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STRASSBURG das Herz Europas


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 27.05.2019

Die Bürger der EU wählen alle fünf Jahre die Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Ein Besuch der Stadt, in der es regelmäßig tagt


Artikelbild für den Artikel "STRASSBURG das Herz Europas" aus der Ausgabe 6/2019 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 6/2019

Ein später Sonntagnachmittag in Straßburg, der Hauptstadt des Elsass und des 2016 neu geschaffenen französischen Départements Grand Est an der Grenze zu Deutschland. Aufgrund der wechselvollen Geschichte der Region bietet die Stadt heute eine faszinierende Mischung aus französischer und deutscher Kultur. Sogar die Straßenschilder sind zweisprachig beschriftet. So heißt etwa dieRue des Écrivains auf ElsässerdeutschSchriwerstubgass .

Der Tag war lang und anstrengend, ...

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Der Tag war lang und anstrengend, und ich setze mich in ein Restaurant im Pariser Stil. Die geteilte Nationalität der Stadt erstreckt sich auch auf die elsässische Küche. Natürlich stehtFoie gras auf der Speisekarte, die Fettleber von gestopften Enten, die in den meisten Ländern verpönt ist. Doch es gibt auchJarret de porc (Schweinshaxe), serviert mitchoucroute (Sauerkraut) und scharfem Meerrettichsenf, der einem die Tränen in die Augen treibt.

Dazu werden elsässische Weine mit deutschen Namen wie Riesling und Gewürztraminer gereicht, aber auch Bier aus der Straßburger Brauerei Fischer. In dieser Stadt trinken die Franzosen Bier. Wie deutsch ist das denn?


IN STRASSBURG TRINKEN DIE FRANZOSEN BIER. WIE DEUTSCH IST DAS DENN?


Ich wähle die Schweinshaxe statt des elsässischen NationalgerichtsBaeckeoeffe . Diese Spezialität ist für später in der Woche eingeplant.

AM NÄCHSTEN MORGEN nimmt mich Stadtführerin Régine Baumgartner mit auf eine große Besichtigungstour. Wir starten vor dem majestätischen Straßburger Münster. Sein genialer Architekt war der deutsche Baumeister Erwin von Steinbach. Nach seinen Entwürfen wurde der romanische Vorgängerbau von französischen Bauhandwerkern aus Chartres und Reims im gotischen Stil umgebaut.

Über dem Hauptportal setzten sie eine herrliche Fensterrose im typisch nordfranzösischen Stil ein. Vergleichbare Fenster befinden sich an Kathedralen in Chartres, Senlis und Paris. Doch die Renaissance häuser mit ihren Dachgauben am Münsterplatz sind typische Beispiele für die süddeutsche Architektur, wie sie in Städten wie Nürnberg anzutreffen ist. Dagegen ist der angrenzende Museumskomplex in einer ehemaligen Bischofsresidenz aus dem 18. Jahrhundert ganz im Louis-quinze-Stil gehalten.

Die strategisch günstig an den Flüssen Ill und Rhein gelegene Stadt war römische Siedlung, Bischofssitz, freie Reichsstadt. Nach 1681 wechselte die Zugehörigkeit zu Frankreich und Deutschland mehrfach.

Wir spazieren durch enge Gassen, über Plätze und am Wasser entlang. Gerade feiert die sonnenbeschienene Stadt ein Valentinsfest namensStrasbourg Mon Amour . Passend dazu posiert ein Brautpaar vor der Kulisse des Kanals und der Fachwerkhäuser für seine Hochzeitsfotos.

Im Uhrzeigersinn von oben links: Fassade im Stadtteil Neustadt; mit seinen 142 Metern überragt das Münster die Dächer der Renaissance-Häuser; Place Kléber im Herzen der Stadt


Im Uhrzeigersinn von oben links: Thierry Schwaller bereitetBaeckeoeffe zu; das neoklassizistische Universitätsgebäude; ehemalige Mädchenschule am Ufer der Ill


BAUMGARTNER UND ICH überqueren eine Brücke und wechseln aus der Altstadt in die im 19. Jahrhundert erbaute Neustadt rund um den Place de l’Université. „Noch vor 30 Jahren war dieser Teil der Stadt nicht auf touristischen Karten verzeichnet, nicht einmal der Name wurde dort erwähnt“, erzählt Baumgartner, während wir vor einem prächtigen Jugendstilgebäude stehen, das Anfang des 20. Jahrhunderts von deutschen Architekten erbaut wurde.

Früher residierte hier ein Versicherungsunternehmen namens Germania, doch als das Elsass nach dem Ersten Weltkrieg an Frankreich zurückfiel, wurde der Name schnell gestrichen. Heute lautet er Gallia.

Die Neustadt wurde im Sinne der Germanisierung erbaut, nachdem Frankreich im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 unterlegen war. Mit der Fertigstellung der Neustadt um 1910 hatte sich die Größe des Straßburger Stadtgebiets verdreifacht. Gleichzeitig waren Zehntausende Familien aus ganz Deutschland in die Stadt gezogen, angelockt von der Aussicht auf bezahlbare Wohnungen, moderne Einrichtungen und hervorragende Bildung in allen Bereichen bis hin zu einer neuen Universität.

Das Ende des Ersten Weltkriegs zog nicht nur zahlreiche Namens änderungen nach sich, sondern auch die Vertreibung von bis zu 100000 deutschstämmigen Bewohnern aus dem Elsass – lediglich eine Fußnote in der tragödienreichen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Unterwegs verweist Baumgartner auf die Namen deutscher Architekten und Baumeister, die wie Malersignaturen in die Wände graviert sind. Das Viertel zählt zum UNESCOWeltkultur erbe. Es ist eines der beeindruckendsten und vollständigsten Zeugnisse deutscher Architektur vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit neoromanischen Kirchen, neoklassizistischen Regierungsgebäuden, der Universität sowie Wohnhäusern im Jugendstil und in neobyzantinischer Bauweise. Weitere Namen sind am Hauptgebäude der Universität zu sehen:

Schiller, Humboldt, Goethe und die anderer berühmter Deutscher. Unter ihnen entdeckte ich lediglich den Namen des französischen Philosophen Des cartes als bescheidene Anerkennung der 190 Jahre währenden französischen Herrschaft, die der deutschen Eroberung vorausging.

Es ist auch ein Zeugnis für das Bestreben beider Seiten, den Einfluss der jeweils anderen in der Stadt und der umliegenden Region zu verleugnen. Leidtragende des Konflikts zwischen den weit entfernten Regierungen in Paris und Berlin waren stets die Einwohner. Dennoch ist hier auch eine der faszinierendsten Städte Europas – und eine einzigartige Küche – entstanden.

Berühmte Straßburger Ansicht: die mittelalterlichen, einst überdachten Brücken über die Ill


Bei einem früheren Kurzbesuch in Straßburg hatte ichBaeckeoeffe kennengelernt, das mir als perfekte Metapher für das Elsass erschien. Seine deutschen Bestandteile sind üblicherweise Fleisch und Kartoffeln, doch die Zugabe von Weißwein verleiht dem Eintopf eine unverkennbar französische Note. In beinahe jedem Restaurant in Straßburg und Umgebung steht es auf der Speisekarte. Aber wie beim Riesling gibt es auch hier Qualitätsunterschiede.

CHEFKOCH THIERRY SCHWALLEr, Besitzer des RestaurantsFink’Stuebel , lacht, als ich ihn nach dem Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem Spitzen-Baeckeoeffe frage. Die meisten Touristenlokale, erklärt er mir, erhieltenBaeckeoeffe vorgekocht: „Sie müssen die Portionen nur noch in der Mikrowelle aufwärmen.“ Dann zeigt er mir, wie man es richtig machen sollte.

Schwaller mariniert das Fleisch zwei Tage lang in Riesling und Kräutern, dann schichtet er abwechselnd Kartoffeln, Gemüse und Fleisch übereinander. „Ich gebe immer Karotten dazu, weil sie die Säure des Weins ausgleichen“, erklärt er. Die gefüllte Terrine übergießt er mit der übrigen Marinade. „Ein Stück kräftig geräucherte Schweineschwarte kommt oben drauf, nur für den Geschmack.“

Er setzt den Deckel auf, verschließt ihn mit Teig und schiebt das Ganze für drei Stunden in den Backofen. Das Ergebnis ist himmlisch. „Es istdas elsässische Gericht“, schwärmt Schwaller. „Ich habe zwar auch in Deutschland Eintöpfe kennengelernt, aber nie mit Wein wie hier.“

Das WortBaeckeoeffe bedeutet „Bäckerofen“. Früher haben die Menschen die Speise zu Hause vorbereitet und freitags zum Bäcker gebracht, wo die Terrine mit Teig versiegelt und in den langsam abkühlenden Brotofen geschoben wurde, damit der Eintopf am nächsten Tag fertig war. Inspiriert wurde das Gericht von der jüdischen SabbatspeiseTscholent , die auf ähnliche Weise zubereitet wird, damit am Sabbat nicht gekocht werden musste.

Die Tradition wurde nach der Reformation von strenggläubigen Protestanten übernommen, die dieselben Sabbatregeln aus dem Alten Testament befolgten wie die Juden. Eine weitere interessante Facette der vielseitigen Kulturgeschichte der Stadt.

Straßburg war auch Schauplatz einer der ersten Pogrome in Europa, als Hunderte Juden 1349 für die Pest verantwortlich gemacht und öffentlich verbrannt wurden. Die Überlebenden wurden aus der Stadt verwiesen. Im Historischen Museum von Straßburg, das ich am nächsten Morgen besuche, wird dieses furchtbare Ereignis geschildert.

Exponate, Tondokumente und Videos erläutern die Stadtgeschichte von der Römerzeit bis zur Annexion des Elsass durch die Nazis 1940 und seine Wiedereingliederung in Frankreich. Die multimediale Zeitreise endet mit einer optimistischen Präsentation eines geeinten Europas, symbolisiert durch die neue Rheinbrücke nach Deutschland und die Präsenz führender europäischer Institutionen in der Stadt: das Europaparlament, der Europarat und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

AN MEINEM LETZTEN NACHMITTAG in der Stadt schlendere ich am Ufer der Ill entlang bis zum futuristisch anmutenden Glaspalast des Europaparlaments. Mit einer befristeten Presseakkreditierung kann ich mir die Fernsehstudios und Arbeitsbereiche für internationale Korrespondenten ansehen sowie auf der Pressetribüne im Haupttagungssaal Platz nehmen.

Unten im Plenarsaal erkenne ich einige Mitglieder des Parlaments dieser Union, die Europa beispiellose 70 aufeinanderfolgende Friedensjahre beschert hat. Zur Linken des Vorsitzenden befinden sich die Sozialisten und die Grünen, zur Rechten die Liberalen, die Christdemokraten und die Konservativen.

Ganz rechts außen sitzen die Nationalisten und Europaskeptiker, die die Zeit zurückdrehen und sich hinter Grenzen und Zäunen verschanzen wollen, statt in Europa zu verbessern, was verbessert werden kann und muss. Die Geschichte dieser schönen Stadt sollte eine Mahnung sein – ihnen und uns allen.