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Stürmische Nacht an der Nordsee


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 51/2021 vom 18.12.2021

Der große abgeschlossene LIEBES-ROMAN

Sie fuhren zur Kugelbake und weiter zum Dunenstrand. Beim Wenden lenkte Nele ihre Pferde ins tiefere Wasser. „Hast du überhaupt schon mal eine Wattfahrt mitgemacht?“, fragte sie, als sie bemerkte, dass Julian das alles gar nicht geheuer war, und er sich plötzlich ganz verkrampft festhielt.

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin als Kind in einen Brandungsrückstrom geraten und wäre beinahe ertrunken. Seitdem habe ich großen Respekt vor der See.“

„Dann ist das ja eine große Ehre für mich, dass du dich mit mir so weit hinaus ins Wasser traust?“

„Kann man wohl sagen“, stöhnte er. Ihre Blicke kreuzten sich.

Wieder im Stall sah Julian auf die Uhr und dann seine Tochter an. „Kira, wir müssen gehen. Ich habe jetzt den Termin mit dem Makler.“

„Och, Mensch! Ich wollte mit Emy noch Satteln üben. Vielleicht darf ich morgen sogar reiten.“

„Du kannst deine Tochter gerne hierlassen. Ich ...

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Bildquelle: Das goldene Blatt, Ausgabe 51/2021

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... bleibe auch noch und bringe sie später ins Hotel.“

¨ Zurück in die Heimat Kira wusste noch nichts von seinen Plänen. Julian bat Nele um ihren Rat

„Dann bekomme ich endlich meinen Laptop!“, verkündete Kira. „Und morgen Vormittag treffe ich mich mit Emy im Stall“, wandte sie sich an ihren Vater. „Wenn du nachmittags zum Notar musst, bleibe ich am besten gleich den ganzen Tag mit ihr zusammen.“

„Also, den ganzen Tag, das …“, begann Julian. Doch Nele sah ihn eindringlich an. „Ich finde, das ist eine ganz hervorragende Idee!“

Er seufzte tief. „Na gut.“ Dann lachte er. „Gegen zwei Frauen hat ein Mann allein keine Chance.“

Julian wusste nicht, wie er Kira seinen Plan gestehen sollte

Zum Hotel waren es nur ein paar Schritte. Kira wollte nach dem Essen in ihr Zimmer und fernsehen. Die Erwachsenen blieben noch.

„Warst du auch so schwierig?“, fragte Julian, als sie allein waren.

„Nein, natürlich war ich immer superbrav.“ Der Schalk saß ihr in den Augen. „Ich finde, du solltest etwas lockerer mit ihr umgehen. Damit nimmst du ihr den Wind aus

den Segeln. Denn wenn du streng bist, erzeugst du nur Gegenwehr.“

„Hast du auch einen Rat, wie ich Kira beibringen soll, dass ich darüber nachdenke, wieder hier in meine alte Heimat zu ziehen? Meine Eltern wären glücklich, wenn sie mich in ihrer Nähe wüssten. Sie würden mir als Starthilfe das Geld geben, das der Verkauf des Hauses einbringt. Und als Ingenieur finde ich auch in Cuxhaven oder Bremen jederzeit einen guten Job.“

„Aber du hast Angst davor, es Kira zu gestehen?“

„Wie sie momentan drauf ist, will sie alles, nur nicht jede Ferien an der Nordsee verbringen müssen. Und darauf läuft es ja hinaus.“

„Ach, das kann sich stündlich ändern!“ Nele lachte. „Außerdem macht sie spätestens nach dem Abi sowieso was sie will.“

Julian brachte Nele zu ihrem Fahrrad. „Esst ihr morgen Abend bei mir?“, lud sie ihn ein.

Sein Blick wurde ganz weich. „Gern! Nichts lieber als das!“

„Gut. Ich schicke dir die Adresse aufs Handy.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen und fuhr davon. Verdutzt sah er ihr nach. Für so einen Kuss hätte er mit 16 Jahren eine Menge gegeben …

Als sie am nächsten Abend zu Nele kamen, war das Haus verkauft und Kira hatte ihren Laptop dabei. Sandfarben, unglaublich edel und noch verpackt. Damit verzog sie sich gleich nach dem Essen in Neles Küche, während sich die Erwachsenen im Wohnzimmer über alte und neue Zeiten unterhielten.

„Warst du denn nie verheiratet, Nele?“, wollte Julian wissen.

„Doch. Und ich habe sogar einen Sohn. Er heißt Hannes, ist sieben

Jahre alt und verbringt gerade ein paar Tage der Weihnachtsferien bei seinen Großeltern väterlicherseits.“ „Und dein Mann?“

„Du willst doch jetzt nicht mit mir über meinen Exmann reden!“ Sie stand auf und verschwand im Schlafzimmer. Als sie zurückkam, schob sie Julian einen Brief zu. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er ihn erkannte. Es war der Brief, den er ihr als 16-jähriger in die Schultasche geschmuggelt hatte.

„Den hast du noch?“

„Wie könnte ich einen solch wunderschönen Brief wegwerfen?“, stellte sie die Gegenfrage.

„Aber damals …“

„Damals habe ich ihn in ein Buch gelegt. Dort geriet er in Vergessenheit. Als ich zum Studium nach Bremen ging, wollte ich einen Teil meiner Bücher verkaufen, und da fiel der Brief heraus. Es war wie ein spätes Geschenk. Zu der Zeit war ich ja alt genug dafür.“ Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn auf die Wange.

Plötzlich stand Kira neben ihnen. „Soso, hier wird geschmust! Soll ich dir jetzt auch eine ordentliche Moralpredigt halten?“ Gespielt streng sah sie ihren Vater an.

„Er kann nichts dafür, ich habe angefangen“, verteidigte ihn Nele.

„Das kenne ich“, ging Kira auf den Tonfall ein. „Wenn man etwas von ihm will, muss man es sich holen, oder man kriegt es nie.“

Julian hob den Zeigefinger. „Du bist ganz schön frech, Tochter.“

Inzwischen war es 23 Uhr geworden. Julian und Kira fuhren ins Hotel zurück. Am nächsten Morgen besuchten sie Julians Eltern. Die beiden alten Leute wohnten in einem Senioren-Appartement in Bremen und freuten sich sehr, die ‚Kinder‘ wiederzusehen. „Hast du dir unseren Vorschlag überlegt?“, fragte Julians Mutter beim Essen.

Kira biss wütend die Zähne zusammen, weinte aber nicht …

„Wir reden ein andermal darüber.“ Er vermied es, Kira anzusehen, wechselte eilig das Thema.

Natürlich hatte seine Tochter sofort Lunte gerochen. „Was für ein Vorschlag?“, fragte sie im Auto, als sie nach Cuxhaven zurückfuhren.

„Ist ja noch nicht spruchreif“, versuchte er auszuweichen. Kira sah ihn streng an. „Also gut. Meine Eltern möchten, dass ich wieder hierherziehe. Sie würden mir das Geld überlassen, das der Hausverkauf eingebracht hat, damit ich mir eine Wohnung kaufen kann.“

„Ach. Und wann wolltest du mir das beichten?“, ätzte Kira.

„Ich wollte abwarten, ob das mit dem Verkauf klappt, und wie ich das hier so finde. Falls ich den Umzug ernsthaft erwogen hätte, hätte ich sofort mit dir gesprochen.“

„Aha“, machte Kira vorwurfsvoll. „Und ich soll dann wohl die Ferien immer bei dir verbringen?“

„Wäre eine Möglichkeit. Andere Leute geben viel Geld aus, um an der Nordsee Urlaub zu machen.“

Sie biss die Zähne zusammen, sagte aber nichts mehr. Immerhin! Er hatte mit Wutausbrüchen und Tränen gerechnet. Da war ihr eisiges Schweigen halb so schlimm.

„Darf ich noch ein bisschen zu Emy in den Stall?“, fragte Kira, als sie am Hotel ankamen.

Er sah auf die Uhr. Es war jetzt 17 Uhr. „Gut, aber in spätestens zwei Stunden bist du zurück.“

„Wieso schon in zwei Stunden? Wir waren doch den ganzen Tag zusammen“, maulte Kira.

Julian sah gen Himmel. Das Wetter machte ihm Sorgen. Er wusste, was dieser düstere Streifen am Horizont bedeutete. „Wir kriegen Sturm. Ich will, dass du rechtzeitig wieder hier bist.“

Er sollte recht behalten. Als Kira im Hotel ankam, knallte sie sich auf Julians Bett und rieb ihre klammen Hände aneinander. „So ein Mistwetter! Und hier willst du in Zukunft wohnen?“ Sie schlug Blicke zur Decke. „Na ja, jedem sein Himmelreich. Mir soll’s recht sein. Auch dass ich meine Ferien hier verbringe. Aber im Winter darf ich eine Woche zum Skifahren!“

Julian nickte. „Wenn deine Mutter damit einverstanden ist …“

„Und im Sommer darf ich meine Freundin Maxi mitbringen. Sagen wir für zwei Wochen?“

„Geht klar.“ Julian war erleichtert. Gleich morgen würde er seine Eltern anrufen, um ihnen seinen Entschluss mitzuteilen. Sie waren beide über 80, er ihr einziges Kind.

Julian und Kira gingen zum Essen in ein Fischlokal. Auf dem Rückweg mussten sie sich aneinander festhalten, so stürmte es. „Boah!“, schrie Kira. Sie lachte und legte sich in den Wind. „Wie’s wohl jetzt am Strand aussieht?“

„Möchte ich gar nicht wissen!“, schrie Julian zurück.

Als sie die Hoteltür hinter sich geschlossen hatten, rieben sie sich kichernd die kalten Nasen. Da klingelte Julians Handy. Es war Nele. „Kannst du bitte kommen? Meine Markise hat sich gelöst. Mir fliegt hier alles um die Ohren!“

„Natürlich, ich bin gleich da.“ Er legte auf und erklärte Kira, was passiert war. „Ich muss Nele helfen. Du bleibst hier, klar?“

„Klar“,murmelte Kira irgendwie enttäuscht und ging zur Treppe.

Als Julian bei Nele ankam, hing sie halb über dem Balkongitter und klammerte sich verzweifelt an ihrer Markise fest. Mit schnellem Blick machte er sich ein Bild von der Situation. Die Schrauben hatten sich rausgedreht. Drei entdeckte er auf dem Boden, eine war verschwunden. Kurz überlegte er, die Markise nicht wieder an-, sondern abzuschrauben. Doch der Sturm würde sie ihnen vermutlich aus den Händen reißen, und sie würde wie ein Geschoss im Nachbarhaus landen.

„Wir müssen sie befestigen!“, schrie er gegen den Wind an.

Nele nickte. „Eine Werkzeugkiste und einen Schraubendreher findest du im rechten Wandschrank in der Küche, dort steht auch eine Klappleiter! Aber mach schnell, ich kann sie nicht mehr halten!“

Er fand das Gerät, die Leiter und auch eine lange Schraube, stellte die Leiter auf, kletterte hinauf und presste sich gegen die Markise. „Ich halte jetzt, du schraubst!“

„Nein, schraub du, meine Hände sind die reinsten Eisklotze!“

Er drehte die Schrauben rein. „Vorerst ist die Markise gesichert“, rief er. „Aber lang hält das nicht.“

„Zieh dir das nasse Zeug aus!“, forderte Nele Julian auf

Im Wohnzimmer rieb sich Nele zitternd die Hände. Julian suchte im Werkezugkasten nach einer Möglichkeit, die Markise zusätzlich zu befestigen und fand einen Flachverbinder. Den würde er über der Verankerung anbringen.

Als er zehn Minuten später ins Zimmer zurückkam, hörte er Nele im Bad duschen. Durch die offene Tür sagte er:„Die Markise müsste bis morgen halten. Dann sollten wir sie aber abnehmen. Der Balken muss verstärkt werden, damit das nicht noch einmal passiert.“

„Ist doch immer gut, einen Ingenieur im Haus zu haben!“, antwortete sie im gewohnten, von Ironie durchtränkten Tonfall. „Zieh dir das nasse Zeug aus, ich tu’s in den Trockner. Einen Bademantel hab ich dir auf die Couch gelegt. Und nimm auch eine heiße Dusche.“

Julian atmete tief durch. Nele flirtete mit ihm. Sie küsste ihn, wenn auch immer nur flüchtig. Und jetzt sollte er sich auch noch ausziehen …! Er war schließlich ein Mann und nicht aus Holz! Und er war drauf und dran, sich wieder in sie zu verlieben. Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er in den Bademantel schlüpfte, den offenbar ihr Exmann hier vergessen hatte.

Plötzlich stand sie vor ihm. Sie hatte sich ein Handtuch um die nassen Haare geschlungen und trug ebenfalls einen Bademantel. „Ich könnte uns Glühwein machen.“ Fragend sah sie ihn an.

„Glühwein klingt verlockend.“ Er vermied es, dorthin zu sehen, wo ihr Bademantel etwas aufsprang. Sie schien es zu bemerken, denn sie lächelte. „Ein Badetuch habe ich dir aufs Waschbecken gelegt.“ Damit ging sie in die Küche.

Es blieb nicht bei einem Glühwein, sie tranken jeder drei Gläser davon. Er schmeckte köstlich und wärmte von innen, und ihr Lachen wurde immer unbekümmerter.

Nele legte ‚Purple Rain‘ von Prince auf. „Weißt du noch?“

„Ja, klar. Haben wir damals doch rauf und runter gehört.“

„Und auf Peters Geburtstagsparty hast du mich fortwährend angestarrt, hattest aber wohl nicht den Mut, mit mir zu tanzen.“

„Heute wäre das anders“, antwortete Julian lächelnd.

„Worauf wartest du dann noch?“ Nele zog ihn aus dem Sessel und schlang ihre Arme um seinen Nacken. Sie bewegten sich im Rhythmus und sangen mit. Als Julian plötzlich Neles Lippen auf seinen spürte, war ihm nicht mehr nur vom Glühwein heiß. „Am besten, du bleibst heute Nacht hier“, flüsterte sie. „Du hast ohnehin zu viel getrunken, um noch Auto zu fahren. Außerdem wäre das bei dem Sturm viel zu gefährlich.“

„Gefährlich ist es auch, wenn ich hierbleibe …“ Er küsste zurück.

Morgens hatte sich der Sturm gelegt. Die Luft war klar. Und nur abgebrochene Äste und anderes herumliegendes Zeug erinnerten noch an den Spuk. Nach dem gemeinsamen Frühstück inspizierte Julian die Markise. „Soll ich sie noch abschrauben?“, fragte er.

Nele schüttelte den Kopf. „Ich lass das vom Hausmeisterservice reparieren. Fahr du ins Hotel, bestimmt wartet Kira auf dich.“

Er hatte bereits gestern Abend und heute früh versucht, Kira anzurufen, aber ihr Handy war aus. „Sehen wir uns später?“, fragte er Nele, dabei zog er sie an sich.

„Ich muss im Stall nach dem Rechten sehen und die Pferde bewegen. Ich ruf dich an.“ Sie schob ihn lächelnd von sich. „Jetzt ab mit dir zu deinem Töchterlein!“ Sie griff nach ihrem Handy und verschwand damit in der Küche.

Als er die Wohnungstür öffnete, standen ein Mann und ein kleiner Junge davor. Der Mann hielt einen Schlüssel in der Hand, offenbar wollte er gerade die Tür aufsperren. Erstaunt sahen sich die drei an.

„Warst du bei meiner Mutti?“, fragte der etwa Siebenjährige.

„Ich – ja, also, ich habe die Markise repariert. Der Sturm hatte sie abgerissen.“ Julian räusperte sich.

„Soso, der Sturm.“ Die Augen des Mannes verengten sich, sein Blick war messerscharf. „So früh am Morgen konnte meine Frau einen Handwerker erreichen?“

„Notdienst“, sagte Julian.

Der Mann stieß die Tür auf und schob das Kind in die Wohnung. „Wie gut, dass ich früher zurückgekommen bin.“ Seine Stimme hatte einen drohenden Unterton, die Tür klappte hinter ihm zu.

Ein Mann für eine Nacht? – das wollte Julian nicht sein!

Vom Auto aus warf Julian einen Blick nach oben zu Neles Balkon. Er sah, wie der Mann aus der Wohnung trat, um die Markise zu begutachten. Nele folgte ihm. Den heftigen Gesten nach zu urteilen schienen sie Streit zu haben.

In Julians Kopf ratterte es. Benahm sich so ein geschiedener Mann? Und warum hatte er einen Schlüssel zur Wohnung? Jetzt war ihm klar, dass sie ihn nur benutzt hatte. Eine Nacht mit ihm, während ihr Mann mit dem Jungen bei den Großeltern war. Ein One-Night- Stand, auf den er sich nie eingelassen hätte, hätte er gewusst …

Im Hotel klopfte er an Kiras Tür. Als er keine Antwort bekam, drückte er die Klinke runter. Die Tür sprang auf, von Kira keine Spur. Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte ihre Nummer. Immer noch war es ausgeschaltet.

Das Pochen seines Herzens wurde lauter. Wenn sie das Hotel verlassen hatte … bei diesem Sturm! Nicht auszudenken. Er fragte am Empfang, ob dort jemand etwas über ihren Verbleib wusste.

„Ihre Tochter hat gestern Abend etwa eine Viertelstunde nach Ihnen das Hotel verlassen, danach haben wir sie nicht mehr gesehen.“

„Und wohin sie gehen wollte, hat sie nicht gesagt?“

Die Hotelbesitzerin schüttelte den Kopf. „Sie hat sich mehr oder weniger rausgeschlichen.“

Julian bedankte sich, trat vors Hotel und dachte nach. Sie war vermutlich bei dieser neuen Freundin. Doch er hatte keine Ahnung, wo die wohnte. Er fuhr zum Stall, in der Hoffnung, die Mädchen dort zu finden. Doch weder von ihr noch von Emy war etwas zu sehen.

Eine Frau mistete die Boxen aus. „Können Sie mir sagen, wo Emy wohnt?“, fragte er sie.

Die Frau musterte ihn misstrauisch von oben bis unten. „Wozu wollen Sie das wissen?“

„Wahrscheinlich ist meine Tochter bei ihr. Ich musss sie finden …“

Plötzlich hörte er Neles Stimme hinter sich. „Suchst du etwa mich?“

Er fuhr herum. Stirnrunzelnd sah sie ihn an, der kleine Junge von vorhin stand neben ihr. „Nein, ich suche Kira. Sie ist verschwunden.“

Das Lächeln verschwand aus Neles Gesicht, stattdessen zog sie nachdenkliche Stirnfalten. Doch dann lächelte sie wieder. „Na, vermutlich hat sie gedacht: Vater aus dem Haus, da lassen wir die Mäuse tanzen! Sie wird bei Emy sein.“

„Die ganze Nacht? Aber sie konnte doch nicht ahnen, dass ich bei dir …“ Mit Blick auf die fremde Frau verstummte er.

„Du meinst, dass du nicht ins Hotel zurückkommst? Und jetzt machst du dir Sorgen?“

„Würdest du dir vielleicht auch machen, wenn es um deinen Sohn ginge!“ In seinen Augen funkelten Angst und ohnmächtige Wut.

„Komm mit.“ Sie nahm ihn am Ellenbogen und schob ihn aus dem Stall. „Ich bring dich zu Emy, wir nehmen meinen Wagen.“

Sie ließ ihren Sohn auf den Kindersitz klettern und die Tür zuklappen. Dann sah sie Julian forschend an. „Was ist los mit dir?“

„Na, Kira ist verschwunden!“

„Klar. Aber das ist es nicht. Kann es sein, dass du Micha getroffen hast, als du gegangen bist?“ „Ist Micha dein Mann? Ja!“

„Mein Exmann“, verbesserte sie. „Und jetzt lass mich raten: Er hat den Eindruck hinterlassen, dass wir noch immer verheiratet sind?“

„Seid ihr das nicht?“

„Nein, sind wir nicht. Ich habe mich von ihm scheiden lassen, weil ich seine Eifersucht und seine Besitzansprüche nicht mehr ertragen konnte. Und wenn ein Mann morgens aus meiner Wohnung kommt, dann ist das für ihn wie das rote Tuch für den Stier.“ Sie schüttelte den Kopf. „Er brachte Hannes zwei Tage früher zurück als verabredet. Mein Sohn hatte Sehnsucht nach mir und wollte nach Hause. Hätte ich das gewusst, hätte ich dir das Zusammentreffen mit ihm erspart.“ Sie ging ums Auto zur Fahrertür. Bevor sie einstieg, sah sie Julian fest an. „Ich weiß noch nicht, ob ich dir dieses Misstrauen verzeihen kann. Von eifersüchtigen Männern habe ich nämlich endgültig genug. Und jetzt fahren wir zu Emy!“

Nicht nur Kira hatte in der Sturmnacht zu viel getrunken …

Sie mussten Sturm klingeln, ehe ihnen geöffnet wurde. Emy sah erschreckend verkatert aus. Als sie Kiras Vater erkannte, erstarrte sie.

„Ist Kira bei dir?“, fragte Julian. „Ja. Aber die schläft noch.“

„Und deine Eltern sind nicht da?“, fragte Nele. „Da schätze ich mal, ihr habt Party gemacht!“

Jetzt erschien Kira hinter Nele. Um Verzeihung heischend sah sie ihren Vater an. „Tut mir leid. Ich wollte doch nur eine Stunde bei Emy bleiben. Aber der Sturm …“

„Und dann habt ihr euch offenbar noch einen hinter die Binde gekippt?“, fuhr Julian sie an.

Kira griff sich an den Mund. „Mir ist schlecht!“ Mit einer Kehrtwende verschwand sie in der Wohnung und ins Bad. Man konnte hörte, wie sie sich übergab.

„Richte ihr aus, wir warten im Wagen, und sie soll sich beeilen“, wandte Nele sich an Emy, dann zog sie Julian mit sich fort.

„Ich sollte ihr den Hintern versohlen!“, schimpfte er.

„Sie hat ihre Strafe schon. Der heutige Tag und vermutlich auch die kommende Nacht sind ihr gehörig verdorben. Wenn ich mich an meinen ersten Kater erinnere …“

Nele lachte. „Danach habe ich lange Zeit die Finger vom Alkohol gelassen. Mehr als ein-, zwei Gläser Wein trinke ich bis heute nicht.“

„Außer gestern“, erinnerte er sie an die drei Gläser Glühwein.

„Gestern war eine Ausnahme. Ich wollte dich dazu bringen, so viel zu trinken, dass du nicht mehr ins Hotel fahren kannst.“ Sie grinste. „Ist mir ja auch gelungen.“

Julian riss die Augen auf. „Das war also böse Absicht?“ Empört stützte er die Hände in die Seiten. „Ich bin eben ein böses Weib!“ Er nickte mehrmals bekräftigend und grinste. „Und“, fragte er dann, „wie hast du dich entschieden? Wirst du mir verzeihen?“

Sie legte den Kopf schief und dachte nach. „Nur, wenn du mich hier auf der Stelle ausgiebig küsst! Strafe muss schließlich sein …“

Nächste Woche lesen Sie den großen abgeschlossenen

LADY-KRIMI