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Suche auf Santorin


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 15.07.2022

1. KAPITEL MITTELMEER

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 8/2022

Atlantisch oder nicht? Wandmalerei mit Schiffen, gefunden in Thera (heute Santorin), 16. Jahrhundert v. Chr.

Es ist wohl die größte Naturkatastrophe der Bronzezeit. Etwa 1600 v. Chr. erwacht der Vulkan auf der Mittelmeerinsel Thera. Die Erde bebt, graue, schweflige Schwaden steigen aus dem Krater auf, Asche und Bimsstein fallen auf Felder und Siedlungen. Thera liegt in der Ägäis, zwischen dem heutigen Griechenland und der Türkei – genau dort, wo zwei Kontinentalplatten aufeinandertreffen. Die Bewohner sind Erdbeben gewöhnt, doch als der Vulkan immer mehr Asche ausspuckt, packen sie Schmuck und Werkzeuge zusammen, flüchten zum Hafen und rudern in Booten aufs Meer hinaus.

Sie entgehen dem sicheren Tod. Meerwasser sickert durch Risse in den Vulkan und verdampft. Durch den Wasserdampf steigt der Druck in der Magmakammer immer weiter an.

Bis der Vulkan explodiert. Die Kraft der Explosion ist so gewaltig, dass sie einen 300 Meter tiefen Krater in die Mitte der Insel sprengt.

Die Rauchsäule ...

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... schießt 30 Kilometer hoch in die Atmosphäre, schleudert Asche, Geröll und Bimsstein in die Höhe. Von der runden Insel Thera bleibt nur eine Sichel zurück.

Tief in der Vulkanerde liegen Hinweise auf das einstige Geschehen verborgen

Die sogenannte minoische Eruption gehört zu den stärksten Vulkanausbrüchen in der Erdgeschichte, die Forscher dokumentiert haben.

Die Explosion zerstört nicht nur die Insel Thera – wahrscheinlich hat sie so weitreichende Folgen, dass im Mittelmeer eine ganze Hochkultur verschwindet: die Kultur der Minoer. Manche Forscher erkennen Parallelen zu Platons Atlantis. Könnte der Vulkanausbruch auf Thera die Grundlage für den Mythos sein? Was die Vulkanasche über Jahrtausende begraben hielt, gibt Hinweise auf das, was im östlichen Mittelmeer wirklich passiert ist.

Thera ist vor dem Vulkanausbruch ein wohlhabendes Handelszentrum. Eine Bucht am Vulkan bietet geschützte Ankerplätze für Segelschiffe. Mehrere Städte und Bauernhöfe liegen auf der Insel verteilt, die phosphorhaltige Vulkanasche früherer Eruptionen macht den Boden fruchtbar. Das Zentrum der Insel ist die Stadt Akrotiri, ihre Straßen sind gepflastert und die Gebäude bis zu vier Stockwerke hoch. Reiche Bürger lassen die Wände ihrer Häuser mit Fresken bemalen. Die Malereien sind Meisterwerke der Bronzezeit. Sie zeigen nicht nur Krieg und religiöse Rituale, sondern vor allem das mediterrane Lebensgefühl von Thera: Holzschiffe, die übers Meer segeln, umgeben von Delfinen, die aus dem Wasser springen. Auf anderen Fresken sieht man Jungen im Lendenschurz, die gegeneinander boxen, einen Fischer, der seinen Fang an einer Schnur hält, oder eine Frau, die Krokusse und Safran pflückt.

Thera gehört damals zur minoischen Kultur – der frühesten Hochkultur Europas. Sie hat ihr Zentrum auf Kreta, 110 Kilometer von Thera entfernt. Benannt ist die Kultur nach König Minos, einer mythologischen Figur. Er soll von einem prächtigen Palast in Knossos an der Nordküste Kretas aus geherrscht haben. Griechische Städte wie Athen zahlen Tribut an das mächtige Kreta. Die Minoer entwickeln eine Hieroglyphenschrift, das sogenannte Linear A, das bis heute kaum entschlüsselt ist, aber später die griechische Schrift beeinflusst. Gebraucht wird es wohl vor allem für Buchhaltung und Handelsverträge. Denn die Handelsflotte der Minoer durchsegelt in der Bronzezeit das östliche Mittelmeer, verbindet Kreta mit Griechenland, Ägypten und der Levante.

Der Nil fließt an einer Hauswand, und blaue Affen springen von Baum zu Baum

Die Vulkaninsel Thera ist dafür perfekt gelegen. Die gleichzeitige Nähe zu Kreta, Griechenland und der türkischen Küste macht sie zu einem wichtigen Umschlagplatz für minoische Schiffe. Der Kontakt mit anderen Regionen bringt nicht nur neues Wissen auf die Insel, sondern auch exotische Einflüsse. Eine Hausbesitzerin auf Thera lässt damals den Nil an ihre Wand malen, umgeben von Palmen und Gänsen. In einem anderen Haus zeigen die Fresken blaue Affen, die von Baum zu Baum springen.

Eine solche Affenart lebt damals in Nubien, im Norden des heutigen Sudan. Die ägyptischen Pharaonen schickten die Affen wohl als Geschenke an minoische Könige.

Als dann auf Thera der Vulkan ausbricht, hat das katastrophale Folgen für das gesamte östliche Mittelmeer. Die Explosion löst wohl einen Tsunami aus. Bis zu neun Meter hohe Wellen überfluten die kretische Küste, zerstören Städte und minoische Handelsschiffe. Noch verheerender aber ist die Aschewolke, die über das Mittelmeer zieht und den Himmel verdunkelt. Asche und Hagel vernichten die Ernten auf Kreta. Die dicke Aerosol-Schicht in der Atmosphäre blockiert Sonnenlicht und sorgt so dafür, dass sich das Klima für einige Jahre weltweit abkühlt. Wahrscheinlich folgen auch Hungersnöte, viele Inselbewohner aus Kreta migrieren nach Nordafrika.

Schon seit dem 19. Jahrhundert diskutieren Wissenschaftler, ob der Vulkanausbruch zum Untergang der minoischen Zivilisation geführt hat – und manche sehen eine Verbindung zum Mythos von Atlantis. Die Insel Thera könnte sogar das Vorbild für das versunkene Inselreich sein. Dazu passt Platons Bericht, nach dem es auf Atlantis heiße Quellen gegeben habe. Die Gebäude waren aus rotem, schwarzem und weißem Stein gebaut, typische Farben für Vulkangestein. Aber Thera ist eine kleine Insel, nicht ansatzweise so groß wie Atlantis es gewesen sein soll. In der Bronzezeit ist sie zudem wohl eine Kolonie Kretas und kein eigenes Imperium.

Eine andere verbreitete These vermutet daher eine Verwechslung: Laut Platon hat ein ägyptischer Priester den Griechen von Atlantis erzählt. Die Ägypter müssen die Auswirkungen der Vulkaneruption spüren, sie sehen, wie sich der Himmel verdunkelt. Das Klima kühlt sich ab. Möglicherweise erreichen sie Geschichten von einer minoischen Insel, die im Meer verschwunden ist. Als wegen des Tsunamis keine Handelsschiffe mehr aus Kreta kommen, nehmen sie an, dass Kreta und damit das Imperium der Minoer selbst im Meer verschwunden sei.

Hier ließ sich gut wohnen

Das Modell belegt den hohen Lebensstandard in der späten Bronzezeit auf Thera. Die Ausgrabungsstätte heißt Akrotiri nach einem nahen heutigen Dorf

»Viel Spielraum für spekulativinterpretative Ansätze«

Harald Haarmann über Platons Atlantisüberlieferung

Noch heute halten Forscher es für möglich, dass man sich in Ägypten lange vom Vulkanausbruch und dem Untergang der minoischen Zivilisation erzählt hat. Daraus entstanden über die Jahrhunderte vielleicht nicht nur der Atlantis-Mythos, sondern auch Geschichten, die sich in der Bibel wiederfinden. So wird im 2. Buch Mose von zehn Plagen erzählt, während derer sich der Himmel verdunkelt und Hagel die Ernten zerstört. Auch erwähnt das Buch eine Rauch- und Feuersäule, die die Hebräer bei ihrem Auszug aus Ägypten am Horizont sehen.

Kreta und Thera liegen im Mittelmeer, das spricht gegen die Atlantis-Vermutung

Auch Platon mag alte Versionen dieser Mythen gekannt haben, als er über Atlantis schrieb. Doch viele seiner Beschreibungen treffen weder auf Kreta noch auf Thera zu. Beide Inseln liegen im östlichen Mittelmeer, nicht an der Meerenge von Gibraltar. Auch sei Atlantis von großen Kanälen umgeben gewesen und habe eine bedeutende Streitmacht gehabt. Die Macht der Minoer war wohl aber eine kommerzielle.

Umstritten ist auch, wie sehr der Vulkanausbruch auf Thera wirklich dazu beigetragen hat, die minoische Kultur zu zerstören. Untersuchungen haben ergeben, dass der Vulkan etwa 1628 v. Chr. ausgebrochen ist (Verfechter der Spätdatierung sagen: um 1525 v. Chr.). Keramikfunde auf Kreta zeigen aber, dass die minoische Kultur mindestens 150 Jahre lang weiter auf Kreta bestand. Platons Erzählung von einem Reich, das in einem einzigen Tag und einer Nacht im Meer verschwindet, passt kaum dazu.

Die sichelförmige Insel Thera kennt man heute als das Urlaubsparadies Santorin, das zu Griechenland gehört. Touristen fotografieren die weiß-blauen Häuser an der Steilküste, Ausflugsschiffe fahren auf die Caldera hinaus, den mit Meerwasser gefüllten Krater, wo einst der Vulkan explodierte. Besucher können auf Santorin auch die Überreste der minoischen Kultur sehen. Denn der Vulkanausbruch, der große Teile der Insel zerstört hat, sorgte gleichzeitig dafür, dass viele Spuren der Minoer erhalten geblieben sind. Archäologen finden in bis zu zwanzig Metern Tiefe im Vulkangestein immer neue Gebäude, Keramiken und Wandmalereien aus der Zeit der Minoer. Die Asche hat die Überreste ähnlich wie im römischen Pompeji über Jahrtausende konserviert.

Die Funde haben bestätigt, dass der Vulkanausbruch auf Thera eine hochentwickelte Zivilisation begraben hat. Auch wenn Atlantis-Fans wohl weiter graben und tauchen müssen, um ihr mythisches Inselreich zu finden.

LESETIPP

Harald Haarmann: »Von Thera nach Atlantis.

Die Geschichte hinter dem mythischen Inselreich«.

Marix 2022, € 28,–