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Studierende begleiten Flüchtlings- und Migrantenkinder: Erfahrungen an einer Hauptschule


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 01.10.2018

Seit dem Jahr 2015 stehen die Schulen vor der Aufgabe, mit ungewohnt großen und heterogenen Gruppen geflüchteter Kinder und Jugendlicher zu arbeiten. Häufig haben sie dafür nicht die notwendigen Ressourcen. Wie können Studierende bei der Bewältigung dieser Aufgabe helfen? Wie können sie ausgewählt werden und welche Aufgaben können sie übernehmen? Und worauf kommt es an, wenn alle davon profitieren sollen?


Seit vielen Jahren unterrichten wir an unserer Schule Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien, die kaum oder gar nicht Deutsch sprechen undverstehen. Daswar bis zum Jahr 2015 nichts Besonderes und ...

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... bedurfte auch keiner besonderen Unterstützung von außen. Dann aber ist die Zahl dieser Schülerinnen und Schüler binnen kürzester Zeit so groß geworden, dass uns die Aufgabe, sie in unseren Schulalltag zu integrieren und ihnen das Lernen der deutschen Sprache zu ermöglichen, zunächst vor große Probleme stellte. In dieser Situation nutzte uns unsere langjährige Erfahrung und Routine im Unterricht »Deutsch als Zweitsprache « (DaZ) wenig, da uns aufgrund der enormen Größe dieser Gruppe schlicht Personen fehlten, die diese Aufgabe übernehmen konnten. Wie konnten wir diese Situation bewältigen oder wenigstens entspannen?


Uns fehlenMöglichkeiten, die Studierenden vorzubereiten: Entweder sie können uns helfen oder nicht.


Einerseits gab es verhältnismäßig schnell die Entscheidung der Schulaufsicht für zusätzliche Lehrkräfte – wenn auch, das liegt in Zeiten des Lehrermangels in der Natur der Sache, nicht in dem von uns gewünschten Umfang. Andererseits gab es das Angebot der Universität Siegen, Lehramtsstudierende an die Schulen zu vermitteln, die bei dieser Aufgabe mitarbeiten. Sie hat in Abstimmung mit der Schulaufsicht und der Stadt als Schulträgerin kurzfristig das Projekt »Flüchtlingskinder: Unterstützung der Schulen in SiegenWittgenstein (FLUSS)« auf die Beine gestellt. Seit dem Wintersemester 2015 wird das Projekt jedes Semester angeboten, und befindet sich bereits im sechsten Durchgang. Es richtet sich an alle Schulen, die einen entsprechenden Bedarf haben. Wir meldeten uns unverzüglich schon für den ersten Durchgang an und sind seitdem kontinuierlich dabei.

Unsere Grundsätze für den Einsatz der Studierenden

Vonder Universität erhaltenwir stets eine Liste mit Namen, Hintergrundinformationen zum Studium und zu denErfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sowie Kontaktdaten von Studierenden, die für die Mitarbeit an unserer Schule in Frage kommen. Wir sollen selbst entscheiden, ob die »Bewerber(innen)« geeignet sind. Eine Vorauswahl oder gar eine gezieltere Schulung der Studierenden erfolgt von Seiten der Universität nicht. Natürlich haben auch wir keinerlei Ressourcen, die Studierenden explizit vorzubereiten: Entweder sie können uns helfen oder nicht.

Aber welche Kompetenzen und Erfahrungen müssen Studierende mitbringen, damit ihreMitarbeit für uns und die betroffenen Schülerinnen und Schüler nützlich ist? Welche Bedeutung haben der Studiengang, die Studienfächer und der Fortschritt im Studium? Können uns Studierende mit eigenem Migrationshintergrund besser helfen als andere?Welche weiteren Erfahrungen können hilfreich sein?

Wir können diese Fragen bis heute nicht klar beantworten. Deswegen führen wirmit allen einVorgespräch, in dem wir ihnen unsere Ideen über ihren Einsatz an unserer Schule vorstellen, um auf dieser Basis gemeinsam mit ihnen ihren Einsatz zu konkretisieren – oder eben nicht. Dazu haben wir folgende Grundsätze:

• Die Studierenden werden überwiegend im DaZUnterricht eingesetzt. Ein Einsatz darüber hinaus soll die Ausnahme bleiben, aber möglich sein, z.B. wenn eine zusätzliche Förderung im Bereich Mathematik sinnvoll erscheint.
• Jede Studentin und jeder Student ist einer bestimmten DaZKollegin (an unserer Schule handelt es sich ausschließlich um Frauen) zugeordnet. Dies erleichtert die Organisation der Arbeit und die Zusammenarbeit für beide Seiten. Auch für die Schülerinnen und Schüler erscheint uns das hilfreich. Dadurch, dass die Studierenden einer festen Gruppe zugeordnet sind haben die Schülerinnen und Schüler eine konstante Bezugsperson.
• Die Verantwortung für die Tätigkeit der Studierenden liegt bei der DaZKollegin. Die Studierenden sollen kleine Aufgaben übernehmen, die vor allem (aber nicht nur) das Sprechen betreffen, da dies im Unterricht einer Lehrkraft mit bis zu 15 Schülerinnen und Schülern in der Regel zu kurz kommt, obwohl es sehr wichtig ist.
• Die Studierenden dürfen nicht als Lückenfüller, z. B. für die Vertretung von DaZLehrkräften, eingesetzt werden. Eine Überforderung durch Situationen, auf die sie nicht vorbereitet sind, muss vermieden werden.

Unsere Erwartungen

Wir haben schnell gemerkt, wie wichtig es ist, mit den Studierenden nicht nur ihren Einsatz zu vereinbaren, sondern ihnen gegenüber auch deutlich zu artikulieren, was wir von ihnen inhaltlich erwarten.

Vor allem erwarten wir Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit. Dies ist für die DaZLehrerin von großer Bedeutung, weil sie nur so den Unterricht entsprechend planen kann. Die Schülerinnen und Schüler haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse, auf die man individuell eingehenmuss, und dabei macht es einen großen Unterschied, ob eine weitere Person im Unterricht dabei ist, die individuelle Übungen mit Einzelnen oder einer kleinen Schülergruppe übernehmen kann.


Vor allem erwarten wir Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit.


Darüber hinaus entscheidend ist die Bereitschaft der Studierenden, eine Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufzubauen, da dies für deren Lernen und das Wohlfühlen in unserer Schule von großer Bedeutung ist. Hierin liegt ein großer Unterschied zu den üblichen Schulpraktika der Studierenden in der Schule, bei denen ihr persönliches Lernen im Vordergrund steht.

Den Studierenden im FLUSSProjekt muss stets bewusst sein, dass sie eine große Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler, die wir ihnen anvertrauen, übernehmen. Es handelt sich um Kinder und Jugendliche, die erst kurze Zeit in Deutschland leben und insofern relativ hilflos einer neuen Situation gegenüberstehen. Diese Menschen benötigen Zuwendung und Unterstützung. Dies können Studierende leisten, wenn sie bereit sind, sich mit dem persönlichen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler auseinanderzusetzen.

Die Motivation der Studierenden

»Und warumwollenSie dasmachen?« Auch diese Frage ist ein wichtiger Bestandteil unseres Vorgesprächs. Wir stellen fest, dass sich die Motive der Studierenden über die Projektdurchgänge hinweg verändert haben. Zu Beginn überwog mit Abstand der allgemeine Wunsch, den Kindern, die durch die Flucht nach Deutschland gekommen sind, zu helfen – dieser scheint besonders stark bei Studierenden mit einem eigenenMigrationshintergrund vorhanden zu sein. Sie wissen, dass Schulen für diese Aufgabe nur begrenzte Ressourcen haben, und wollen sie bei dieser Arbeit unterstützen.


Die Studierenden können Erfahrungen sammeln, ohne sofort eine ganze Klasse zu unterrichten.


Diese altruistischeHilfsbereitschaft hat nachgelassen, das zeigen sowohl die abnehmenden Zahlen der studentischenProjektmitarbeiter(innen) als auch ihre Aussagen zu ihrer Motivation: Heute überwiegen die Vorteile, die sie sich für die eigene Vorbereitung auf den Lehrerberuf erhoffen. Insofern ist es naheliegend, dass die Universität bei ihrer Akquise der Studierenden immer mehr die Anerkennung der Mitarbeit im FLUSSProjekt als eines der Pflichtpraktika hervorhebt. Sie ist damit durchaus erfolgreich: Gegen die allgemeine Tendenz einer nach der Anfangseuphorie in den Jahren 2015 und 2016 in der Gesellschaft schwächer werdenden Unterstützungsbereitschaft werden weiterhin regelmäßig FLUSSMitarbeiter(innen) gewonnen. – Allerdings ist der Preis, dabei weniger auf Freiwilligkeit als auf die Anrechnung auf Pflichveranstaltungen zu setzen, hoch; das führen wir unten in dem Abschnitt »Schwierigkeiten« weiter aus.

Zu diesenVorteilen gehört, dass sie aufgrund unmittelbarer praktischer Erfahrungen eine Vorstellung von den Möglichkeiten und Grenzen der schulischen Integration von Kindern und Jugendlichen ohne nennenswerte Sprachkenntnisse in Deutsch entwickeln können. Darüber hinaus lernen sie Schülerinnen und Schüler näher kennen, beschäftigen sich mit ihrer persönlichen Situation und gewinnen auch in dieser Hinsicht Erkenntnisse, die für ihre Ausbildung wertvoll sind.

Die Studierenden sehen zudem die Möglichkeit, Erfahrungen in der Lehrerrolle zu sammeln, ohne dass dies sofort mit dem Unterricht einer ganzen Klasse verbunden ist. Die Arbeit mit kleinen Gruppen ermöglicht ihnen, sich selbst besser kennenzulernen und die eigenen Möglichkeiten auszuprobieren und weiterzuentwickeln – in einem Schonraum ohne Leistungsdruck: Sie können sich mit der Lehrperson unterhalten, Fragen stellen und ihren Horizont erweitern, ohne dass dies Auswirkungen auf eine Beurteilung hat.

Die Erfahrungen der Studierenden

In Vorbereitung auf diesen Beitrag haben wir einige unserer FLUSSStudierenden gebeten, ihre Erfahrungen zu beschreiben. Bezogen auf die ausgeführten Erwartungen sind sie überwiegend positiv. Die Mitarbeit im DaZBereich wird im Vergleich zum regulären Klassenunterricht auch ohne viele Vorerfahrungen als bewältigbar angesehen, so dass das Erproben der eigenen Lehrperson deutlich besser gelingt.

Eine Studentin schreibt: »Sehendie Kinder mirmeine Unerfahrenheit an? Wirke ich vielleicht total unsicher auf sie? Kann ich mit besonderen Situationen umgehen? Ich habe mir viele Fragen gestellt, die mir die Uni nicht beantwortenkann.« Auf diese Fragen hat sie während ihrer Tätigkeit im FLUSSProjekt zumindest erste Antworten bekommen. Als hilfreich sieht sie dabei an, dass sich auch die Schülerinnen und Schüler in einer neuen und teilweise unbekannten Situation befunden haben. So konnte sie sich gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern weiterentwickeln und in wichtigen Bereichen der Lehrertätigkeit Erfahrungen sammeln. Sie hat auch erlebt, was es bedeutet, für Kinder eine wichtige Bezugsperson zu sein und die Erfolge der eigenen Arbeit zu reflektieren.

Gleichzeitig haben die Studierenden das Gefühl, hier wirklich konkret helfen zu können. Sie schauen sich nicht den Unterricht anderer Lehrpersonen an, sondern arbeiten mit. Sie können auch eigenes Unterrichtsmaterial erstellen, das sie einsetzen und erproben können.

Und schließlich ist positiv hervorzuheben, dass durch den intensiven Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern der Schule eine Weiterarbeit über das FLUSSProjekt hinaus möglich war. So kam es beispielsweise dazu, dass einige Studierende ihre Bacheloroder Masterarbeit in einem Forschungsprojekt der Universität, das sich mit den Lernentwicklungen von Schülerinnen und Schülern mit Fluchthintergrund beschäftigt, als Fallstudien über eine einzelne Schülerin oder einen einzelnen Schüler und ihren oder seinen persönlichen Hintergrund verfasst haben.

Unsere Erfahrungen

Um es vorweg zu nehmen: Wir machen mit den Studierenden in diesem Projekt nicht nur, aber überwiegend positive Erfahrungen. Ihr Verhalten gegenüber den Schülerinnen und Schülern ist weitgehend positiv. In der Regel nehmen sie die Rolle einer Lehrkraft, die manchmal nicht sehr viel älter ist als die Schülerinnen und Schüler selbst, an und bauen entsprechende Beziehungen zu ihnen auf. Hierdurch leisten sie einen erheblichen Beitrag zur Integration dieser Kinder und Jugendlichen in die Schule.

Einige können darüber hinaus als Übersetzer tätig werden und uns so helfen, Probleme zu bewältigen oder nach familiären Hintergründen zu fragen, was ohne Übersetzer kaum möglich ist. Schülerinnen und Schülern wollen wir diese Aufgabe nicht übertragen, da diese Dinge vertraulich sind. Bei Studierenden ist klar, dass es sich um Respektsund Vertrauenspersonen handelt, die diese Aufgabe mit der notwendigen Verschwiegenheit übernehmen.

Besonders positiv ist, dass die DaZLehrerinnen ihren Unterricht individueller gestalten können. Denn trotz unserer guten Aufstellung in fünf unterschiedliche DaZGruppen, geordnet nach ihrem Leistungsniveau, ist die Heterogenität in den einzelnen Gruppen zum Teil sehr groß. Schüler mit großen Problemen können sie für eine gewisse Zeit herausnehmen und individuell begleiten. Die Gruppe kann in einemanderen Tempo (weiter) arbeiten, ohne demjenigen, der noch größere Schwierigkeiten hat, das beschämende Gefühl zu geben, den Anschluss zu verlieren oder gar zu versagen. Er kann in einer individuellen Betreuung schnellere Fortschritte erzielen. Dies gilt nicht zuletzt auch für Schülerinnen und Schüler, die unterfordert sind – auch sie können so besser vorankommen.

Schwierigkeiten

Natürlich verläuft nicht immer alles reibungslos. Manchmal kommt es vor, dass die Studierenden sich trotz der einfachen Möglichkeit durch direkten Kontakt zu »ihrer « Kollegin nicht rechtzeitig vom Unterricht abmelden, so dass diese in den geplanten Stunden doch anders arbeiten muss.

Oder es gibt unterschiedliche Vorstellungen zum Unterrichtsverlauf, dieman dann im persönlichen Gespräch klären muss.

Überraschend sind für uns Auffälligkeiten bei einzelnen Studierenden, die die Mitarbeit im FLUSSProjekt als Pflichtpraktikum angemeldet haben (siehe oben). Bei nichtwenigen dieser Studierenden sindVerhaltensweisen zu beobachten, die wir auchvon anderen Studierenden in Pflichtpraktika kennen: mangelndes Interesse, wenig Eigeninitiative, »Absitzen« der Zeit etc. Ihre Grundeinstellung unterscheidet sich deutlich von denjenigen, die ehrenamtlich helfen wollen und ihren einzigen Vorteil im Sammeln von Erfahrungen sehen.

Fazit

Das Projekt FLUSS der Universität Siegenhilft uns sehr in der schulischenArbeitmit eingewanderten Schülerinnen und Schülern. Wir sind froh, dass es jungeMenschengibt, die sich engagierenwollenund bereit sind, sichverlässlich und verantwortungsbewusst einzubringen. Gleichzeitig ermöglicht ihnen dieses Projekt andere Erfahrungen als die, die in einem Unterrichtspraktikum in der Regel möglich sind und stellt einen wichtigen Beitrag für ihre Ausbildung dar. Die Frage, ob sich die formale Anerkennung der Tätigkeit als Praktikum negativ auf die Einstellung auswirkt oder wenigermotivierte Studierende zur Bewerbung für die Mitarbeit in diesemProjekt bewegt, können wir dabei letztendlich nicht beantworten.

Ina KissingRunnebaum ist Lehrerin für Deutsch und Geschichte an der GeschwisterSchollSchule (Ganztagshauptschule) in Siegen.
E-Mail: ina.kissing@gmx.de

ChristophWeißer ist Konrektor an der GeschwisterSchollSchule (Ganztagshauptschule) in Siegen.EMail: konrektor@geschwisterschollsiegen.deAdresse (beide): Schießbergstraße 111, 57078 Siegen

Wie sieht die Mitarbeit der Studentin Frau A. im Alltag aus? – Ein Beispiel

In der Gruppe A0 (Schülermit gar keinen oder sehr geringen Vorkenntnissen der deutschen Sprache) unterrichte ich zurzeit 4 Mädchen und 10 Jungen aus fünf verschiedenen Nationen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren. Die Gruppe ist extremheterogenbezüglich desSprachstands im Deutschen, demGrad ihrer schulischen Sozialisation (drei Schüler haben in ihremHeimatlandnur sehr kurzeZeit eine Schule besucht), der Alphabetisierung in derMutterspracheund ihrer Bereitschaft, sich zu integrieren (zwei Schüler kommen nur sehr unregelmäßig zur Schule). Die Gruppe besteht seit November 2017, allerdings kamen nicht alle gleichzeitig, so dass immer wieder ein »Neuankömmling« integriert werden musste.

Die folgende Beschreibung des Unterrichts soll verdeutlichen, wie die Unterstützung durch die FLUSS-Studentin Frau A. aussieht und wiewichtig sie ist: Ich erarbeite mit den Schülerinnen und Schülern neu das Wortfeld »Essen & Trinken «. Dazu teile ich Arbeitsblätter mit entsprechenden Abbildungen aus, die im Ordner der Schüler unter einem bestimmten Begriff eingeordnet werden sollen. Klingt einfach, ist es aber nicht: Drei Mal wird nachgefragt, wo ein Arbeitsblatt abgeheftet werden soll, zwei Schüler schauen sehr ratlos. FrauA. und ich gehen durch die Klasse und kontrollieren oder helfen, was viel Zeit in Anspruch nimmt.

Nun sollen dieWörter ins Vokabelheft übertragenwerden. Da vier Schüler kaum in der Lagesind, Wörter abzuschreiben, müssen diese individuell unterstützt werden, manchmal schreiben wir für sie sogar selbst dieWörter ab. AlleVokabelhefte müssen kontrolliert werden, um unnötige Fehler zu korrigieren.

Die nächste Aufgabe besteht darin, Karteikarten zu dem neuen Wortfeld zu erstellen. Auchhier ist Hilfenotwendig. JedeKarteikartemuss kontrolliertwerden. Während die ersten vier Schüler schon fertig sind, arbeiten die anderen immer noch mit Schere und Kleber – sie haben den Umgang damit noch nicht gelernt. Frau A. kann mit den Schülern, die schon fertig sind, anfangen zu üben, während ich die anderen unterstütze.

Dann folgt eine Hörübung. Frau A. setzt sich neben die beiden Schüler, die gerade erst lesen und schreiben lernen und große Schwierigkeiten haben, diese Übung mitzumachen. Hier ist es wichtig, sie zu ermuntern und sich auch über kleine Teilerfolge zu freuen. Zum Ende der Stunde gebe ich eine Hausaufgabe auf, die an die Tafel geschrieben und von mir erklärt wird. Frau A. geht herum und kontrolliert, was die Schüler aufschreiben – sonst werden Hausaufgaben gar nicht oder fehlerhaft aufgeschrieben.

Die Stunde ist vorbei und trotz der intensiven Unterstützung bleibt bei uns beiden das unbefriedigende Gefühl, uns viel zu wenig um die einzelnen Schüler kümmern zu können.