Tage abzwacken kann. „Wir haben ein System entwickelt“, sagt sie. Sie kümmere sich um die Schule, den Turnierplan, die Reisen, ihr Mann um die Verträge, das Finanzielle, die Ausrüstung. Sie frage Max Vokabeln ab, ihr Mann bespanne die Schläger, aber ohne die Unterstützung ihrer Mutter würden sie das alles nicht schaffen, Gott sei Dank sei die verrückt nach Max und nach Tennis. Und weil auch ihre Tochter Julia, 17, in der Regionalliga spiele und dreimal pro Woche trainiere, aber in einem anderen Verein, fahre oft irgendjemand aus dem Familienunternehmen an einem Tag mehrmals zwischen verschiedenen Tennisplätzen hin und her.

„Was sollen wir denn machen?“, fragt Manuela Rehberg. „Unsere Kinder brauchen uns jetzt.“ Ehrlich gesagt verbringe sie seit Jahren fast jeden ihrer Urlaubstage auf Tennisanlagen. „Wenn ich wenigstens was lesen könnte“, sagt sie, aber das gehe nicht. Zu nervös. Nägel lackieren, ja, in einer Zeitschrift blättern auch, manchmal trinke sie einen Cappuccino mit der Mutter eines anderen Jungen. „Aber es ist schwierig“, sagt sie, „ein Rest Distanz bleibt immer, weil sich keiner in die Karten schauen lassen möchte.“ Wer trainiert wie viel? Wer fährt auf welches Turnier? Wer bekommt welche Unterstützung vom Verband? Wer ist besser in der Schule? Wer geht überhaupt noch zur Schule? „Hier in Stockholm spielen vier Deutsche mit“, sagt sie, „zwei Mädchen, zwei Jungen, und alle haben ihre Mutter dabei. Man könnte sich doch zusammentun, abwechseln, aber nein, das kriegen wir nicht hin. Zu viel Konkurrenz.“ Fragt man die Rehbergs, was sie außer Tennis für Leidenschaften haben, sagen sie: „Keine“, und fügen hinzu: „Freunde, Hobbys, freie Zeit, alles weg, es geht nicht anders.“

Neulich, erzählt seine Mutter, sei Max mit einem Trainer auf einem Turnier in Hannover gewesen. „Am Telefon habe ich sofort gemerkt, dass er Heimweh hat und sich einsam fühlt. Ich habe mir dann zwei Tage frei genommen und bin hochgefahren.“ Drei Tage später hatte Max das Turnier gewonnen – und wieder mal eine Woche lang die Schule verpasst. Ein anderes Mal sei ihr Mann sechs Stunden mit ihm nach Norddeutschland gefahren und am nächsten Tag wieder sechs Stunden zurück, Max hatte sich über Nacht einen Magen-Darm-Virus eingefangen.

Als Max vom Platz kommt, sind seine Wangen gerötet, die Nackenhaare kräuseln sich am Kinderhals. „Gib mal das Handy“, sagt er. Vor und nach jedem Match ruft er seinen Vater und seine Oma an. Er hat es noch nie vergessen, er ist abergläubisch. Wenn er auf den Platz geht, tritt er nur neben, nie auf die Linien. Beim Seitenwechsel berührt er kurz zwei Stofftiere, einen Geier und einen Löwen, die er seit Jahren von Stadt zu Stadt, von Turnier zu Turnier schleppt. Tage vor einem wichtigen Match fasst er jeden Gegenstand mit beiden Händen gleichzeitig, wenn möglich symmetrisch an; es ist eine Art Zwang, aber Rafael Nadal stellt seine Trinkflaschen auch immer im gleichen Winkel zueinander auf.

Gegen den Schweden hat Max wieder mal gemacht, was er am besten kann: Er ist cool geblieben. Seine große Stärke, sagen seine Trainer im Leistungszentrum, fast alle waren selbst mal Profis. Je enger es werde, desto mutiger agiere er, desto entschlossener erzwinge er die Punkte. Er sei gar nicht so groß, erst recht nicht besonders athletisch, dafür spiele er extrem intelligent: „Max findet für jede Spielsituation eine raffinierte, oft sogar eine elegante Lösung.“ Natürlich sei er ein Kind, aber als Mensch extrem weit, „eine richtige Persönlichkeit“.

AUSZEIT: Alle fünf auf einem Fleck, das kommt selten vor - die Rehbergs mit Collie Bella daheim in Pliening, bei München. Wer ein paar Tage mit ihm verbringt, spürt diese Persönlichkeit. Nicht auf den ersten Blick, aber nach und nach. Zum Beispiel ist er gar nicht schüchtern, eher zurückhaltend. Max spricht nicht viel, vor allem nichts Überflüssiges. Er hat einen feinen Humor, ist auf eine trockene Art souverän; er ist fair, lässt sich aber nicht verscheißern. Wenn er einen Ball „Aus“ gibt, meint er „Aus“, er knickt nicht ein, da kann der andere noch so maulen oder dominant auftreten. „In der Schule“, sagt er, „spreche ich wenig über Tennis. Weil es meine Kumpels nicht interessiert.“ Nie würde er seinen Trainingsanzug der Jugendnationalmannschaft anziehen, wenn es nicht sein muss. Über seinem Bett hängt kein Poster von Roger Federer, sondern ein Foto, das ihn mit dem deutschen Tennisprofi Daniel Brands zeigt – Brands ist die Nummer 386 der Weltrangliste.


AN DIE PLAYSTATIONZWISCHEN MATCHES


Max Rehberg ist ein Junge, der die Pubertät noch vor sich hat, und ein Leistungssportler, der die Weichen für eine Profilaufbahn stellt. Der Profi unterhält sich mit seinen Gegnern fließend auf Englisch, der Junge zockt zwischen den Matches auf der Playstation. Der Profi fliegt quer durch Europa, der Junge hat voriges Jahr ein Turnier abgesagt, weil er Sehnsucht nach seinem Langhaarcollie Bella hatte. Der Profi hat mehrere Ausrüsterverträge für Schläger und Klamotten, der Junge teilt sich sein Bett mit zwanzig Stofftieren. Viele seiner Gegner haben Haare an den Beinen, Max’ Beine sind weiß und glatt wie eine frisch gestrichene Wand, er wirkt schon ehrgeizig, aber nicht so formatiert wie viele seiner Gegner, dafür verspielter, sensibler, neugieriger; man spürt es, wenn er in bedrängter Lage keinen sicheren Rückhandslice, sondern einen riskanten Zauberstopp ansetzt. Gelingt er gegen jede Wahrscheinlichkeit, schließt er ihn in seine „Schatzkiste“ ein. Dort lagern die Schläge und Ballwechsel, die er jederzeit abrufen und wie einen Film vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen kann, um sich wieder und wieder an ihnen zu erfreuen.

POKALE, POKALE: Max’ Kinderzimmer – auf dem Bett Stofftiere, in der Ecke eine Hantelbank – der Rest sind Pokale und Medaillen.


VORHANG AUF FÜR MAX: Rehberg bei den Bayerischen Hallenmeisterschaften 2017 in Nürnberg. Er gewann und gab dabei nur einen Satz ab.


„Besessenheit ist der Motor, Verbissenheit die Bremse“, hat der Tänzer Rudolf Nurejew mal gesagt. Es ist ein Spruch, den man im Leistungssport immer wieder hört, vor allem wenn es um Kinder geht. Max wirkt weder verbissen noch besessen. Tennis macht ihm Spaß, das merkt man, aber Spaß wird auf Dauer nicht reichen. „Von den ersten hundert der Weltrangliste hat keine Abitur“, hat der Teamchef der deutschen Damennationalmannschaft vor zwanzig Jahren mal gesagt. So ehrlich wäre heute keiner mehr, dabei sind die Bedingungen noch härter, die Chancen noch kleiner geworden. Der Zeitgeist schreit: das arme Kind. Die Realität zeigt: Man kann nicht Tennisprofi werden und gleichzeitig eine Kindheit ohne Entbehrung verbringen. Gerade im Leistungssport von Jugendlichen spiegelt sich eine Gesellschaft, die auf Wachstum ausgerichtet und an Leistung orientiert ist. Was es braucht, sind Geld, extreme Risikobereitschaft und ein Maß an Disziplin, das fernab jeder Norm liegt. Spitzenleistungen kommen nicht zustande, indem man vernünftig lebt, gelegentlich mit den Kumpels abhängt und einen Tag vor der Matheschulaufgabe das Training ausfallen lässt. Peter Graf gab seinen Beruf als Versicherungskaufmann auf und nahm seine Tochter Steffi von der Schule, als sie 14 war. Der Plan ging auf, fast immer geht er schief.


SCHÜLER & PROFI:FAST UNMÖGLICH


„In der Schule versäumt er ungefähr dreißig Prozent“, sagt Manuela Rehberg. Er darf das, ist alles mit dem Direktor abgesprochen. Seine Mitschüler schicken ihm Kopien der wichtigsten Arbeitsblätter aufs Handy, für den Rest haben sie ihm in der Klasse ein Fach eingerichtet, gelernt wird im Auto auf dem Weg zum Training oder abends nach 20 Uhr.

Tu as faim? Où sont les toilettes? – unterwegs spricht ihn seine Mutter immer wieder spontan auf Französisch an, so bleibe er in Übung. Wenn sie bei einem Turnier nicht dabei ist, schickt sie ihm per WhatsApp Übungen. Manchmal mache er sie sogar, im Hotelzimmer oder in der Umkleidekabine, aber optimal sei das alles nicht, für die Schule nicht und für den Sport auch nicht. Wenn seine Klassenkameraden nach Österreich zum Skikurs fahren, bleibt Max zu Hause. „Drei Gründe“, sagt sein Vater: „Er kann nicht trainieren, könnte sich verletzen und kann in der Woche ein Turnier spielen, ohne den Unterricht zu verpassen.“ Wer den Aufwand für übertrieben hält, hat noch nie beobachtet, wie Eltern auf Jugendturnieren Magnesiumtabletten gegen Muskelkrämpfe schlucken, ihren Kinder von einem Versteck im Gebüsch aus taktische Ratschläge zurufen oder ihnen nach einer Niederlage eine runterhauen, um sie auf der anschließenden Heimfahrt erst mit einer ausführlichen Matchanalyse und dann mit Vorwürfen einzudecken. „Die Rehbergs machen das nicht“, sagt Martin Liebhardt, Leiter für Talentförderung und Leistungssport beim Bayerischen Tennisverband, „die sind vernünftig, halten Max den Rücken frei, ohne ihn zu stark unter Druck zu setzen.“ Aber wann ist der Druck zu stark? Und wann zu schwach?

Die meisten seiner Gegner haben keine Ahnung davon, was Max neben dem Training alles auf die Reihe kriegen muss. Einige haben die Schule abgebrochen, die meisten gehen auf Sportinternate oder eine der elitären Tennisakademien in Florida, Frankreich und Spanien, ein paar reisen mit Privatlehrer von Turnier zu Turnier. „Die Tschechen, Slowaken, Russen achten nicht auf Bildung“, sagt Liebhardt, „die setzen alles auf eine Karte.“ Er sage nicht, dass das richtig sei, aber es sind die Spieler, auf die Max in den nächsten Jahren treffen wird. Auf ein bayerisches Gymnasium gehen und eine Profikarriere vorbereiten, das sei fast unmöglich. Alles andere könne man eh nicht sagen: Top 100, Top 20, ein Grand Slam-Sieg, das sei Schicksal, Gnade, so etwas lasse sich nicht planen oder herbeiführen, schon gar nicht erzwingen.

Die Auslese im Profitennis beginnt früh und ist gnadenlos. Es gibt Spieler, die wagen mit 15 den Sprung auf die Profitour. Boris Becker war 17, als er Wimbledon gewann, Alexander Zverev, heute Deutschlands bester Tennisspieler, hat mit 21 schon mehr als acht Millionen Dollar Preisgeld eingespielt. Weltweit bereiten sich Tausende Jugendliche auf eine Profilaufbahn vor, fast alle werden irgendwann aussortiert werden, eine Ausbildung anfangen, ein Fernstudium machen oder Trainerstunden geben. Mitte der Neunzigerjahre war ein gewisser Daniel Elsner aus dem Allgäu der beste Jugendspieler der Welt. Er gewann die US Open, die French Open und die Australian Open der Junioren, in Wimbledon stand er im Finale. Den Sprung ins Herrentennis verkraftete er nicht. Er spielte nur 35 Matches, verlor 27 und verdiente in zehn Jahren Profitennis 369.000 Dollar Preisgeld, das sind 36.000 im Jahr, vor Abzug der Steuern, Hotel- und Reisekosten. Heute ist er Tennistrainer in Baden-Württemberg. „Ein Ausnahmetalent“, sagt ein Experte vom Deutschen Tennis Bund, „aber zu weich, zu sensibel, der saß lieber auf der Wiese und spielte Gitarre.“

Die Chance, dass Max Rehberg ein erfolgreicher Profi wird, liegt bei einem oder zwei Prozent. Das ist keine Schätzung, das sind Erfahrungswerte von Trainern, die seit Jahrzehnten die vielversprechendsten Talente fördern, verbessern – und verschwinden sehen.

Nummer eins in Deutschland, Nummer 22 in Europa, alles großartig, aber was, wenn die Konkurrenz aus den USA, Südamerika, China dazukommt? Was, wenn Max sich verliebt oder verletzt, wenn er auf einmal nicht mehr wächst oder keine Lust mehr hat, jeden Tag dreitausend Mal auf einen Filzball einzudreschen? Neulich hat er vom Tennisverband den Turnierplan für das zweite Halbjahr per E-Mail bekommen. Die grünen Balken stehen für Pause, die roten für Turniere. Der Ausdruck ist ziemlich rot. Juli, August, September, kaum eine Woche ohne Turnier; Rumänien, Spanien, Frankreich, alles dabei. Seine Schwester war auch mit 14 Deutsche Meisterin und entschied sich nach ihrem größten Triumph gegen eine Profilaufbahn. Heute ist sie 17 und bewirbt sich gerade um eine Ausbildung als OP-Schwester.

Warum also der ganze Aufwand? Würde man in eine Aktie investieren, der zu 99 Prozent die Luft ausgeht? Auf der anderen Seite: Eine Aktie ist kein Mensch, schon gar kein Kind. Eine Aktie kann nicht kämpfen oder über sich hinauswachsen, nicht niedergeschlagen, aber auch nicht tapfer, aufrecht, gefasst, traurig oder glücklich sein. „Wir wollen ihn in seinem Traum unterstützen, so gut es geht“, sagt sein Vater. Ob es auch sein Traum ist?

GEWONNNEN: Siegerehrung bei der Bayerischen Jugend-Hallenmeisterschaft im März 2018 mit Sieger Rehberg und Finalgegner Nico Kleber


Kai Rehberg, ein sportlicher Mann mit Kapuzenpullover und Lederarmband, hat selbst ordentlich Tennis gespielt. Früher trainierte er seinen Sohn, heute spielen sie gelegentlich ein paar Bälle. Er weiß, wie verlockend es ist, die eigene verpasste Lebensleistung im Sohn oder der Tochter nachholen zu wollen. Wenn er Max beim Spielen zusieht, versucht er, gelassen zu wirken. Zu Beginn eines Turniers gelingt es ihm sogar. In einem Halbfinale oder Finale eher nicht, dann steht er, wirkt angespannt, zählt jeden Punkt mit, macht Handzeichen. Max und er haben ein System aus Symbolen entwickelt, die nur sie beide verstehen: Spiel variabler, komm ans Netz, greif über die Rückhand an, solche Sachen.

In Stockholm scheidet Max im Achtelfinale gegen den späteren Sieger aus Großbritannien in drei Sätzen aus. Ein ordentliches Ergebnis, aber sein Ziel, das Viertelfinale, hat er verfehlt. „Dann hätte ich das Geld für den Flug zurückbekommen“, sagt er. „Das Turnier hat uns tausend Euro gekostet“, sagt seine Mutter, „Flüge, Essen, Taxen, Startgebühr, das läppert sich.“

„Wir haben alle Freunde verloren“, sagt seine Mutter. „Wir geben 20.000 Euro im Jahr für Max aus“, sagt sein Vater. „Max hat sehr gute Anlagen, aber niemand weiß, wie es weitergeht, man hofft“, sagt sein Trainer. „Wenn ich ein Turnier gewinne, darf Bella ausnahmsweise bei mir im Zimmer schlafen“, sagt Max.

Anfang 2018 in Pliening, ein Dienstagnachmittag. Manuela Rehberg sitzt am Küchentisch, während Max in Tennissocken die hölzerne Wendeltreppe raufund runtersaust und seine Sportsachen zusammensucht: sechs Schläger, ein T-Shirt zum Wechseln, ein Handtuch, ein zweites Paar Socken. In einer Stunde beginnt sein Training in Oberhaching, wo sich auch mehrere deutsche Profispieler auf Turniere vorbereiten. Manchmal begegne er einem von ihnen unter der Dusche, es wirkt nicht so, als hätte er Ehrfurcht vor ihnen.

Vor Kurzem ist er 14 geworden, seine Stimme bricht manchmal, er wirkt männlicher. Zieht er sein T-Shirt hoch, erkennt man definierte Bauchmuskeln. Er ist athletischer geworden, weniger teigig, er ist in der Pubertät. Gerade hat er erstmals ein ITF-Juniorenturnier in Österreich gespielt, eine Art internationales Jugendturnier, in dem er gegen einen 17-Jährigen in der Qualifikation ausschied. Kurz darauf bekamen die Rehbergs Post von der Nationalen Anti-Doping-Agentur: eine Liste verbotener Medikamente. Max müsse ab sofort regelmäßig seinen Aufenthaltsort mitteilen, er könne jederzeit zur Dopingprobe bestellt werden. In der Schule hat er vorübergehend nachgelassen, sich aber wieder gefangen. „Das war mir wichtig“, sagt die Mutter. Eine Vier im Zeugnis sehe sie nicht so gern.

Er spielt jetzt immer öfter Turniere ohne Altersbeschränkung, um sich an die Dynamik des Herrentennis zu gewöhnen. Natürlich verliert er meistens früh, vor allem im Winter in der Halle, wenn Zwei-Meter-Männer mit mehr als 200 Stundenkilometern aufschlagen, aber das muss so sein, das Selbstbewusstsein kann er sich auf Jugendturnieren zurückholen. Er ist jetzt in einer entscheidenden Phase, Siege und Niederlagen müssen sinnvoll austariert werden, sagt sein Vater. Wer nur gewinnt, wächst nicht, wer nur verliert, erst recht nicht. Max muss triumphieren, an Grenzen stoßen, dann wieder triumphieren, nur so kann er sich entwickeln.

Er ist noch mal Oberbayerischer, Bayerischer und Deutscher Meister geworden, außerdem hat ein großer Münchner Traditionsverein Geld geboten und wollte ihn für die nächste Saison abwerben. Max hat abgelehnt, noch bleibt er seinem Heimatverein treu. Einer seiner schärfsten Konkurrenten ist vom Gymnasium auf eine Privatschule ohne Anwesenheitspflicht gewechselt. Auch Max hat aufgestockt. Er trainiert jetzt fünfmal pro Woche im Leistungszentrum, jeweils drei Stunden, dazu kommen zwei Stunden freies Training am Sonntagabend. Manchmal werde er direkt von der Schule abgeholt und zur Tennishalle gebracht. „Ich esse dann im Auto“, sagt er.

„Wir sehen es als Ausbildung fürs Leben“, sagt sein Vater. Max sehe die Welt, lerne Sprachen, sei offener und selbstständiger als andere Jungen in seinem Alter. Bald stehen Entscheidungen an. Max geht in die neunte Klasse, Ende des Jahres wird er 15, viele seiner Konkurrenten werden dann nur noch um die Welt fliegen und Turniere spielen. „Mal schauen, wie die nächsten Monate laufen“, sagt sein Vater. Wenn es nicht reicht, mein Gott, er werde mit Tennis immer etwas Geld verdienen können, vielleicht ein Stipendium für ein College in den USA bekommen. „Wir machen das, solange er es will, solange er Spaß an der Sache hat.“

„Die zehnte Klasse wird fertig gemacht“, sagt der Vater. „Wir geben kein Karriereziel aus, das wäre fatal“, sagt die Mutter. „Achtzig Matches im Jahr wären ideal“, sagen seine Trainer. „Solange Bella lebt, gehe ich nicht weg“, sagt Max.

IN AKTION: Max Rehberg bei den Bayerischen Jugendmeisterschaft 2017


VITA MAX REHBERG

Der 14-Jährige (Jahrgang 2003) aus dem oberbayerischen Landkreis Ebersberg zählt zu Deutschlands größten Talenten in seiner Altersklasse. Mit vier begann er, Tennis zu spielen. Aktuell trainiert er im bayerischen Leistungszentrum in Oberhaching. Er ist die Nummer zwei der DTB-U16-Rangliste. Seine größten Erfolge: Deutscher Jugendmeister im Einzel und Doppel U13 (2016), U14 im Einzel (2017). Für das deutsche Jugendnationalteam war der Federer-Fan u.a. beim Europe Winter Cup 2017 aktiv.

INFOS JUNIOREN

Der Deutsche Tennis Bund (DTB) organisiert die Junioren-Ranglisten ab der Altersklasse U12. Es gibt ferner U14-, U16- und U18-Rankings bei Mädchen und Jungen. In die Ranglisten fließen die Resultate von allen deutschen Turnieren ein, die vom DTB in verschiedene Wertungskategorien eingeordnet werden. Neben den deutschen Turnieren sind auch die Ergebnisse bei ITF- und TE-Turnieren für die Punktzahl relevant. Für Matches im Mannschaftsbetrieb kann ein Spieler ebenfalls Punkte bekommen. Die hier zu erreichende Punktzahl ist abhängig von der Liga und der Position des Spielers. In die Wertung eines Spielers fließen die acht besten Ergebnisse des letzten Kalenderjahres ein.

DER AUTOR

TOBIAS HABERL , schreibt für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“. 2016 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. In seinem Trainingsmatch – gegen Max bat er nach 15 Minuten um die erste längere Pause – und dann alle fünf Minuten um eine weitere.


FOTOS MATTHIAS ZIEGLER

DIE STORY „DER SCHLÄGERTYP“ IST MITTE MÄRZ ERSTMALS IM SÜDDEUTSCHE MAGAZIN ERSCHIENEN.

(Foto BTV).

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