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Strippenzieherin


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 28.05.2018

Olympias , die Mutter Alexanders, brachte es nie zu einem Königstitel. Dennoch gehörte sie zu den mächtigsten Frauen der Antike.


War Mutti an allem schuld? Wäre Alexander, der kleine Ödipus, nie Richtung Persien gelangt, wenn seine Mutter ihm nicht Beine gemacht hätte? In Oliver Stones Filmepos »Alexander« sieht es ganz so aus: »Du bist der wahre Sohn des Zeus«, zischt Angelina Jolie als Mutter Olympias ihrem Sohn mit transsylvanischem Akzent zu und fordert Taten. Der Sohn gehorcht und macht ihr die Freude, die halbe Welt zu erobern.

Der Film überzeichnet. Und doch: Dem Einfluss seiner Mutter, die sich ...

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... zur mächtigsten Frau am makedonischen Hof hinaufarbeitete, hat sich Alexander nie ganz entziehen können. Sogar auf dem späteren Perserzug wird er ihr häufig Briefe schreiben.

Für seinen Vater, den Makedonenkönig Phi lipp II., war dessen Sohn lange eine von der Mama verhätschelte Memme, bis dieser eines Tages den wildesten Hengst zuritt. Daraufhin weihte der Herrscher seinen Prinzen in das Geheimnis des Erfolges ein: »Hüte dich vor den Frauen, sie sind gefährlicher als die Männer.« Besonders im Blick wird Philipp seine Gattin gehabt haben, Olympias – laut vielen Erzählungen eine veritable Schlange.

Wahre Schauergeschichten kursieren über sie: Schlangen soll sie geliebt haben; mit den todbringenden Tieren, zugleich Symbol der Sexualität, ließ sie sogar ihren Sohn spielen. Man munkelte, sie schlafe mit gezähmten Exemplaren im Bett und feiere mit anderen Frauen Götterfeste, bei denen sie wie besessen durch die Wälder tobten und mit Schlangen bewaffnet Männer erschreckten. Selbst der König habe sich vor ihr gefürchtet.

Bei den Geschichtsschreibern hatte Olympias einen Ruf als Ekel. Politisch aktive und herrschaftstüchtige Frauen galten gemeinhin als verdächtig und dämonisch. An der »wenig netten« Art, über machtbewusste Frauen zu urteilen, so die amerikanische Historikerin Elizabeth Carney, habe sich allerdings bis heute wenig geändert.

Das Etikett der erotischen Ekstatikerin klebe noch immer an Olympias; weiterhin würden selbst die unplausibelsten Märchen wiedergekäut, so Carney. Etwa jenes des griechischen Reiseschriftstellers Pausanias, der Olympias knapp 500 Jahre nach ihrem Tod zu einer bestialisch-brutalen Furie stilisierte: Eine Konkurrentin soll sie gar mitsamt ihrem Kind in einem bronzenen Kessel zu Tode geröstet haben.

Was aber weiß man abseits solcher Stereotype über die Frau, die Alexander zur Welt gebracht hat? Sicher war Olympias nicht zimperlich. Ihr explosiver Charakter mischte sich mit dem Stolz auf ihre adlige Herkunft und einem Instinkt für Macht, den sie offenbar aus dem Hause ihres Vaters, eines Königs aus dem Nordwesten des heutigen Griechenlands, mitbrachte. Für den Alexander-Biografen Alexander Demandt ist sie »eine der bemerkenswertesten Frauen der griechischen Geschichte«.

Tatsächlich bedeutet ihre Karriere einen historischen Wendepunkt. Denn vor ihr waren die Frauen in makedonischen Königshäusern quasi »unsichtbar«, so Carney. Eine Frau ziere Schweigen und Bescheidenheit, im Hause habe sie »still zu sein«, heißt es beim Dramatiker Euripides.

Nach Olympias wird diese Tugend zusehends fragwürdig. Alexanders Mutter habe eine »Emanzi pa - tion von oben« ausgelöst, meint der Archäologe Michael Pfrommer: In Gedichten – etwa bei Poseidippos von Pella – ist plötzlich von Königinnen die Rede, die schweißbedeckt mit dem Schild aus der Schlacht kommen. Auf einmal gibt es sogar im realen Leben weibliche Mitherrscherinnen und Regentinnen. Eine der bekanntesten wird Kleopatra, Königin von Ägypten; auch sie stammte aus altmakedonischem Adel.

Olympias dagegen war nie nominell an der Macht. Sie trug keinen Titel. Doch schon zu Lebzeiten war ihr Ruf so bedeutend, dass Goldmünzen mit ihrem Konterfei geprägt wurden.

Geboren wurde sie um 375 v. Chr. in Epeiros (lateinisch Epirus) als Tochter des Königs Neopto le - mos I. Er führte den Molosserstamm im Gebiet der heutigen griechisch-albanischen Küstenregion. Anders als in Griechenland konnten Frauen dort zumeist Eigentümerinnen von Ländereien sein und brauchten keinen gesetzlichen Vormund. Ihre Dynastie führten die Molosser auf den beinahe unverwundbaren Troja-Helden Achill zurück.

Philipp lernte die junge Olympias im Fackelschein eines Mysterienkults auf der Ägäisinsel Samothrake kennen. So deftig, wie einige Chronisten es gern gehabt hätten, dass Philipp sich auf der Stelle in die leidenschaftliche Prinzessin verliebte und sie gleich in der ersten Nacht schwängerte, wird es kaum gewesen sein. Plausibler scheint die Darstellung des Historikers Justinus, wonach Philipp um 357 die Ehe aus Gründen politischer Allianz einging. Es war bereits seine vierte: Polygamie war für den Makedonen - könig ein Mittel der Herrschaftssicherung und Diplomatie.

Dieses Goldmedaillon mit dem Porträt der Olympias fand man in Abukir nahe Alexandria, es wurde um 220 n. Chr. gefertigt(Berlin, Münzkabinett).


Aus der Ehe mit Olympias gingen zwei Kinder hervor: Im Sommer 356 wurde Alexander geboren und ein Jahr später Kleopatra. Am makedonischen Hof in Pella führte die Viel ehe des Königs zu einiger Konkurrenz unter den Frauen. Allerdings sorgte Olympias in der Hierarchie bald für Klarheit: Dem Halbbruder Alexanders, seinem schärfsten Konkurrenten in der Thronfolge, soll sie Drogen verabreicht haben, die zu einer geistigen Behinderung führten.

Schon bald aber sah sich das Mutter-Sohn- Gespann einer neuen Gefahr gegenüber: Philipp heiratete erneut, diesmal eine gebürtige Makedonin. Als deren Onkel dem Paar bei der Hochzeit »legitime « Erben wünschte und Alexander quasi als Bastard einer molossischen Barbarin hinstellte, kam es zum Skandal: Alexander warf dem Redner einen Becher an den Kopf, worauf Philipp auf seinen Sohn mit dem Schwert losging, jedoch betrunken stürzte. Der Mann wolle nach Asien ziehen, spottete Alexander über seinen Vater, »und kommt nicht einmal von einem Tisch zum anderen«.

Diese Bronzemünze zeigt Olympias im Dialog mit dem Gott Zeus Ammon in Schlangengestalt. Die lateinische Inschrift kennzeichnet sie als »Regina«, Königin(Ende 4. Jh. n. Chr.; Berlin, Münzkabinett).


Ein Zusammenleben war nun nicht mehr möglich. Alexander begleitete seine tief verletzte Mutter ins Exil, zurück in ihre Heimat nach Epeiros. Zwar suchte Philipp schon im Jahr darauf die Versöhnung mit Alexander, denn dessen Schwester Kleopatra wurde verheiratet. Doch Philipp gab seine Tochter aus - gerechnet dem König von Epeiros zur Frau, dem Bruder der Olympias. Das war ein Affront gegen die Mutter von Kleopatra und Alexander: Als Garantin für gute Beziehungen zum Nachbarreich wurde sie nun nicht mehr gebraucht.

Als Philipp während des Festes vor dem Theater von Aigai von einem Leibwächter umgebracht wurde, brachte sich Olympias in den Verdacht der Mittäterschaft: Sie ehrte die Leiche des Mörders, eines einstigen Liebhabers des Königs, mit einem goldenen Kranz. Sein Schwert weihte sie unter ihrem Mädchen - namen Myrtale.

Ob sie nun Anstifterin für den Mord war oder nicht: Der Tod ihres Gatten bedeutete für sie Prestige - gewinn. Ihre gesellschaftliche Rolle, so Historikerin Carney, wurde immer wichtiger, »regelmäßig mischt sie bei politischen Intrigen mit«.

Nicht nur der neue makedonische König Alexander ließ Verschwörer und Konkurrenten beseitigen, auch seine Mutter zeigte sich schonungslos: Kleopatra, die Witwe Philipps, zwang sie zum Selbstmord. Auch deren wenige Monate alten Säugling ließ sie töten.

Alexander soll die Exzesse seiner Mutter bedauert haben; verhindert hat er sie nicht. Im Jahr 334 brach er nach Asien auf. Olympias würde er nicht wiedersehen, eng blieb ihre Beziehung dennoch. Sie schrieben einander oft; er schickte ihr Beute aus den Feldzügen.

Zu Hause dominierten Olympias und ihre Tochter Kleopatra nach dem Tod von Olympias’ Bruder (und Kleopatras Mann) inzwischen dessen Molosserreich, die Region um Epeiros. Die beiden Frauen brachten es zu einiger Bekanntheit: Während einer Hungersnot in Griechenland wurden sie sogar mit Getreide aus Kyrene beliefert, einem griechischen Stadtstaat in Nordafrika, mit dem Alexander Frieden geschlossen hatte. Eine 1922 dort gefundene Inschrift nennt 49 Städte mit exakten Mengenangaben – und zwei üppig zu bedenkende Personen: Olympias und Kleopatra.

Als Alexander 323 in Babylon unerwartet starb, verlor Olympias ihren natürlichen Schutz als Königsmutter und organisierte sich eine schlagkräftige Leibgarde. Sie hatte nun alle Hände voll zu tun: Zum einen versuchte sie, ihre verwitwete Tochter neu zu verheiraten, um ihren Einfluss in Makedonien zu sichern – vergebens, die Kandidaten starben im Feld.

Zum anderen sann sie auf Rache, denn eines natürlichen Todes konnte ihr geliebter Sohn ja nicht gestorben sein. Die These von einem Giftmord ging um: Noch Jahre später ließ Olympias angeblich Verdächtige aus der Sippe von Alexanders Statthalter in Makedonien, Antipater, hinrichten.

Bald darauf befand sie sich mitten in den Diadochenkriegen um die Macht in Makedonien. Ihr Heer stand den Truppen von Antipaters Sohn Kassander und Eurydikes gegenüber, die für ihren geistesschwachen Mann König Philipp III. die Geschäfte führte.

Olympias’ Ansehen war so gewaltig, dass die gegnerischen Truppen zunächst sogar kampflos zu ihr überliefen. Doch durch blutige Säuberungsaktionen verlor sie an Unterstützung. Ihre Bastion, die Hafenstadt Pydna, litt zudem unter der Blockade durch Kassander; viele Menschen starben an Hunger.

Schließlich ergab sich Olympias. Doch Kassander schien die Frau noch in der Niederlage zu fürchten: Vor dem makedonischen Volk verteidigen durfte sie sich nicht. Der Trupp von 200 Männern, den er mit der Tötung der Herrscherin beauftragte, wagte es nicht, sie umzubringen.

Dieses Werk überließ der Sieger am Ende Angehörigen von Olympias’ Opfern. Anders als ihr Sohn, den ein Fieber und letztlich der Suff dahinraffte, soll seine Mutter in stolzer, furchtloser Haltung gestorben sein.