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STRÖME AUS WASSER UND PLASTIK


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 25.03.2022

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 4/2022

Die Flüsse Bhagirathi und Alaknanda vereinigen sich im westlichen Himalaya bei der indischen Stadt Devaprayag ? Sanskrit für ?heiliger Zusammenfluss? ? zum Ganges. Die Menge an Plastikmüll, die aus dem Ganges ins Meer gelangt, schätzen Experten auf mehr als 6200 Tonnen pro Jahr.

In Indien ist der Ganges ein heiliger Fluss. Er ist aber auch eine Hauptquelle für die Müllflut, die den Ozean verschmutzt.

Eine National-Geographic-Expedition sollte das Ausmaß der Verschmutzung des Flusses durch Plastik dokumentieren und herausfinden, woher der Müll stammt.

ZAHLREICH, e infallsreich und ungenügend waren in den letzten zehn Jahren die Bemühungen gegen die wachsende Menge von Plastikmüll in unseren Meeren. Die Krise spitzt sich weiter zu – bis 2040 soll sich laut Prognosen der Plastikabfall, der jährlich in die Ozeane gelangt, auf 29 Millionen Tonnen nahezu verdreifachen. Wenn ein 2022 geborenes Kind volljährig wird, wird es im weltweiten Schnitt 50 Kilogramm Plastikmüll pro Küstenmeter geben. Die Botschaft der Wissenschaftler lautet: Es ist nicht zu spät, um das zu ändern. Aber zu spät für kleine Schritte. Plastikmüll in den Ozeanen bedroht erwiesenermaßen ein breites Spektrum von ...

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... Meerestieren, von Plankton bis hin zu Fischen, Schildkröten und Walen. Über den Müll, der noch ins Meer gelangen wird, ist weniger bekannt. Aber es ist klar, dass Flüsse, besonders in Asien, wichtige Arterien sind. Die National Geographic Society förderte daher 2019 eine Forschungsexpedition zum Ganges, der durch den Norden Indiens und durch Bangladesch fließt, eines der größten und bevölkerungsreichsten Flussbecken der Welt. Ein Team von 40 Wissenschaftlern, Ingenieuren und Helfern aus Indien, Bangladesch, den USA und Großbritannien bereiste den Fluss zweimal in voller Länge, und zwar vor und nach den Monsunregen, die ihn dramatisch anschwellen lassen. Das Team nahm Proben aus dem Fluss sowie von Boden und Luft in seiner in seiner nahen Umgebung und befragte mehr als 1400 Anwohner, um herauszufinden, wo, warum und welche Art Plastik in den Ganges gelangt – und von dort in den Indischen Ozean.

„Das Problem kann man nicht lösen, wenn man nicht weiß, wo die Ursachen liegen“, sagte Jenna Jambeck, Professorin für Umwelttechnik an der University of Georgia und eine der Leiterinnen der Expedition. Es war ihre bahnbrechende Forschung, die dazu beitrug, Meeresplastik auf die Liste der dringendsten Umweltprobleme zu setzen. Sie hatte 2015 berechnet, dass jedes Jahr durchschnittlich acht Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren landen. Wie die meisten Experten glaubt Jambeck, die Lösung liege darin, den Plastikmüll an Land zu regulieren, woher der größte Teil stammt. Ich traf Jambeck in der alten indischen Stadt Patna, die sich am Südufer des Ganges erstreckt, etwa 800 Kilometer landeinwärts von der Flussmündung im Golf von Bengalen. In einem belebten Geschäftsviertel lief sie langsam an einer Reihe von Läden und Cafés entlang, den Blick zu Boden gerichtet. Stück für Stück zählte sie Abfall und tippte jedes einzelne in eine Handy-App, die den Fundort registrierte. In Patna, einer rasant wachsenden Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern, gibt es erst seit 2018 eine städtische Müllabfuhr, und die Angewohnheit, Abfall auf die Straße zu werfen, ist seit Langem ein Problem.

Während der 98-tägigen Expedition führten Jambeck und ihr Team in 18 Städten und Dörfern entlang des Flusses 146 solcher Abfallkartierungen durch, jede einzelne von der Länge eines Häuserblocks. Sie zeichneten 89 691 einzelne Teile auf, und sie katalogisierten auch die Produkte, die in den Läden der Umgebung verkauft wurden – da man für die Lösung des Problems ja wissen müsse, „was vom Müllabfuhrsystem erfasst wird“ und was nicht. „Soll man verbieten, dass etwas auf dem Boden landet? Soll man eine Steuer einführen?“, fragte Jambeck sich. „Und wenn man zum Beispiel Plastiktüten verbietet, wirkt das Verbot?“

Die drei häufigsten Plastikartikel, die sie fand, waren Lebensmittelverpackungen aus dünner Folie, Zigarettenstummel und kleine Tütchen, in denen in Afrika und Asien Einzelportionen von Chips, Kautabak, Waschpulver oder Shampoo milliardenfach verkauft werden. Auf etwa 40 Prozent der weggeworfenen Artikel fanden sich auch internationale Markennamen, von Konzernen mit Sitz in den USA und in Großbritannien. Eines von Jambecks Zielen in diesem Forschungsprojekt war es, die Aufmerksamkeit dieser Unternehmen zu wecken. „Diese Leute, die 8000 Kilometer entfernt sind, müssen sich mit uns an einen Tisch setzen und offen für Veränderungen sein“, sagte sie mir. Wie der Klimawandel ist Plastikmüll ein Nebeneffekt unserer Kohlenwasserstoff-Abhängigkeit – schließlich werden die meisten Kunststoffe aus Erdöl und Erdgas hergestellt. Die Folgen und die Lösungen des Problems sind sowohl lokal als auch global zu sehen. Zumindest ein Teil des Mülls, den Jambeck in Patna dokumentierte, wird früher oder später in einem offenen Gully landen, von dort durch ein großes Rohr in den Fluss gelangen und auf direktem Weg in den Golf von Bengalen.

DER GANGES ist einer der weltweit größten Flüsse. Er wird von einer Milliarde Hindus als „Mutter Ganga“ verehrt, als lebendige Göttin mit der Macht, die Seele zu reinigen. Das Quellgebiet liegt im Gangotri-Gletscher, hoch oben im westlichen Himalaya, nur wenige Kilometer von Tibet entfernt. Von dort geht es durch steile Bergschluchten hinunter in die fruchtbare Nordindische Ebene. Hier mäandert der Fluss ostwärts über den Subkontinent Richtung Bangladesch und wird immer breiter, während er auf dem Weg zehn große Nebenflüsse aufnimmt. Kurz nach der Vereinigung mit dem Brahmaputra ergießt sich der Ganges in den Golf von Bengalen. Nach dem Amazonas und dem Kongo ist dies die weltweit drittgrößte Süßwassermündung in den Ozean. Der Ganges versorgt mehr als ein Viertel der 1,4 Milliarden Inder, ganz Nepal und einen Teil von Bangladesch.

Der Fluss ist so heilig, dass sein Wasser, Gangajal, von Eroberungsarmeen und Touristen literweise nach Hause geschleppt wurde und wird. Im 17. Jahrhundert waren Händler überzeugt, es bleibe auf langen Seereisen „frischer“ als Wasser aus anderen Quellen.

Leider ist der Ganges auch einer der am meisten verschmutzten Flüsse der Welt, vergiftet von toxischen Industrieabwässern aus Fabriken, von denen einige noch aus der britischen Kolonialzeit stammen. Sie fügen den Hunderten Millionen Litern an ungeklärtem Abwasser, das noch immer täglich in den Fluss fließt, Arsen, Chrom, Quecksilber und andere Metalle hinzu. Plastikmüll ist nur die neueste giftige Zumutung.

Trotzdem und auch trotz der zuweilen tödlichen Anzahl an Fäkalbakterien hält sich der Glaube an die mythische Reinheit des Ganges – und das verkompliziert die Bemühungen, den Fluss zu reinigen. Sudipta Sen, der in Kolkata aufwuchs und an der University of California in Davis Südasiatische Geschichte lehrt, arbeitete 14 Jahre lang an seinem Buch „Ganges: The Many Pasts of an Indian River“. Er sagt: „Da gibt es diesen Glauben, dass der Fluss sich selbst reinigen kann und magische Eigenschaften besitzt. Und wenn der Fluss sich selbst reinigen kann, müssen wir uns ja nicht um ihn sorgen.“

Der Ganges selbst verstärkt diese Legende während des Sommer-Monsuns. In Patna, wo mehrere große Nebenflüsse in den Ganges münden und ihn beträchtlich verbreitern, verwandelt der Monsun ihn in einen reißenden Strom, der regelmäßig Bihar überflutet, den ländlichsten Bundesstaat Indiens.

An einem frühen Morgen fuhr ich mit Teilnehmern der National-Geographic-Expedition von Bihars Hauptstadt Patna aus zu einem kleinen, von Bananenstauden umgebenen Dorf, in dem Bauern leben und Fischer, die mit dem Fang von Karpfen mühsam ihren Lebensunterhalt bestreiten. Zerschlissene blaue Fischernetze aus Nylon lagen in Haufen nahe einer Gruppe von Ziegelhäusern und strohgedeckten Hütten.

Eine große Böschung zwischen Fluss und den Häusern hatte dem Dorf während des vergangenen Monsuns keinen ausreichenden Schutz gewährleistet. Einige Einwohner, die während der Überflutung ihre Häuser verlassen hatten, waren erst vor Kurzem zurückgekommen. Überall lagen Chipstüten und anderer Abfall herum. Keine Mülltonne weit und breit.

Weil der Fischer, mit dem ich verabredet war, noch schlief, kletterte ich über die Böschung, die noch mit Sandsäcken bedeckt war. Ich setzte mich auf die zum Fluss hinunterführenden Stufen – und beobachtete die Menschen bei ihrer Morgenroutine. Fünf Frauen hockten auf der untersten Stufe und wuschen Kleidung in dem trüben Wasser. Mehrere Männer kamen, um zu baden. Sie benutzten Shampoo aus Plastiktütchen, die anschließend im Fluss landeten. Als die Männer fertig waren, schöpften sie mit den Händen Wasser und gaben es mit hocherhobenen Händen dem Ganges zurück.

BLUMENVERKÄUFER Goutam Mukherjee aus Kolkata erzählte, dass er schon seit Jahren keine frischen Blumen mehr verkaufe. Wir standen mitten auf einem von Asiens größten und bekanntesten Blumengroßmärkten. Rund um seinen Stand verkauften Händler Girlanden aus frischen Ringelblumen und anderen duftenden Blüten. Mukherjee zählte auf, warum seine aus China importierten Plastikblumen besser seien als die echten: Sie kosten weniger, sehen echt aus und welken nicht.

Das Plastikwunder erreichte Indien so spät, dass es kein Hindi-Wort für den Kunststoff gibt. Tatsächlich bekommt man an manchen Orten Essbares noch immer in Bananenblätter eingewickelt. Die Liebe zum Plastik wurde in den Neunzigerjahren übermächtig, als das rasante Wachstum der globalen Plastikproduktion mit der Liberalisierung der indischen Wirtschaft zusammenfiel. Günstige Konsumgüter aus Plastik machten den Alltag leichter – nicht nur für die wachsende Mittelschicht, sondern auch für die Menschen nahe der untersten Stufe der sozialen Leiter. Vorratsbehälter, Tüten und Frischhaltefolie aus Plastik hielten Lebensmittel länger frisch. Kinder, die vorher barfuß gingen, trugen nun billige Schuhe und Kleidung aus erschwinglichen synthetischen Stoffen. Portionsbeutel ermöglichten Menschen den Zugang zu Produkten, von denen sie sich größere Packungen nicht leisten konnten.

Günstige Plastikartikel haben das Leben vieler Menschen erleichtert. Doch der Plastikberg ist schneller gewachsen als unser Vermögen, ihn zu kontrollieren.

Doch trotz der verbesserten Lebensqualität kühlte die Liebesgeschichte rasch ab. Das Hauptproblem waren wie fast überall die Verpackungen, die meist sofort nach Gebrauch weggeworfen werden. Global gesehen, machen sie 36 Prozent der fast 438 Millionen Tonnen Plastik aus, die jedes Jahr produziert werden. Noch vor dem Ende des Jahrzehnts ertrank Indien in Plastikmüll, der schneller wuchs, als man ihn unter Kontrolle bringen konnte. Mitte der Neunziger warnten Zeitungen, Plastikbeutel, die zu Tausenden in Mumbais Kaufhäusern ausgegeben wurden, „ersticken die Stadt“. Delhis Mülldeponien waren eine drohende „Umweltkatastrophe“.

Seitdem hat sich das Problem über die Städte hinaus auf ländliche Gebiete und Naturschutzreservate ausgeweitet, wo man Vögel, Füchse und auch Leoparden beim Fressen von Plastik beobachtet hat. Im Rajaji-Nationalpark am Rande des Himalayas fressen Elefanten Plastik von benachbarten Mülldeponien. „Es gibt viele Stellen außerhalb des Parks, wo Dorfbewohner Müll wegwerfen, und die Wildtiere kommen dorthin, um zu fressen“, erzählte Ranger Mohammad Yusuf auf einer Tour durch die Wiesen und hohen Kiefernwälder des Parks.

Indiens Problem besteht weniger im Pro-Kopf-Konsum als im Fehlen einer adäquaten Müllabfuhr. In Deutschland verursacht eine Person jährlich durchschnittlich 82 Kilogramm Plastikmüll, das ist mehr als viermal so viel wie in Indien. Aber Deutschland hat ein mehr oder weniger gut funktionierendes Müllsammel-und -entsorgungssystem. In indischen Städten ist die Müllabfuhr dagegen oft ineffizient, und der Anteil des Mülls, der eingesammelt wird, ist niedrig. In ländlichen Gebieten, wo etwa zwei Drittel der Bevölkerung leben, ist die Situation noch entmutigender. Im Bundesstaat Bihar mit 129 Millionen Einwohnern wird Plastikmüll verbrannt oder auf wilden Deponien entsorgt, wo Kühe und andere Tiere auf Futtersuche ihn versehentlich fressen. Oder der Müll wird auf einer Sandbank gelagert, bis die Wasser des Ganges ihn wegspülen.

Die Marinebiologin Heather Koldewey von der Zoological Society of London, eine der Leiterinnen der Expedition, sah nach der Reise flussabwärts die Spülkraft des Ganges in einem neuen Licht. Eine große kommunale Mülldeponie befand sich so nah am Flussufer, dass der Strom während jedes Monsuns einen Teil davon schluckte. „Sobald man zu einer Kleinstadt oder zu irgendeiner kleineren Siedlung kommt, gibt es überhaupt keine Müllentsorgung mehr“, sagte mir Koldewey eines Morgens auf dem Fluss, als sie von einem Schlauchboot aus Wasserproben nahm. „Tatsache ist, das größte Abfallentsorgungssystem ist der Fluss selbst. Die Menschen legen ihren Müll an ausgetrockneten Flusskanälen ab in dem Wissen, dass er weggespült wird.“ Eine einfache Lösung sieht Koldewey nicht. „Wenn man den Fluss durch ein entsprechendes Müllentsorgungssystem ersetzen will, wird das ein ernsthaftes finanzielles Problem.“

Könnte man stattdessen den Müll einfach aus dem Fluss sammeln? Eine aktuelle Erhebung fand heraus, dass man mehr als 1000 Flüsse reinigen müsste, um die Müllmenge, die von Flüssen ins Meer gespült wird, um 80 Prozent zu verringern. Dennoch laufen in Asien, Afrika sowie in Nord-und Südamerika Flussreinigungsprojekte, und sie bewirken auch viel Gutes.

Trügerischer Glaube: Hindus verehren den Ganges als Göttin Ganga, die die Macht hat, die Seele zu reinigen – und auch sich selbst.

Der ehrgeizigste Flussreiniger ist der 27-jährige Boyan Slat, Gründer der niederländischen NGO Ocean Cleanup. Slat sorgte schon als Teenager mit seinem großartigen Plan für Schlagzeilen: Er wollte mit einem riesigen Ozeanreiniger den großen pazifischen Müllstrudel beseitigen, der zum Großteil aus Plastik besteht. Im Jahr 2019 sammelte Slat fast 33 Millionen Euro an Spenden ein und stellte eine Sammelanlage vor: ein schwimmender, 600 Meter langer, U-förmiger Schwimmkörper, der Müll von der Wasseroberfläche wie in einer künstlichen Bucht einfängt. Zwischenzeitlich hat Ocean Cleanup einige Rückschläge erlitten und wurde auch von Forschern harsch kritisiert, weil die Anlagen weder das Grundproblem der Plastikströme lösen noch das überall vorhandene Mikroplastik aus dem Wasser fischen könnten. Doch Slat ließ sich nicht beirren. Eine neue Anlage ist aktuell in Betrieb und sammelt vor allem alte Fischernetze ein. Dafür gibt es sogar von Kritikern Lob.

Inzwischen hat Slat seine Aufmerksamkeit den Flüssen zugewandt. Seine Organisation finanzierte die neue Studie, die zeigte, wie viele Flüsse wichtige Quellen für die Plastikvermüllung sind. Im Jahr 2019 präsentierte er seine solargetriebene, schwimmende Plattform und kündigte an, die 1000 am stärksten verschmutzten Flüsse innerhalb von fünf Jahren zu reinigen. Die Pandemie verzögerte die Arbeit. Aktuell arbeiten Slats sogenannte Inceptoren in Indonesien, Malaysia, Vietnam und in der Dominikanischen Republik. Zusammen mit der Plattform im Pazifik haben sie über eine Million Kilo Müll gesammelt. Obwohl Slat mit dem Pazifikprojekt nicht gerade tiefgestapelt hat, meint auch er, Plastik aus großen Flüssen wie dem Ganges abzuschöpfen, sei der falsche Ansatz. „Er ist zu breit, und der Müll ist zu weiträumig verstreut“, sagte er. Besser sei, sich kleinere Nebenflüsse vorzunehmen, in die „Städte im Delta (Dhaka und Kolkata) zu gehen und Plastik in den kleinen Flüssen dieser Städte zu sammeln“.

Nach meiner Rückkehr aus Indien besuchte ich den Urvater des Kampfes gegen den Meeresmüll. Mr. Trash Wheel ist eine glupschäugige müllfressende Maschine, die seit 2014 in Baltimores Hafenbecken Müll sammelt. Ihr Erfinder John Kellett ist in seinem Jachthafen in einer kleinen Bucht südlich von Baltimore gerade mit den letzten Arbeiten an seinem vierten Trash Wheel beschäftigt. Die vier Anlagen haben inzwischen 1,6 Millionen Kilo Müll gesammelt. Doch einem weltweiten Einsatz steht Kellett skeptisch gegenüber. „Ich glaube nicht, dass wir je die Ozeane reinigen werden, indem wir uns einen Fluss nach dem anderen vornehmen. Das Ganze muss Hand in Hand gehen mit Veränderungen in der Politik und auch im Verhalten der Menschen“, sagt Kellett.

Die Abfallentsorgung in Indien würde noch weniger funktionieren, wäre da nicht der „inoffizielle Sektor“: Heerscharen von Selbstständigen, die Plastikabfall von Haushalten sammeln und zum Recycling verkaufen, sowie die Müllsammler, die auf Deponien und auf den Straßen nach verwertbarem Abfall suchen. Ihre Zahl wird auf 1,5 Millionen geschätzt – und sie sind ein Grund dafür, dass man auf indischen Straßen nicht so viele Plastikflaschen sieht. Plastikmüll mache etwa die Hälfte des Verdienstes der Müllsammler aus, und etwa die Hälfte der gesammelten Artikel seien PET-Flaschen, sagte mir Bharati Chaturvedi, Direktor von Chintan, einer gemeinnützigen Organisation, die die Sammler unterstützt. Flaschen haben den höchsten Marktwert.

Seit mehr als 35 Jahren versucht Indien, das Einleiten von Abwasser und Industrieabfall in den Ganges zu begrenzen – bis jetzt mit wenig Erfolg.

Der inoffizielle Sektor ist weitgehend verantwortlich für Indiens hohe Recyclingquote von geschätzten 60 Prozent. Doch Abfälle, die sich nicht recyceln lassen, bringen kein Geld. Daher werden Plastiktüten, Lebensmittelverpackungen oder Portionstütchen nicht gesammelt, sondern verschmutzen die Straßen und werden in den Ganges gespült.

Im vergangenen Oktober startete Premierminister Narendra Modi Phase zwei seiner Kampagne „Clean India“. In der ersten Phase ließ das Land fast 90 Millionen Toiletten aufstellen, um das in Indien immer noch übliche Verrichten der Notdurft im Freien zu beenden. Die zweite Phase soll die Städte abfallfrei machen. Modis Regierung baut Müllverbrennungsanlagen, die Strom produzieren. Ein landesweites Verbot für Herstellung und Gebrauch von Einwegplastik soll im Juli in Kraft treten und dünne Einkaufstüten, Styroporbehälter, Besteck, Tassen, Teller, Trinkhalme, Lutscher-und Eiscremestiele, bestimmte Folien und andere Einwegplastikartikel aus den Läden verbannen.

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OCH IN INDIEN ist die Kluft zwischen ambitionierter staatlicher Gesetzgebung und deren Umsetzung auf lokaler und bundesstaatlicher Ebene manchmal sehr groß. Bestehende nationale Regeln seien „absolut fantastisch, alles, was man sich nur wünschen kann“, sagte Robin Jeffrey, der mit seiner Co-Autorin Assa Doron in „Waste of a Nation“ Indiens Müllproblem untersuchte. „Nur kann niemand im ganzen Land diese Regeln auch nur annähernd durchsetzen.“ Seit mehr als 35 Jahren versucht Indien, das Einleiten von Abwasser und Industrieabfällen in den Ganges zu begrenzen – bis jetzt mit wenig Erfolg.

Die Pandemie verlangsamte die Arbeit an den Regierungsprojekten zur Säuberung Indiens zusätzlich. Sie führte, wie auf der ganzen Welt,

zu mehr Plastikabfall, da Menschen im Lockdown Take-away-Essen kauften oder sich gut verpackt nach Hause liefern ließen.

„Nach der Pandemie wird die Zivilgesellschaft Plastik und seine Bedeutung für die Menschheit wieder mehr schätzen“, sagte Deepak Ballani, Generaldirektor der All India Plastics Manufacturers’ Association. Wie die Plastikindustrie anderswo zieht auch Ballanis Unternehmensgruppe Recycling den Verboten vor und argumentiert, dass gesetzliche Einschränkungen Jobs kosten. Außerdem sei das Problem nicht das Einwegplastik selbst, sondern die Art, wie die Menschen es entsorgen.

Seit 2016 arbeitet die indische Regierung an neuen Vorschriften, nach denen die Hersteller von Plastikverpackungen die Kosten für das Sammeln und Recyceln ihrer Wegwerfprodukte übernehmen sollen. In der EU trägt die sogenannte erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) seit Mitte der Neunziger dazu bei, den Plastikmüll einzudämmen. In Deutschland organisieren die dualen Systeme den Umgang mit Verpackungen. Doch auch hier ist der Weg in einen geschlossenen Kreislauf noch weit.

Derweil gelangt immer mehr Plastik ins Meer. Daran werden alle lokal begrenzten Maßnahmen wie Plastiktütenverbote, Flaschenpfand und Recyclingpflicht wenig ändern. Die Prognosen, dass sich das Meeresplastik bis 2040 nahezu verdreifachen wird, ließen sich mit den geltenden Regelungen bestenfalls um ein paar Prozent reduzieren, heißt es in dem Bericht der US-Umweltorganisation Pew Charitable Trusts und des britischen Umwelt-und Investmentunternehmens Systemiq.

Die Lösung des Plastikproblems erfordert einen Systemwandel. Staaten müssen die Anreize für die Industrie grundlegend neu ausrichten. Wenn wir nicht wollen, dass sich der Plastikmüll im Meer verdoppelt oder verdreifacht, müssen wir vor allem verhindern, dass die Plastikproduktion sich verdoppelt. Doch das wird geschehen, wenn man der Industrie erlaubt, weiterzumachen wie bisher. Im Februar forderte der WWF, dass Einträge von Kunststoffen in die Umwelt „sofort und global umfassend gestoppt werden“, weil die Vermüllung der Meere ganze Ökosysteme beeinträchtigen kann. Die UN-Umweltversammlung hat Anfang März in Nairobi über ein verbindliches internationales Abkommen verhandelt. Forscher fordern ähnlich drastische Maßnahmen wie zur Bekämpfung der Klimakrise.

Auch in Indien werden die Rufe nach einschlägigen Maßnahmen dringender und zahlreicher. Brajesh Kumar Dubey, Professor für Umwelttechnik am Indian Institute of Technology in Kharagpur, sagt, er sei überrascht gewesen, auf seiner Reise mit der National-Geographic-Expedition durch das Gangesbecken so vielen „kleinen Inseln von Menschen“ zu begegnen, die sich dafür einsetzten, das Bewusstsein für Umweltprobleme zu schärfen. „Ich bin ein großer Optimist. Für mich ist das Glas immer halb voll.“

ANDERS ALS BEI Maßnahmen zum Kampf gegen den Klimawandel würde die Säuberung eines Flussbeckens von Plastikmüll einen sofortigen und sichtbaren Vorteil für die Menschen bringen, die dort leben. Doch wie der Kampf gegen den Klimawandel kann auch dieser Kampf durchaus als Sisyphusarbeit erscheinen. Er ist aber notwendig, wenn wir den Planeten nicht unwiderruflich verändern wollen.

Gegen Ende meines Aufenthalts in Indien reiste ich zur Sagar-Insel am westlichen Ende des 350 Kilometer breiten Gangesdeltas. Die Insel liegt im Golf von Bengalen, 120 Kilometer flussabwärts von Kolkata. Für Hindus hat diese Flussmündung eine besondere spirituelle Bedeutung. Jedes Jahr im Januar kommen Tausende Pilger auf die Insel, um in dem Wasser zu baden, wo Mutter Ganga aufs Meer trifft.

Am südwestlichen Ende der Insel war der Strand bei meinem Besuch frei von Müll. Der Ganges hatte seine Monsun-Reinigung gut erledigt. Auf meinem Spaziergang begegnete ich einigen Pilgern, die außerhalb der Saison unterwegs waren, ein paar streunenden Kühen und den Teilnehmern an einer Bestattungszeremonie, die Asche ins Wasser streuten. Ich dachte an all die anderen Geschenke, die der Ganges heute der Insel Sagar macht, wie die unsichtbaren drei Milliarden Mikrofasern täglich, deren schädliche Auswirkungen auf das Meeresleben wir erst langsam verstehen.

Die National-Geographic-Expedition setzte auch 25 mit GPS-Trackern ausgerüstete Flaschen aus. So konnten die Forscher untersuchen, wie Plastik sich in Flüssen und ihren Mündungen verhält. Drei Flaschen wurden an der Mündung in Bangladesch ausgesetzt. Im Meer bewegt sich Plastik leicht und kann innerhalb von Wochen Hunderte Kilometer reisen.

Nicht lange nach meinem Besuch auf Sagar kamen die drei Flaschen dort vorbei, wo ich gestanden hatte. Sie schwammen mit der ostindischen Küstenströmung. Ziel unbekannt.

Aus dem Englischen von Dr. Karin Rausch

Viele Forscher setzen die Plastikkrise mit anderen globalen Krisen wie der Klimakrise gleich. Sie fordern drastische Maßnahmen.

Laura Parker schreibt über Umweltverschmutzung und Klimaschutz. Ihre Titelgeschichte über Meeresplastik war 2018 Auftakt der Kampagne „Planet or Plastic“. Fotografin Sara Hylton lebt in Mumbai, ihre Themen sind Indigene, Umwelt und Frauen.