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stück: Zwillingsbruder eines Bürgerkriegs


Theater der Zeit - epaper ⋅ Ausgabe 9/2020 vom 01.09.2020

Der Autor Wajdi Mouawad schreibt auf Französisch und leitet ein Theater in Paris. Sein Thema jedoch bleibt der Libanon, den er vor vierzig Jahren verließ


Artikelbild für den Artikel "stück: Zwillingsbruder eines Bürgerkriegs" aus der Ausgabe 9/2020 von Theater der Zeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Theater der Zeit, Ausgabe 9/2020

Seine Figuren sind Geschwister des Ödipus - Kaum ein zeitgenössischer Autor arbeitet sich so intensiv und ungebrochen am Tragödiengenre ab wie Wajdi Mouawad. Dafür erhält er jetzt den Europäischen Dramatiker*innenpreis.


Foto Simon Gosselin

E in Junge spielt auf einem Balkon in Beirut. Er spielt mit seinem Kinderfahrrad. Der Junge hört Schreie. Er beugt sich hinunter, und er sieht: einen Autobus, der von einer Gruppe Männer beschossen wird. Der Junge ist ...

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E in Junge spielt auf einem Balkon in Beirut. Er spielt mit seinem Kinderfahrrad. Der Junge hört Schreie. Er beugt sich hinunter, und er sieht: einen Autobus, der von einer Gruppe Männer beschossen wird. Der Junge ist sieben. Der Junge sieht, aber er versteht nicht. Es ist der 13. April 1975.

Der Junge heißt Wajdi Mouawad. „Bei allem, was ich beschreibe, geht es nur darum“, sagt er vierzig Jahre später im Intendantenbüro des Théâtre de la Colline über den Tag. Er leitet das Haus seit 2016. Vom Büro aus kann man die Dächer von Paris sehen. Der Libanon scheint fern. Für den Leiter dieses Theaters ist er es nicht. Als im Sommer 2020 in Beirut 2750 Tonnen Ammoniumnitrat explodieren, meldet sich Mouawad aus dem Urlaub zu Wort, in einem Zeitungsartikel, der die Korruption der Regierung für die Katastrophe verantwortlich macht. „Alles ist zerstört im Libanon“, schreibt er in Le Monde. „Nicht nur der Beton. Die Zukunft.“ Das Ereignis, schreibt er, sei ein Echo auf den 13. April 1975.

Der Tag gilt als Auslöser für den Bürgerkrieg, der bis 1990 im Libanon wütete. Eine christliche Miliz greift damals wehrlose palästinensische Zivilisten an. Wenige Jahre später verlässt Wajdi Mouawad mit seiner Familie, christlichen Maroniten, das Land. Wajdi Mouawad ist zehn. Die Familie zieht zunächst nach Paris. Fünf Jahre später wird ihr die Aufenthaltserlaubnis entzogen, geht die Reise weiter nach Montreal. Seine Mutter wird kurz nach der Ankunft in Kanada den Kampf gegen den Krebs verlieren - etwas, das er später unter anderem in dem Text „Im Herzen tickt eine Bombe“ (siehe Stückabdruck) aufnimmt. Erst einmal aber soll er hier, in Paris, zur Schule gehen. „Jeder macht auf seine Weise Bekanntschaft mit dem Tragischen“, wird er später in einem Interview sagen. Für ihn ist es dieser erste Schultag im 15. Arrondissement. „An diesem Tag spürte ich Dinge, die ich davor nicht gekannt hatte: tiefe Langeweile und Traurigkeit.“

Der Mann, der auf diese Art zum Tragischen fand, arbeitet sich bis heute so intensiv und ungebrochen am Tragödiengenre ab wie wenige andere zeitgenössische Theaterautoren. Am 20. September wird er dafür am Schauspiel Stuttgart den erstmals verliehenen Europäischen Dramatiker*innenpreis erhalten.

Im deutschsprachigen Raum wird er 2006 mit „Verbrennungen“ („Incendies“) bekannt, dem zweiten Teil der Tetralogie „Das Blut der Versprechen“ („Le Sang des promesses“). Innerhalb von zwei Jahren wird die Übersetzung von Uli Menke 23 Mal nachgespielt - so oft wie kein anderes seiner Stücke. In deutschen Spielplänen ist er fortlaufend präsent: Allein im September 2020 wird das 2017 uraufgeführte Stück „Vögel“ zweimal Premiere feiern, in Bremerhaven und Potsdam. Es erzählt von dem Versuch einer Liebe zwischen einer Araberin und einem Juden, vor dem Hintergrund eines Terroranschlags. Wie oft bei Mouawad geht es darum, das Schweigen über die Vergangenheit zu brechen - auch, wenn das unerträglich ist. Mouawads Figuren sind Geschwister des Ödipus. Auch diejenigen in „Verbrennungen“.

Der Text führt durch verschiedene Länder, vergangene Zeiten, hin zu fast undenkbarem Grauen. Die Wiener Aufführung in der Regie von Jan Bachmann wirkte damals ziemlich ratlos angesichts dieser für das deutschsprachige Theater so neuen Qualität des Textes: Hier brachte ein Autor mit epischem Furor eine verästelte Geschichte, verschiedenste zeitliche Ebenen und eine so poetische wie brachiale Sprache zusammen - vor dem historischen Hintergrund eines Bürgerkrieges. Mit einer Dramaturgie, die an Sophokles anknüpft: Schuld und Unschuld, Glück und Elend, individuelle Lust und historische Last sind untrennbar eng miteinander verschlungen.

„Die Kindheit ist ein Messer in der Kehle“, heißt es in „Verbrennungen“: „Man zieht es nicht so leicht heraus.“ Für Mouawad ist die Kindheit ein verlorenes Land. Er hat seit 1978 nicht mehr im Libanon gelebt. Dennoch taucht der Ort in nahezu allen Texten auf. Namenlos. Nennen könne er ihn nicht, schrieb er einmal, „denn wenn ich auch ursprünglich von dort stamme, so komme ich doch nicht länger von dort“. Es bleibt das Herkunftsland als Schauplatz, Erinnerung, Hintergrund. Als Chiffre für Krieg, Gewalt, Verwüstung.

Als der Regisseur Krzysztof Warlikowski ihn 2015 einlädt, für ein mit Isabelle Huppert geplantes „Phädra“-Projekt einen Text beizusteuern, entblättert Mouawad die phönizische Facette der Figur: Als Enkelin der mythischen Prinzessin Europa wuchs Phädra an den Stränden der libanesischen Stadt Sidon auf. Dort, wo auch Mouawad als Kind spielte. „Sie war von meinem Blut“, schreibt er im Vorwort zu dem Text, den er „La chienne“ (Die Hündin) nennen wird. Premiere ist im März 2016, wenige Monate nach den durch islamistische Extremisten verübten Attentaten in Paris, bei denen 137 Menschen sterben. Phädra als Libanesin zu denken, bedeutet für Mouawad auch, „den Orten der Massaker aus meinen Kriegen, den Orten meines Exils wieder zu begegnen.“ Auch Phädras Volk wird ins Exil vertrieben werden.

Die Pariser Attentate vom 13. November 2015 rücken die von Krieg und Gewalt zerrüttete Welt von Mouawads Stücken und die sich in Sicherheit wähnende Welt, in der seine Werke rezipiert werden, so dicht zusammen wie nie zuvor. „Früher, als in Quebec und Frankreich Frieden herrschte, erschien das, was ich schrieb, möglicherweise als interessante Außenperspektive, aber auf einmal war der Orient da. Auf einmal hat die Wirklichkeit das Theater eingeholt.“ In der Nacht der Attentate probt er mit einer Gruppe Studierender „Victoires“ (Siege), ausgerechnet. Als nach und nach die Neuigkeiten in den Probenraum durchsickern, beginnt Mouawad zu erzählen. Vom Libanon. Jemand holt Bier, jemand spielt Klavier. Am Ende schlief niemand, berichtet er im Intendantenbüro, alle tanzten.

Vom Theater erwartet - ersehnt - Mouawad eben das: den Moment der Katharsis. „Einen Moment, in dem jeder, willens oder nicht, anerkennen muss: Etwas in mir hat sich bewegt.“ Er glaubt daran, dass dem Autor eine Art Sprachrohr-Funktion zukommt. „Wenn ich nur für mich spräche, würde mich das nicht interessieren“, sagt er. „Ich komme aus einem Land, wo die Leute nicht sprechen, also ist es notwendig, dass andere Leute an ihrer Stelle sprechen.“ Und er fragt: „Wenn der Zwillingsbruder, den du über alles liebst, vergewaltigt wurde und ihm vor Schmerz und Scham die Sprache fehlt, was tust du? - Wenn du ihn liebst, redest du, nicht bloß um ihn zu verteidigen, sondern auch um auszudrücken, was er in sich trägt. Genau das tut man, wenn man schreibt.“

Mouawads Schreiben wird von einem Missverständnis begleitet, sagt er: „Meine geschriebene Sprache ist eine andauernde Übersetzung aus dem Arabischen.“ Ein Arabisch, das sich als Französisch verkleidet hat. „Was man meiner Sprache vorwerfen kann, ist, dass sie geschwätzig und überzogen ist. Aber sie ist nicht geschwätzig und überzogen oder lyrisch. Es ist einfach Arabisch.“ Erst in der Übersetzung in andere Sprachen verliere sich dieses Missverständnis, erst dann habe man wieder unverstellten Zugang zum Text. „Was mir tief drinnen ein bisschen das Gefühl gibt“, sagt er, „auf französischem Terrain wie auf Feindesland zu leben.“

Und Wajdi Mouawad schreibt nicht nur mit Worten. Er schreibt auch mit Videomaterial wie in „Inflammation du verbe vivre“ (Entzündung des Verbes lebe) 2016. Oder mit Farbe und dem eigenen Körper wie in dem Solo „Seuls“ - Einsam(e) - von 2008, einer polyphonen Annäherung an Rembrandts Gemälde „Der verlorene Sohn“, in der sich Erzählung, Performance und Selbstporträt vermischen.

Dass Wajdi Mouawad auch Regisseur ist, ist seiner Arbeit als Autor zu verdanken. Begonnen hat es in Montreal, wo er 1991 das Théâtre Ô Parleur gründet und seine eigenen Texte aufführt. Es überrascht kaum, dass er sich auch der griechischen Tragödien angenommen hat. Lückenlos. Zwischen 2011 und 2015 inszeniert er alle sieben Stücke von Sophokles, gebündelt in drei Teile. „Des femmes“ (Frauen) wird 2011 in Avignon gezeigt, wo er ein häufig eingeladener Gast ist, im Jahr 2009 als artiste associé. „Des femmes“ ist ein atemberaubender Ritt durch die Nacht mit den Trachinierinnen, Antigone und Elektra. Die Kulisse gibt der ehemalige Steinbruch Carrière de Boulbon vor den Toren der Stadt ab, gespielt wird bis Sonnenaufgang. Es folgen 2013 „Des Héros“ (Helden) und 2015 „Des mourants“ (Sterbende). Mouawads Übersetzer und Freund Robert Davreu stirbt, bevor der Zyklus beendet ist. So kommt es, dass er „Philoktet“ und „Ödipus auf Kolonos“ selbst überträgt. Auch als Manifeste seiner Trauer.

Der Monolog „Im Herzen tickt eine Bombe“, uraufgeführt 2003 im Théâtre de Sartrouville, liest sich wie ein Kondensat dessen, was Mouawads Werk ausmacht. Im Mittelpunkt auch hier: ein junger Mann, Wahab, auf der Suche. Nach der Frau, die seine tödlich an Krebs erkrankte Mutter einmal war - und auch nach der Erlösung aus einem Trauma. „Ich bin der Zwillingsbruder eines Bürgerkriegs, der mein Heimatland verwüstet hat“, sagt Wahab. Wir begegnen in ihm auch dem Jungen auf dem Balkon wieder. Aber diesmal nimmt er den Fahrstuhl. Er fährt nach unten. Ein Bus kommt, hält. Der Junge nimmt Blickkontakt mit einem anderen Jungen im Bus auf. Sie lachen sich an. Dann steht der Bus in Flammen. Wahab sieht, wie der Junge verschlungen wird, von einer Frau mit hölzernen Armen. Man muss immer dorthin gehen, wo es am finstersten ist, sagt Wajdi Mouawad.

Seitdem er Leiter des Théâtre de la Colline ist, schreibt Wajdi Mouawad jedes Jahr ein Manifest. Der Titel für 2020 lautet: „Für den Schatten“. Ein Plädoyer für all das, was sich der Vernunft, dem Licht entzieht. „Das Geheimnis. Das Mysterium. Der Widerstand.“ So ist auch „Im Herzen tickt eine Bombe“ zu lesen. Wahab wird der Frau mit den hölzernen Armen wiederbegegnen, am Totenbett der Mutter im Krankenhaus. Er wird mit ihr einen grausigen Totentanz vollziehen - und in dem Moment, da alles verloren scheint, von einem Rudel Wölfe gerettet werden. „Ich lächle“, sagt Wahab am Ende. „Was soll ich auch sonst tun?“ Die Antwort hält er schon in der Hand: einen Pinsel.