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Süße Versprechen


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ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 20.10.2022

Superfood Honig?

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Vor den kommenden Monaten ist wohl allen ein wenig bange. Heizungen runter, Fenster auf, Viren und Bakterien auf Los. Da wäre es doch zu schön, wenn ein Löffelchen Honig tatsächlich das könnte, was ihm häufig zugeschrieben wird: die Abwehrkraft stärken, Infekte ausbremsen und noch viel mehr. Genau genommen gibt es fast nichts, was Honig nicht heilen könnte, von Krebs über Allergien bis zu Übergewicht – so muss zumindest glauben, wer einen beliebigen Ratgeber der Apitherapie liest.

Der Therapiezweig ist innerhalb der Naturheilkunde seit den 1950er-Jahren entstanden und arbeitet ausschließlich mit Honig, Propolis und anderen Bienenprodukten. Sehr viel nüchterner blickt dagegen manch seriöse Institution auf den Bienenhonig: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung etwa bewertet Honig nicht anders als gewöhnlichen Haushaltszucker und empfiehlt, gesüßte Lebensmittel nur sparsam zu ...

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... verwenden. Punkt. Also was jetzt: Zuckerwasser oder Wundermittel?

Vermeintliche Beweise

„Beides stimmt“, sagt Gertrud Morlock, die als Ernährungswissenschaftlerin der Justus-Liebig-Universität Gießen selbst zu Honig forscht. „Rein chemisch gesehen ist es vor allem Zuckerwasser.“ Rund 80 Prozent beträgt der Zuckeranteil im Honig, ein Großteil davon machen die Einfachzucker Glukose und Fruktose aus. Zu durchschnittlich 17 Prozent besteht Honig aus Wasser. Bleiben, je nach Sorte und Qualität, etwa drei Prozent sonstige Bestandteile. Das sind Aminosäuren, Vitamine, Mineralstoffe oder Flavonoide, die auch in anderen Lebensmitteln drin sind. Aber auch Aromen und Enzyme, die den Honig einzigartig machen. Rund 200 dieser „wertgebenden“ Stoffe sind bisher identifiziert. Hunderte von Studien im Labor wollen Effekte dieser Einzelsubstanzen nachgewiesen haben: So soll Honig antibakteriell, antiviral, krebshemmend und immunstimulierend wirken, um nur einige zu nennen. Gertrud Morlock selbst hat viele solcher „Assay-Bestimmungen“ ge-macht und weist auf deren Begrenztheit hin. Denn nur weil zum Beispiel isolierte Flavonoide Krebszellen zerstören, wenn sie hoch konzentriert in einer Küvette mit diesen zusammentreffen, heißt das noch lange nicht, dass das im menschlichen Organismus genauso passieren würde. „Die Frage ist nicht zuletzt: Ist bei normalem Verzehr auch genug von dem untersuchten Stoff im Honig drin, um diese Wirkung zu erzielen? Und wie wirkt er mit anderen Inhaltsstoffen zusammen?“, erklärt die Professorin. „Wenn man ehrlich ist, gibt es dazu aber leider nicht genug aussagekräftige Daten.“

Diese Feststellung machte auch der Offenburger Arzt Karsten Münstedt. Der Hobbyimker hat sämtliche Ratgeber und Fachbücher der Apitherapie gelesen, die in Deutsch, Englisch und Französisch erhältlich sind, und war so genervt von deren Halbwahrheiten, dass er sich zu einem Großprojekt entschloss: In der wenigen Freizeit, die ihm neben seinem Job als Klinikgynäkologe und außerplanmäßiger Professor der Uni Gießen blieb, sichtete er sämtliche Studien über Honig und Bienenprodukte, die er finden konnte. Diese vielen Hundert Studien überprüfte er nach den Richtlinien der Oxford-Expertengruppe für evidenzbasierte Medizin und veröffent-lichte seine Empfehlungen gemeinsam mit einem befreundeten Veterinärmediziner im Buch Apitherapie nach wissenschaftlichen Kriterien bewertet. Er akzeptiert darin nur Studien am Menschen, „den ganzen In-vitro-Kram“ ließ er außen vor. „Gerade in den Apitherapie-Büchern werden von In-vitro-Studien oftmals Behandlungsempfehlungen für Menschen abgeleitet, und das ist in meinen Augen einfach nicht statthaft.“

„In Apitherapie-Büchern werden von In-vitro-Studien oft Behandlungsempfehlungen abgeleitet. Das ist in meinen Augen einfach nicht statthaft.“

Karsten Münstedt Arzt und Honigexperte

Mythos: Stärkung der Abwehrkräfte

Auf diese Weise grenzt Münstedt in seinem Buch gängige Honigmythen von tatsächlich erwiesenen Potenzialen der Bienenprodukte ab. Kann uns Honig nach seinen Erkenntnissen also helfen, gesund durch diesen Herbst zu kommen? Zuerst die schlechte Nachricht: Die Stärkung der Abwehrkräfte durch Honig ordnet der Arzt eher ins Reich der Mythen ein. „Dazu habe ich keine einzige vernünftige Studie gefunden. Wo also zum Beispiel gezeigt worden wäre, dass Patienten, die regelmäßig Honig essen, seltener an Erkrankungen der Atemwege leiden.“ Kursierende In-vitro-Studien, die beispielsweise eine Stimulierung der für die Immunabwehr so wichtigen T-Lymphozyten nachgewiesen haben wollen oder eine positive Wirkung auf die Darmflora, bewertet er als unseriös. „Die können dazu dienen, einzelne Phänomene zu erklären. Aber sie dürfen nicht verwendet werden, um den Einsatz von Honig in irgendeiner Situation zu rechtfertigen.“

Honig hilft bei Husten

Anders sieht es aus, wenn ein Infekt schon da ist. Vor allem für die lindernde Wirkung von Honig bei Husten häufen sich die Hinweise. Mehrere internationale Studien der letzten Jahre kamen zum Ergebnis, dass Honig im Vergleich mit gängigen Hustenarzneien wie Diphenhydramin, Dextromethorphan und anderen gleichwertig oder überlegen war. In einer römischen Studie erhielten 134 Kinder entweder gängige rezeptfreie Hustenmittel oder eine Mischung aus 90 Millilitern Milch und zehn Millilitern Wildblütenhonig. Die Forscher fanden heraus, dass die Honigmilch bei unspezifischem akuten Husten mindestens ebenso effektiv war wie die rezeptfreien Hustenstiller. Diese Wirkung beruht auf verschiedenen Faktoren: Honig wirkt antibakteriell, das ist vielfach erwiesen. „Seine Süße reduziert außerdem die Empfindlichkeit von Hustenrezeptoren. Dazu kommt noch, dass er sich aufgrund seiner Konsistenz wie ein Schutzfilm über die Schleimhäute legt“, erklärt Münstedt. Als begleitende Maßnahme bei Erkältungen und Grippe könne ein Löffelchen Honig – einen Moment im Mund bewegt und langsam heruntergeschluckt – in seinen Augen eine sinnvolle Maßnahme sein. „Als alleinige Therapie bei fiebriger Grippe ist das aber sicher nichts.“ Dabei fand 2016 eine Umfrage in mehreren europäischen Ländern heraus: Honig rangiert unter den Hausmitteln bei Erkältung an der Spitze, 42 Prozent der Befragten schwören darauf.

Corona: Kann Propolis helfen?

Und dann war da auch noch Corona. Was kann Honig gegen das Virus ausrichten, und wie gut ist diese Wirkung wissenschaftlich belegt? Karsten Münstedt macht hier nicht allzu viel Hoffnung: In seinen Augen gibt es bisher noch keine ernst zu nehmenden Hinweise, dass Honig über die Hustenlinderung hinaus viel ausrichten könne gegen das Coronavirus. Etwas anders sehe es allerdings beim Bienenkittharz Propolis aus. Das Harz, mit dem die Bienen ihren Stock abdichten und desinfizieren, enthält mehr als 400 Einzelsubstanzen – die meisten davon noch unerforscht. „Propolis wirkt gegen Bakterien, Viren und Pilze. Das Kittharz ist eine geniale Sache, denn die Wirkstoffe liegen darin in viel höherer Konzentration als im Honig vor“, so die Erkenntnisse des Offenburger Arztes. Tatsächlich gibt es bereits einige erste Hinweise für die Wirkung von Propolis gegen das Coronavirus. In einer randomisierten kontrollierten Studie aus dem Jahr 2021 wurden 124 Coronapatienten einer brasilianischen Klinik in drei Gruppen eingeteilt: Die erste bekam nur die Standardtherapie, die beiden anderen pro Tag 400 beziehungsweise 800 Milligramm grünen Propolis-Extrakt. Das erstaunliche Ergebnis: Patienten beider Pro- polis-Gruppen konnten nach sechs beziehungsweise sieben Tagen entlassen werden, während die Teilnehmer der Kontrollgruppe erst nach durchschnittlich zwölf Tagen so weit waren. Keinen Einfluss hatte Propolis in dieser Untersuchung auf die Sauerstoffgabe, wohl aber war die Rate der akuten Nierenschäden seltener. Auch indonesische Wissenschaftler, die 2022 einige Studien zur Wirkung von Propolis auf den Covidverlauf verglichen, kommen zum Schluss, dass das Harz eine positive Wirkung auf die klinische Verbesserung bei leichten und mittelschweren bis schweren Verläufen haben könnte. Als Zusatztherapie zur Standardbehandlung eingesetzt, könne es „wahrscheinlich die Symptome verbessern und die Zeit bis zur Virusfreiheit verkürzen“. Sie schränken jedoch ein: „Die klinische Evidenz ist durch die geringe Anzahl von Studien und die kleinen Stichprobengrößen begrenzt.“ Ein schwacher Silberstreif – immerhin. Wahr ist aber auch: Propolis gehört zu den stärksten Allergenen überhaupt und sollte nicht ohne triftigen Grund und auch nicht über längere Zeit geschluckt werden.

Was Honig nicht kann

Aber zurück zum Honig. Er kann uns also nur ein ganz kleines bisschen helfen, möglichen Infekten dieses Herbstes zu trotzen. Eine Enttäuschung ist er auch in puncto Krebsabwehr: Einige, gern in Ratgebern zitierte Studien legen eine antioxidative und krebsschützende Wirkung von Phenolsäuren und Flavonoiden im Honig nahe – aber auch hier handelt es sich lediglich um Zellversuche im Labor, siehe oben.

Was Honig wirklich kann

Es gibt allerdings ein Gebiet, auf dem die herausragende Wirkung von Honig als klar belegt gilt: die Heilung von Wunden. „Da sticht Honig absolut heraus, das ist durch viele hochwertige Studien bewiesen“, erklärt Karsten Münstedt, der Honig auch in seiner Arbeit als Gynäkologe einsetzt. Egal ob bei Brandwunden, infizierten Wunden oder Wunden, wie sie im Rahmen einer Krebsstrahlentherapie auftreten können: Honig hilft sowohl bei der Desinfektion als auch bei der Heilung des Gewebes und ge-hört inzwischen zur Standardbehandlung bei der Wundheilung. Es gibt sogar Hinweise, dass Honigauflagen antibiotikaresistente Keime in Schach halten können. Kliniken setzen zur Wundheilung dabei einen medizinischen Honig ein. Zum Beispiel den „Medihoney“ – eine zum Zweck der Keimfreiheit bestrahlte Form des neuseeländischen Manuka-Honigs.

Nun kann man auch mit einer Zuckerlösung Wunden desinfizieren – dafür sorgt deren osmotische, austrocknende Wirkung. Im Honig kommen aber noch andere Faktoren für die seit Langem beobachteten antibakteriellen Effekte hinzu. Ganz wichtig ist dabei das Enzym Glukoseoxidase, das Glukose in Glukonsäure und keimtötendes Wasserstoffperoxid spaltet. Glukoseoxidase findet sich in vielen heimischen Sorten in relevanten Mengen.

„Manuka-Honig kann nichts, was normaler Honig nicht auch kann.“

Karsten Münstedt Arzt und Honigexperte

Was ist drin im Honig?

So viel Zucker und Wasser enthalten 100 Gramm Honig im Durchschnitt: Alle Inhaltsstoffe schwanken je nach Tracht, Witterung und Qualität.

Vier von fünf Manuka-Honigen gefälscht

Besonders gute Dienste in der Wunddesinfektion soll jedoch Manuka-Honig leisten. Forscher der TU Dresden haben herausgefunden, worauf die herausragenden antiseptischen Qualitäten dieses nur in Neuseeland geernteten Honigs beruhen: Auf einer Verbindung namens Methylglyoxal (MGO), die die Zellmembran von Bakterien schädigt. MGO ist zwar auch in hiesigen Honigen drin, im Manuka-Honig ist der Gehalt mit bis zu 700 Milligramm pro Kilo jedoch mehr als hundertfach höher.

Allerdings nur, falls man das Glück hat, im Laden einen „echten“ Manuka-Honig zu erwischen. Pro Jahr werden in Neuseeland nämlich nur 2.000 Tonnen Manuka vom ausschließlich dort wachsenden neuseeländischen Teebaum geerntet – weltweit kommen aber rund 10.000 Tonnen auf den Markt. Etwa vier von fünf Manuka-Produkten sind also gefälscht. Bei Kilopreisen bis zu 500 Euro ziemlich bitter.

Manuka: Nur cleveres Marketing?

Karsten Münstedt hält die Sache mit dem Manuka-Honig vor allem für eine clevere Marketingidee. „Manuka-Honig kann nichts, was normaler Honig nicht auch kann“, sagt er. Mehr noch: Er ist der Meinung, dass Buchweizen-, Linden- und Waldhonig in der Wundheilung überlegen sind. „Methylglyoxal aus dem Manuka-Honig ist ein Zellgift. Das ist zwar hervorragend bei infizierten Wunden, wo ich damit die Bakterien vergifte. Aber wenn der Heilungsprozess erst begonnen hat, störe ich damit auch die für die Revitalisierung zuständigen Zellen. Langfristig habe ich einen nachteiligen Effekt auf die Schleimhäute.“ In seinem Buch belegt er das am Beispiel der Mundschleimhautentzündung, die im Rahmen einer Krebsstrahlentherapie auftreten kann: In zwölf Studien hierzu konnten bei den mit normalen Honigen behandelten Patienten sowohl der Verlauf als auch die Häufigkeit einer Mukositis positiv beeinflusst werden. Bei den drei mit Manuka-Honig durchgeführten Studien kam es zu keinen Verbesserungen. Allerdings ist nur der Manuka-Honig als Medizinprodukt zertifiziert. Münstedt: „Unsere Imker haben bei den erzielten Preisen leider nicht das Geld dazu.“

Honig, die Zuckerbombe

Sind drei Prozent viel oder wenig? Es herrscht jedenfalls ein großer Hype um diesen kleinen Anteil an Begleitstoffen im Honig. Eines ist dabei sicher: Sie taugen nicht dazu, einen nennenswerten Beitrag zur täglichen Nährstoffversorgung zu leisten. Ernährungswissenschaftlerin Gertrud Morlock: „Vitamine, Mineralien und Aminosäuren sind im Vergleich zu anderen Nahrungsmitteln nicht so hervorstechend im Honig.“ Vor allem müsste man riesige Mengen Honig essen, damit diese Nährstoffe ins Gewicht fielen. Viel Honig essen bedeutet aber automatisch, viel Zucker zu essen. Und der Zucker im Honig unterscheidet sich kaum vom Haushaltszucker: Er besteht im Wesentlichen aus den Einfachzuckern Glukose und Fruktose – genau die Bausteine, aus denen sich die Saccharose im Kristallzucker hälftig zusammensetzt. In manchen Honigsorten überwiegt sogar die Fruktose, und gerade dieser Fruchtzucker ist in den letzten Jahren in Verruf geraten. Ab einer gewissen Dosis ist die Leber mit seiner Umwandlung zu Traubenzucker nämlich überfordert und speichert ihn als Fett: Es entsteht eine sogenannte nichtalkoholische Fettleber. „Dieses Problem kann man nicht schönreden“, findet auch Gertrud Morlock. Denn die Fettleber scheint, wie man inzwischen zu wissen glaubt, Störungen des Stoffwechsels nach sich zu ziehen und erhöht darüber das Risiko für Herzinfarkt. Außerdem macht Zucker schlichtweg dick und fördert Diabetes Typ 2. Die Zahl der Neuerkrankungen am sogenannten Altersdiabetes schnellte in den letzten Jahren auch unter Kindern in die Höhe. Viele gute Gründe, nicht dem Fehlschluss zu erliegen, wer einfach mit Honig statt mit Zucker süße, tue seiner Gesundheit etwas Gutes. Wichtiger ist es, Maß mit beidem zu halten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, maximal zehn Prozent der Gesamtenergiezufuhr durch freien Zucker aufzunehmen, und schließt Honig in diese Empfehlung mit ein. Heißt: Bei einer Kalorienaufnahme von 2.000 Kalorien pro Tag dürften darunter höchstens sieben Teelöffel Honig sein – wenn sonst überhaupt kein Zucker gegessen wird.

WISSEN

Gelée royale

Unethisch und unnütz Gelée royale, das es zum Beispiel in Kapselform im Reformhaus gibt, wird in der Apitherapie gern zur Stärkung des Immunsystems, der Fruchtbarkeit oder zum Anti-Aging angepriesen. Die Herstellung dieses Serums ist allerdings brutal: Zunächst wird dem Bienenvolk die Königin genommen, was für jede Menge Stress im Bienenstock sorgt. Danach werden Bienenlarven in kleine Plastiknäpfchen eingefüllt und den Arbeitsbienen so untergejubelt, dass diese die Larven als künftige Königinnen betrachten und mit speziell nährstoffreichem Futter versorgen.

Nicht wirksamer als Honig Mit dem Gelée royale eben, auch „Muttermilch der Bienenkönigin“ genannt. Am dritten Tag saugt der Imker den Stoff ab und tötet die Königinnenlarven. Für ein Kilo des angeblichen Potenzmittels werden tausende Larven vernichtet. Der Imker und Arzt Karsten Münstedt ist gegen Gelée royale: „Das ist eine Verachtung von Leben, das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“ Vor allem vor dem Hintergrund, dass Gelée royale nicht viel bringe: „Es gibt keine erwiesenen Wirkungen, die man nicht auch durch Honig oder Propolis erreichen könnte.“

„Vitamine, Mineralstoffe und Aminosäuren sind im Vergleich zu anderen Lebensmitteln nicht so hervorstechend.“

Gertrud Morlock Ernährungswissenschaftlerin

Frischer Honig ist guter Honig

Ein Löffelchen Honig auf dem Frühstücksbrot ist also locker drin. Denn eines ist Honig ganz gewiss: köstlich. Was aber macht einen hochwertigen Honig überhaupt aus? Zunächst natürlich, dass keine Pestizide oder Verschmutzungen drinstecken, was leider keine Selbstverständlichkeit ist, wie unser aktueller Honig-Test in diesem Heft (ab Seite 28) mal wieder zeigt. Zweitens natürlich die Frische und Naturbelassenheit eines Honigs. Sie bestimmen darüber, wie viele der wertvollen und empfindlichen Begleitstoffe (noch) vorhanden sind. Wobei die Honige damit schon von Natur aus nicht in gleichem Maße ausgestattet sind – je nach Sorte, Witterungsbedingungen und anderen Faktoren unterscheidet sich ihre Zusammensetzung stark.

Manche der Inhaltsstoffe bringen die Bienen nämlich von den Pflanzen mit, manche fügen sie dem Honig erst durch die Bearbeitung hinzu. Beispiel Enzyme, die aus dem Bienenspeichel kommen: Honige wie der Akazienhonig sind generell arm an Enzymen. Andere fallen je nach Ernte enzymschwach aus.

Flüchtige Wirkungen

An zwei Parametern lässt sich im Labor ablesen, wie es um die Naturbelassenheit eines Honigs bestellt ist: Der Gehalt an Hydroxymethylfurfural (HMF) sollte möglichst niedrig sein, denn diese Verbindung weist auf eine längere Erwärmung oder falsche Lagerung hin. Ein hoher Wert der Saccharase-Aktivität ist dagegen ein Zeichen für Qualität, denn das Enzym Saccharase ist besonders hitzeempfindlich und geht als eines der ersten ab Temperaturen von 40 Grad kaputt. Andere Enzyme wie die für die antibakterielle Wirkung so wichtige Glukoseoxidase folgen dann auf dem Fuß. Deshalb sollte der Erkältungstee auch immer erst auf etwa 40 Grad abkühlen, bevor ein Löffel Honig eingerührt wird. Entscheidend ist auch die richtige Lagerung des Honigs (siehe Tipps).

TIPPS

Honig richtig lagern

Empfindliche Inhaltsstoffe Theoretisch könnte sich Honig über viele Jahre ohne Qualitätseinbußen halten. Dafür sorgen der hohe Zuckergehalt sowie die Inhibine – Enzyme, die das Wachstum von Bakterien hemmen. Im wirklichen Leben wird Honig aber sehr häufig falsch gelagert: Und dann ist schnell nichts mehr übrig von jenen begehrten Begleitstoffen, die er über Zucker und Wasser hinaus enthält. Denn viele Vitamine, Aromen und Enzyme reagieren sehr empfindlich auf Wärme oder Licht.

Kühl und dunkel lagern Wie sich diese Stoffe bei unterschiedlichen Lagerbedingungen verändern, damit hat sich das Laves-Institut für Bienenkunde in Celle in einem Forschungsprojekt beschäftigt. Über drei Jahre hinweg haben die Forscher fünf Honige in Gläsern des Deutschen Imkerbunds bei fünf verschiedenen Temperaturen zwischen 4 und 25 Grad aufbewahrt. Alle zehn Wochen untersuchten sie die Honige auf die üblichen Qualitätsparameter. Und stellten dabei fest, welch hohen Einfluss eine gute Lagerung auf die Qualität des Honigs hat. Insgesamt galt: Je höher die Temperaturen, desto größer jeweils die Veränderungen. Von einer Aufbewahrung im Kühlschrank rät das Laves-Institut Verbraucherinnen und Verbrauchern wegen des hohen Energieverbrauchs dennoch ab. Am besten eignet sich ein kühler Vorratsschrank oder Keller zur Lagerung. In beheizten Räumen sollte der Honig möglichst nicht stehen, auf gar keinen Fall aber in der direkten Sonne. Und: Deckel immer gut zuschrauben, sonst nimmt Honig leicht Geschmäcker aus der Luft an.

„Wenn das Honigglas ein paar Monate im offenen Regal steht, dann ist ein Teil der möglichen Wirkungen hin.“

Birgit Lichtenberg-Kraag Länderinstitut für Bienenkunde

„Die Glukoseoxidase reagiert nicht nur auf Wärme sehr schnell, sie ist auch extrem lichtempfindlich“, erklärt Birgit Lichtenberg-Kraag vom Länderinstitut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf, und auch bestimmte, an der antibakteriellen Wirkung beteiligte Aromastoffe verflüchtigten sich mit der Zeit. „Wenn das Honigglas ein paar Monate im offenen Regal steht, dann ist nicht nur die Glukoseoxidase hin, sondern auch ein Teil der möglichen Wirkungen des Honigs.“ Die gesundheitlichen Effekte des Honigs – sie sind also nicht nur lückenhaft bewiesen, sie sind auch ganz schön flüchtig. Und wenn die drei Prozent Begleitstoffe erst weg sind, dann bleibt wirklich nur noch: Zuckerwasser.