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STUTTGART IST DIE DEUTSCHE TINDER-HAUPTSTADT – DATING-EVENTS BOOMEN TROTZDEM: Marmor, Stein und Eisen


LIFT - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 30.11.2019
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Bildquelle: LIFT, Ausgabe 12/2019

Beim Socialmatch werden spielerisch Kontakte geknüpft


Das Abchecken der anderen beginnt in der Anmeldeschlange. In den Gesichtern liest man Neugierde, Anspannung – und auch Erleichterung. Die Singles, die sich an diesem Abend für das XXL-Speeddating imPalm Beach in Bad Canstatt angemeldet haben, sehen nicht aus, als wäre das hier ihre letzte Chance
Von den elf Frauen und elf Männern zwischen 21 und 35, die jeweils an einer Seite der langen Tische Platz nehmen, wirkt niemand verzweifelt. Schnell ergeben sich die ersten Gespräche, man lacht und trinkt, es könnte ein ganz normaler Abend unter Freunden sein. ...

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Das Abchecken der anderen beginnt in der Anmeldeschlange. In den Gesichtern liest man Neugierde, Anspannung – und auch Erleichterung. Die Singles, die sich an diesem Abend für das XXL-Speeddating imPalm Beach in Bad Canstatt angemeldet haben, sehen nicht aus, als wäre das hier ihre letzte Chance
Von den elf Frauen und elf Männern zwischen 21 und 35, die jeweils an einer Seite der langen Tische Platz nehmen, wirkt niemand verzweifelt. Schnell ergeben sich die ersten Gespräche, man lacht und trinkt, es könnte ein ganz normaler Abend unter Freunden sein. Dann fällt der Startschuss: Fünf Minuten haben die Singles Zeit, um einander kennenzulernen, dann rutschen die Männer einen Platz auf und es beginnt wieder von vorn.
Damit einem bei elf durchgetakteten Dates nicht der Gesprächsstoff ausgeht, bekommt man einen Block mit Einstiegsfragen zur Hilfe. Zum Beispiel: Wo hätte ich dich heute Abend treffen können, wenn nicht hier?Welche Sache in deinem Leben möchtest du unbedingt noch machen?
Gebraucht werden die Fragen an diesem Abend kaum, die Gespräche an allen Tischen wirken lebhaft und ungezwungen. Ein potenzielles Pärchen ist so in dieUnterhaltung vertieft, dass es sogar die Pause verpasst.
Speeddating in Zeiten von Tinder – eigentlich müsste das ja ein Anachronismus sein. Schließlich ist die weltweit populärste Dating- App ausgerechnet in Stuttgart ganz vorn: In keiner anderen deutschen Großstadt wird so oft nach rechts „geswipt“ und damit Interesse signalisiert, nirgends sind die Chancen auf ein „Match“ also höher.
Der Bedarf, Menschen in realen Situationenkennenzulernen, scheint dennoch nicht kleiner geworden zu sein. Trotz Tinder und Co. werden im Kessel immer öfter Events speziell für Singles veranstaltet. Die Zielgruppe ist groß: In den letzten 15 Jahren stieg in Stuttgart die Anzahl der Einpersonenhaushalte von rund 140 Tausend auf 169 Tausend an, mittlerweile bilden sie mit 52 Prozent sogar die Mehrheit aller Haushalte.
Ob beim Speeddating im Palm Beach jemand vielleicht die große Liebe gefunden hat, wird sich erst am nächsten Tag herausstellen – dann wird per Mail abgefragt, wen man aus der Runde wieder sehen will. Nur bei einemMatch werden die Kontaktdaten herausgegeben.

Bei Tinder sind die meisten auf Sex aus

„Ich möchte die Männer lieber im echten Leben kennenlernen“, sagt eine 32-Jährige, die auf ihrem Fragebogen zumindest ein Ja notiert hat. Seit es Tinder gibt, werdeman als Fraukaum noch angesprochen. Die 33-jährige Stuttgarterin Anna würde gerne zwei ihrer elf Kurzdates wiedersehen: „Bei Tinder sind 90 Prozent der Männer nur auf Sex aus, hier hatte ichdas Gefühl, dass alle etwas Ernstes suchen“, sagt sie und berichtet von zähen Tinder-Dates, bei denen man aus Höflichkeit trotzdem für zwei Drinks bleibt. Ausdauernd muss man offenbar aber auch beim Speeddating sein: Der 38- jährigeMartin aus Reutlingen hat bereits acht solcher Events hinter sich und ist immer noch nicht fündig geworden. „Ich bin zu wählerisch“, sagt er von sich aus und bestätigt das nur wenige Minuten später. Über eine Frau, von der er weiß, dass sie ihn mit einem Ja bedacht hat, sagt er: „Sie war nett, aber optisch nicht mein Fall.“ Seine letzten Freundinnen seien Models gewesen – „und wer einmal Porsche gefahren ist, will danach keinen Golf mehr fahren“.

Is it a Match? Das Speeddating im Fernsehturm beginnt im Fahrstuhl


Die Frustration vieler Teilnehmer über das Online- und App-Dating kann der Diplompsychologe Oliviero Lombardi, der in seiner Praxis in Botnang auch Paartherapien anbietet, gut nachvollziehen: „Bei Tinder finden Menschen praktisch nur optimierte Profile vor. So sehen sie sich genötigt, auch ihre eigenen Profile nach entsprechend oberflächlichen Kriterien zu pimpen“, erklärt Lombardi. Viele Profile seiennegativ formuliert, indem sie bestimmte Eigenschaften oder Merkmale ausschlössen.
Zudem hält Lombardi den Algorithmus, dem man die Personenvorschläge verdankt, für aus psychologischer Sicht falsch: „Dabei geht es vor allem um gemeinsame Interessen. Ich habe da starke Zweifel, weil Ähnlichkeiten nur selten zu tragfähigen Beziehungen führen.“ Eher seien das Unterschiede und das aneinander Wachsen. „Verlieben funktioniert nur über die Sinne, etwa über Gerüche oder Blickkontakte“, so Lombardi.
Das ändert jedoch nichts daran, dass Dating-Apps die Art, wie wir einander kennenlernen, maßgeblich verändert haben. Am besten weiß man das vermutlich in der queeren Community, in der Apps wie etwa Grindr für Schwule bereits Jahre vor Tinder populär wurden: „Manche nennen Grindr ja das schwule Einwohnermeldeamt“, sagt Claudius Gädeke vom Stuttgarter Social Media-Kanal „Sissy that talk“.
Die App habe vieles einfacher gemacht: „Als Minderheit war es früher schwierig, sich zu finden – vor allem aufdemLand,woes keine Szeneclubs gibt.“ Der Siegeszug der Apps hat jedoch auch Schattenseiten. Weil dank ihnen der Bedarf an Szenetreffs gesunken sei, müssten viele Clubs und Bars schließen, so Gädeke. Dadurch dividiere sich auch dieCommunity auseinander: „Früher trafen sich mehrere Generationen von Schwulen, Lesben und Transgender aneinemOrt, heute sucht jeder bloß nach seinem Typ.“
Ob man per App jemanden kennenlernen kann, ist jedoch nicht nur eine Typ-, sondern auch eine Altersfrage. So sind zum Beispiel 85 Prozent der Tinder-Nutzer unter 34, die Hälfte sogar unter 24 Jahre alt.
Viele Single-Events richten sich deshalb gezielt an höhere Altersstufen – soauch das neue Dating- Format oben im Stuttgarter Fernsehturm, an dem bis April Single- Treffs für vier Altersgruppen ab 30 Jahren sowie Termine für Schwule und Lesben stattfinden.

Speeddating vor Kessel-Panorama

Ortsbesuch beim Abend für 40- 52-Jährige:Nach einem etwas angespannten 36-Sekunden-Speeddating im Fahrstuhl in die siebte Etage steht zunächst eine viertelstündige Einführung in die Geschichte des Fernsehturms an. Die Kulisse ist atemberaubend, ein perfekter Ort zum Verlieben. „Der Turm ist einer der romantischsten Orte der Stadt”, sagt Claudia Hamann vom SWR Media Service, der die Reihe veranstaltet. „Hier haben viele ihr erstes Date und etwa einmal im Monat kommt es zu einem Heiratsantrag.”
Das Konzept der Reihe hat Marion Otto mitentwickelt, die schon seit 15 Jahren Single-Events veranstaltet. „Dabei kann man den Teilnehmern in die Augen schauen und weiß direkt, ob derjenige es ernst meint“, sagt Otto. Tinder könne da nicht mithalten.
Nach der Einführung kommt es an Stehtischen zu wechselnden Fenster-Dates mit jeweils vier Personen pro Tisch – laut Otto eine ideale Anzahl, um zwanghafte Face-to-Face-Situationen zu vermeiden und in der Gruppe trotzdem nicht unterzugehen.
Spätestens hier tauen die Teilnehmer endgültig auf. Alle sechs Minuten wird der Tisch gewechselt, jeder scheint in ein Gespräch verwickelt zu sein, und falls nicht, helfen die betreuenden Experten aus. Zum lockeren Ausklang steht danach der Loungebereich bereit, die meisten aber begeben sich auf die Aussichtsplattform zwei Etagen höher – oftmals zu zweit.
Auch im Palm Beach in Bad Cannstatt findet regelmäßig ein Speeddating für die älteren Zielgruppen statt. Bei dem Termin für 40-56- Jährige herrscht eine ganz andere Stimmung als bei den Jungen, es ist ruhiger, konzentrierter.
Der Eindruck, dass sich hier zwei gefunden haben, drängt sich allerdings nicht auf. Trotzdem sagt Vitali Pelz vom Esslinger Dating- Anbieter Date York: „Wir haben meist 70-80 Prozent Matches.“
Das Feedback der Beteiligten ist insgesamt positiv: „In unserem Alter muss man niemanden mehr mit Gewalt kennenlernen“, sagt etwa der 53-jährige Thomas. „Die meisten haben bereits Kinder, stehen mitten im Leben. Das macht es entspannter.“ Eine andere Teilnehmerin hat an diesem Abend zwar niemanden gefunden, empfand ihn dafür aber als eine gute Übung: „Man lernt wieder, sich als Frau darzustellen und zu flirten“, so die 50-Jährige.

Der Botnanger Psychologe Lombardi empfiehlt Singles allerdings eher andere Formate, um jemanden kennenzulernen. „Speeddating ist kaum besser als Tinder. Auch dabei präsentiert man sich optimiert und oberflächlich“, sagt er. „Sinnvoller sind dagegen ungezwungenere Kennenlern-Angebote wie ,Neu in Stuttgart', daraus entstehen häufig Beziehungen.“

Brettspiele mit Körperkontakt

Interessant findet er auch das Konzept von Socialmatch – eine Art Brettspielabend unter Fremden mit „Tabu“- oder „Activity“- Charakter. „Bei Socialmatch geht es nicht zwingend darum, einen Partner zu finden, es richtet sich an alle, die neue Leute kennenlernen möchten“, erklärt Spielleiterin Mirjam. Das Konzept ist schnell erklärt: Zehn Teilnehmer einer Altersgruppe treffen sich in einer Bar, um sich mithilfe des eigens für diesen Zweck entwickelten Spiels kennenzulernen. Mal muss man sich den Fragen der Mitspieler stellen, mal eine Quiz- Frage beantworten, mal im Duo eine Szene vorspielen. Aber auch Körperkontakt sollte man nicht scheuen – es kann durchaus passieren, dass man dem Sitznachbarn mal den Nacken massieren muss.
Beim Spieleabend im Lichtblick im Stuttgarter Westen sind die vier anwesenden Frauen zum ersten Mal dabei. Eine Mitspielerin hatte mit Blind Dates und Tinder- Treffen keinen Erfolg und wollte das heute „einfach mal ausprobieren“.
Für die Männer ist es nicht das erste Socialmatch. „Manchmal versteht man sich als Gruppe richtig gut und trifft sich wieder”, erzählt einer von ihnen. Nach zwei Stunden ist das Spiel vorbei und die Teilnehmer haben die Möglichkeit, sich bei einem Drink auszutauschen. Die Stimmung ist gut –Nummernhat an diesemAbend jedoch keiner ausgetauscht.
Aber nach dem Date ist bekanntlich vor dem Date: Manche Formate finden sogar wöchentlich statt. Nur Swipen geht öfter–besonders in Stuttgart.

Frank Rudkoffsky, Tanja Kuzmenko