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Subversive Affirmation


Theater der Zeit - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 01.01.2020

Julian Hetzels Performances provozieren in Zeiten zunehmender Vereindeutigung spannungsreiche Ambivalenzen


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Bildquelle: Theater der Zeit, Ausgabe 1/2020

Foto Lilian Van Rooij

Der rote Punkt des Laserpointers wandert über die Wände eines weißen Raums – auf der hektischen Suche nach zwei Menschen, die sich in diesem White Cube fluchtartig bewegen. Und boingboing- boing-boing zerplatzen in hoher Frequenz mit Farbe gefüllte Geschosse auf ihren Körpern. Abgefeuert von einer ferngesteuerten „Waffe“, einem Roboter mit Kameraauge, der bis zu zehn Farbbälle pro Sekunde abschießen kann. Die beiden Performer Bas van Rijnsoever und Claudio Ritfeld werfen sich ...

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... schutzsuchend hinter Gegenstände, die in minutenlangen Salven beballert werden. Das Aufprallgeräusch der kleinen Kapseln klingt hart und lässt den Schmerz erahnen, den die beiden hier unbedingt vermeiden wollen. Die Schützin am Auslöser des Geräts ist eine der Zuschauerinnen und Zuschauer, die zu Julian Hetzels Inszenierung „The Automated Sniper“ gekommen sind. Immer wieder werden an diesem Abend Freiwillige gesucht und gefunden, die an einem Ort hinter der Bühne mit einem Joystick vor einem Monitor sitzen und auf die Performer schießen – ganz im Sog eines für sie medialen Ego-Shooter-Spiels gefangen, nur dass sie hier live eine Waffe auf reale Menschen richten.

Es ist eine für den Regisseur und Künstler Julian Hetzel typische Inszenierungssituation, in der er die Zuschauer sehr konkret mit den Widersprüchen ihres Handelns konfrontiert und zugleich die Stellung der Kunst in einem politischen und ökonomischen Kontext beleuchtet. Die Provokation kommt hier humorvoll verspielt daher, entfaltet sukzessive die moralischen Abgründe, verbleibt aber ohne direkte Hinweise, was wir darüber denken sollen. „The Automated Sniper“ (Frascati Amsterdam, 2017) zielt auf eine Auseinandersetzung mit der Gamification von Gewalt ab, die sich hier als Kunstaktion darstellt, und schürt bewusst die Assoziation zu den Drohnenkriegen des neuen Jahrtausends, die den Feind zu einer Ansammlung von Pixeln auf einem Monitor reduzieren. Hetzel macht die Zuschauer nicht nur zu Zeugen dieser Gewalt, sondern macht sie auch zu potenziellen Tätern. Wie in einem Milgram- Experiment werden die Schützen langsam an ihre Aufgabe herangeführt, dürfen probeweise auf die Wände schießen, dann auf Gegenstände, dann auf Menschen. Die Eskalation folgt einer Reihe von Ansagen, Empfehlungen, Ermunterungen, schließlich Befehlen aus dem Off, Schritt für Schritt, in einer freundlich-perfiden Handlungslogik. Wir erleben, wie schnell Menschen manipuliert und korrumpiert werden können, wie die Spielanordnung beziehungsweise Theatervereinbarung Gewalt zu einem abstrakten und künstlerischen Vorgang macht, bei dem scheinbar jede Ethik aussetzt. Das restliche Publikum wird so im Kontext von Kunst zum lachenden Gewaltkonsumenten, während die Performer mit blauen Flecken nach Hause gehen.

Dass das Setting für die Inszenierung ein Galerieraum ist, kommt nicht von ungefähr. Julian Hetzel, an der Bauhaus-Universität in Weimar ausgebildeter Visual Artist, stellt Kunst, die sich als Artivism moralisch aufstellt und politisch engagiert, unter den Generalverdacht, mit der Wahl ihrer doku-fiktionalen Sujets das Leid und den Tod anderer auch ökonomisch auszubeuten. Man verdiene damit ja auch Geld. Nicht zuletzt mit unseren empathischen Reaktionen darauf. Von diesem Verdacht nimmt er sich selber nicht aus und versucht, die Mechanismen des Kunstbetriebs, diese Kapitalisierung und auch Ästhetisierung von Leid, in seinen doku-fiktionalen Arbeiten transparent zu machen. Wie schwierig das ist, da er seine Kritik ebenfalls in Form von Kunst präsentiert und davon profitiert (damit immer Teil des Problems bleibt), zeigten vereinzelte Reaktionen beim Impulse-Festival 2019 auf seine Arbeit „All inclusive“ (Campo Gent, 2018). Hetzels künstlerische Strategie der subversiven Affirmation, die Widersprüche und Konflikte unangenehm humorvoll bejaht und ästhetisch souverän bespielt, aber kurz vor der Eindeutigkeit einer Satire haltmacht, ist für einige schwer lesbar.

In „All inclusive“ stellt Hetzel die ästhetische Dimension von Bildern, die der Krieg produziert, sowie die Verwertung von Kriegsgräueln im Kunstbetrieb in bewusster Zuspitzung aus. In einem Ausstellungsraum werden einer Besuchergruppe aus Geflüchteten, die für jede Vorstellung gecastet wird, von einer Kuratorin Kunstwerke gezeigt: zum Beispiel nachgestellte ikonische Kriegsfotografien oder von Hetzel aus Syrien organisierte Kriegstrümmer, die hier nun zu Kunst erklärt werden. Folgerichtig wird am Ende auch die Erschießung der Kuratorin, deren Blut dabei auf eine Leinwand spritzt, zum Action Painting erklärt. In der Diskussion nach der Aufführung wurde Hetzel unterstellt, die Geflüchteten für einen makabren Spaß zu missbrauchen. Dass er durch die Anwesenheit der Leidtragenden auf der Bühne genau diese Leid-Rezeption der westeuropäischen Zuschauer in kritische Feedback-Schleifen führen will, schien ein Zuviel an Komplexität und Ambivalenz. Andererseits zeigen die wiederholten Einladungen von Hetzels Arbeiten durch internationale Festivals, dass sie inhaltlich und ästhetisch einen Nerv treffen.

„Ich finde die Doppeldeutigkeit meiner Arbeiten wichtig. Die Frage ‚Wo stehst du denn jetzt eigentlich?‘ sollte offengehalten werden. Die Zuschauer müssen ihre Antworten selber finden. Ich bin kein Aktivist. Auch kein Sozialarbeiter. Ich bin Künstler. Die Prämisse für Kunst kann ja nicht sein, sich als Dienstleistung für etwas oder für den Staat zu verstehen. Dadurch darf man die künstlerische Freiheit der Arbeiten nicht korrumpieren. Ich habe im Vergleich zu früher jetzt auch mehr Lust, den Wahnsinn zuzulassen, die dunkleren Seiten zu beleuchten. Gerade in dieser Zeit, die so ungerecht, zerstörerisch und krank ist, muss man vielleicht auch mit einer künstlerischen Sprache agieren, die genauso unfair, krank und kaputt ist – um Dinge zu sagen, die sich jenseits dessen befinden, was wir zu denken bereit sind.“

Diese Uneindeutigkeit hat auch Hetzels frühere Arbeiten geprägt, die noch abstrakter und formaler waren, aber genauso explizit den Neoliberalismus („mein Lieblingsgegner“) und die fragwürdige Wertschöpfung und Verstrickung der Kunst darin angriffen. Mit „Schuldfabrik“ (Steirischer Herbst Graz, 2016) installierte er bisher in zehn verschiedenen Städten einen edlen Pop-up-Shop für eine Seife mit dem Namen „Self“, die aus menschlichem Fett hergestellt wird, das wohlstandsdeformierten Körpern abgesaugt wurde. Wie bei den Kriegstrümmern aus Syrien greift auch hier die Idee des Upcyclings: Schuld, die als Seife in einen ökonomischen Kreislauf eingespeist wird, den man als modernen Ablasshandel bezeichnen kann. Die Schuldgefühle werden zu Geld gemacht, man wäscht sich rein. Obwohl die Käufer in den Hinterzimmern den künstlerisch subversiven Produktionsprozess der Seife vorgeführt bekamen, wurde die inhärente Kritik oft nicht verstanden. Man kaufte sich eine schicke Kunst-Seife, das Stück zwanzig Euro, gespendet an ein Brunnenbauprojekt in Afrika.

Selbst Entwicklungshilfe wie diese hat Julian Hetzel schon als Kunst deklariert, als er sein Projektbudget der Kunsthochschule DasArts in Amsterdam, wo er bis 2013 Performing Arts studierte, in Höhe von 2000 Euro an ein Mädchen in Afrika spendete, täglich einen Euro. Diese Performance „The Benefactor“ (2011) lief somit fast über fünfeinhalb Jahre. Als Matthias Lilienthal im Rahmen von „X Firmen“ bei Theater der Welt in Mannheim ihm ebenfalls 2000 Euro Produktionsbudget gab, heuerte Hetzel für das Geld auf dem Mannheimer Arbeiterstrich zwei Tagelöhner zum Mindestlohn an, damit sie tagelang mit weißer Farbe einen Strich auf das Pflaster malen und mit einer Reinigungsmaschine zugleich wieder entfernen – im Zirkelschluss. „Arbeiterstrich“ (2014) brachte den Geldkreislauf als nichtsinnstiftenden Leerlauf wohl so ziemlich auf den Punkt. Hetzels grundsätzliches Interesse an der Ökonomie in und hinter den Dingen findet sich auch in seinen poetischeren Arbeiten. Wie in „Still – die Ökonomie des Wartens“ (2014), das er für das SPRING Performing Arts Festival in Utrecht produzierte, wo er heute auch lebt und arbeitet. In 13 labyrinthisch verbundenen Containern waren unterschiedlichste Zuständlichkeiten, Räume und Formen des Wartens zu durchlaufen. Diese Installation reiht sich ein in Arbeiten eher bildnerischer Kunst, die als emotionale soziale Plastiken funktionieren, in denen Hetzel Zustände wie Angst („Obstacle – Sculpting Fear“, 2015) oder selbst das Nichts („I’m Not Here Says the Void“, 2014) als skulpturale Bildstörungen in den öffentlichen Raum setzte: irritierende, wie Leichen in der Stadt verstreute menschliche Körper oder anthropomorphe Gestalten aus schwarzer Folie – uneindeutig, interpretationsoffen. Seine bildstarke, sehr klare Formensprache arbeitet mit einer Großflächigkeit und räumlichen Leere, in der Objekte, Menschen, Vorgänge ein Bild besetzen oder komponieren, das viele, so Hetzel, für zu glatt hielten für den Inhalt, den es transportiere. Ein Widerspruch, den wiederum er aushalten muss.

Während die Vereindeutigung der Welt heute rapide voranschreitet und Ambivalenzen in einem Entweder-oder erstickt, sind Julian Hetzels politisch nicht korrekte Performances als Aufforderung zum Selbstdenken jedenfalls mehr als zu begrüßen. Er hält uns den Zerrspiegel vor, in dem wir unsere verquere Gegenwart lesen können.

Der Regisseur, bildende Künstler und Musiker Julian Hetzel (*1981) studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität in Weimar und anschließend Performing Arts an der Kunsthochschule DasArts in Amsterdam. Von 2014 bis 2016 war Hetzel Artist in Residence des SPRING Festivals Utrecht. 2017 erhielt er den VSCDMimeprijs für seine Produktion „The Automated Sniper“. Seit 2018 ist er assoziierter Künstler am Campo Gent. Mit seinen Arbeiten tourt er durch ganz Europa und darüber hinaus. Zuletzt waren „The Automated Sniper“, „All inclusive“ und „Self“ u. a. beim Adelaide Festival, bei der Prager Quadriennale, der Biennale in Venedig, bei Spielart München und beim Impulse Theater Festival zu sehen. Julian Hetzel lebt und arbeitet in Utrecht / Niederlande.