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Stresstest mit Erdoğan


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 38/2018 vom 14.09.2018

Exil Viele türkische Intellektuelle haben in Deutschland Zuflucht gefunden. Nun hadern sie damit, dass ihr Präsident in Berlin als Staatsgast empfangen wird.


Can Dündar hat den Moment immer wieder in Gedanken durchgespielt: Wie würde er sich verhalten, wenn er dem türkischen Präsidenten gegenüberstünde, was würde er ihm sagen?

Nun aber, da es tatsächlich zu einem Aufeinandertreffen zwischen Dündar und Recep Tayyip Erdoğan kommen könnte, weil Erdoğan am 28. September auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Berlin reist, in jene Stadt, in der Dündar seit zwei Jahren im Exil lebt, hat ...

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... Dündar entschieden, abzutauchen. Er will nicht an dem Staatsbankett teilnehmen, das die Bundesregierung für Erdoğan gibt, und auch nicht die Pressekonferenz von Erdoğan und Kanzlerin Angela Merkel besuchen. »Ich will nichts tun, was die Situation meiner Familie weiter verschlechtert «, sagt er.

Dündar ist der bekannteste türkische Exilant. Er musste die Türkei verlassen, nachdem er als Chefredakteur der Tageszeitung »Cumhuriyet« über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Extremisten in Syrien berichtet hatte. Die Regierung wirft ihm Geheimnisverrat vor. Seine Frau Dilek sitzt nach wie vor in der Türkei fest. Die Behörden haben ihren Pass konfisziert.

Erdoğans Staatsbesuch sorgt schon jetzt für Aufregung in der deutschen Politik: FDP-Chef Christian Lindner spricht von einem »Propagandasieg« für Erdoğan. »Ist es wirklich das richtige Zeichen, Diktator Erdoğan mit militärischen Ehren zu empfangen? «, fragt die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht.

Für die deutsch-türkische Community ist der Termin ein besonderer Stresstest: Sie ist gespalten in Anhänger des tür -kischen Präsidenten und seine Gegner, von denen manche, wie der Journalist Dündar, vor dem Regime fliehen mussten. Sie ist zudem dabei, sich neu zu sortieren, seitdem in den vergangenen zwei Jahren immer mehr Emigranten aus der Erdoğan-Türkei nach Deutschland übergesiedelt sind. Erdoğans Auftritt in Berlin, fürchten viele, könnte nun alte Konflikte neu beleben.

Dündar war voller Zuversicht, als er im Sommer 2016 aus der Türkei nach Berlin zog. Er gründete ein deutsch-türkisches Nachrichtenportal, Özgürüz (deutsch: »Wir sind frei«). Er traf deutsche Spitzenpolitiker. Er hoffte, von Deutschland aus den Widerstand gegen Erdoğan organisieren zu können. Zwei Jahre später ist er ernüchtert. Er ist Anfeindungen von Erdoğan-Anhängern ausgesetzt. Mitarbeiter haben Özgürüz aus Angst vor Übergriffen verlassen. »Ich finde es grundsätzlich richtig, dass die Bundesregierung den türkischen Präsidenten empfängt«, sagt Dündar. »Ich würde mir nur wünschen, dass sie ihm dann auch bei Fragen der Menschenrechte entschlossen gegenübertritt.«

Wie Dündar geht es vielen türkischen Exilanten: 5252 türkische Staatsbürger haben 2018 in den ersten sieben Monaten in Deutschland Asyl beantragt – mehr als aus fast jedem anderen Land. Hinzu kommen noch die Menschen, die auf anderen Wegen in die Bundesrepublik gelangt sind – etwa durch Arbeits-oder Studentenvisa. Sie schätzen Deutschland als Zufluchtsort, erwarten von ihrer neuen Heimat jedoch auch, dass sie Druck auf Erdoğan ausübt.

Mustafa Altıoklar hatte so lange wie möglich versucht, seine Abreise aus der Türkei hinauszuzögern. Er war als Regisseur in der Türkei erfolgreich. Sein Film »Ağir Roman« über ein Istanbuler Armen-viertel gehört zum Kanon türkischer Kinofilme. Doch seit er Erdoğan 2014 im türkischen Fernsehen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung attestierte, nahm der Druck auf ihn zu. Nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 entschied er sich, nach Deutschland auszuwandern.

Regimekritiker Mutluer, Dündar, AltIoklar: »Ob wir wollen oder nicht, wir werden bleiben«


FOTOS: MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

Altıoklar betreibt in Berlin-Kreuzberg die Schauspielschule B’Act Academy. Seine Schüler sind in der Regel junge Deutschtürken, die davon träumen, Se -rienstars in der Türkei zu werden. Die Unterrichtsstunden sind fast alle auf Türkisch, Altıoklar hofft aber, bald inter -nationaler zu werden. Er lernt Deutsch. Er stellt sich auf eine Zukunft in Berlin ein: »Leuten wie mir bleibt nur noch ein Leben im Exil. Ob wir wollen oder nicht, wir werden bleiben«, sagt er.


Die Generation der Gastarbeiter hegt Vorbehalte gegen die Neuankömmlinge.


Die Neuankömmlinge haben den Vorteil, dass sie in Deutschland auf bestehende Strukturen zurückgreifen können. Vor allem Berlin hat sich zu einem wichtigen Sammelpunkt für türkische Exilanten entwickelt. Es gibt hier Orte wie das Café Kotti in Kreuzberg, wo sich die Community trifft. Es gibt Kulturhäuser wie das Maxim-Gorki-Theater, das Menschen mit Migrationshintergrund gezielt fördert.

Das Zusammenleben zwischen den verschiedenen Migrantengenerationen ist trotzdem nicht einfach. Es ist nicht nur die Haltung zu Erdoğan, die die Gemeinde spaltet. Es sind auch unterschiedliche Lebensstile. Menschen, die, wie Altıoklar, in den vergangenen ein, zwei Jahren nach Deutschland gezogen sind, stammen eher aus den Großstädten Istanbul und Ankara als aus Anatolien. Sie sind in der Regel besser ausgebildet als ihre Vorgänger, arbeiten in Designbüros und IT-Firmen und nicht in Fabriken.

Die Generation der Gastarbeiter hegt Vorbehalte gegen die Neuankömmlinge. Sie sieht in ihnen häufig Schnösel aus Istanbuler Reichenbezirken, die auf das Volk herabblicken. Umgekehrt fühlen sich etliche Exilanten von den Alteingesessenen im Stich gelassen.

Altıoklar versucht der Entwicklung entgegenzuwirken, indem er den Verein »Kulturinitiative aus der Türkei« gestartet hat, der Künstler aus der Türkei in Deutschland verbinden soll. In den vergangenen Monaten ist eine Reihe solcher Bündnisse entstanden: Es gibt die Facebook-Gruppe New Wave für türkische Studenten, den Frauenverein Podo Hepa, die WhatsApp-Gruppe Cihangir in Berlin für Migranten aus einem Istanbuler Szeneviertel.

Besonders eng vernetzt sind türkische Akademiker, die nach dem Putschversuch 2016 in Deutschland ihre Karriere fortgesetzt haben. Sie haben einen deutschen Ableger der türkischen Initiative Akademiker für den Frieden gegründet, sie treffen sich regelmäßig zu einem Stammtisch, organisieren Kampagnen und Konferenzen. »Wir schlagen eine Brücke zwischen der Türkei und Deutschland«, sagt Nil Mutluer, Soziologin aus Istanbul.

Mutluer kam mit dem renommierten Philipp-Schwartz-Stipendium der Humboldt-Stiftung nach Berlin. In der Türkei wurde sie wegen ihrer Kritik an der Kurdenpolitik der Regierung angefeindet. Inzwischen lehrt sie am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität und forscht über die türkische Religionsbehörde Diyanet.

Ihr Verhältnis zu Deutschland ist gespalten: Einerseits ist Mutluer dankbar für die Unterstützung, die sie als Wissenschaftlerin in der Bundesrepublik erfährt. Andererseits ist sie empört darüber, wie eng die Bundesregierung mit Erdoğan zusammenarbeitet. »Die Bundesregierung betreibt ein doppeltes Spiel: Sie gibt vor, für die Demokratie in der Türkei einzutreten, schließt aber gleichzeitig einen Flüchtlingspakt mit Erdoğan und liefert Waffen an das türkische Militär«, sagt sie.

Für den 28. September, den Tag, an dem Präsident Erdoğan nach Berlin kommt, sind in Deutschland zahlreiche Demonstrationen geplant. Mutluer wird selbst nicht auf die Straße gehen. Sie meldet sich stattdessen in Aufsätzen und Interviews zu Wort. Die Soziologin will keinesfalls nur als Opfer des Erdoğan-Regimes wahrgenommen werden, das in Deutschland Zuflucht gefunden hat. Sie will sich ein -mischen, einen Unterschied machen. »Ich will, dass die Deutschen begreifen, dass wir den Kampf für Demokratie nur gemeinsam gewinnen können.«

Can Dündar sieht das ganz ähnlich. Er ist dabei, mit Freunden und Kollegen einen deutsch-türkischen Thinktank zu gründen, an dem Intellektuelle wie Altıoklar oder Mutluer zu Fragen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit arbeiten können. Dündar zieht Parallelen zu deutschen Exilanten wie dem früheren West-Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, die in den Dreißiger-und Vierzigerjahren vor den Nazis in die Türkei flohen, um dort eine demokratische Zukunft für Deutschland zu entwerfen.

Im Türkischen, daran erinnert Dündar, hat das Wort »sürgün« zwei Bedeutungen: »Exil«. Und: »Spross einer Pflanze«.

Katrin Elger, Maximilian Popp