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SUDANS ERWACHEN


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 28.01.2022

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 2/2022

VORIGE SEITE

Ahmed Ibrahim Alkhair (l., mit der ersten Flagge des unabhängigen Sudans) und Awab Osman Aliabdo (mit der heutigen Flagge) blicken vom Jebel Barkal.

Die sudanesische Revolution von 2019 hatte den islamistischen Diktator gestürzt und Hoffnungen auf eine demokratische Regierung geschürt. Seit dem Militärputsch im Herbst 2021 schwankt das Land zwischen der Möglichkeit des Friedens und der Gefahr erneuter Gewalt.

ES WAR EIN MONTAGMORGEN ENDE OKTOBER 2021, ALS DIE JÜNGSTE REVOLUTION IM SUDAN BRÖCKELTE.

Die National Geographic Society setzt sich dafür ein, die Wunder unserer Welt zu beleuchten und zu schützen. Sie unterstützt die Arbeit der Forscherin und Fotografin Nichole Sobecki in Afrika.

Nur zweieinhalb Jahre zuvor, im April 2019, war die 30-jährige islamistische Diktatur des Omar al-Baschir gestürzt worden. Der zivil-militärische Souveränitätsrat des Landes war dabei, das Erbe des ...

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... angeklagten Kriegsverbrechers sowie 30 finstere Jahre der Unterdrückung, des Völkermords, der internationalen Sanktionen und der Abspaltung des Südsudans zu überwinden.

Doch um die Mittagszeit des 25. Oktober 2021, nur wenige Wochen vor dem geplanten Übergang zur zivilen Kontrolle, nahm das Schicksal des Landes eine neue Wendung. Der Vorsitzende des Souveränitätsrates, Generalleutnant Abdel Fattah al-Burhan, löste die Regierung auf und stellte den zivilen Premierminister unter Hausarrest. Der General sprach von einem Ausnahmezustand. Die sudanesische Bevölkerung aber erkannte den Staatsstreich. Hunderttausende demonstrierten in der Hauptstadt Khartum und in weiteren Gebieten.

Wie es sich für einen Regimewechsel im 21. Jahrhundert gehört, spielte sich alles in Echtzeit in den sozialen Medien ab. Ich verfolgte die Geschehnisse gebannt von meinem Laptop aus, eine halbe Welt entfernt. Ich hatte schon vor Staatsstreich und Revolution über die Arbeit von Stipendiaten der National Geographic Society berichtet, die im Norden des Sudans archäologische Stätten ausgruben. Meine erste Reportagereise fand in den paranoiden letzten Monaten der Herrschaft al-Baschirs statt, einer Zeit, die von Lebensmittel- und Benzinknappheit, eingeschränktem Internetzugang und einer Vielzahl von Militärkontrollpunkten geprägt war. Unser Expeditionsteam hatte im Geheimen eine Fluchtroute zur ägyptischen Grenze geplant, für den Fall, dass der Sudan im Chaos versinken würde.

Während des Sturzes der al-Baschir-Regierung im Frühjahr 2019 machten auf Twitter und Facebook bemerkenswerte Bilder die Runde: Ein Meer von jungen Männern und Frauen versammelte sich in friedlichem Widerstand gegen das Regime und forderte eine andere Welt für ihre Generation. Eine Szene wurde in der Reihe von Handyfotos und Videoclips endlos geteilt: Eine junge Frau in traditioneller weißer sudanesischer Kleidung stand auf einem Auto, deutete mit dem Finger in den Himmel und skandierte mit der Menge: „Mein Großvater ist Taharqa, meine Großmutter ist eine Kandake!“

Ich war verblüfft. Es handelte sich nicht um Unterstützung einer politischen Gruppierung oder sozialen Bewegung. Die Demonstranten erklärten sich vielmehr zu Nachkommen des alten kuschitischen Königs Taharqa sowie der kuschitischen Königinnen und Königinmütter, deren wichtigster Titel „Kandake“ war. Diese königlichen Ahnen standen an der Spitze eines mächtigen Reiches, das einst vom Gebiet des heutigen Nordsudans aus regierte und sich von Khartum bis zum Mittelmeer erstreckte.

Das Reich von Kusch – auch Nubien genannt – wird meist nur als Fußnote in Büchern über die altägyptische Geschichte erwähnt. Selbst im Sudan unter dem Regime al-Baschirs lernten Schüler nicht viel über Kusch. Wie konnte das Erbe eines antiken Königreichs, das nicht einmal unter Archäologen, geschweige denn unter Durchschnittssudanesen besonders bekannt war, plötzlich zur Kampfparole auf den Straßen Khartums werden?

Als ich im Januar 2020 in den Sudan zurückkehrte, fühlte sich die postrevolutionäre Hauptstadt an wie neu belebt. In Khartum, wo noch ein Jahr zuvor Frauen in Hosen Gefahr liefen, öffentlich ausgepeitscht zu werden, tanzten junge Sudanesen auf Musikfestivals und bevölkerten die Cafés. Auf den Straßen und in den Unterführungen der Stadt prangten Porträts moderner Märtyrer – einige der schätzungsweise 250 Demonstranten, die während und seit der Revolution getötet wurden – sowie Wandgemälde alter kuschitischer Könige und Götter.

Die einzigartige Lage des Sudans an der Schnittstelle zwischen Afrika und dem Nahen Osten sowie am Zusammenfluss dreier großer Nil-Zuflüsse hatte nicht nur in der Antike Begehrlichkeiten geweckt. In der Neuzeit fiel es unter osmanisch-ägyptische, dann unter britisch-ägyptische Herrschaft. 1956 erlangte die Republik Sudan die Unabhängigkeit. Heute umfasst die Bevölkerung mehr als 500 ethnische Gruppen, die über 400 Sprachen sprechen. Die Bevölkerung ist unglaublich jung – rund 40 Prozent der Sudanesen sind unter 15 Jahre alt.

DIE GESCHICHTE KUSCHS WURDE VON DEN ALTEN ÄGYPTERN AUSGELÖSCHT, VON DEN EUROPÄERN ÜBERSEHEN ODER IGNORIERT.

Das drittgrößte Land Afrikas stellt zugleich die drittgrößte arabische Nation der Welt dar. Seit der Unabhängigkeit wird der Sudan von einer arabischsprachigen politischen Elite regiert.

Vor der Revolution von 2019 war es für die islamistische Regierung al-Baschirs opportun, das Reich Kusch nicht als afrikanisches Phänomen darzustellen, sondern als Erbe seines mächtigen modernen Verbündeten Ägypten und damit als ein Kapitel im Geschichtsbuch des Nahen Ostens. Kuschitische Stätten wie Jebel Barkal und die Pyramiden von al-Kurru vermarktete man als exotische Abstecher für westliche Touristen, die die Ruinen von Abu Simbel, gleich hinter der Grenze zu Ägypten, besuchten.

EEINST S TELLTE der Jebel Barkal das spirituelle Zentrum des kuschitischen Königreichs dar. Der Tafelberg ragt am Westufer des Nils in der Nähe von Karima etwa 30 Stockwerke hoch über die Sahara, rund 350 Kilometer nördlich von Khartum. Vor etwa 2700 Jahren ließ König Taharqa seinen Namen, mit Gold überzogen, auf diesem heiligen Berg anbringen – eine selbstbewusste Botschaft an seine Feinde. Heutige Besteiger finden nur noch Spuren von Taharqas Inschrift. Am Fuße des Berges liegen die Ruinen des Amun-Tempels, der ursprünglich von Ägyptern erbaut wurde, die Kusch im 16. Jahrhundert v. Chr. kolonisierten. Im Laufe der fünf Jahrhunderte, in denen Ägypten Kusch kontrollierte, wurde der Amun-Tempel von den berühmten Pharaonen des Neuen Reiches – Echnaton, Tutanchamun, Ramses der Große – renoviert. Assimilation war das Gebot der Stunde. Die kuschitischen Eliten wurden in ägyptischen Schulen und Tempeln ausgebildet.

Doch die Überreste des Amun-Tempels, die heutige Besucher sehen, stammen aus der Zeit nach dem Zusammenbruch des Neuen Reiches und dem Rückzug der ägyptischen Macht in Kusch. Im 8. Jahrhundert v. Chr. war der Jebel Barkal zum Zentrum der kuschitischen Hauptstadt Napata geworden. Von hier aus drehte eine Reihe lokaler Herrscher den Spieß gegen ihre früheren Kolonisatoren um.

Pije, der Vater König Taharqas, bestieg 750 v. Chr. den Thron. Er marschierte nach Norden in das geschwächte Ägypten und eroberte Tempel und Städte, bis er ganz Ober- und Unterägypten beherrschte. Mit einem Gebiet, das sich vom heutigen Khartum bis zum Mittelmeer erstreckte, war Kusch für kurze Zeit das größte Reich, das die Region kontrollierte. Für etwas mehr als ein Jahrhundert bildeten seine Könige Pije, Schabaka, Schabataka, Taharqa und Tanotamun die 25. ägyptische Dynastie, die man auch als die „Schwarzen Pharaonen“ bezeichnet.

Nach dem Sieg über Ägypten kehrte Pije in die Hauptstadt zurück, um den Amun-Tempel auszubauen und mit Szenen der kuschitischen Eroberung zu schmücken. Heute liegen die Darstellungen kuschitischer Wagenlenker, die ägyptische Truppen niederringen, etwa viereinhalb Meter unter dem Sand. Sie wurden in den Achtzigerjahren von Archäologen ausgegraben und dokumentiert. Da man sie für zu fragil hielt, um sie dauerhaft der Witterung auszusetzen, wurden sie größtenteils wieder vergraben.

Warum haben so wenige Menschen von Kusch gehört? Die frühesten historischen Berichte über die Kuschiten stammen von den Ägyptern. Die versuchten, die demütigende Eroberung aus ihren Annalen zu tilgen und die Kuschiten lediglich als eine von vielen lästigen Gruppen darzustellen, die die Grenzen unsicher machten.

Diese Erzählung wurde von den ersten europäischen Archäologen, die im 19. Jahrhundert in den Sudan kamen, nicht hinterfragt. Sie stöberten in verfallenen kuschitischen Tempeln und Pyramiden herum und erklärten die Funde zu bloßen Imitationen ägyptischer Monumente.

Der Rassismus der meisten westlichen Gelehrten verstärkte diese Sichtweise des afrikanischen Königreichs. „Die einheimische negroide Rasse hatte weder einen nennenswerten Handel noch eine nennenswerte Industrie entwickelt und verdankte ihre kulturelle Stellung den ägyptischen Einwanderern und der importierten ägyptischen Zivilisation“, schrieb George Reisner. Der Archäologe von der Harvard University führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen in den Königsgräbern und Tempeln von Kusch durch.

Der sudanesische Archäologe Sami Elamin hält Reisner für ebenso schlampig in seiner Methode wie fehlgeleitet in der Interpretation. Im Jahr 2014 durchsuchten Elamin und ein Archäologenteam einen großen Erdhügel an Reisners Ausgrabungsstätte am Fuße des Jebel Barkal. „Wir haben eine Menge Objekte gefunden“, sagt Elamin, „sogar kleine Götterstatuen.“

Als Elamin ein kleiner Junge war, nahm ihn sein Großvater mit nach al-Kurru und erklärte ihm, dass die Ruinen „die Gräber unserer Vorväter“ seien. Der Anblick inspirierte Elamin dazu, in Khartum Archäologie zu studieren und in Europa einen Hochschulabschluss zu erwerben. Seit mehreren Jahren führt er Ausgrabungen am Jebel Barkal sowie in weiteren Regionen durch. Derzeit sind Elamin und ein Team sudanesischer und amerikanischer Archäologen auf der Suche nach den Häusern und Werkstätten der alten Kuschiten.

Elamin stellt fest, dass immer mehr Einheimische den Jebel Barkal besuchen und durch die Ruinen wandern. „Sie stellen viele Fragen zu den Altertümern, der Geschichte und der Zivilisation“, sagt er. Mit seinen Kollegen ist er bestrebt, einer wissensdurstigen Generation dieses ferne Kapitel der Geschichte näherzubringen. Als sudanesische Archäologen hätten sie eine Verantwortung, sagt er, die Bürger zu vereinen, indem sie ihnen die Leistungen auch weit zurückliegender Generationen vor Augen führen.

DAS NATIONALMUSEUM des Sudans wurde kurz vor der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1956 erbaut und 15 Jahre später eingeweiht. Es ist ein höhlenartiger, schlecht beleuchteter Raum ohne Klimatisierung, die die Artefakte vor der unerbittlichen Hitze und dem Staub Khartums schützen würde. Die meisten Objekte sind in altmodischen Holzund Glasvitrinen mit vergilbten, maschinengeschriebenen Etiketten untergebracht.

Doch das Museum ist vollgestopft mit Schätzen. Eine überlebensgroße Granitstatue des Taharqa, breitschultrig und ausdruckslos, beherrscht den Eingang des Museums. Massive Statuen der kuschitischen Herrscher flankieren die Galerie im Erdgeschoss.

Versteckt um die Ecke von Taharqa befindet sich eines der berühmtesten Artefakte des Landes: ein bronzener Kopf von Cäsar Augustus. Er soll die Kriegstrophäe einer einäugigen kuschitischen Königin namens Amanirenas gewesen sein, die um 25 v. Chr. in Ägypten gegen die Römer kämpfte. Das zugehörige Etikett unterschlägt jedoch, dass es sich bei dem berühmten Artefakt um eine Kopie handelt. Das Original wurde kurz nach seiner Entdeckung im Jahr 1910 von den Kolonialmächten verschleppt und befindet sich heute im Britischen Museum.

RECHTS

Badeaa Osman Mustafa und ihre Enkelin Menna Abdulhamid besichtigen die Überreste eines ägyptischen Tempels im Sudanesischen Nationalmuseum in Khartum. Viele junge Menschen entdecken ihre Geschichte neu, während die Wissenschaft versucht, das Erbe von Kusch aus dem Schatten des alten Ägyptens zu befreien.

UNTEN

Anhänger des Sufismus, einer mystischen Ausrichtung des Islams, vollziehen am Grab von Scheich Hamed al-Nil in Omdurman das Dhikr. Der Sudan ist die Heimat einer der größten Sufi-Gemeinschaften der Welt. Ihre Führer haben großen Einfluss. Einige Sufi-Orden unterstützten den Volksaufstand, der zum Sturz von al-Baschir führte.

Vor dem Museum treffe ich Nazar Jahin. Er ist Reiseleiter und Mitglied von Artina („Unsere Kunst“), einer Studentengruppe, die sich während der Proteste 2019 zur Unterstützung der angeschlagenen Kultureinrichtungen des Sudans gebildet hatte. „Die letzte Regierung interessierte sich wirklich nicht für Geschichte“, sagt Jahin. Das Desinteresse lag zum Großteil an der strengen Auslegung des Islams durch die frühere Regierung. „Wir hatten einen Minister für Tourismus, der sagte, dass Statuen verboten seien“, erinnert sich Jahin kopfschüttelnd.

Doch es gäbe Lichtblicke am Horizont, meint er. Die italienische Botschaft und die Unesco sagten 2018 Mittel für die Renovierung des Museums zu. Seit der Revolution besuchen mehr Sudanesen das Museum und Stätten wie den Jebel Barkal und die alte Hauptstadt Meroe.

„Das ist sehr wichtig“, findet Jahin. „Die Sudanesen müssen erst mal ihre Geschichte kennen. Wenn sie ihre Geschichte kennen, können sie sie auch schützen.“

Ich stelle eine heikle Frage: Wie reagieren ethnische Gruppen, die in Gebieten leben, die nie Teil des kuschitischen Reiches waren – etwa Stämme aus den Nuba-Bergen oder Darfur –, auf die Idee, sich mit einer alten Geschichte zu identifizieren, die sie nicht als die ihre empfinden? Al-Baschirs Regime war berüchtigt dafür, ethnische und religiöse Unterschiede zu instrumentalisieren, um zu verhindern, dass sich das vielfältige Land gegen die arabisierte politische Elite in Khartum zusammenschloss. Jahin runzelt die Stirn. „Das ist eine gute Frage. Wir haben wirklich noch viel Arbeit vor uns.“

Wie viele junge Sudanesen lehnt auch Jahin die Vorstellung ab, dass „arabisch“ eine sudanesische Identität ist. „Ich glaube, dass unsere Wurzeln dieselben sind oder nahe beieinander liegen ... Im Allgemeinen sind wir Sudanesen. Das ist genug.“

DAS BILD der revolutionären Kandake, die in weißem Gewand unter den Demonstranten steht und ihren Finger in den Himmel reckt, während sie die kuschitischen Könige und Königinnen beschwört, wurde als Street Art in Khartum und auf der ganzen Welt verewigt. Als ich Alaa Salah während meiner zweiten Reise in den Sudan Anfang 2020 treffe, ist sie in einem burgunderroten Kopftuch und dunkler Kleidung nicht wiederzuerkennen.

Mit 23 Jahren wurde Salah zu einem Gesicht der sudanesischen Revolution. Diese Rolle machte aus der Ingenieurstudentin eine internationale Persönlichkeit, die man einlud, um vor dem UN-Sicherheitsrat über die Rolle der Frauen im neuen Sudan zu sprechen. Über einen Dolmetscher erzählt mir Salah, dass sie als Kind in der Schule nur wenig über die Geschichte des alten Kusch gelernt hätte und dass sie sich ihre Kenntnisse selbst erarbeiten musste. Ein paar Jahre zuvor war sie zu den sagenumwobenen Pyramiden von Meroe gereist. Was sie sah, überraschte sie: „Wir haben sehr viele Pyramiden, sogar mehr als Ägypten!“

RECHTS

Eine sudanesische Familie aus Karima besichtigt die nahe gelegenen Gräber von al-Kurru, wo im 8. Jahrhundert v. Chr. einige der frühesten kuschitischen Führer bestattet wurden.

UNTEN

Die Boxtrainerin Aya Khalid kämpft in ihrem Haus in Khartum spielerisch mit ihrer siebenjährigen Tochter Taliya Hashim. Die sudanesischen Frauen spielten in der Revolution von 2019 eine entscheidende Rolle. Viele befürchten, dass ihre Präsenz in künftigen Regierungen, ob zivil oder militärisch, auf ein Minimum redu - ziert wird.

Als die Demonstranten auf den Straßen von Khartum den Sprechgesang „Mein Großvater ist Taharqa, meine Großmutter ist eine Kandake“ anstimmten, erklärte Salah, hätten sie damit ihren Stolz auf den Mut und die Tapferkeit der alten Könige und Königinnen ausgedrückt. Es gab ihnen das Gefühl, selbst Teil dieser alten Zivilisation mit ihren starken Anführern zu sein. Vor allem galt das für die Frauen, die bei den Protesten eine zentrale Rolle spielten.

In den fast drei Jahren seit dem Sturz von al-Baschir wurde die Rolle der Frauen jedoch in den Hintergrund gedrängt. Dies war Salahs Hauptanliegen, als wir uns unterhielten: Sie will sicherstellen, dass sudanesische Frauen in jeder Übergangsregierung angemessen vertreten werden. Seit unserem Gespräch hat der Staatsstreich, der mit der drohenden Rückkehr zu einem repressiven Regime eher einer Konterrevolution gleicht, die Lage der sudanesischen Frauen noch gefährlicher gemacht.

AN MEINEM LETZTEN FREITAG in Khartum besuchte ich das Grab des Sufi-Scheichs Hamed al-Nil. Etwa 70 Prozent der Sudanesen betrachten sich als Anhänger des Sufismus, einer mystischen Ausrichtung des Islams. Die Sufi-Orden des Landes üben oft großen Einfluss auf die Innenpolitik aus. Sufis, die zum Armeehauptquartier marschierten, um sich den Protesten im Jahr 2019 anzuschließen, trugen zum Sturz des Regimes bei.

Jeden Freitag bei Sonnenuntergang versammelten sich Hunderte von Anhängern des Qadiriya-Ordens auf dem Friedhof, um das Dhikr zu verrichten, ein Ritual, das häufig Gesang und Tanz einschließt. Männer schlugen langsam und rhythmisch auf ihre Rahmentrommeln. Dann stieg das Tempo, der Tanz und die Gesänge begannen. La ilaha illa Allah – „Es gibt keinen Gott außer Gott“, wiederholte die Menge. Das Dhikr endete in einer jubelnden Entladung. Dann zerstreuten sich die Menschen. Einge flanierten über den Friedhof.

In einigen frischen Gräber lagen Demonstranten, die während der Revolution getötet wurden: Studenten, die auf der Straße verkündet hatten, dass sie Könige und Kandakes seien, Erben der komplexen Geschichte eines Landes, in dem sich einige der ältesten Reiche begegneten.

Wie zerbrechlich sich der neue Sudan anfühlte! Der Staatsstreich hatte noch mehr Unsicherheit in eine Nation und Generation getragen, die sich nach Demokratie und Stabilität sehnt.

Die meisten der prächtigen Paläste und Tempel von Kusch sind verschwunden, geplündert und vom Sand verschluckt. Doch bis heute wachen die Pyramiden der einstigen Könige und Königinnen in der Wüste. Auf den Friedhöfen der Städte liegen die Gräber von Scheichs und protestierenden Studenten. Sie überdauern, während Bürger, Politiker und Generäle um die Macht kämpfen, Regimes zusammenbrechen und wieder aufgebaut werden. Jedem, der zuhören will, sagen sie: Wir haben dafür gekämpft. Wir waren auch einmal hier. j

Kristin Romey ist Archäologie-Redakteurin bei NATIONAL GEOGRAPHIC. Die Fotografin Nichole Sobecki berichtete für die September-Ausgabe 2021 über den Gepardenhandel.