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„Sturmwikinger“ Gerhold


SCHIFF Classic - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 10.02.2020
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Bildquelle: SCHIFF Classic, Ausgabe 2/2020

NICHT TAUCHFÄHIG: Einmanntorpedo „Neger“ (abgeleitet von dem Namen des Konstrukteurs, Marinebaurat Richard Mohr) bei der Vorbereitung auf den Einsatz


Die ab Sommer 1944 eingesetzten Kleinkampfmittel der Kriegsmarine – ob Sturmboote, Mini-U-Boote oder bemannte Torpedos – fügten nur noch Nadelstiche ohne strategischen Nutzen zu. Aber ihr Propagandawert war hoch, wie der Einsatzerfolg des Schreiberobergefreiten Walther Gerhold exemplarisch zeigt


Opferkämpfer im Zeichen der Niederlage

NICHT TAUCHFÄHIG: Einmanntorpedo „Neger“ (abgeleitet von dem Namen des Konstrukteurs, Marinebaurat Richard Mohr) bei der ...

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... Vorbereitung auf den Einsatz


Am Abend des 5. Juli 1944 ließ man am Strand von Trouville in der Normandie in unmittelbarer Nähe der Invasionsfront 26 Einmanntorpedos vom Typ „Neger“ zu Wasser. Den Apparat mit der Nummer 9 steuerte der 23-jährige Walther Gerhold. Er war Angehöriger der Kleinkampfmittel- Flottille 361, und seine Waffe waren zwei übereinander angeordnete, elektrisch angetriebene G7e-Torpedos, wobei der untergehängte mit einer Sprengladung bestückt war. Gerhold saß im oberen Torpedo in einem winzigen Cockpit unter einer Plexiglashaube. Ausgestattet mit Atemgerät und Arm- bandkompass, fuhr er mit seinem Fahrzeug Richtung Westen auf den Gegner zu.

Die Einsatzbedingungen in dieser sternenklaren und mondhellen Nacht waren günstig. Allerdings waren die See grob und die Strömung stark, sodass ununterbrochen Wellen gegen Gerholds Sichtkuppel schlugen. Durch seine Körperwärme lief sie von innen an, sodass er, um sehen und beobachten zu können, sie fast ohne Unterbrechung mit einem Tuch abwischen musste. Der Einmanntorpedofahrer war Kommandant, Navigator und Maschinist in einer Person. Der Erfolg hing von seinem Können und seinen Fähigkeiten ab. Zu Beginn hatte der Flottillenchef als Losung ausgegeben „Die Rückkehr steht hinter dem Erfolg!“, aber die Einsätze dieser Männer waren natürlich Himmelfahrtskommandos, ihr persönliches Risiko war hoch, der strategische Wert ging gegen null.

Auftrag: versenken!

Gerhold fuhr mit einem klaren Auftrag. Erkundigungen bei einem Artilleriebeobachtungsstand hatten ergeben, dass sich vor der Ornemündung eine größere Ansammlung feindlicher Kriegsschiffe befand, von denen uner eines versenken oder zumindest außer Gefecht setzen sollte, um die deutschen Stellungen vor feindlichem Beschuss zu bewahren.

MÖGLICHST NAH HERAN: Da der Fahrer auf Sicht anvisieren musste, war der Treffer nur auf geringe Entfernung zum Ziel möglich


AM 30. NOVEMBER 1944 GESTIFTET: Das „Bewährungs- und Kampfabzeichen“ der Kleinkampfmittel war eines der wenigen Abzeichen ohne Hakenkreuz


VERMUTETES OPFER: Die am 20. November 1943 vom Stapel gelaufene, ursprünglich amerikanische, dann britische Fregatte HMS Trollope


Gerholds Navigation war denkbar einfach. Der hell leuchtende Nordstern und ein Mondkompass waren die einzigen Hilfsmittel, die ihm zur Verfügung standen, um den Kurs zu errechnen. Alle 15 Minuten kontrollierte er seine Luftzufuhr und überprüfte die verschiedenen Manometer. Der Luftzufuhrschlauch lag um seinen Hals, die entweichende Luft, das Brummen des Motors und das ständige Klatschen des Wassers gegen die Plexiglashaube waren die einzigen Geräusche, die er hörte.

Am Feind

Kurz vor halb drei Uhr sichtete er an seiner Backbordseite ein Fahrzeug, von dem er anfangs nur den Gefechtsmast und einen Teil der Brücke erkennen konnte: einen Zerstörer, hinter dem noch fünf weitere vor Anker lagen. Der Einmanntorpedo passierte die Kriegsschiffe in einem Abstand von wenigen Hundert Metern. Gerhold verwarf den Gedanken, einen der Zerstörer anzugreifen, da er diese lediglich als Sicherung eines größeren

Kriegsschiffes hielt.

Plötzlich erschien an seiner Steuerbordseite, Richtung offene See, ein Zerstörer mit Zickzackkurs, der direkt auf ihn zuhielt. Um zu entkommen, steuerte der Obergefreite hart Backbord. Plötzlich bemerkte er vor sich sieben oder acht große Handelsschiffe. Er nahm direkten Kurs auf die Dampfer, in deren Gesellschaft er dem Einwirken der Zerstörer entzogen war. Die Frachter schienen alle ohne Ladung zu sein, da sie hoch im Wasser lagen. Durch diesen Pulk schlängelte er sich schnellstmöglich hindurch, und hinter dem letzten Dampfer tauchten an Backbord etwa 25 bis 30 Landungsboote oder Korvetten auf, was Gerhold nicht exakt bestimmen konnte, da er nur knapp 25 Zentimeter über der Wasseroberfläche Sicht hatte.

Um 2:51 Uhr stoppte er den Motor und trieb auf ein 600 bis 700 Meter entfernt liegendes größeres Ziel zu, das er für einen Kreuzer hielt. Mit einem Bleistiftstummel skizzierte er den Schattenriss des Schiffes auf der Rückseite seiner Vorhaltetabelle. Der Mond spendete ausreichend Licht, sodass er das lange Vorschiff, die Brücke, die Aufbauten und je zwei Geschütztürme vorn und achtern ausmachen konnte.

War jetzt der günstigste Augenblick für den Angriff? Gerhold überlegte. In der Einsatzbesprechung hatte er den Befehl erhalten, wegen vorherrschenden Stillwassers nur zwischen 5 und 6 Uhr zu feuern. Doch die Furcht, zuvor entdeckt zu werden, ließ ihn zu einem anderen Entschluss gelangen. Konzentriert fuhr Gerhold mit dem Trägertorpedo näher an das Kriegsschiff heran, und kurz nach 3 Uhr schoss er aus etwa 450 Meter Entfernung seinen Gefechtstorpedo ab. Dabei zielte er über die Markierung in der Sichtkuppel und der Zielstange auf den Bug des vermuteten Kreuzers. Er hielt die Strömung für so stark, dass sein Torpedo genau die Schiffsmitte treffen musste.

Abwehr auf den Fersen

40 Sekunden nach dem Abschuss zerriss eine Detonation die Nacht. Aus dem achteren Drittel des Kriegsschiffes schoss eine kirchturmhohe Stichflamme. Gerholds Trägertorpedo wurde ruckartig aus dem Wasser gerissen und hochgeschleudert. Dann war eine zweite, schwächere Detonation zu hören. Gelb und weiß qualmend, schien das offenbar in zwei Teile zerbrochene Wrack zu sinken. Dann erwachte die feindliche Abwehr zum Leben. Zunächst suchten Scheinwerfer den Himmel und die See ab, dann folgten rote und gelbe Leuchtspurgranaten mit zielloser Richtung. Korvetten fuhren hin und her und ein Zerstörer näherte sich dem un tergehenden Schiff, um Überlebende zu bergen. Gerhold nahm Fahrt auf und steuerte an den Zerstörern vorbei.

GEFEIERTER HELD: Die Propaganda stilisier te den Ritterkreuzträger Gerhold zum „Sturmwikinger“, der seine Wirkung auf die Marine-Hitler- Jugend nicht verfehlte


WIEDER ZURÜCK: Obergefreiter Walther Gerhold wird nach seinem erfolgreichen Einsatz mit dem Trägertorpedo an Land gehievt


Nerven behalten

Stur fuhr Gerhold an den Zerstörern vorbei, die im Begriff waren Fahrt aufzunehmen. In der Ferne sah er mehrere Detonationen. Etliche Handelsschiffe erhielten schwere Treffer, ein Geleitzerstörer wurde beschädigt. Drei Zerstörer verfolgten den Obergefreiten und warfen dicht hinter ihm Wasserbomben, bis zwei abdrehten. Der dritte stoppte und horchte. Um sich nicht durch seine Schraubengeräusche zu verraten, hielt Gerhold ebenfalls an. Nach einigen Minuten nahm der Gegner wieder Fahrt auf. Gerhold sah die Bugwelle auf sich zukommen und fuhr ebenfalls weiter. Nach etwa 200 Metern stoppte der Zerstörer erneut.

Gerhold schaltete den Motor seines Trägertorpedos aus, sodass in einer Entfernung von 150 Metern beide Einheiten nebeneinander durch die Nacht trieben, die grell erleuchtet wurde, als der Zerstörer mit seinen Scheinwerfern die See absuchte. Gerhold machte sich in seiner Kuppel so klein wie möglich und trieb durch die Strömung langsam, aber stetig auf das Kriegsschiff zu, das mit Leuchtspurmunition die Wasseroberfläche bestrich. Doch der Einmanntorpedo war so nah an dem Zerstörer, dass ihn die Geschosse nicht trafen.

Glücklich zurück

Nach einigen endlos erscheinenden Augenblicken stellte der Gegner das Feuer ein und lief ab. Mit Höchstfahrt fuhr Gerhold Richtung Osten, erreichte gegen Mittag bei Honfleur die Küste und wurde von Wehrmachtsoldaten aus seinem Träger befreit. Von den 26 eingesetzten Einmanntorpedos kehrten nur 13 zurück. Am 6. Juli erhielt Gerhold für die Versenkung der Trollope das Ritterkreuz, die Propaganda des untergehenden „Dritten Reiches“ stilisierte seinen Erfolg zu einer schlachtentscheidenden Tat und Großadmiral Karl Dönitz empfing den Helden, der Glück hatte, den Krieg zu überleben.

LITERATURTIPP

Rahn, Werner: Winkelriede, Opferkämpfer oder Sturmwikinger? Zu besonderen Einsatzformen der deutschen Kriegsmarine 1944/45. In: Deutsche Marinen im Wandel. Vom Symbol nationaler Einheit zum Instrument internationaler Sicherheit. Hrsg.im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von Werner Rahn, München 2005


Foto: SZ-Photo/Scherl

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