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Sündenbock Nightlife?


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.01.2022

TITEL

Artikelbild für den Artikel "Sündenbock Nightlife?" aus der Ausgabe 2/2022 von Siegessäule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Foto: Pasqual Schwarz, Pressesprecher des SO36

Seit Anfang Dezember letzten Jahres gilt in der Hauptstadt das Tanzverbot. Die Clubs dürfen zwar öffnen, aber keine „Tanzlustbarkeiten“ anbieten. Dass dieses Verbot für alle Läden, die keine bestuhlten Lesungen, Konzerte, Theaterabende oder Ausstellungen im Programm haben, einer erneuten Schließung gleichkam, muss sicher nicht mehr erwähnt werden. Nach der hoffnungsvollen Wiedereröffnung im Spätsommer fiel die Branche erneut ins Bodenlose – finanziell und psychisch. Doch ist dieses Verbot überhaupt gerechtfertigt? Oder werden „Hochkultur“ und Clubkultur von der Politik einfach unterschiedlich bewertet? Und wie geht es den Menschen, die im Nachtleben arbeiten und die auch in diesen dunklen Monaten versuchen, den Mut nicht zu verlieren? Jeff Mannes geht der Sache auf den Grund

Alle Fotos: Emmanuele Contini emmanuelecontini. com

Location: SchwuZ

Infos: schwuz.de so36.de clubcommission.de ...

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Die vierte Corona-Welle in zwei Jahren. Und wieder trifft es die Clubs und die Menschen, die im Nachtleben arbeiten, besonders hart. Die anhaltende Pandemie ist eine existenzielle Bedrohung für das weltweit berühmte Berliner Nachtleben, das so vielen LGBTIQ*s ein Zuhause, einen Rückzugsort und einen Raum zur Entfaltung bietet. Die Lage ist bedrohlich, und das, obwohl wir seit mehr als einem Jahr Impfstoffe zur Verfügung haben und viele dachten, damit wäre der Schrecken bald vorbei.

Doch warum brachten die Impfstoffe keinen Durchbruch in der Bekämpfung von Corona? Nun, zu viele Menschen ließen sich zu lange nicht impfen. Gründe dafür gibt es sicherlich viele. Die Impfskepsis wurde befeuert durch manipulative, oft politisch motivierte Desinformationskampagnen, die das Vertrauen in die Wissenschaft und die Impfstoffe unterwanderten und merklich unsere Demokratien geschwächt haben. Hinzu kam, wovor viele Wissenschaftler*innen bereits vor längerer Zeit gewarnt hatten: Wenn der Impfstoff nicht global gerecht verteilt wird, steigt das Risiko für resistente Mutationen. Während reiche Länder Ende des vergangenen Sommers im Durchschnitt bereits 150 Impfdosen pro 100 Einwohner*innen verabreicht hatten, waren es in afrikanischen Ländern südlich der Sahara durchschnittlich nur vier Impfdosen. Diese profitorientierte Weigerung, den Impfstoff global gerecht zu verteilen, ebnete womöglich den Weg zur Omikron-Variante.

Nun ist die vierte Welle da, die Clubs sind wieder geschlossen und die Branche kämpft weiterhin ums Überleben. „Die Perspektive fehlt”, erklärt Lutz Leichsenring, der Pressesprecher der Clubcommission. „Du denkst dauernd: Wir müssen jetzt nur noch diese Phase durchziehen und dann geht es besser! Nur noch bis zum Sommer. Nur noch bis alle geimpft sind. Und es wird und wird nicht besser.” Diese Situation belaste die Leute in der Branche auch psychisch sehr stark, berichtet Lutz. „Die Menschen haben nicht nur finanzielle Einbußen, sondern fragen sich auch: Wie geht es jetzt weiter? Will ich überhaupt noch in der Branche arbeiten? Habe ich hier eine Zukunft?“ Einige Clubs hätten nun auch Probleme mit Personalmangel. Viele Mitarbeiter*innen mussten sich bereits beruflich umorientieren: Weiterbildung in andere Richtungen, Studieren, Branchenwechsel aufgrund der anhaltenden Perspektivlosigkeit.

Im SchwuZ sind circa 80 Prozent der Mitarbeiter*innen geblieben, wie LCavaliero Mann, künstlerischer Leiter des Clubs, berichtet. „Aber als klar war, dass es eine neue Variante gibt, dass der Impfschutz nicht reicht, dass das Boostern zu spät angefangen hat, da dachte ich auch: Ich kann das nicht“, erklärt er resigniert. „Ich kann das nicht noch eine weitere Runde mitmachen! Ich renne mit dem Kopf gegen die Wand und schreie!“ Viele Leute, die mit dem oder im SchwuZ arbeiten, hätten sich während der Schließungsphase befristet andere Jobs gesucht. „Das muss man sich mal vorstellen: Viele haben letztes Jahr, als die Clubs wieder aufmachen durften, ihre Zwischenjobs gekündigt, in der festen Überzeugung, dass es nun wieder weitergehe.” Und dann mussten die Clubs doch wieder dichtmachen. „Das ist furchtbar. Und Menschen in Minijobs haben ja auch keinen Anspruch auf Kurzarbeit.“

Freelancer wie Tontechniker*innen, Künstler*innen, Veranstalter*innen und viele andere, die auf die nun wieder stornierten Aufträge angewiesen sind, seien sehr frustriert, erklärt Lutz Leichsenring. Und das vor allem durch das Hin und Her mit 2G-Öffnung der Clubs im Spätsommer und der dann folgenden erneuten Schließung bzw. dem Tanzverbot. „Plötzlich hieß es: 2G reicht doch nicht, wir sprechen jetzt Tanzverbote aus. Da fragen wir uns natürlich: Warum Tanzverbote, während Saunen, Fitnessstudios usw. ganz normal weiter aufmachen dürfen? Diese Ungleichbehandlung finden wir nicht ganz nachvollziehbar.”

Dem stimmt auch Pasqual Schwarz, Pressesprecher des SO36 zu: „Ich will da keine Konkurrenz herstellen. Ich freue mich natürlich, wenn Kinos, Theater, Saunen, Sportstudios etc. offen bleiben dürfen. Aber man bekommt schon den Eindruck, als liege der Fokus darauf, die sogenannte Hochkultur offen zu halten, während die Clubs wieder als Erstes geschlossen werden. Gerade für die queeren Communitys sind diese Orte aber essenziell.“ Einen ähnlichen Eindruck schildert auch Lutz. Den Clubs würde oft unterstellt, sie würden die Corona-Maßnahmen nicht richtig durchsetzen, erzählt er. „Es ist sehr frustrierend, wenn du als Gast merkst, dass du noch nie so detailliert wie an der Clubtür kontrolliert wurdest, aber dann am nächsten Tag irgendwo in den Medien liest, dass die Clubs nicht kontrollieren würden.”

Clubs als Superspreader?

Die Vorstellung von Clubs als Pandemietreibern hält sich hartnäckig. Auch hier hatte die Clubcommission bereits im vergangenen Jahr versucht gegenzusteuern: Im August hatte sie in Zusammenarbeit mit der Charité ein erfolgreiches Projekt durchgeführt, das zeigte, wie Clubs in der Pandemie potenziell geöffnet bleiben können. Sechs Clubs durften an einem Wochenende öffnen. Eine begrenzte Anzahl an Tickets wurde dafür an Personen verkauft und nur ausgegeben, wenn diese am Tag vor der Veranstaltung durch einen PCR-Test negativ auf das Coronavirus getestet wurden. Eine Woche später sollten sich alle wieder testen lassen. 70 Prozent der Teilnehmenden erschienen zum zweiten Test. Darunter gab es kein einziges positives Ergebnis. Diese 70 Prozent reichten laut Wissenschaftler*innen für eine Prognose zum Infektionsgeschehen aus, erläutert Lutz. „Denn wäre dieses Wochenende ein Superspreader-Event gewesen, dann hätte man dies auch anhand dieser 70 Prozent nachweisen können. Aber das war es nicht. Die Clubs waren keine Superspreader. Unsere Erkenntnis: Auch in pandemischen Zeiten können wir sicher Kultur veranstalten. Und durch Verhandlungen mit den Laboren sowie mit dem Fusion Festival, das sich ein eigenes Labor zugelegt hat, haben wir auch ausreichende finanzielle Kapazitäten für diese Tests. Denn durch die Masse an PCR-Tests entsteht ein günstigerer Preis von 15 Euro pro Test.”

PCR-Tests als Lösung?

Das sei durch „Pool-Testing“ möglich: Je nachdem wie hoch die Inzidenz liegt, werden die Abstriche in Pools von 10 bis 50 Abstrichen pro Pool getestet – statt einzeln. Das reduziere die Kosten enorm. Nur beim positiven Ergebnis eines Pools werden die einzelnen Abstriche noch einmal separat getestet. Trotzdem sind 15 Euro zusätzlich pro Clubbesuch für manche immer noch viel Geld. „Wir müssten in dem Fall wohl ein Kontingent an Social Tests für Menschen mit wenig Geld einführen, das über Spenden finanziert würde“, erklärt Lutz Leichsenring auf Nachfrage. „Das Modell wäre aber auch keine Dauerlösung, sondern nur eine Notlösung gewesen, besonders für die Wintermonate mit hohen Inzidenzen.“

„Wenn die Leute nicht mehr wissen, wie sich Safer Spaces anfühlen, dann befürchte ich, dass sie irgendwann Alltagsdiskriminierung für normal halten“

„Die Ergebnisse dieses PCR-getesteten Clubwochenendes scheinen aber wieder vergessen”, bedauert auch Pasqual Schwarz. Die erneute Schließung frustriert das SO36, das zu den Clubs gehörte, die an dem gemeinsamen Projekt mit der Charité im August teilgenommen hatten: „Im September haben wir alle Kräfte gebündelt, um von heute auf morgen den Laden wieder öffnen zu können“, berichtet Pasqual. „Wir haben dabei im Vorfeld natürlich intensiv überlegt, wie man in der Pandemie verantwortungsvoll Veranstaltungen durchführen kann, und etliche Hygienekonzepte entwickelt.“ Trotzdem sei es auch immer eine Abwägung gewesen: „Man stellte sich die moralische Frage: Was können wir machen und womit bringen wir die Menschen vielleicht in Gefahr? Das stetig abzuwägen ist sehr anstrengend.” Im September wurde dann im SO36 ein neues Programm zusammengestellt. „Man freut sich natürlich dennoch sehr, wenn man nach so einer langen Zeit wieder das machen kann, womit man Spaß hat.” Gleichzeitig war es aber auch eine große Herausforderung, den Betrieb wieder hochzufahren und genug freie Mitarbeiter*innen zu finden. Denn wie im SchwuZ waren auch hier viele wegen der Perspektivlosigkeit in andere Jobs abgewandert. „Es war schwierig, wieder ein ausreichend großes Team aufzubauen. Man muss Personalgespräche führen, neue Leute einstellen, die alte Crew wieder zusammenbekommen usw. Und nach all dieser Arbeit kam dann trotz allem wieder der Moment, wo man diesen Leuten sagen musste: Sorry, Game over, das war’s jetzt wieder. Und wir wissen auch nicht, wann wir wieder loslegen dürfen.” Dennoch erscheint die Situation in diesem Winter manchen nicht ganz so bedrohlich wie noch vor einem Jahr. „Beim SO36 liegt das auch daran, dass wir trotzdem noch bestuhlte Veranstaltungen, wie Lesungen oder Theatervorstellungen, mit begrenzter Zahl an Teilnehmer*innen machen können”, erklärt Pasqual. „Im Vergleich zum letzten Winter, wo wir gar nichts machen durften, ist dies schon eine Erleichterung.”

Psychische Belastung für Clubcrew und Gäste

Dennoch ist diese Situation nicht nur nervig und aus wirtschaftlichen Gründen schwierig, sondern auch psychisch äußerst belastend: „Das macht mich traurig und ich fühle mich regelrecht erschöpft“, erklärt LCavaliero vom SchwuZ niedergeschlagen. „Ich musste allen Künstler*innen, die wir für Januar schon gebucht hatten, wieder schreiben: Sorry, das wird nix. Das tut mir so leid. Wir können es uns nicht einmal erlauben, Ausfallhonorare zu zahlen. Und das ist einfach …“ LCavaliero stockt kurz, als würde er sich noch einmal fassen. „Das macht einfach keinen Spaß“, sagt er lachend. Und man merkt, dass das Lachen eigentlich ein Lachen aus Enttäuschung, Desillusionierung und emotionaler Erschöpfung ist. „Dennoch bleibt auch die Zuversicht, dass es schon irgendwie weitergeht. Orte wie unsere wird es immer geben. Egal in welcher Form.“

Trotzdem hätte LCavaliero Bedenken, in der aktuellen Situation die Clubs zu öffnen. Im vergangenen Jahr gab es bei ihm einen Impfdurchbruch. „Ich weiß nicht, ob es Long Covid ist, aber ich fühle mich trotz damals mildem Verlauf immer noch sehr schlapp, muss viel schlafen und beim Laufen so viele Pausen wie noch nie machen. Ich nehme das also sehr ernst. Und in der aktuellen Situation mit der hohen Zahl an Infektionen und belegten Intensivbetten fühle ich mich trotz all der Frustration nicht wohl dabei, große Partys zu veranstalten.“ Trotzdem versuche er, den Humor und die Hoffnung nicht zu verlieren. „Ich hoffe, dass sich mehr Menschen impfen lassen. Diesen Schlamassel haben wir auch wegen zu vieler Leute, die sich nicht impfen lassen wollen. Ich rede hier bewusst von wollen, denn es gibt auch Menschen, die sich nicht impfen lassen können. Ich finde es unsolidarisch, sich nicht impfen lassen zu wollen. Denn hier geht es nicht um das Individuum, sondern um die Frage: Wie lange fangen wir das als Gesellschaft noch weiter ab? Da ist meine Toleranz mittlerweile sehr gering.“

Auch um die Gäste des SchwuZ macht sich LCavaliero dabei Sorgen: „Ich hoffe, dass unsere Communitys durchhalten. Wir haben jetzt quasi seit zwei Jahren zu. Das sind zwei Jahrgänge an jungen Queers, die das SchwuZ nicht von innen kennen.“ Gerade für junge Menschen ein großer Verlust: „Wenn die Leute diese Freiheitsräume nicht mehr haben und nicht mehr wissen, wie sich Safer Spaces, in denen sie sie selbst sein können, anfühlen, dann befürchte ich, dass sie irgendwann Alltagsdiskriminierung für normal halten. Clubs wie das SchwuZ sind Räume, in denen man sich genau davon erholen kann, das ist einfach extrem wichtig. Wenn du das zu lange nicht mehr erlebst, vergisst du vielleicht, wie befreiend es sein kann, unter sich miteinander zu sein, miteinander in der Marginalisierung in einem Safer Space, in dem die Diskriminierung mal draußen bleibt.”

Jeff Mannes