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STUDIO: BLIND GUARDIAN TWILIGHT ORCHESTRA: SYMPHONIC METAL OHNE METAL


Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 21.08.2019

Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten!? Nicht ganz, weshalb sich Fans noch ein paar Monate gedulden müssen. Doch was macht das schon bei einem Album, über das seit zwanzig Jahren gesprochen wird? Das sagenumwobene BLIND GUARDIAN-Orchesteralbum ist endlich fertig und wird noch einen Monat vor dem Nikolaus ums Eck kommen. Lest hier unsere ersten Eindrücke!


Artikelbild für den Artikel "STUDIO: BLIND GUARDIAN TWILIGHT ORCHESTRA: SYMPHONIC METAL OHNE METAL" aus der Ausgabe 9/2019 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 9/2019

Treffen im Studio in Grefrath: Autor Sebastian Kessler und Hansi Kürsch (r.)


Sänger Hansi Kürsch muss eingestehen: „Ich kann immer noch nicht loslassen. Mit der Musik ist alles in Ordnung, aber jetzt müssen sämtliche Komponenten rechtzeitig fertiggestellt ...

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... werden. Jedes kleine Detail drehe ich noch 125 Mal um, bevor wir es raus schicken. So war es die ganze Zeit mit der Musik.“ Diese Liebe zum Detail führte zu einer der ambitioniertesten Albumproduktionen der Metal-Geschichte. An deren Ende steht aber gar kein Metal-Album, und es erscheint unter dem neuen Banner des Blind Guardian Twilight Orchestra. „Das letzte Element, das tatsächlich für Blind Guardian steht, ist der Gesang“, erklärt Hansi. „Wie weit können wir weg, was ist noch meine Komfortzone? Wie viel Blind Guardian-Charakter braucht man? Alles Dinge, die wir erst herausfinden mussten.“ Und das Ergebnis? „Stell dir NIGHTFALL IN MIDDLE-EARTH ohne Band vor“, versucht er in Worte zu fassen, was sich zumindest nach einem Hördurchlauf kaum beschreiben lässt. Die Hörprobe findet auf Einladung der Plattenfirma Nuclear Blast im legendären Twilight Hall-Studio in der Nähe von Grefrath statt – überraschenderweise nicht der vor Memorabilien überquellende Nerd-Keller, den manch einer sich vorstellen mag, sondern ein modernes, wohnlichaufgeräumt anmutendes Hinterhof-Appartement. Nur in Hansis „Lieblingszimmer“ wird das kreative Chaos sichtbar – anhand von Büchern, Musikabspiel- und -aufnahmegerätschaften auf dem Computertisch sowie einem stilvollen alten Holzschrank. „Die Akustik ist hier nicht gut genug, um wirklich aufzunehmen, aber ich kann mich in diesem Raum verlieren und komponieren.“ Kaum vorstellbar, dass eine Mammutproduktion wie LEGACY OF THE DARK LANDS hier ihre bescheidenen Anfänge nahm.

Zwei Jahrzehnte lang haben Kürsch und André Olbrich an den Kompositionen gefeilt, frühere Aufnahmen wiederholt mit neuen Möglichkeiten nachgebaut – und dabei viel Lehrgeld bezahlt. So wurden unter anderem die Anforderungen und Grenzen eines Symphonieorchesters ausgetestet: „Zum Beispiel mussten die Violinen etwas so Schnelles spielen, dass die eine Hälfte der Musiker die Aufstriche, und die andere die Abstriche spielen musste.“ Musiker am Rand des physisch Möglichen und eine Produktionsgeschichte, die nicht nur eng mit der Historie von Blind Guardian verwoben ist, sondern auch der Entwicklung der Studiotechnik – freut euch schon jetzt darauf, pünktlich zur Album veröffentlichung mit METAL HAMMER tiefer in die Geheimnisse der Dunklen Lande einzutauchen.
SEBASTIAN KESSLER

DIE HÖRPROBE: LEGACY OF THE DARK LANDS VÖ: 8. November

1618 Ouverture
Dämonische Stimmen, Zischen und Grollen, aus dem sich ein Orchester erst leise, dann immer pompöser aufbaut und bald von elektronisch verzerrtem Schlagzeug und Chorgesängen begleitet wird.

(The Gathering)
Das erste hörspielartige Zwischenstück weckt sofort Erinnerungen an NIGHTFALL IN MIDDLE-EARTH – kein Wunder, konnten Blind Guardian teilweise sogar dieselben Sprecher engagieren.

War Feeds War
Endlich sind wir mittendrin: Es klingt typisch nach Blind Guardian – aber eben ohne Metal-Instrumente. Verträumt, balladesk und pompös denkt man automatisch an ‘And Then There Was Silence’. Zum Finale liefern sich Schlagzeug und Orchester ein Duell.

(Comets And Prophecies)
Dark Cloud’s Rising
Zarte Streicher schaffen eine leichte, verspielte Atmosphäre, Hansi stimmt passend dazu ein. Es herrscht Aufbruchsstimmung, doch düstere Prophezeiungen nehmen akustische Form an. Hansi brilliert dabei im Zusammenspiel mit dem Orchester. Die Song-Struktur ähnelt der des vorherigen Albums.

(The Ritual)
In The Underworld
Ein Venom-artiger Schrei schafft den Übergang zum düsteren Song-Anfang. Auf den dramatischen Refrain folgt ein vertontes, alptraumhaftes Chaos; Hansis Stimme steht, wie auf dem gesamten Album, leitend im Vordergrund.

(A Secret Society)
The Great Ordeal
Tänzelnd und erzählerisch entstehen im Kopf Bilder wie aus einem Disney-Musical, bevor sich der Song regelrecht kämpferisch entwickelt. Der zupackende Refrain erinnert an ‘Twilight Of The Gods’.

(Bez)
In The Red Dwarf’s Tower
Wabernder Prog Rock-Bass; das, was man als Refrain auszumachen glaubt, wird vorangetrieben von einem wie ein Fluch vorgetragenen Gesangs-Part mit zischend wiederholten Worten. Ein jazziger, swingender Mittelteil sticht hervor, und irgendwie findet sich von dort ein Weg zum überlebensgroßen Höhepunkt.

(Into The Battle)
Treason
Vom reduzierten, märchenhaften Beginn geht es zum marschierenden Refrain mit besonders starker Melodie. Erneut ein eigentlich sehr „klassischer“ Song, nur mit Streichern und Bläsern statt Speed Metal.

(Between The Realms)
Point Of No Return
Vielleicht der beste „Einstiegs-Song“, da die Blind Guardian-Basis sehr deutlich durchscheint. Das Tempo zieht ordentlich an! Hansi geht in den Dialog mit dem Chor. Groß und bombastisch wie ‘Wheel Of Time’ – die Gelegenheit, heroisch die Faust zu ballen und in den mächtigen Gesang einzustimmen.

(The White Horseman)
Nephilim
Enorme Dynamik zwischen für sich allein stehenden Gesängen und voller Breitwand-Instrumentierung.

(Trial And Coronation)
Harvester Of Souls
Mystische Anklänge, aus der Düsternis entwickeln sich Angriffslust und ein monumentaler Marsch. Melodie und Dringlichkeit erinnern an das NIGHTFALL-Finale. Auf ins letzte Gefecht!

(Conquest Is Over)
This Storm
Melancholische Streicher, unheilverheißende Klänge. Hansi zeigt seine ganze Bandbreite von hohem Minstrel- bis tiefem aggressivem Gesang. So ist auch der Song eine Achterbahnfahrt mit erneut starkem, hervorstechendem Refrain.

(The Great Assault)
Beyond The Wall
Engelsgleiche Chöre im erzählerischen Beginn und ein elegischer Hansi. Bedrohung andeutendes Stakkato sowie anschwellende Aggressivität kollabieren im prophetischen Finale. (A New Beginning)

Fazit: Beim ersten Hördurchlauf kaum zu erfassendes Bombastwerk, dem man sowohl die Detailliebe als auch die Blind Guardian-Wurzeln jederzeit anhört.


Fotos: D. Behlau (PR)