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STREITTHEMA: Neuer Zoff um Steimle


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 27/2019 vom 27.06.2019

Für viele Ostdeutsche ist der Kabarettist Uwe Steimle ein Idol. Sein Spiel mit braunen Parolen könnte ihn jetzt seine TV-Karriere kosten


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 27/2019

Seine Fans schätzen ihn als zornigen Sachsen mit spitzer Zunge, der ihnen oft aus der Seele spricht. Insbesondere, wenn es um ostdeutsche Befindlichkeiten geht. Für Äußerungen wie „90 Prozent der Menschen, die in der DDR lebten, waren doch glücklich“, bekam Uwe Steimle viel Zustimmung auch weit über die Grenzen seiner sächsischen Heimat hinaus.

Das Wort „Ostalgie“ hat er selbst erfundenes war der Titel seiner Kabarettshow 1992. Seine Kunstfigur Günther Zieschong, als ...

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Das Wort „Ostalgie“ hat er selbst erfundenes war der Titel seiner Kabarettshow 1992. Seine Kunstfigur Günther Zieschong, als die er oft auf der Bühne steht, ist ein traditionslinker Jammerossi, der das wiedervereinte Deutschland auf die Schippe nimmt. Von München bis Rostock erntete Steimle dafür viel Sympathie. Oft tritt er aber auch ins Fettnäpfchen. In der WDR-Satiresendung „Mitternachtsspitzen“ mokierte er sich bei einem seltsamen Auftritt, der eher an eine politische Rede erinnerte, über „die neuen Machthaber, die wir schon seit 25 Jahren haben“ und fragte: „Was ist der Unterschied zwischen den Russen und dem Westen? Antwort: Die Russen sind wir losgeworden!“

Wenn er für solche Darbietungen kritisiert wird, wittert der Kabarettist Zensur. „Wenn schon die Leute sagen, pass auf, was du sagst, fühle ich mich an finsterste Zeiten erinnert. So war es 1989“, wetterte er 2016 in der MDR-Talkshow „Riverboat“. Die Sachsen seien „die Einzigen, die das Maul aufmachen.“ Und Pegida nicht „die Minderheit, sondern die Spitze des Eisbergs“. Spätestens seit diesem Auftritt wird Steimle auch bei Pegida-Demos verehrt und gefeiert. Er selbst betont, er sei ein treuer Anhänger der Linkspartei. Mit Pegida habe er nichts zu tun. „Ich kann doch nichts dafür, wenn die mich zitieren.“

Seit seiner vermeintlichen „rechten“ Kehre bekam er spürbar Gegenwind. Seine neueste Provokation könnte Uwe Steimle nun seine TV-Jobs kosten, insbesondere seine Sendung „Steimles Welt“, die seit 2013 mit sehr guten Zuschauerquoten im MDR läuft. Auf einem Facebook-Foto posiert er in einem T-Shirt, auf dem in Abwandlung des Namens der Nazi-Organisation „Kraft durch Freude“ in Frakturschrift „Kraft durch Freunde“ zu lesen ist (s. rechts).

Für seine Kritiker hört der Spaß hier auf. Der sächsische CDU-Politiker Marco Wanderwitz zum Beispiel fordert: „Herr Steimle hat als wirklich wirrer Verschwörungstheoretiker im Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders, der kraft Auftrags Wert auf journalistische Qualität legen muss, einfach nichts verloren. Zwingende Gründe, ihn aus dem Programm zu nehmen, lieferte er in den letzten Jahren in rauen Mengen. Der MDR sollte jetzt endlich handeln.“

Auch die sächsische Linkenpolitikerin Antje Feiks, Mitglied im MDR-Rundfunkrat, ist empört: „Diese T-Shirt-Affäre ist nicht der erste Vorfall. Wir haben uns schon öfter mit ähnlichen Grenzüberschreitungen von Herrn Steimle beschäftigt. Es gibt die Werte unseres Grundgesetzes und unsere schwierige Geschichte, mit der wir sensibel umgehen sollten. Deswegen ist es fehl am Platz, in dieser Art und Weise mit Symbolen des Nationalsozialismus umzugehen. Das ist für mich keine Satire! Wenn er der Meinung ist, so etwas tun zu müssen, dann braucht er auch nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auftreten – seine Entscheidung! Und es ist ja nicht so wie zu DDR-Zeiten. Wir haben heute eine breit aufgestellte Kulturlandschaft, in der ihm keiner verbietet, im Theater oder Kabarett aufzutreten. Der MDR muss intern eine Entscheidung treffen. Dafür braucht der Sender eine klare Position, wo man Grenzen zieht, auch unabhängig vom Fall Steimle.“

Beliebt ist heute seine Sendung „Steimles Welt“ im MDR


„Das ist für mich keine Satire. Wenn er der Meinung ist, so etwas tun zu müssen, dann braucht er auch nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auftreten“

Ant j e Feiks , sächsische Landesvors i tzende der Par tei DIE LINKE

„Zwingende Gründe, ihn aus dem Programm zu nehmen, lieferte er in den letzten Jahren in rauen Mengen. Der MDR sollte jetzt endlich handeln“

Marco Wanderwitz, sächsischer CDU-Politiker und Pa r l . S taatssekretär im Bundesinnenministerium

Nach einem Kabarettauftritt 2016 im „Mir san mir“-T-Shirt wird Uwe Steimle von Pegida-Gründer Lutz Bachmann in einer Rede gefeiert


2015 lobt Steimle in der „Maischberger“-Show noch die Linkspartei und schilt Gewaltverherrlichung (u. a. einen Galgen) bei den damals neuen Pegida-Demos


Im November 2016 verteidigt er in der Talkshow „Riverboat“ auf einmal die AfD und kritisiert, dass diese „rechtspopulistisch“ genannt wird


Der jüngste Streit um Uwe Steimle entzündete sich an diesem Foto mit dem AfD-nahen Meißener CDU-Stadtrat Jörg Schlechte. Die Aufschrift auf Steimles T-Shirt („Kraft durch Freunde“) erinnert an einen Nazi-Slogan


MDR-Rundfunkrätin Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Dresden, ist ebenfalls verärgert: „Ich verstehe nicht, was daran Satire sein soll. Ich bin auch nicht glücklich, dass solche Losungen aus der Nazizeit für Satire benutzt werden. Hier scheint doch viel Sensibilität im Umgang mit unserer Vergangenheit verloren gegangen zu sein. Ich würde das gerne persönlich mit Herrn Steimle diskutieren. Ich gehe ja davon aus, dass ich es bei ihm nicht mit einem Anhänger der Neuen Rechten zu tun habe. Ich hoffe das jedenfalls.”

In seiner Sitzung am 30. Juni in Chemnitz will sich der MDR-Rundfunkrat mit der Causa Steimle befassen. Der Sender selbst äußert sich bis jetzt diplomatisch: „Außerhalb seines Engagements beim MDR entscheidet Uwe Steimle als Privatperson über seine satirischen Ausdrucksformen und seine Kleidung. Dass der MDR die Aufdrucke auf seinen T-Shirts kritisch sieht, weil sie Missverständnisse provozieren, steht außer Frage.“ Uwe Steimle hat sich auf SUPERillu-Anfrage bis Redaktionsschluss nicht gemeldet.


FOTOS: imago (6), dpa Picture-Alliance, MDR/Axel Berger, Facebook/Jörg Schlechte, Youtube/Patriot für unsere Zukunft